Filmtagebuch einer 13-Jährigen #19: 17. Hofbauerkongress

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In der ersten Januarwoche jedes Jahres findet in Nürnberg der sagenumwobene Hofbauerkongress statt. Vom 4.-7. Januar 2018 trafen sich auch diesmal dort wieder Filmfans, um seltene, verfemte oder vergessene Filme zu sehen, die sich mittel- oder unmittelbar um Sexualität drehen. Großes und wichtiges Ereignis! Wer mehr wissen will: Hier geht es zu „Was sind eigentlich Hofbauerkongresse?“ Und hier geht es los mit:

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Mädchen mit hübschen Beinen (Camillo Mastrocinque, 1958) Im wohlig geschäftigen Haus einer Baden-Badener Modeagentur präsentieren gladiolenhafte junge Frauen Kleider mit Namen wie „Smaragd“ und „Saphir“. Männer wuseln professionell um sie herum. Man sucht gerade ein Modell für eine neue Feinstrumpfmarke. Mamie van Doren, die flaumweich hübsche amerikanische Filmschauspielerin, hat sich undercover eingeschmuggelt; eigentlich gehört sie einer bedeutenden Juwelenräuberbande an. Sie hat sensationelle Beine, auf denen eine Gruppe kleiner Muttermale in der Form des Sternbildes des großen Bären angeordnet sind. Oder des kleinen? Das wird zum Gegenstand einer Debatte zwischen Männern. Die Geschichte, die daraus erwächst, ist zart, durchsichtig und dünn wie ein Paar Strümpfe. Die Kesslerzwillinge machten Anfang der Sechziger Jahre bei meiner Oma im Fernsehen Reklame für Nylonstrümpfe. Nun liegen sie wie zwei langgliedrige Windhündinnen selbstgenügsam auf und neben einer Bühnenchaiselongue, in hautengen Turnanzügen. Nach einiger Zeit erheben sie sich und machen Übungen rund um das Möbelstück. Ihr ganzes Wesen und Wille scheint sich in ihrer ranken und beweglichen, mädchenhaften Perfektion zu erfüllen. In einem anderen Salon sitzt Willy Birgel als aufgelockerter Gaunergentleman, der müde, joviale Sprüche mit „Das Herz eines Mädchens ist…“ klopft und Ofenwärme verströmt. Ein bisschen wie Paul Hörbiger. Zwei alte Jungen mit vielleicht auch hübschen Beinen. 8/10 Hier die Langversion bei critic.de

Zwillinge und Fräuleinwunder auch in Nackt im Sommerwind (Doris Wishman, 1965). Dort ziehen zwei adrette junge Mädchen voller Überschwang in das Appartement ihrer verreisten Tante. Es ist leicht und billig möbliert, und die Mädchen loben es begeistert als äußerst geschmackvoll. Sie arbeiten beide als Sekretärinnen in derselben Firma und verabreden sich mit ihrem Abteilungsleiter in einem Nudistenpark. Dort rudern sie in einem netten, kleinen, halben Kahn auf einem angelegten See, betrachten Blüten, Bäume… Nicht wenige meiner Freunde fanden dieses amateurliche kleine Nudistenmovie hübsch, charmant, verquer und putzig. Aber mir geht es mit Doris Wishmans Filmen wie auf dem Spielplatz meiner Kindheit: Ich kann mit manchen Kindern einfach nicht. Sie spielen im Sandkasten mit Förmchen und gehen darin auf. Mich aber langweilt dieses Backe-Backe-Kuchen tödlich. „Warum den Abteilungsleiter daten, wenn man den Chef haben kann!?“, zwinkert eine der Schwestern naseweis zur Kamera, und ich könnte die Wände hochgehen. Höchstens 5/10

Mein Kollege Robert Wagner kritisiert in seinem Sehtagebuch bei „Eskalierende Träume“ zu Recht die verkrampften Posen, zu denen der Film seine männlichen Nudisten zwingt, damit man ja nichts sieht.

2. Frühling amtlichCurd Jürgens ist das piepegal. In der Der zweite Frühling (Ulli Lommel, 1975) sitzt er mit einem Freund als nackter, nasser Sack Fox vor der ochsenblutroten Kachelwand eines römischen Dampfbades. Der Freund lechzt anwesenden Frauen hinterher, Fox aber gefällt sich in der Rolle des Schlaffen, Abgeklärten. In einer unglaublich drastischen, vulgären Sprache lässt er ein abfällig zynisches Statement nach dem anderen fahren, voll übersättigter Verachtung für das Fleischliche. Als er aufsteht, kommt ihm sein müder Hintern unter dem um die Hüfte gewickelten Frotteetuch hervor. Das juckt ihn nicht die Bohne.
Nur wenn er mit seiner jungen, schönen Frau Gertrud, einer ehemaligen Krankenschwester, zusammen ist, reißt er sich zusammen und kratzt in sich den Rost von allem ab, was noch als einfühlsam und zart durchgehen mag. Für sie ist dieser von seinem Beruf Klatschreporter schwer lädierte Mann der Grandseigneur und Mann von Welt, aber die Rolle strengt ihn an. So richtig wohl fühlt er sich nur allein mit seinem großen Hund, für den er sich nicht verstellen muss.
Er will Gertrud nicht mit seiner hässlichen Art von Sex konfrontieren. Es macht ihn an, Frauen zu beschimpfen und sie wie einen Abort zu benutzen; anders kann er nicht mit ihnen schlafen. Also sagt er Gertrud, er wolle es behutsam angehen. Also erstmal gar nicht. Vielleicht auch nie. Gerade das könne doch schön sein. Und wenn er sie erst mit nach Amerika nimmt, wird alles gut, das wird sie sehen. Ja, auch New York, auf das sie neugierig ist, aber vor allem Kalifornien will er ihr zeigen. Dort will er sich in dem gesunden Klima mit ihr niederlassen, um endlich seinen Roman zu schreiben. Sie wird das Haus verschönern, alles mit Leichtigkeit erfüllen. Durch sein Aquarium gefilmt, sieht man ihr innerlich erfrierendes Gesicht voller Fische. Und davor sein großes, schweres, unbewegliches Profil, das langsam eine Treppe runter steigt.
Eines Nachts kommt Gertrud runter ins Wohnzimmer und findet ihren Mann schlafend, nach vollzogenem Akt, den nackten Hintern hoch gereckt, den massigen Charakterkopf zwischen den Beinen einer Anderen, wie geschlachtet, ein Akt von Lucian Freud. So ein Bild bleibt haften. Fast 9/10

Rainer Knepperges schreibt bei „critic“: „Ein ganz großer Wurf, unvorstellbar, bis man ihn sieht. Eine Art Visconti-Film von Helge Schneider, voller Überdruss, Nacktheit und Irrwitz, ein wildes Wagnis und gekonntes Geständnis.“ David bei whoknowspresents: „Schon in den ersten Bildern ist ein leichtes, unbehagliches Vibrieren, das einen ungewöhnlichen Film ankündigt (…) als hätte der Film einen kleinen Sprung (…) Curd Jürgens‘ legt diese Mischung aus Mut, Entschlossenheit und einer totalen Gleichgültigkeit gegenüber seinem Ruf als Weltstar an den Tag, ganz nach dem Motto: Was Marlon Brando kann, kann ich besser und härter.“ In voller Länge und mit allen delikaten, schmutzigen Details ist Davids Text hier zu lesen.

Mädchen in der Sauna (Gunther Wolf, 1967) „Eine junge ‚Reporterin‘ macht sich auf nach Finnland, um über die Kultur der Sauna zu berichten. Sie ist voll unschuldiger Freude an ihrem investigativen Beruf; der Informationsauftrag dient ihr als heiter-aufgeräumter Vorwand, sich und andere nackt zu zeigen. Mit zarter Hand gefertigt, unter Vortäuschung professioneller Sachlichkeit – ein leichtes und graziles, lichtes Wunderwerk“: Bei diesem meinem Loblied auf den kleinen Film bei seiner Premiere auf dem 8. Hofbauerkongress, 2012, habe ich die charakterliche Entgleisung der Protagonistin ignoriert, die sich in der zweiten Hälfte zeigt, als sie wieder in Deutschland ist. Ich schrieb sie ihrer Jugend und dem unwirtlichen Einfluss unserer Heimat zu, aber David schreibt zu Recht bei whoknowspresents: „Wie aus heiterem Himmel bricht der Voice-Over der Protagonistin allerdings plötzlich in eine hämische Tirade gegen eine Co-Saunabesucherin aus, die sinngemäß als fett und deshalb als Beleidigung für die Welt beschimpft wird (…) Ein böser Wille, der ein sehr unschönes Weltbild offenbart: Aus der demokratischen Sauna wird plötzlich ein Ort, an dem nur ‚schöne‘ Menschen zu sehen sein sollen. Das ist schon ein ziemlich verstörender, Mondofilm-artiger Einschub in einem ansonsten eigentlich putzigen Film.“ Leider wahr! Deshalb diesmal nur 7/10

3 dschunken 2 Das Geheimnis der drei Dschunken (Ernst Hofbauer, 1965) Stewart Granger weiß, er ist kein Action-Profi und trägt das mit Ironie und entspannter, fauler Fahrlässigkeit. Die Regie greift ihm ja wie ein guter Geist unter die Arme, er muss gar nicht viel tun. Wirft er seinem Gegner ein schlaffes Seil entgegen, so sackt der schon ganz von allein zusammen. Grangers aparte Kollegin Carol Eden (Rosanna Schiaffino), eine tapfere High Class-Funkerin – die beiden verbindet ein Radar zwischen seiner Armbanduhr und ihrem juwelenbesetzten Armband – ist viel professioneller als er. Das erkennt er auch bewundernd an und macht ihr viele Komplimente dafür. Weil er selber so ein Hasenfuß ist, hat er oft Angst um sie. Als er sie im Kampfgetümmel ohnmächtig findet und sie endlich erwacht, kann er sich trotz Stress und Lebensgefahr nicht beherrschen, ihr vor Erleichterung rasch einen Kuss auf das Gesicht zu hauchen. Zum Glück findet sich zum Trinken gegen den Stress in jeder Lage Zeit und Schnappes. Sein Assistent Harald Juhnke sagt eifrig ja zu jedem Angebot, und auch Granger kippt einen nach dem anderen: 7,5/10

David (dem ich den sehr illustrativen Screenshot oben verdanke) erinnert sich bei „whoknowspresents“ an das hübsche Detail, dass Horst Frank immer wieder einen Finger anleckt und sich dann die linke Geheimratsecke kurz massiert. „In einer Nachtsequenz ist er einmal nur als tiefschwarze Silhouette zu sehen – aufmerksame Zuschauer erkennen in den sich bewegenden Umrissen, dass er sich gerade wieder die Geheimratsecke anfeuchtet.“ <3

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Der Divisionstrottel (Mariano Laurenti, 1975) Eine liebreich gemachte, schlichte Witzparade, die genau meinen Humor traf. Der verpeilte Feldwebel Francesco Garibaldi Rompiglioni (Franco Franchi) wird in einem NATO- Armeecamp versehentlich für eine wichtige militärische Persönlichkeit gehalten und verfällt, um sich zu profilieren, in einen irrsinnigen, hysterischen Übereifer. „Lllooosss!“ hört man ihn rüstig, tatendurstig rufen und muss jedes Mal lachen. Er spielt sich auf als Fuchs, dem nichts entgeht, wittert Missstände und Intrigen, wo keine sind, sieht aber nicht das Offensichtliche: z. B. – SPOILER SPOILER SPOILER – dass der chinesische Restaurantbesitzer (George Wang<3 - ein bisschen Ai Wei Wei, bisschen Benicio del Toro), der eifrig alles auf dem Militärgelände fotografiert, ein Spion ist. Komödien lassen Leute, die eh schon diskriminiert werden, manchmal gerne noch mal extra albern aussehen. Hier aber sind der Chinese, die dunkelhäutigen Soldaten, die weiblichen und auch die dicken weiblichen Soldaten (großartig als bärtige Kommandantin: Fiammetta Baralla aus Fellinis „Stadt der Frauen“) dezidiert intelligenter, würdevoller und gewitzter als der überdrehte Feldwebel. Nur die deutschen Soldaten kriegen etwas Fett ab: Feixend, im Wissen, dass sie hirnlos und mechanisch auf Befehle reagieren, fragt Rompiglioni einen im Kasino nach der Uhrzeit. Der Deutsche hält gerade ein Glas Bier, dreht aber pflichtschuldig sein Handgelenk, um auf seine Armbanduhr zu schauen... Ich hab mich tot gelacht. Toll auch die reizvoll reizlosen Drehorte in städtischen Außenbezirken und der alte Aufnehmer, den der Koch im Topf auskocht. Rompiglioni hält das für eine hinterlistige Lüge und verlangt, den Lappen zu essen, aber gefälligst mit Muskat… okay, ich hör auf. Man muss es sehen. 7,5/10 1b2b

Immer wenn es Nacht wird (Hans Dieter Bove, 1961) versetzte mich wie ein schwarzweißgrauer Zauberer zurück in meine Vergangenheit. Mir war, als wäre ich wieder drei und blickte aus meinem Tretauto hoch zu den Schaufenstern und den Halbstarken, die frech, trüb und unruhig die Straßen bevölkern, strenge Eltern haben und eine schwierige Jugend. Vor einer Wand mit vielen Filmplakaten steht versonnen ein älterer Junge von acht oder neun. Es liegt etwas in der Luft, und sie riecht kühl und lebhaft, nach Abgas und nach Nebel. Erich Küchlers Kamera gibt diesem entlegenen Leben einen aufregend realen, feinkörnig tristen, aufgeweckten Look.

Die Halbstarken zetteln ein unordentliches, schummriges Nachtleben an. Peer (Kalle Gaffkus), der Königssohn des ortsansässigen Fleischfabrikanten Tellmann, spendet begeistert das Catering für eine Kellerparty: Auf dem Buffet aalt sich ein obszönes Durcheinander von im Lager seines Vaters abgestaubten Würsten. Seine Freunde stöhnen übersättigt; das ist nicht ihre erste Würstelparty. Auf einem Nebentisch liegt betrunken ein Mädchen im Bikini. Peer ist ein fröhlicher, sexualmoralisch und in Sachen Mädchengefühle bedenkenloser, dicklich-jovialer, ordinärer Junge, seiner Clique und ihren Exzessen so frenetisch ergeben wie heute vielleicht ein junger Ballermannfan. (Kalle Gaffkus ist mir bisher in Filmen nie aufgefallen, aber er hat 1956 in den „Halbstarken“ und 1978 in dem sehr sehenswerten TV-Mehrteiler „Ein Mann will nach oben“ mitgespielt. Er war auch, wie ich nachgelesen habe, Rock’n’Roll Tanzweltmeister, Besitzer einer Berliner Kneipe und für ein Jahr der Ehemann von Karin Baal. In dem Film hier finde ich ihn großartig.) Die Mädchen für die Party haben Peer und seine Freunde quasi von der Straße weg gecastet. Außerdem haben sie ein paar flüchtige weibliche Bekannte überredet. Und einigen üblichen Verdächtigen Bescheid gesagt, die keiner überreden muss. Wie zum Beispiel Kitty (Elisabeth Volkmann) mit ihrer undurchsichtigen Mimik und der puppenhaft perfekten Figur. Sie lässt sich beim Feiern nicht davon störten, dass sie eigentlich mit dem gewissenhaften Assistenzarzt Dr. Harald Götz (Walter Wilz) liiert ist. (Walter Wilz werden wir später noch einmal in „Carmen Baby“ sehen – ungeahnt gelöst als Rock’n’Roll Sänger „Baby Lukas“, der sophisticated/dandymäßig Cocktails aus der Babyflasche nuckelt.) Die jungen Männer haben den freudigen Vorsatz, alle Mädchen abzufüllen, bis sie ihre Bedenken loslassen und nicht mehr so viel Widerstand leisten. Die Clique ist ein bisschen wie in „Vulkan der höllischen Triebe“ (1967) und der Look ein bisschen wie in „Das Geständnis eines Mädchens“ (1967) – beides schöne Highlights früherer Kongresse.

Die jungen Leute ziehen ihr bedrücktes Dolce Vita – trotz all seiner langweiligen und leerlaufenden Momente – dem erstickend starren Ernst der Elternhäuser vor, die das Jugendliche in ihnen unterdrücken. Der Film erhebt aber gegen beide Seiten keinen Vorwurf.

Ein anderer Königssohn der Clique: Bobby Elkins (Jan Hendriks). Sein Vater ist ein prominenter Frauenarzt und hat eine sexualmedizinische Aufklärungssendung im Fernsehen; Bobbys Stiefmutter ist nur ein paar Jahre älter als Bobby. Nestwärme gibt es nicht, aber Bobby wohnt eh nicht mehr im Elternhaus und ist auch längst kein Teenager mehr. Sein Vater verachtet ihn, weil er immer noch keinen gesellschaftlich achtbaren Weg findet. Bobby ist schon sehr viel routinierter als die Freunde in dem betont abgebrühten Machotum, mit dem er seine wechselnden Geliebten kalt und hartherzig behandelt. Sein Zynismus ist die Maske für den Schiss in seinem Inneren. Schließlich vertraut er sich einer aufgeräumten jungen Medizinlaborantin an, die nicht locker lässt und die er mag: Er fürchtet, dass er schon im unheilbaren Endstadium der Syphilis steckt – da, wo man wahnsinnig wird. Einer seiner Geliebten, Elke (weich und unschuldig: Hannelore Elsner in ihrer ersten Filmrolle), wurde das nämlich diagnostiziert, als sie „aufgegriffen“ und auf einer geschlossenen Station untersucht wurde, zusammen mit anderen wohnsitzlosen Frauen mit Verdacht auf ansteckende Geschlechtskrankheiten. Ein minimalistischer, langgezogener Misston klagt, als Jan, völlig verstört, im Auto über die nächtliche Landstraße jagt (gute Filmmusik: Wolfram Röhrig). 8,5/10

„Dass es diesen Film noch gibt! Den habe ich seit damals nicht mehr gesehen und hätte ihn mir sehr gerne wieder angeschaut!“, sagte Hannelore Elsner zu Kongressbesucher Florian Widegger. Hier schreibt er mehr darüber.

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Das Rasthaus der grausamen Puppen (Rolf Olsen, 1967) ist ein cooler, zupackender Film, der seinen Frauen alles erlaubt. Es erinnerte mich an Hans Billian, wie eigenwillig, unverschämt und burschikos sie sich verhalten. Als freuten sie sich, dass sie hier nicht im realen Leben sind. Dass Moral hier nicht so nötig ist, gibt ihnen viele irre Möglichkeiten, rasant und akrobatisch mit den eigenen und anderen Leben umzugehen. Das ist aber nicht plakativ ironisch, sondern wie Rock’n’Roll und Beat: nackt, glänzend, foppend und verwegen. Ein Terrier, ein tristes Kind mit wehem Bein, ein durchgehauener Schweinekopf: Alles kommt unbarmherzig in die Wurstmaschine, mit ein paar rasch erdachten, fadenscheinigen Rechtfertigungen. Dieser ruppige und slicke Inszenierungsstil (Kollege Marian spricht im HK-Programmheft hübsch von der „Druckerschwärze des Groschenromans“) erinnert mich an das „Rölzen“, die inspirierten Raufspiele meiner Kindheit. Man wirft sich oder seine Puppen aufeinander und tut, als wäre das ein echter Kampf, ein echter Sex. Wie kleine Katzen ihre Spielzeuge wegschleudern, um sie zu fangen, zu beißen und dann abzulecken. Wenn die Verbrecherinnen im Frauenknast den Boden schrubben, ist das so fetischhaft wie eine erotische Karnevalschoreographie. Ellen Schwiers ist ihre Aufseherin – gelackt, geschnürt, gefährlich, ein schwarzer Skorpion in einer eng anliegenden, mit kleinen Blüten bestickten Corsage. Als sie drei Insassinnen zwingt, sich kochend heiß zu duschen, belebt sich ihr Gesicht und wird ganz sinnlich, weich und sehnsüchtig. 9/10

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Santa – Sklavin des Lasters (Norman Foster, 1943) Santa, ein junges Mädchen vom Lande, lieblich wie ein altes Bild, Folklore-Tracht, zwei Zöpfe. Eines Tages begegnet sie einem schmucken Jungen, Michael, auf seinem stolzen Pferd, und sie verliebt sich sehr. Als ihn sein Männerleben ruft (ich glaube, er ist Soldat), verlässt er sie, nicht ahnend, dass sie schwanger ist und er sie in Schande bringt. Sie kann nicht mehr in ihrem Dorf bleiben, geht in die Stadt: Das wird in einer rundgerahmten, an den Rändern verschwimmenden Rückblende erzählt, rasch, sentimental und melodiös, wie anhand von Bilderbögen eines Moritatensängers. Santas Lied, das in reichen Variationen durch den ganzen Film geht, singen die Leute sogar auf der Straße.
Santa kann nur in einem Salon-Bordell Arbeit finden. Bald wird dort aus dem einfachen Mädchen eine jener denkmalhaften Belle Epoque Erscheinungen mit hochgesteckter Frisur und fließendem Spitzengewand. Der stolze Säulenhals, der entrückte, silbrige Blick, das ernste Puppengesicht: Sie sieht manchmal fast so aus wie Sarah Wagenknecht (Auch Elisabeth Volkmann in „Immer wenn es Nacht wird“ sah Wagenknecht manchmal ähnlich. „Sie ist überall“, staunte ein Kongressgast.)
Der „Evangelische Filmdienst“ wundert sich bei „Santa“ über die „Selbstverständlichkeit der Prostitution“, und wirklich wird Santa nicht verurteilt, die Freier nicht dämonisiert; Chefin („Dem Alkohol verdanke ich meinen Erfolg“) und Kolleginnen sind menschlich. Alles ist südlich-katholisch, volkskünstlerisch, volksfrömmlich, melodramatisch, musikalisch, ein bisschen auch wie Zarah Leander Filme. In Santa tanzt und blüht das Leben. In seiner blumig verzierten Pracht will es seine Vergänglichkeit vergessen.
Ein neuer schöner Mann kreuzt Santas Weg: Der junge, schlaksig-elegante, ängstlich-abergläubische Stierkämpfer Jarameno (Ricardo Montalbán!). Vor und nach dem Kampf betet er innig vor einem mit Blüten und Kerzen geschmückten Altar zur Heiligen Jungfrau. Er und Santa leben liebevoll zusammen. Doch Michael taucht wieder auf. Und Santa kann sich nicht entscheiden. Am Ende bleibt ihr keiner der schönen Jungen. Die Jugend mit ihren verwirrend vielen Möglichkeiten ist zu Ende. Santas Abstieg von der mondänen, mit der Liebe spielenden Frau in die Gassen und die Gosse wird wieder schnell, gerafft erzählt. Ein blinder, leider eifersüchtiger Bordellpianist und sein Gehilfe, ein netter kleiner Waisenjunge, haben sie lieb und pflegen sie. Sie erholt sich ein wenig, doch ihre Lebenskraft ist zu sehr geschwächt; sie können ihr letztendlich nicht mehr helfen. 8/10

1a Karussell (Alwin Elling, 1937) Ja, Lebenskraft. Daran fehlt es Marika Rökk, so scheint es, nicht; sie trägt eine unverwüstliche Stehaufmädchenenergie zur Schau. Ein strahlender Keks mit strammen Beinen und einem Temperament, das ich nicht so köstlich finden kann, wie das der Film, so kommt’s mir vor, erwartet. Aber ich möchte ihr nicht Unrecht tun; wir sind wohl einfach zu verschieden. Erfrischend fand ich es aber schon, wie offensiv ehefeindlich der reiche Onkel (Paul Henckels) ihres Verlobten ist und seinem Neffen keinesfalls die Torheit einer Ehe mit Marika finanzieren will. Leider bleibt er nicht dabei: 6/10.

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Wie vergewaltige ich einen Mann (Jörn Donner, 1978) Anna Godenius ist eine schöne Frau, und sie spielt die Rolle der Bibliothekarin Eva zurückgenommen, fein nuanciert, überzeugend, berührend. Aber der Film, in dem sie steckte, kam mir an diesem Abend vor wie einer dieser anspruchsvolleren TV-Themenfilme, die eine Diskussion anstoßen wollen. An sich ja eigentlich in Ordnung, dachte ich, aber ich suche etwas anderes. Trotzdem ist er mir im Gedächtnis geblieben. Vor allem Evas bedrückende Geburtstagsfeier in einer tristen Art Vereinsheim, allein mit ihrer Kollegin, die sich Sorgen wegen ihrer Brustkrebsdiagnose macht. In diese beherrscht verzweifelte Stimmung drängt sich ein Mann vom Nebentisch und überredet Eva zu zaghaften Zärtlichkeiten, die bei ihm zuhause zügig und zerschmetternd in einer Vergewaltigung enden. Der Abend läuft so richtig scheiße, und sie tat mir Leid. Als ich später nach guten Screenshots suchte, war ich überrascht, dass mir ziemlich viele optische und dramaturgische Feinheiten in dem Film entgangen waren. (6,5-7/10)

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Mein Kollege Michael Kienzl sah in ihm einen interessant nüchternen Kontrapunkt zu der exaltierten sinnlichen Leidenschaft des sonstigen Hofbauerkongressprogramms. Besonders, was Michael bei critic über die Frauenrollen in den bürgerlichen Kreisen in den Siebziger Jahren schreibt, macht mich nachdenklich. So kann man den Film definitiv auch sehen: „Mit seiner langsamen, beherrschten und auch ein wenig trockenen Erzählweise scheint der Film eins zu werden mit seiner schüchternen, unscheinbaren Heldin. Und so wie sie nähert auch er sich zaghaft der Vergeltung, ohne sich dabei jemals dem Exzess hinzugeben. Selbst wenn sie am Anfang von einer Zufallsbekanntschaft vergewaltigt wird, wirkt die Tat gerade deshalb so grausam, weil sich dieser betont undramatisch inszenierte Moment so wenig von den kleinen Demütigungen ihres freudlosen Alltags abhebt. Eva und ihre Kolleginnen führen ein Leben, in dem es nur begrenzte Spielräume für sie gibt (…) Ich erinnerte mich beim Sehen des Films daran, wie befremdlich erwachsene Männer manchmal als Kind auf mich wirkten. Während sich die Damenwelt mit bunten Pailletten-Oberteilen und abenteuerlichen Haarspray-Frisuren hübsch machte und gewissermaßen die moralische Ordnung wahren musste, durften diese haarigen, oft etwas unförmigen und nach Bier riechenden Gestalten grob scherzen und auch ansonsten ziemlich unvernünftig sein. Später ist mir zwar klar geworden, dass das ein Spiel ist, an dem sich beide Seiten beteiligen, aber die Männer schienen dabei doch den besseren Deal gemacht zu haben. (…) Bei Donner sind sie fast allesamt chauvinistische, auch äußerlich eher unattraktive Leute, die der Film aber nicht um jeden Preis als Schweine brandmarken will. Vielmehr zeigt er, dass zwar auch sie einem äußeren Druck ausgesetzt sind, am Ende aber doch sehr viel mehr Freiheiten genießen.“

angel guts 2Sexualisierte Gewalt und Demütigung stehen auch im Mittelpunkt der japanischen Pinkfilmreihe „Angel Guts“. In Red Classroom (Akai Kyoshitsu, 1979) entfremden sie das Mädchen Nami so sehr sich selber, dass sie, ganz zerbrochen, immer mehr davon über sich ergehen lässt. Mir war das zu viel. Es tat mir zu Leid, was diesem einzigen netten Menschen in dem Film pausenlos angetan wurde, bis sie sich nur noch „im Schlamm auflösen will“, wie Robert in seiner Besprechung bei „Eskalierende Träume“ schreibt. Die Tonspur war voll von ihren Wehklagen, und ich war blind für die Schönheit, die viele meiner Kollegen an dem Film wahrnahmen: die Kamerakunst, das Licht, die Bauten, die eigentlich verzweifelte und psychologische Story. David beschrieb „Red Classroom“ bei whoknowspresents als eine im Kern herzzerreißende Romanze über zwei kaputte Menschen in einer gähnend menschenleeren, zugemüllten Stadt: Die Männer starren obsessiv auf Bilder von – oft vergewaltigten – Frauen. Ihr Sex ist gewalttätig, chaotisch, roh, grotesk, oft dezidiert unsexy. So eine Welt zeichnet der Film, und David hatte, so wie die meisten Kongressbesucher, nicht den Eindruck, dass er darin ihr Komplize ist. „Auf einer Art Verkehrsinsel unterhalten sich Nami und Tetsumo in einer langen statischen Sequenz über ihre Liebesbeziehung und das Leben. Sie sind nur winzige Figürchen in einer Stadtlandschaft, deren Lärm ihre Worte fast verschluckt.“ Den zweiten Film der Reihe – Red Rust (Akai Memai, 1988) – habe ich nicht gesehen. David schreibt über ihn bei whoknowpresents, Florian Widegger bei critic und Robert bei Eskalierende Träume.

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Angela, the Fireworks Woman (Wes Craven, 1975) war nie mein liebster unter den vielen interessanten Filmen des US-amerikanischen Golden Age of Porn, aber ich fand es gut, dass es ihn gab. In seine italienisch synchronisierte Version, die wir auf dem Kongress sahen, waren, wohl um ihn auf eine gewünschte Länge zu bringen, Szenen aus anderem Filmmaterial hineingeschnitten. Das stand ihm verrückterweise gut. Die brennende Tankstelle passte zu der Feuerthematik, die italienische Sprache machte die Dialoge melodiöser und fließender, und die idyllischen Kindheitsrückblenden ließen mich Angelas körperliches Verlangen nach dem Bruder als Sehnsucht nach einer ursprünglichen Poesie und Sexualität lesen, die sie um keinen Preis verlieren will. Sie will nicht erwachsen werden. Nicht mit Fremden in deren Welt da draußen Sex haben. Auch ihr Bruder wird Geistlicher, um niemand anderen als sie heiraten zu müssen. Und Angela muss alleine durch die Gegend ziehen und findet nur das Falsche überall – ein nervendes Pärchen, das sie sexuell versklaven und „erziehen“ will, lauter solche Sachen. Sie läuft davon, und das ist eine schöne Szene: Angela allein auf einer Yacht im Meer, schwankend und schwebend im hellen Licht. Wes Craven als Zauberer, Bestatter, Spielleiter und Voodoo-Teufel stellt die Geschichte in einem poetischen Voice Over vor. Das prachtvolle Schlussfeuerwerk vermischt sich mit einer Orgie, in der ich erfreut meinen alten Filmbekannten Jamie Gillis wiederentdecke. 7/10

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Left handed (Jack Deveau, 1972), der zweite pornographische Liebesfilm auf dem Kongress, schildert die sexuellen, emotional schwierigen Abenteuer eines introvertierten jungen Mannes, der mit seiner Freundin in den bewaldeten, abendlichen Hügeln außerhalb New Yorks lebt. Er kommt in die Stadt und verliebt sich rettungslos in einen anderen, sehr untreuen Mann. Es ist ein poetischer und trauriger Film, mit magischer Progrock-Originalmusik und Farben, die im diffusen Dämmerlicht glühen (die floralen Ornamente auf den Hemden der beiden liebe- und freiheitsuchenden, wie Rockstars aussehenden Männer!) Die Sexszenen umgibt ein schattiges und malerisches Halbdunkel; man hält die einzelnen Menschen nicht lange auseinander in dem dichten Gewühl von Armen, Beinen, Hintern. Sie lieben sich betört und trunken und nuckeln aneinander wie Wespen an überreifen Mirabellen. Alles ist zerwühlt, schweißfeucht und aufgerieben. Leidenschaftliche Umarmungen unter der Dusche, hingerissen, wirr und angetörnt, ein Chaos von spritzendem Wasser, Schlagzeugsoli, nassen Körperhaaren, offenen Mündern, schmutzigen Fingernägeln, Wixen, in einander dringen Wollen, aufgeregt und spitz. Übergroße, raumsprengende Gefühle. Die Kamera bewegt sich fließend, hingegeben, streichelnd. Wenn sie beobachtet, wie eine Hand sich mit ruhig bebender Bestimmtheit auf einen Bauch legt, über eine Hüfte gleitet, irgendwo verweilt, spürt man ihre Ergriffenheit von der Bedeutung dieser Dinge, ihr schmerzensreiches, angefixtes Wissen und tieforganisches Verstehen dessen, was am Sexuellen so geheimnisvoll und transzendent ist.

Deveau, über den ich mit Freunden für ein Buchprojekt recherchiert habe, war verrückt danach, Filme wie diesen zu drehen. Ich stelle mir vor, dass er am Ende eines Filmarbeitstages zitternd da gelegen hat, elektrische Störgeräusche, Knistern, weißes Rauschen überall im Körper, wie eine Frau, die über viele Tage hinweg ein vielarmiges, sexuelles Monster zur Welt bringen muss. Ich kenne keine Filme, die dermaßen nah an dieses schwarze Loch im Zentrum aller Dinge rangehen, es so ruhig und so süchtig umkreisen, in es hineingleiten und immer noch tiefer hinein wollen. 9/10

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Auch Carolin Weidner war von den beiden Filmen angetan. Bei critic schreibt sie, wie Sexualität und Liebe sich in ihnen impressionistisch ausdrücken: „In Left-Handed sind es Fahrten durch eine unbestimmte Upstate-Landschaft, Schnee, eine Farbpalette von grau-weiß, schwarz-grün, etwas nebelig, Straßen, rough, doch auch harmonisch. Durch diese Landschaft fährt ein Auto, das für solche Regionen gemacht scheint und in dem ein junger Mann mit markantem Gesicht und einem interessant tätowierten Körper (was man erst später bewundern darf) sitzt. Er beliefert ein paar Männer mit Gras, einer von ihnen arbeitet in einem Antiquitätengeschäft in der Stadt und veranstaltet hin und wieder schwule Orgien. Der Plot von Left-Handed ist lose, aber es werden zwei Liebesbeziehungen angedeutet: eine hetero- und eine homosexuelle. Der schöne Mann, der beliefernde, ist in beiden beteiligt, und am Ende sieht man ihn weinen. Ich merke mir selten das Ende eines Films, aber dieses wird mich begleiten. Es sind verrauschte Tränen, genauso wie die Schwänze und Gesichter, die man manchmal durcheinanderbringt (…) Left-Handed ist für mich der introvertierte Kraftspender, ein Genuss, der etwas in mir zu streicheln vermochte. – Angela, The Fireworks Women wirkt dagegen fast operettenhaft, viktorianisch, durchmischt mit West-Coast-Coachella-Hippietum und einem Wes Craven, der als eine Art okkulter Zauberer die Szenerie um die verbotene Liebe zwischen Bruder und Schwester herbeizaubert (…) Wo es in Left-Handed kaum Licht gab, da ist in Angela alles ausgeleuchtet und wie illuminiert, teils wirkt das wahnsinnig und dann auch wieder heilig. Warm jedenfalls ist auch dieser Film, sich freistoßend auf eine nach innen gewandte Weise. Die Filme lieben sich nach innen, und es scheint ihnen völlig egal, ob ihnen jemand dabei zuschaut oder nicht.“

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„Amours fous empfinde ich oft als mühsam“, schreibt Robert Wagner bei „Eskalierende Träume“ anlässlich von Carmen Baby (Radley Metzger, 1967), „hilflos verfällt ein biederer Charakter einem Phantom, das immer hinter einer Säule auftaucht, wenn die Suche nach ihm aussichtslos scheint, und das in seiner perfekt abgeschmeckten Mischung aus Geben und Nehmen, aus Lust und Demütigung, den Machtvollen, hier ein Polizist, seiner Macht beraubt.“ Mir geht es auch manchmal so mit den Femmes Fatales, den Lulus und Lolitas, Meerjungfrauen, blauen Engeln, weiblichen Verrückten und Katzenfrauen, wenn sie allzu einseitig aus der Sicht eines verwunderten Protagonisten inszeniert werden und man sie nur als Rätsel wahrnimmt, das kein Mensch verstehen kann. In „Carmen Baby“ hab ich mich aber trotzdem wohl gefühlt. Ich mochte das malerische, abendgoldene Claude-Lorraine-Licht, die Sorgfalt der Schauspieler, die farbige Sechzigerjahrekleidung (Carmens enger, gerippter, gelber Pulli aus Acryl!) und den weit und entspannt gefilmten, labyrinthischen und doch gleichsam grenzenlosen Drehort: das schön von dem Film genutzte, verwinkelte und sich zu großen Plätzen öffnende alte slowenische Städtchen Piran am Meer. In seinen Gassen laufen die Figuren einander, d. h. ihrem Schicksal, in die egoistischen Arme. Der Polizist José liebt Carmen (Uta Levka) obsessiv und will sie festhalten. Doch Carmen liebt José nur impulsiv und will ihn bald schon wieder loslassen. Sie weiß, sie lebt gefährlich, aber sie ist fatalistisch, qué será, será; sie hat das Gefühl, nicht alt zu werden, sagt sie. Man kommt nicht richtig an sie ran, aber der Film gibt einem zumindest das Gefühl, das sei nur, weil es dafür mehr braucht als er einem in der Kürze zeigen kann. Es war interessant für mich, Uta Levka, die ich nur aus alten Illustrierten kannte, spielen zu sehen. Ich hab sie nie so schön gefunden wie die Illustrierten sagten, aber sie hat ein hintergründiges, faunisches Gesicht, ein bisschen wie Tom Jones und Marvin Gaye; es passte gut zu ihrer Rolle. Auch Don José (Claus Ringer) sieht geheimnisvoll aus, markant, doch knabenhaft, ein Eskimo, wie Mika Häkkinen. Und die Band, für die Carmen schwärmt, hatte einen Sänger namens Baby Lucas! 7,5/10

Baby Lukas Foerster schreibt in seinem schönen Beitrag bei critic: „Eigentlich wäre es super, unsichtbar zu werden, auch und gerade im Kino, beim Hofbauerkongress. Unsichtbar werden, nicht mehr ein verortbarer Körper in einem mit anderen verortbaren Körpern gefüllten Zuschauerraum sein, sondern eine geisterhafte Präsenz, flüchtig und mächtig wie die Figuren auf der Leinwand; oder vielleicht könnte ich auch, wie der Lüstling in der Edogawa-Rampo-Erzählung Der Sesselmann, mit dem Sitz verschmelzen, in den Kinosaal selbst eindringen, andere Menschen auf und in mir beben spüren. – Am nächsten gekommen bin ich einem solchen Ideal von Kino als sinnlich entgrenzendem Ichverlust auf dem diesjährigen Kongress während Radley Metzgers Carmen, Baby (1967). Der Film läuft direkt nach dem Abendessen, etwas zu gut gesättigt und leicht betrunken sitze ich da und lasse die Bilder mal an mir vorbei-, mal in mich hineinfließen. Carmen, Baby hat ein gemächliches Tempo, der altbekannte Stoff der Bizet-Oper scheint keinen der Beteiligten allzu sehr zu interessieren, aber das Produktionsdesign ist super, und Metzger hat tolle Schauspieler gefunden, eine sinnlich-freche Carmen (Uta Levka) und einen Jose (Claus Ringer), unter dessen milchbubihafter Naivität manchmal eine erstaunliche Härte durchschimmert. Ich versuche nicht einmal, der Handlung zu folgen, sondern verliere mich in den leicht rosig glänzenden Gesichtern, den begehrlichen Blicken, den kleineren und größeren Zudringlichkeiten der nur vorderhand verhältnismäßig keuschen, im Detail fröhlich perversen Kamera. Der schönste Moment des Films ist eine Großaufnahme, in der zärtlich ein Ohr gefingert wird. Wenn ich das richtig mitbekommen habe, gehört der Finger Carmen und die Ohrmuschi Jose. Aber ich habe gar kein Interesse mehr daran, Körperteile auf Menschen zuzurechnen, und die Finger, Ohren, Gesichter, Blicke lösen sich nicht nur von den Figuren, sondern gleich ganz von der Leinwand, schweben auf mich zu, umgeben mich, wo auch immer ich mich in diesem Moment befinden mag.“

Über den 17. Hofbauerkongress schrieben Lukas Foerster, Michael Kienzl, Rainer Knepperges, Florian Widegger, Robert Wagner, Nicolai Bühnemann, Matthias Dell, Carolin Weidner und ich in einer Textcompilation bei critic, Rober Wagner in seinem Sehtagebuch bei Eskalierende Träume, David in seinem zweiteiligen Bericht bei whoknowspresents hier und hier und Nicolai Bühnemann in seinem dreiteiligen Bericht in der Filmgazette, hier, hier und hier.

Über den Autor

Silvia Szymanski, geb. 1958 in Merkstein, war Sängerin/Songwriterin der Band "The Me-Janes" und veröffentlichte 1997 ihren Debutroman "Chemische Reinigung". Weitere Romane, Storys und Artikel folgten.

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