Twin Peaks – Staffel 3

Von  //  6. Januar 2018  //  Tagged:  //  Keine Kommentare

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2006 kam mit Inland Empire der letzte Film in die Kinos, bei dem David Lynch das Drehbuch geschrieben und Regie geführt hatte. Kürzlich verkündete der Filmemacher gar, in Zukunft überhaupt keine Kinofilme mehr machen zu wollen. Was anno 2016 noch wie die Ankündigung des Untergangs des Abendlandes geklungen hätte, muss ein Jahr später keinen Cinephilen mehr ernsthaft jucken. Denn 2017 wird in die Filmgeschichte eingehen, als das Jahr, in dem der amerikanische Auteur tatsächlich die dritte Staffel von Twin Peaks rausgehauen und über den Äther gejagt hat.

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Mit Twin Peaks – Staffel 3 führt Lynch die vor einem Vierteljahrhundert zwischenzeitlich auf Abwege geratene Fernsehserie zu einem fulminanten Abschluss. Darüber hinaus integriert er in diese Serie die Qualitäten seiner größten Kinofilmmeisterwerke. Und anstatt sich dabei mit reinen Selbstzitaten zu begnügen, entwickelt der Filmkünstler seine bekannten Motive weiter, mixt wie wild, verfremdet, startet wüste Experimente und kreiert auf diese Weise einen ebenso bizarren, wie atemberaubenden filmischen Cocktail, wie ihn die Welt noch niemals zuvor gesehen hat. Das Ergebnis ist ein 18-stündiges Meisterwerk, gegen das sich selbst Mulholland Drive fast wie eine (virtuose) Fingerübung ausnimmt.

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Allerdings ist es eine himmelschreiende Ungerechtigkeit, immer nur Lynch als Schöpfer dieses TV-Geniestreichs zu nennen. Die Serie ist das Werk von David Lynch UND von Mark Frost. In einem Interview sagt Lynch zu diesem Thema: „Der Anteil von Mark Frost war enorm, gewaltig, mindestens 50 Prozent!“ Dass dies nicht nur die bei solchen Interviews üblichen Sprüche sind, zeigt das Kino-Prequel Twin Peaks – Fire Walk With Me. Der Film zur Serie entstand ohne die Beteiligung von Frost – und floppte gnadenlos.

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Dabei bin auch ich der Ansicht, dass dieser Filme viel zu lange gnadenlos unterbewertet wurde. Doch ihm fehlen die für die Serie so bezeichnenden leichten humorvollen Einlagen und Soap-Opera-Elemente. Da diese Komponenten auch in allen weiteren ohne die Beteiligung von Frost entstandenen Lynch-Filmen fehlen, ist davon auszugehen, dass Mark Frost der dafür verantwortliche Mann ist. Natürlich gibt es auch in fast allen Kinofilmen von David Lynch schreiend komische Szenen. Doch der Humor in diesen Filmen ist stets deutlich düsterer und surrealer, als in der Serie.

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Nach der Ausstrahlung der ersten beiden Folgen der neuen Twin Peaks-Staffel hieß es vielerorts, Lynch bewege sich auch 2017 auf dem Niveau von 1990/91, nur der alte Twin Peaks-Humor würde in der dritten Staffel fehlen. Zudem erinnerten Dinge, wie die im Bett liegende, fies entstellte Leiche, auffallend an den ursprünglich ebenfalls als TV-Serie geplanten Mulholland Drive. Aber jetzt, wo die neue Staffel komplett ausgestrahlt wurde, ist deutlich, dass diese so sorgfältig, wie eine filmische Sinfonie durchkomponiert ist.

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Den Fans der alten Serie ist noch schmerzhaft in Erinnerung, wie diese in der Mitte der zweiten Staffel aus dem Leim ging. In der letzten Episode der zweiten Staffel nahmen Frost und Lynch das zwischenzeitlich an diverse andere Drehbuchautoren und Regisseure abgegebene Ruder erneut selbst in die Hand, um zu retten, was noch zu retten war. Dabei ist die von Produzentenseite erzwungene vorzeitige Enthüllung des Mörders von Laura Palmer nicht der wirkliche Grund, weshalb die zweite Staffel zwischenzeitlich „wahrscheinlich ein wenig mehr, als nur ein wenig“ (Zitat Lynch) von der Spur abkam.

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Neben dem prinzipiell recht konventionellen Whodunit verbargen die dichten dunklen Wälder um Twin Peaks noch eine Vielzahl weiterer, beunruhigender Geheimnisse: alte Indianermythen, finstere Kräfte und diabolische Geister – und was WTF hatte es eigentlich mit diesen außerirdischen Besuchern auf sich? Mit der Aufklärung des Mordes war somit keineswegs zwangsweise die Luft aus der Serie raus, da Twin Peaks übervoll an weiteren höchst interessanten Motiven war. Nur wurde keines von ihnen weiterentwickelt. Stattdessen zog einfach jeder nach der Mordaufklärung angeheuerte Gastautor und Gastregisseur nervös ein neues Kaninchen nach dem anderen aus dem Hut.

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Anstatt die vorhandenen Handlungsstränge auf konsequente Art weiterzuentwickeln, ließen die Serienmacher unmotiviert immer mehr uninteressante neue (Neben)-Figuren auftreten. Spätestens, als ein junges sexy Mädel nach Twin Peaks kommt, um später als Love-Interest für Special Agent Dale Cooper zu dienen, verflachte die Serie zu dem, was man vor Twin Peaks einmal verächtlich als TV-Niveau bezeichnet hatte. Doch in der letzten Folge der alten Serie setzten Lynch und Frost einen finsteren Kontrapunkt zu dem vorhergehenden unkoordinierten Treiben: Das namenlose Böse fährt ausgerechnet in Special Agent Dale Cooper (Kyle Maclachlan) hinein und Laura Palmer eröffnet aus einem jenseitigen Zwischenreich heraus die Aussicht auf ein Wiedersehen in 25 Jahren.

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Seit 2017 ist deutlich, dass Lynch und Frost tatsächlich – fast auf das Jahr genau – Wort gehalten haben. Vielleicht hätte es sogar ganz exakt mit dem Twin Peaks-Comeback geklappt, wenn sich Lynch nicht zwischenzeitlich dazu gezwungen gesehen hätte, aufgrund des zunächst zu niedrigen Budgets aus dem Projekt auszusteigen. Es ist gut, dass der Filmkünstler in dieser Hinsicht hart geblieben ist. Denn nachdem das Budget aufgestockt wurde, kann die fertige dritte Staffel von ihrer visuellen Seite mit jedem von Lynchs Kinofilmen mithalten. Nur bei manchen Computereffekten sieht man, dass für diese TV-Serie nicht die gleiche Menge an Geld, wie für einen Kinofilm zur Verfügung stand. Aber dem einstigen Pfadfinder und Kunststudenten Lynch gelingt es, selbst diese Not in eine Tugend zu verwandeln. Fast immer sehen die teilweise leicht rustikalen CGI-Effekte in der neuen Twin Peaks-Staffel wie bewusste künstlerische Verfremdungen aus.

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Aber das Wichtigste ist, dass alle 18 Folgen von Frost und Lynch geschrieben und anschließend von David Lynch himself inszeniert wurden. Das Ergebnis ist ein 18-stündiges Meisterwerk, bei dem man nur vor Freude nur auf die Knie fallen kann. So wurden diesmal sämtliche Charaktere vom ersten bis zum letzten Auftritt konsequent weiterentwickelt. Und fast jeder Schauspieler aus den ersten beiden Staffeln, der zwischenzeitlich nicht bereits verstorben war, ist 2017 erneut mit an Bord. Und wenn die Log-Lady anno 2017 mit Nasenschlauch im Bild erscheint, so ist das kein böser Gag, sondern ein Zeugnis der Tatsache, dass selbst die todkranke Schauspielerin Catherine E. Coulson (1943-2015) sich nicht die Teilnahme an dem großen Ereignis hat nehmen lassen.

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Wie gesagt: In der dritten Staffel sind alle 18 Folgen, wie eine Sinfonie durchkomponiert. Einige Teile sind mehr Krimi, andere eher Science-Fiction und manche besitzen einen stark humoristischen Grundton. Dabei ergibt die Abfolge der sehr unterschiedlichen Tonalitäten jedoch ein größeres Ganzes. So folgen auf den extrem kryptischen und experimentellen achten Teil – der so wirkt, als ob Eraserhead ins All hinaus explodiert wäre – zwei sehr leichte Folgen, deren Slapstickhumor stark an die alte Serie erinnert. Und egal, was im Verlauf einer Folge alles geschehen mag: Am Ende geht es (fast) immer in die „Bang Bang Bar“, in der junge weibliche Schönheiten mit ätherischen Stimmen den in jedem echten Lynchfilm unverzichtbaren Independent-Pop trällern. Spätestens dann spürt man, wie viel ungehemmten Spaß David Lynch bei diesem Projekt hatte!

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Diese reine Freude am spielerischen Tun zeigt sich auch sehr stark im letzten Teil. Die Handlung der Staffel wird eigentlich bereits in der 17. Folge zu einem – zumindest innerhalb des absurden Lynch-Universums – stimmigen Ende geführt. Im 18. Teil zieht David Lynch jedoch mit einem verschmitzten Grinsen eine der untersten Karten aus dem sorgfältig aufgebauten Twin Peaks-Kartenturm heraus und bringt auf diese Weise den gesamten Turm – inklusive der ersten beiden Staffeln – komplett zum Einsturz. Dieses Vorgehen erinnert daran, wie Kyle Maclachlan zuvor innerhalb der Handlung – als eine von zwei Inkarnationen von Special Agent Dale Cooper – eine Gabel in eine Steckdose steckt und dabei einen gewaltigen Kurzschluss verursacht. Der Abschluss der dritten Staffel von Twin Peaks weckt außerdem Erinnerungen an das Ende von Lost Highway, mit dem sich der zuvor noch deutbare Film zu einer nicht mehr dechiffrierbaren Möbiusschleife in sich selbst zurückbiegt.

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Selbst Zuschauer, die diesen Schluss nach dem Schluss hassen werden, müssen zugeben, dass dieser die Tür für eine mögliche vierte Twin Peaks-Staffel eröffnet. Zwar ist es schwer vorstellbar, dass es Lynch und Frost mit einer vierten Staffel gelingen könnte, den filmischen Jahrhundertcoup von 2017 ein zweites Mal zu wiederholen. Aber einen Versuch ist es auf jeden Fall wert. David Lynch bleibt auch kaum eine andere Alternative. Denn ab sofort müsste sich selbst ein neuer Kinofilm vom Kaliber eines Blue Velvet oder Mulholland Drive immer an der dritten Twin Peaks-Staffel messen lassen. Und welcher Kinofilm könnte – selbst bei gleicher Qualität – in nur rund zwei Stunden Laufzeit das erreichen, was Frost und Lynch mit Twin Peaks anno 2017 über eine Länge von 18 Stunden erschaffen haben?

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Twin Peaks, David Lynch, USA  2017

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Ich lebe und schreibe in Frankfurt am Main.

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