Konkurrenzdenken gibt es bereits genug

Von  //  4. September 2017  //   //  1 Kommentar

The Holy Mountain
The Holy Mountain

Anläßlich unserer neuen Reihe Drop-Out Cinema in der Aachener Raststätte führten wir ein Gespräch mit Jörg van Bebber, dem Gründer des genossenschaftlichen Verleihs. Dieses Interview ist ursprünglich in der kaleizette #94 erschienen, herausgegeben vom Kaleidoskop Filmforum in Aachen e.V. – herzlichen Dank an alle Beteiligten!

Beschreibe doch kurz einmal in eigenen Worten die Idee hinter DROP-OUT CINEMA.

Als Programmgestalter eines ziemlich offstreamigen Kinos merkt man schnell, dass einem übergeordnete Strukturen fehlen, wie sie sich z.B. beim Programmkino/Arthouse in den 70ern/80ern herausgebildet haben (mit auf Arthouse spezialisierten Verleihern, Verbände, Netzwerke, Foren, Zeitschriften usw.). Hier dachte ich anfangs an einen kleinen inhabergeführten Filmverleih, der sich auf Repertoire-Titel spezialisiert, dann rückte aber stärker der Netzwerkgedanke in den Fokus und als Rechtsform kam hier nur ein Verein oder eine Genossenschaft in Frage.

Warum eine Genossenschaft?

Gemeinsam seine Ziele besser zu erreichen als im Alleingang, das ist der Grundgedanke einer jeden Genossenschaft. Eine genossenschaftliche Kooperation bietet sich immer dann an, wenn das Verfolgen eines wirtschaftlichen Ziels die Leistungsfähigkeit des Einzelnen übersteigt, zugleich aber die selbständige Existenz gewahrt werden soll.

Mit Hilfe eines gemeinschaftlich betriebenen Unternehmens wird die wirtschaftliche Tätigkeit der Genossenschaftsmitglieder ergänzend unterstützt. Man tritt gemeinsam am Markt auf, etwa um günstige Absatz- und Beschaffungskonditionen zu erlangen oder aber betriebliche Funktionen effizienter und qualitativ besser ausüben zu können.

Vor der Gründung des Verleihs hast du selbst als Kurator eines Programmkinos in Marburg gearbeitet – hat da der eine Job den anderen inspiriert?

Unbedingt! Das “Programmkino in Marburg”, das “traumakino” ist ja Teil eines soziokulturellen Zentrums, das die Idee der “Selbstverwaltung” hochhält. Diese Idee ist, wenn auch nicht in letzter Konsequenz als hierarchiefreies Kollektiv, in die Gründung eines genossenschaftlichen Filmverleihs geflossen: Drop-Out Cinema hat als Genossenschaft zwar sehr demokratische Strukturen (z.B. Vorstände werden gewählt usw.), aber Posten wie “Vorstand” und “Geschäftsführung” haben dennoch eine Bedeutung. Klare Strukturen und feste Verantwortungsbereiche sind eine Entlastung, nichtsdestotrotz können Hierarchien flach sein.

Nehmt ihr ähnlich wie klassische „Einkäufer“ auch an den großen Filmmärkten wie Cannes oder der Berlinale teil?

Eigentlich halten wir uns aus dem Marktgeschehen raus und warten, welche Filme durchs Raster fallen. Dann schauen wir, ob wir was tun können: häufig in Kooperation mit einem Label, das die Lizenz erworben hat, um den Film Direct-to-Video zu veröffentlichen. Dann prüfen wir, ob nicht doch ein kleines Kino-Release möglich ist. Kooperation ist unser bevorzugter modus operandi, Konkurrenzdenken gibt es in der Branche ja bereits genug.

Gab es einschneidende Momente in der Geschichte des Verleihs? Anekdoten?

Es gibt diese wiederkehrenden Momente, in denen man nur noch darüber staunt, wie viele Filme auf der Suche nach einer Auswertung sind, und wieviele Filme “on spec” fertiggestellt werden, scheinbar ohne dass hier vorab über eine Auswertungsstrategie nachgedacht wurde.

Hast du einen persönlichen Lieblingsfilm im Verleihprogramm?

Zweifelsohne die Jodorowsky-Meisterwerke EL TOPO und DER HEILIGE BERG! Die muss man im Kino erlebt haben.

Rückblickend auf die Jahre, die der Verleih bereits existiert: Hat sich das Projekt so entwickelt, wie du es erwartet hast?

Von Anfang an gab es Kurskorrekturen, z.B. war die Ursprungsidee ein reiner Repertoire-/Klassiker-Verleih, der gar keine regulären Kinostarts macht, sondern einen großen Filmstock aufbaut mit Titeln, für die es in Deutschland keinen Rechteinhaber gibt, wie z.B. die Filme von Alejandro Jodorowsky. Für einen Kinobetreiber ist es oft, gerade wenn man mal abseits des Kanons unterwegs ist, sehr schwierig, Rechteinhaber ausfindig zu machen, um Vorführgenehmigungen zu erhalten.

Dann haben wir doch mit regulären Kinostarts angefangen, dabei viele Experimente gewagt, z.B. SHARKNADO als “Alternative Content” oder Festivalpakete (6 Horrorfilme plus Kurzfilmpaket) oder Wiederaufführungen von Klassikern.

Gegründet wurde Drop-Out Cinema 2013, und was in diesen vier Jahren alles passiert ist, hatte ich wirklich nicht vorhergesehen, da wurden die Erwartungen doch um ein Vielfaches übertroffen. Von Anfang an war die Genossenschaft als offenes System gedacht mit vielen Projekten, die alle irgendwo was mit der Förderung der Kinokultur haben, manche sind als Cash-Cow gedacht, andere als Zuschuss-Geschäft: ob auch in Zukunft der Filmverleih das Kerngeschäft sein wird, ist noch offen. Denkbar wäre auch, dass die Genossenschaft sich stärker im Film- und Kino-Marketing engagiert. Denn hier hakt es im Markt gerade ziemlich, aber genossenschaftlich könnte man ziemlich viel erreichen, um das Erlebnis und die Kulturpraxis “Kino” zu stärken.

Vielen Dank für das Gespräch!

Zur Homepage von Drop-Out Cinema.


Über den Autor

Alex Klotz ist ein Zelluloid atmendes Wesen und betreibt den Blog hypnosemaschinen. Alex Klotz hat nie als Tellerwäscher, Aushilfsfahrer oder Kartenabreisser gearbeitet und gedenkt das auch in Zukunft nicht zu tun.

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