Lou Andreas-Salomé

Von  //  1. Juli 2016  //  Tagged: , ,  //  Keine Kommentare

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Der letzte Verehrer. Nietzsche als Liebeskasper, Rilke androgyn und russisch fiebernd – Cordula Kablitz-Posts Liebeserklärung an Louise Andreas-Salomé changiert zwischen Geschichtsschreibung und Glorifizierung

Ein Mann wird nicht vorgelassen. Das auf den ersten Blick geheimnisvolle Mariechen in der Kittelschürze zeigt Ablehnung an der Schwelle zur Abscheu. Der verstorbene Hausherr hat sie mit der Haushälterin gezeugt, das Halbblütige zwischen Tochter und Magd spielt großartig-spröde mit.

Die Frau des Hauses empfängt nicht mehr. So hat man früher ein Andenken bewahrt, im Wahnsinn des Aberglaubens, man könne sich der Nachwelt mit frühem Eifer und später Zurückhaltung empfehlen.

Der Mann an der Tür heißt Ernst Pfeiffer. Der von Schreibblockaden gehemmte, in einer unglücklichen Ehe gefangene Germanist wird dann doch rasch zum Eckermann der großen Salomé. Matthias Lier staubt als letzter Verehrer von Lou Andreas-Salomé. Er wirkt so grau wie eine Figur von Graham Greene.

Die “Dichterin der Psychoanalyse” spielen Liv-Lisa Fries (das vehemente Mädchen) Katharina Lorenz (die Bewunderte/Schöpferin/Stürmerin) und Nicole Heesters (als alter Schalk im Nacken der Bourgeoisie).

Ihr erstes Buch veröffentlicht Salomé unter einem männlichen Pseudonym. Dazu rät sie auch Rilke, der von seiner Mutter in die Tochterrolle umfassend genötigt wurde. Aus René macht Lou Rainer. Mit Rainer Maria Rilke tritt sie in den dionysischen Kreis. Sie beendet ihre erotische Abstinenz mit einem weiblichen Mann. Rilke verliert sich in seinem Andersich und seiner Kaiserin, die Petersburger Generalstochter Louise von Salomé, verheiratete Andreas-Salomé (1861 – 1937 ) verweigert ihm die bedingungslose Gefolgschaft. Sie ist erkennender Narzisst. Was ihr nie widerfahren soll: an einer Grenze voreilig kapituliert zu haben, die bei gewissenhafter Prüfung nicht hemmender zu wirken vermocht hätte als ein kindlich gezogener Kreidestrich. Sie verletzt lieber als. Nietzsches “Wenn du zum Weibe gehst” verkehrt sie. Am Ende, die nationalsozialistische Machtergreifung hat sich vollzogen, beschwört Salomé noch einmal das Recht auf Raub (eines selbstbestimmten Lebens). Sie verrät ein geklärtes Verhältnis zu den Konsequenzen ihrer Härte. „Sofern du willst ein Leben haben: raube dir’s!“

„Lou Andreas-Salomé“ zeigt die Organisation eines autonomen Ichbetriebs, der nicht beispielhaft ist. Salomés Lebenslauf verfehlt sämtliche Biografieformate ihrer Zeit. Sie besteht auf Ebenbürtigkeit und quittiert konventionelle Reaktionen auf ihre Attraktivität mit Enttäuschung. Sie leidet unter geschlechtlichen Fixierungen, lange ohne es zu begreifen, da sie Narzissmus versteht nicht als “Beschränktsein auf ein einzelnes Libidostadium, sondern als unser Stück Selbstliebe (in allen Stadien), nicht (als) primitiver Ausgangspunkt der Entwicklung nur, sondern primär im Sinne basisbildender Dauer bis in alle spätern Objektbesetzungen der Libido hinein”.

Bedeutende Männer rauchen vor antiken Prospekten und Postkartenansichten ein Spalier zusammen, das als Allee der Bewunderung in die Geschichte eingeht, die Cordula Kablitz-Post erzählt. Sigmund Freud spricht geheimgesellschaftlich in einem Göttinger Universitätshinterzimmer, der einzigen Frau am Tisch zollt er die größte Anerkennung. Er schenkt Salomé einen Freundschaftsring und erkennt an, dass das Wesentliche der Psychoanalyse im Werk der Bewunderten vorweggenommen ist. Salomé legt sich auf seine Couch im Rahmen ihrer Ausbildung zur Psychoanalytikerin und macht sich da mit ihrem Vaterkomplex vertraut. Schon ist sie mit dem schwer Lou-dependenten Orientalisten Friedrich Carl Andreas verheiratet, den sie sexuell verhungern lässt. In diesem Verhältnis denunziert der Film beinah seine Heldin. Salomé pocht auf Erfüllung eines Vertrags, der eine geistige Allianz und eine Versorgungsgemeinschaft regelt. Das Einschleifende und Abwandelnde gemeinsamer Jahre lässt sie nicht gelten.

“Lou Andreas-Salomé” bietet eine Erklärung für Salomés frühe, philosophisch überzogene, im Film prätentiös dem Apollinischen überall den Vortritt lassende Zurückhaltung. Der erste Verehrer ist ein von Spinoza berauschter Pfarrer. Der Adoleszenten macht er einen handgreiflichen Heiratsantrag, Lou reißt sich fort und findet erst als Studentin in Zürich wieder zu ihrer Form (als Widerstandspersönlichkeit).
Sie fasziniert nicht nur Nietzsche und Freud, sondern auch Richard Wagner, Gerhart Hauptmann, August Strindberg und Frank Wedekind. Ihr Gatte unternimmt wegen ihr einen Selbstmordversuch, dem maßlos unglücklich verliebten Wohngemeinschaftsgenossen Paul Rée gelingt die Vollendung.
Auch Salomé lässt Federn. Schwanger von dem Wiener Arzt Pineles, stürzt sie sich von einem Baum.
„Lou Andreas-Salomé“ bringt einen Brutalität nicht bloß streifenden Egoismus ins Spiel. Nietzsche begreift die Ich-Revolution des “Geschwisterhirns” als alle Kräfte entbindende Notwendigkeit. Zwar treibt der Film einen auf Augenhöhe mit Salomé glühenden Philosophen in die Liebeskasperei. Aber sonst hinkt Nietzsche nach, bemuttert von Schwester Elisabeth.

Deutschland, 2016. Regisseurin: Cordula Kablitz-Post. Mit Katharina Lorenz, Nicole Heesters, Matthias Lier, Alexander Scheer, Julius Feldmeier u.a.



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