Filmtagebuch einer 13-Jährigen #15: Karacho

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KARACHO 1. Festival des Actionfilms, Nürnberg, 8. November 2015

Andreas Beilharz, Nikolas Schuppe, Tobias Reitmann und Konstantin Hockwin aus dem Kreis ums „KommKino“, den Filmblog „Eskalierende Träume“ und den „Hofbauerkongress“ haben dieses neue Festival kuratiert. Einen Tag lang war ich dort, es hat sich sehr gelohnt.

MeinFreundHarvey10Der Herbstwald war bezaubernd schön, als ich durch den Spessart fuhr. Da saß ich schon im falschen Fernbus und wusste nicht, dass ich längst hätte umsteigen sollen. Dieser hier brachte mich unaufhaltsam nach München. Dort wartete ich im Hauptbahnhof auf einen Zug nach Nürnberg. Am Nebentisch im Imbiss: eine alte Frau im roten, betagt chicen Wollmantel. Sie erinnerte mich an die Stammgäste im Johanniscafé, als ich nach dem Abi kurz in München gewohnt habe. Sie sprach mich an. „Sie haben eine süße Aura. Wie ich. Aber etwas stimmt bei Ihnen nicht. Sie sind unzufrieden. Sie müssen etwas loslassen, glaube ich. Nein, keine Menschen – ich meine diese scheußliche Wirklichkeit! In den Sechziger, Siebziger Jahren hatten wir einen Traum. Wir hatten das Leben und einander gern. Es tut mir Leid, dass die jungen Leute das heute nicht mehr haben.“ Ich erzählte ihr von den Schwierigkeiten meiner Freunde, die kaum Hoffnung haben, die Umstände zu verändern, und deswegen ihre Träume aufgeben, psychisch krank werden. Sie nickte mitfühlend. „Ich habe große Sorge wegen der Politik“, sagte sie. Sie sei Dichterin, Rumänin, ihr Sohn sei Zauberer. Ich kam mir vor wie in einem Roman der Dreißigerjahre.

Später, in Nürnberg, ging ich mit drei Jungs vom Festival vorm Schlafen noch auf ein Bier in eine dunkle Rotlichtbar, die trügerisch mit Tabledance und Striptease warb, weil sie nicht sagen durfte, dass sie ein Bordell war. Gluckernder, loungiger Disco, melancholischer New Wave. Das Scheußliche verschwand. Ein Mädchen im asymmetrisch, absichtlich wie zerfetzt geschnittenen, weißen Minikleid lächelte mir zu, obwohl ich ein Eindringling war. Ein älterer Mann folgte ihr in eine der Nebenhöhlen, wir hörten sie leise reden. Ach, Sexualität.

Beim Frühstück im Hotel: ein scheußlicher Artikel gegen Flüchtlinge im Lesezirkel-„Focus“. Schlamm- und schattenfarbene Novemberdirndl in einem Schaufenster auf dem Weg zum Kino.

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Tom Laughlin in „Engel der Hölle“.

Engel der Hölle / Born Losers (Tom Laughlin, 1967)

In einem belebten, sommerlichen, kalifornischen Strandstädtchen hängen die Teeniemädchen am Rande eines illegalen Motorradrennens rum wie am Gatter einer Pferdekoppel. Sie flirten mit der Rockergang, spielen arglos mit dem Feuer. Zufällige Passanten, in unberechnet wechselndem Licht – so was mag ich sehr. Die Rocker sind Freibeuter. Pflücken und packen sich die Girls und vergewaltigen sie, weil/damit sie sich mächtig und bedrohlich fühlen. Ein selbstgefälliger, rauer Haufen unterschiedlichster Couleur. Viele haben dicke, kräftige, behaarte Arme und rufen einander mit Spitznamen wie Minimaul, Wanze, Mutter und Knäblein.

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Der Film charakterisiert sie alle liebevoll, mit kindlichem Selbstmachercharme. Gibt ihnen unverwechselbare, gut sichtbare, mit naiver Sorgfalt ausgeformte Merkmale.
Eine Art Karl Malden spielt den für Selbstjustiz eintretenden Vater einer überdeutlich gebrochenen Tochter. Sie ist eines der Opfer. All diese vergewaltigten Mädchen verweigern ihre Zeuginnenaussagen, weil sie sich nicht beschützt fühlen – die lethargische Polizei gibt Ihnen nur billige Ratschläge und redet sich auf ihren nur einen Wagen heraus, der ständig anderswo im Einsatz ist. So macht sich ein Außenseiter auf, die Gang zu stellen und sie der Justiz zu liefern. Billy Jack, den sie „Indianer“ nennen. Eigentlich ein aufs Pferdezähmen spezialisierter Cowboy, aber auf verlorenem Posten. Es gibt hier praktisch keine Pferde mehr, wird eindrücklich betont.

Beide Hauptdarsteller waren auch hinter der Kamera an der Produktion beteiligt: Tom Laughlin (Billy Jack) war der Regisseur, Elizabeth James (Vicky) schrieb das Drehbuch. Die groschenheftchenhafte Low Budget Verve kam damals erfreulich gut an; es gab sogar zwei Sequels. Die Mischung stimmte; die Figuren leben, atmen, leuchten, und sie haben, gut wie böse, Sexappeal. Der Film ist aufregend und leicht, wie ein Spiel. Wie Mofafahren, Ponyreiten, Schwimmengehen.

Billy Jack ist ein unabhängiger, lässiger Mann – der Typ, der an einem Grashalm kaut und viel draußen ist. Im Inneren seiner gesunden, kompakt gerundeten, sonnigen Erscheinung spürt man aber auch etwas Dunkles, Raubtierhaftes, das er beherrscht. Wie er so verschlossen herumschlendert und vom Rande aus beobachtet, erinnert er an magische, verwilderte Outdoormänner wie Marlon Brando oder Oliver Reed oder den Song „I’m on fire“ von Bruce Springsteen. Er ist ein Halbindianer, Vietnamveteran. Und er ist ganz allein. Es ist für ihn ein langer, zäher Kampf mit vielen Rückschlägen, bis die schweren Jungs besiegt sind. Der Film behandelt das so intensiv, umständlich und lange, dass man mit ihm in dieser schweren Arbeit versinkt.

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Vicky ist dasjenige der Opfermädchen, in das sich Billy Jack verliebt. Ein unabhängiges, stolzes, schutzloses, auffällig gekleidetes Geschöpf, ein unschuldig extravaganter Hingucker. Russ-Meyer-Frauen ähnlich, aber mädchenhafter; ihr Schnittlauchbubikopf steht im eigenwilligen Widerspruch zu ihren Kurven. Märchen beschreiben manchmal, wie ein Ritter jeden Tag in einer anderen Farbe zum Turnier erscheint. An Vicky ist, als wir sie zum ersten Mal mit ihrem Motorrad sehen, jedes Accessoire weiß: weißer Bikini, weißes Mini-Kopftuch, weiße Stiefel. Hübsch ihre Ironie, die Kulleraugen. Und die reizend genaue, eigenwillig übersetzte Synchro macht selbst kleine Mundgeräusche mit; im Trailer (siehe oben) hört man das auch bei einer anderen, dieses lustig verächtliche „äh“. Vicky gibt sich ungerührt und frech, aber das ist nur Trotz, mit dem sie sich gegen das ihr geschehene Unglück/Unrecht behauptet. Indianer blickt hinter die Fassade, mit Respekt, ohne ihr das zu zerstören.

Am Lagerfeuer in den Bergen, auf der Flucht vor der Gang, wuschelt er ihr durchs Haar wie einem Jungen. Sie haben einen kameradschaftlich scherzhaften, freundlichen Umgangsstil.

Sie ist Skorpion, er Löwe – das sagt ihnen in einer lieblich unnötigen, nur der Entspannung dienenden Szene ein Astrologe in einem Restaurant. Der Film hält sich überhaupt charmant nicht immer sehr an das, was er sich vorgenommen hat.

12Die Wohnungseinrichtungen zeigen uns artig die verschiedenen Milieus, denen die einzelnen Mädchen entstammen. Jane Russell, diese wilde, imposante Erscheinung im rasselnden Silberlamélook, haust mit ihrer verstörten Tochter in einer schlampigen Bude. Trotz ihrer äußerst anrüchigen, mondänen Erscheinung, ist sie streng auf den Ruf ihrer armen Tochter bedacht und empfindet die Vergewaltigung als deren Makel und Fehltritt. Russells fleischig „reife“ Arme, das kantig-grobe, besitzheischende Gesicht: Früher machten mir so durchsetzungsfähige, haarige (auch auf den Zähnen) ältere Frauen Angst. Jetzt kann ich mehr in ihnen erkennen, sogar den Sexappeal.

Eins der Mädchen sagt, wie zur Bestätigung populärpsychologischer Theorien über die rätselhafte Jugend, sie habe den Sex mit der Gang genossen und immer wieder gewollt. „Denn eins habt ihr mir bei aller Aufklärung und Warnung nicht gesagt: Dass es schön ist. Und diese Männer habe ich mir ausgesucht, weil sie alles das sind, was ihr hasst.“

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The Heroic Trio

The Heroic Trio (Johnny To, 1993)

Retten, retten, immer retten. Männer, Frauen, raue Mengen Babys retten, die wie Regen aus den Hochhausfenstern fallen. Drei hemmungslos energische Zauberfrauen mit makellos geschminkten Beautyfaces fangen sie in der Luft, verteidigen sie mit zackigen Wirbelwurfmessern, schwingen an Seilen oder balancieren über hoch gespannte Stromleitungen zu ihnen hin; der Film ist über weite Strecken ein vehementer, akrobatischer Tanz. Er spielt sich ab in einer Stadt aus milchiggrauen Betonwänden, in einem Krankenhaus mit bizarr fashionable gekleideten Krankenschwestern, in einer schattenreichen Küche, wo eine Frau mit einem dieser gewaltigen asiatischen Küchenmesser Gemüse schneidet.

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Sie glaubt traurig und selbstquälerisch, das Geheimnis ihres Zauberfrauendoppellebens vor ihrem netten Ehemann verbergen zu müssen. Alle drei Hexen haben solch ein persönliches Geheimnis. Sie mystifizieren, fürchten und bewundern einander und werden durch ihre gemeinsame Arbeit gegen das Böse Freundinnen. Chic und verwegen sind sie, wie avantgardistische Haute Couture Models. Einmal treffen sich zwei von ihnen nachts vor Strommästen und Überlandleitungen, in spektakulärer Laufstegmode, Stiefeln, Strapsen – ein abgefahrenes Bild (das ich leider nicht im Netz gefunden hab).

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Der Hauptfeind der drei Grazien ist ein gelblicher Zar, der in einem dunklen Zauberreich residiert. Selbst als Skelett mit Fleischfetzen hat er noch den unmenschlichen Willen, andere zu umklammern, sich in sie hinein zu fressen. Wie der „Gilb“ aus den alten Gardinenwaschmittelreklamen. In seinem Reich gibt es einen blutigen Bereich, wo sich Kinder aalen, die er schon infiziert hat. Die drei Superhexen, als sie dort vorbeikommen, sind sich bedenklich einig, dass die Kinder unrettbar verdorben sind und man sie sterben lassen muss…

heroic6Das störte mich, aber ich sah den Film ansonsten gern, besonders die eindringlichen Alptraummotive (von so einem Schwarm spatzengroßer Vögel, die jemandem in den Mund fliegen, hab ich selber mal geträumt). Er sieht auch Hexen und Frauen anders als ich es von Filmen gewohnt bin – draufgängerischer, größer, relevanter. Allerdings kenne ich nicht viele mythologische Actionfilme; vielleicht ist das, was ich hier mochte, gar nicht selten.

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Die Katze

Die Katze (Dominik Graf, 1988)

Ich war mal in einem Musikclub in einem Nebenraum, wohin sich die Rausschmeißer während einer Schlägerei zum Verschnaufen zurückzogen. Ich war überrascht, wie aufgeregt und angstvoll sie waren. Die Fassaden, so lange sie bloß kontrollierend an den Türen stehen, waren fort; auf einmal konnte ich mit ihnen fühlen. Sie atmeten heftig, bis zum Anschlag aufgedreht, adrenalingeschüttelt.

„Die Katze“ spielt treffend und packend in solch einer schwitzigen und harten Atmosphäre, einer hypernervösen Stresssituation unter Männern, die zu hoch gepokert haben. Das sieht alles echt und aufregend aus: Götz George, der unter den Autos im Parkhaus herum rutscht, um eine Lunte zu legen. Der Riesenbrand, den das entfacht, die explodierenden Autos, die Verletzten, die Wolke und das Durcheinander des Polizeieinsatzes. Die schlaue, neugierige Kamera. Die lebhaften Schauspieler, besonders in der Bank, während der Geiselnahme, wenn die anarchische Situation alle antörnt und aufkratzt. Besonders gut: Heinz Hoenig, wie er in seinem Brast rotiert. Zu einer Geisel hintänzelt, die in einer absurden Übersprunghandlung wider Willen lacht. Sie packt und grotesk gönnerisch und kumpelhaft „endlich lacht mal eine“ sagt. Als Kontrapunkt: der cool verstockte und gelackmeierte Ulrich Gebauer als Filialleiter, vor Empörung bleich, kalt, clever. Gudrun Landgrebes und Heinz Hoenigs helle, bunte, aus ihren Gesichtern leuchtende Augen. Die rockig muskulöse Körpergröße, Spannung und Beweglichkeit der Perspektiven, Bilder und Aktionen. In meinem recht proletarisch geprägten Umfeld sah den Film damals jeder, und alle wollten Götz George (zumal es einen Moment gibt, in dem man ihn nackt von hinten sieht.)

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Brigitte Nielsen in „Die City Cobra“

Die City Cobra (George Pan Cosmatos, 1986)

cobrafSylvester Stallone und Brigitte Nielsen haben eine herzerfrischende Art miteinander. Es scheint, die beiden mögen sich, menschlich, in sympathischem Widerspruch zu ihrem starren, ikonischen Action- bzw. Barbiepuppenimage. Sie sehen sich auch ähnlich mit ihren knuffigen, etwas welpenartigen Gesichtern – seinen Bassettaugen, ihren wie verletzt geschwollenen Lippen. Ihre sensationell rasante Figur nimmt sie lässig und natürlich einfach so hin. Nur wenn sie als Starmodel posiert, gibt sie sich bewusst aufreizend, in diesem weltberühmten weißen Bade-Einteiler, der – fast lächerlich überzogen, aber scharf – so straff zwischen ihren Schultern und dem Schritt gespannt ist, als würde er ständig ihre Muschi stimulieren. In den von der Handlung absehenden Nebendialogen geht es putzig pädagogisch oft um Ernährung. Der Selbstkontrollfreak City Cobra ermahnt seinen Kollegen, nicht so viele Süßigkeiten zu essen und schaut fassungslos zu, wie Nielsen, diese erotische, elegante Lady, ihm gegenüber im Imbiss sich immer noch mehr Ketchup aus der Tube auf die Fritten drückt. Sein Staunen quittiert sie souverän und süß mit einem Lächeln.

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Bei einem Festival fallen einem manchmal Motive auf, die die Filme zufällig verbinden, je nachdem, was einen unbewusst beschäftigt. Diesmal: Die Kleiderfarbe Weiß. Waffen (Bissige Killermesser. Die Geräusche beim Montieren von Gewehren). Ein burschikos freundlicher, spielerischer Umgang von Mann und Frau, mit Sympathie und Interesse wuttkesäge 3(auch bei den netten, unangestrengten Gesprächen zwischen den „Karacho“-Filmen und im Restaurant). – „Ich habe mich mit der Wirklichkeit jetzt vierzig Jahre abgeplagt, und ich bin froh, sie nun endlich überwunden zu haben“, sagte James Stewart in „Mein Freund Harvey“, als ich wieder daheim war. Am selben Tag fand ich unter dem Laub im Garten diese von unserem Einmal-im-Jahr-Gärtner vergessene Mördersäge.

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Über den Autor

Silvia Szymanski, geb. 1958 in Merkstein, war Sängerin/Songwriterin der Band "The Me-Janes" und veröffentlichte 1997 ihren Debutroman "Chemische Reinigung". Weitere Romane, Storys und Artikel folgten.

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