Revolver – Die perfekte Erpressung

Von  //  26. April 2015  //  Tagged: , , , , ,  //  2 Kommentare

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Kurz nachdem ein bedeutendes Mitglied der Ölindustrie mitten auf der Straße erschossen wurde, erhält der ehemalige Polizist und jetzige Gefängniswärter Vito Cipriani (Oliver Reed) einen Anruf: Ein Unbekannter behauptet, Ciprianis Frau Anna (Agostina Belli) entführt zu haben. Will er sie lebend wiedersehen, muss er dem in seinem Gefängnis inhaftierten Kriminellen Milo Ruiz (Fabio Testi) zur Flucht verhelfen. Cipriani willigt ein, doch als er Ruiz nach seinen Helfern fragt, hat dieser keinerlei Ahnung, wer ein Interesse an seiner Freilassung haben könnte. Gemeinsam versuchen die beiden zu ergründen, was hinter der Erpressung steckt – und stoßen auf ein Komplott, das von ganz oben orchestriert wird …

Die politische Situation im Italien der Siebzigerjahre – auch „die bleiernen Jahre“ genannt – war ähnlich wie in Deutschland aufgeheizt und von enormen gesellschaftlichen Umwälzungen bestimmt. Die Machtkämpfe zwischen linken und rechten politischen Kräften kulminierten in zahlreichen Terroranschlägen, von denen der erste im Jahr 1969, ein Bombenattentat auf dem Mailänder Piazza Fontana, dem Standort der Banca Nazionale dell’Agricoltura, 17 Todesopfer und 88 Verletzte zur Folge hatte. Die Phase des Terrors, die im Jahr 1978 ihren Gipfel mit einer Zahl von insgesamt 2400 Terroranschlägen erreichte, dauerte bis 1980 an. Historiker datieren ihren Endpunkt auf den 2. August, als 85 Menschen bei der Explosion einer Bombe im Bahnhofsgebäude von Bologna ihr Leben verloren. Das sogenannte Cinema di denuncia – eine besondere Spielart des gesellschaftskritischen italienischen Kinos der Sechziger- und Siebzigerjahre – begleitete diese gesellschaftliche Entwicklung mit ernüchtertem Blick, der Poliziottesco, der italienische Polizeifilm, darf vielleicht als sein proletarischer kleiner Bruder bezeichnet werden: Hier steht der Polizist einer Übermacht des Verbrechens gegenüber, gegen das er keine Handhabe hat, da ihm das System, das ihn eigentlich unterstützen sollte, bei der Ausübung seiner Tätigkeit meist noch im Weg steht.

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REVOLVER – DIE PERFEKTE ERPRESSUNG wird oft als Vertreter des italienischen Polizeifilms bezeichnet, aber diese Genrezuweisung ist tatsächlich höchst ungenau. Nicht nur, dass Protagonist Cipriani in erster Linie als Privatperson handelt und polizeiliche Ermittlungen nicht im Mittelpunkt des Interesses stehen: Regisseur Sollima legt auch deutlich größeren Wert auf eine glaubwürdige Charakterentwicklung als auf die das Genre wesentlich bestimmenden Actionszenen. Sein Film lebt ganz vom Zusammenspiel seiner beiden Hauptdarsteller: Oliver Reed war laut Berichten während der Dreharbeiten durchgehend betrunken und zeigt mit seiner Leistung hier, dass er im wahrsten Sinne des Wortes ein „Voll“-Profi war. Mit blutunterlaufenen, feucht glänzenden Augen und aufgesprungener Gesichtshaut tanzt er als Cipriani auf der Rasierklinge zwischen Amoklauf und Zusammenbruch. Die Angst, dass er seine Frau vielleicht nie mehr wiedersehen könnte, macht ihn sichtbar irre. Dennoch entwickelt sich zwischen ihm und Ruiz eine Freundschaft, die darauf beruht, dass beiden von unsichtbaren, unbekannten Kräften gleichermaßen übel mitgespielt wird. Fabio Testi, ein gutaussehender italienischer Schauspieler, der einst als Stuntman anfing, weiß sich neben dem britischen Schwergewicht durchaus zu behaupten und seinen glücklosen Gewohnheitsverbrecher mit einiger Tragik aufzuladen. Wäre REVOLVER – EINE PERFEKTE ERPRESSUNG amerikanischen Ursprungs, handelte es sich wahrscheinlich um eine Buddy-Komödie, in einem Poliziottesco räumten Cipriani und Ruiz mit vereinten Kräften und entsprechender Firepower mit den Schurken auf. Das der Zuschauer es aber mit einem Film von Sergio Sollima zu tun hat, darf er sich auf einen deutlich weniger vorhersehbaren Ablauf freuen. In seinem Finale mutiert REVOLVER – DIE PERFEKTE ERPRESSUNG zu einem erschütternden, desillusionierten Drama mit deutlich kafkaesker Note, wird die während der gesamten Spielzeit bereits allgegenwärtige Atmosphäre der Bedrohung endgültig auf die Spitze getrieben. Sollima zeichnet eine Welt, in der die „kleinen Leute“, seien es nun Beamte wie Cipriani oder Ganoven wie Ruiz, nur Bauern sind, die von den wirklichen Machthabern mitleidlos über das Schachbrett gezogen werden, um den König zu schützen. Mit der oft plumpen Agitation des Poliziottesco hat das aber nur wenig zu tun, weil Sollima so ehrlich ist, zu erkennen, dass es nicht zuletzt die Feigheit und Bequemlichkeit der Bürger ist, die den Status quo erst zementiert. Ciprinai hat seine Frau am Ende zurück, aber sein leerer Blick enttarnt einen vollkommen ausgehöhlten Mann. Das Leben, um das er so erbittert gekämpft hat, hat jeglichen Wert verloren.

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Regisseur Sergio Sollima nimmt in der Welt des italienischen Kinos der Sechziger- und Siebzigerjahre eine Sonderstellung ein. 1921 geboren, begann er seine Karriere in den Fünfzigerjahren als Drehbuchautor (eine Tätigkeit, die er später beibehalten sollte: seine Filme basieren allesamt auf von ihm selbst verfassten Drehbüchern), bevor er 1962 sein Regiedebüt feierte. Seinen unter Freunden des europäischen Genrefilms ausgesprochen gute Ruf erarbeitete er sich mit seinen drei Italowestern, die er allesamt mit Tomas Milian realisierte: die beiden leuchtenden Meisterwerke DER GEHETZTE DER SIERRA MADRE (La resa dei conti, 1966) und VON ANGESICHT ZU ANGESICHT (Faccia a faccia, 1967) sowie LAUF UM DEIN LEBEN (Corri uomo corri, 1968). Es folgten der international besetzte Charles-Bronson-Film BRUTALE STADT (Città violenta, 1970), das hierzulande nur im Fernsehen verwertete Drama DER TEUFEL KOMMT NACHTS (Il diavolo nel cervello, 1972) und eben der Gegenstand dieser Rezension, REVOLVER – DIE PERFEKTE ERPRESSUNG. Für die Produktion der erfolgreichen Miniserie DER TIGER VON MALAYSIA (Sandokan, 1976) verschlug es Sollima danach ins Fernsehen, dem er bis zu seinem Karriereende von zwei Ausnahmen abgesehen treu bleiben sollte. Anders als die meisten von Sollimas italienischen Regiekollegen jener Zeit, die gemeinsam ein insgesamt sehr homogenes populäres Kino schufen, wirken seine Filme stilistisch auf positive Art und Weise „heimatlos“, eher europäisch als dezidiert italienisch. Internationale Stars wie Stewart Granger, Peter van Eyck, Chares Bronson, Telly Savalas, Jill Ireland, Keir Dullea oder eben Oliver Reed lockern seine Besetzungslisteen auf, statt durch wilde Exploitation zeichnen sich seine Filme eher durch Ruhe und Geduld aus, Eigenschaften, die sonst nicht gerade typisch für das oft heißblütige, hyperventilierende Kino seiner Landsleute sind. Das macht REVOLVER – DIE PERFEKTE ERPRESSUNG zu einem absolut eigenständigen, unverzichtbaren Film – nicht nur für Freunde des populären italienischen Kinos.

Zur DVD
Colosseo Film kommt der Verdienst zu, REVOLVER – DIE PERFEKTE ERPRESSUNG mit dieser DVD in Deutschland digital verfügbar gemacht zu haben. Der Film wurde seinerzeit weder im Kino noch anschließend auf Video verwertet, sondern erstmals 1995 in allerdings geschnittener Fassung im MDR gezeigt. Die deutsche Synchronisation stammt ebenfalls noch aus jener Zeit und wurde wahrscheinlich vom deutschen Produzenten Hans Brockmann in Auftrag gegeben. Sie unterstreicht mit ihrem ruhigen, sachlichen Ton Sollimas Inszenierung und verstärkt den Eindruck, es eher mit einem französischen statt mit einem italienischen Gangsterfilm zu tun zu haben. Wem die Synchro nicht gefällt, wählt alternativ den englischen O-Ton, in dem auch die vormals geschnittenen und wieder eingefügten Szenen gehalten sind. An der Bildqualität gibt es nichts auszusetzen. Ein 18-minütiges Interview mit Hauptdarsteller Fabio Testi, Trailer und Bildmaterial runden die lohnenswerte Veröffentlichung ab, die im Pappschuber mit Wendecover kommt.

Revolver – Die perfekte Erpressung (Revolver, Sergio Sollima, Italien/Frankreich/Deutschland 1973)


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Lebt in Düsseldorf, schaut Filme und schreibt drüber.

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