Die Flucht

Von  //  2. Dezember 2014  //  Tagged: , ,  //  2 Kommentare

Foto: Jamal Tuschick
Foto: Jamal Tuschick

„Es ging nur noch ums Sterben“ Fluchtweg Ostsee – Die Geschichte der Familie Sender

Im Jahr der Mauer, doch vor ihrem Bau, zieht das westdeutsche Ehepaar Sender in die DDR. Kleine Verwerfungen (vielleicht auch Verfehlungen des Gatten Heinz-Georg) könnten den Landwechsel motiviert haben. Wohlbedacht war er nicht. Die Senders glühen nicht für den Sozialismus, sie erscheinen als Verirrte in der deutschen Geschichte. Der Eiserne Vorhang fällt. Ein Paar sitzt in der Falle. In Schwerin wächst es zu einer Familie mit drei Kindern heran. Ausreiseanträge werden abgelehnt. Der Staat zeigt seine Instrumente. Man könne die Kinder von den Eltern trennen, da offensichtlich nicht im sozialistischen Sinne erzogen würde. Die Behörden drohen mit Gefängnis. Sie versprechen, dass es in diesem Fall keinen Freikauf geben wird. Getrieben von Angst und Zorn, entschließen sich die Bedrohten zur illegalen Ausreise über die Ostsee. Sie wagen die Flucht im eiskalten März Siebenundsiebzig. Zur Verfügung stehen ihnen zwei Kajaks. Womöglich wissen sie nicht, dass Unterwassermikrofone den Küstenstreifen sichern. Ihre nautischen Kenntnisse sind bescheiden. Die Ostsee ist für sie eine große Badewanne.

Der dänische Journalist Jesper Clemmensen hat die Geschichte der Familie Senger und den tragischen Ausgang ihrer Flucht recherchiert. Vor zwei Jahren veröffentlichte er „Flugtrute: Østersøen“. Der Sachbuchtitel wird demnächst auf Deutsch erscheinen. Es gibt auch einen Dokumentarfilm von Clemmensen zum Thema: „Die Flucht“. An einem könglich-dänischen Abend präsentiert der Journalist die Dokumentation im Berliner Felleshus (Gemeinschaftshaus) der Nordischen Botschaften. Clemmensen ist ein versierter Film-Erzähler, er weiß, was er seinem Stoff schuldet. Man darf eine gute Geschichte nicht verschenken, nur weil sie böse endet. Der Kalte Krieg koinzidiert mit dem Frost in der Mecklenburger Bucht. Heiligendamm zeichnet seine Schemen an den nächtlichen Himmel. Zu dieser Jahreszeit ist jeder Fremde verdächtig. Einheimische bemerken einen LKW am Strand und machen Meldung. „Fahrbereit“ sei der Wagen vorgefunden worden. So sagt es der kriminaltechnische Bericht.

Man sieht schwarzweiße Ermittlungsfotos. Zeugnisse der Akribie und einer historischen Routine. Der Zündschlüssel wird in einem Einmachglas geborgen. Die Polizei stellt den Halter fest und schließt auf den Fahrer. Nun fahnden die Instanzen nach Heinz-Georg Sender und seiner Familie.

Clemmensen wuchs in der Gegend auf, wo immer wieder deutsche Flüchtlinge an Land gingen. Darüber sprach man nicht. Es war ein offenes Geheimnis der Gesellschaft. Ob das Geheimnis eine Schutzfunktion hatte oder unter dem Deckel eines Tabus gehalten wurde, bleibt unklar. Zehn Jahre investierte der Autor in die Informationsbeschaffung. Er erklärt: „Mere end 6000 forsøgte, men chancen for at slippe uset gennem den skarpt bevogtede kystlinje og over Østersøen var minimal. Færre end 1000 havde heldet med sig. Bogen fortæller om de ukendte dramaer fra en tid, der ikke ligger langt væk.“

„Die DDR und Dänemark waren Nachbarstaaten, getrennt durch die Ostsee.“ An klaren Tagen konnte man die Küsten mit bloßem Auge erkennen. „Fast 6000 Menschen wagten die Flucht. Doch nur etwa 1000 Flüchtlingen gelang es, auf die andere Seite zu kommen, fast 200 verloren bei den Versuchen ihr Leben. Auf diese Weise kamen mehr Menschen ums Leben als bei der Flucht über die Mauer.“

Am Anfang der Recherche fragte sich Clemmensen: „Ist das wirklich passiert? In meiner Ostsee! In Dänemark fand der Kalte Krieg nicht statt.“

Das Thema lässt ihn nicht mehr los. Der Journalist ermittelt fünfzig Schicksale, er beschränkt sich in seinen Erzählungen auf fünfundzwanzig. Im Film geht es nur um das Senderschicksal. Christoph S. tritt gefasst und trotzdem fassungslos als Gewährsmann und Kronzeuge auf. Clemmensen unternimmt mit dem Sendersohn „eine Reise in die Vergangenheit“.

Die Überlebenden sprachen nie über jene Ereignisse, die fortan ihr Leben überschatteten. Zunächst sei das Meer ruhig gewesen, dann nicht mehr. Der Vater und die Schwestern kentern. Heinz-Georg Sender wird abgetrieben und ist bald nicht mehr zu sehen. Die Schwestern Susanne und Beate sterben vor den Augen von Mutter und Bruder. „Es war kein Platz mehr in unserem Boot“, sagt Christoph einfach. Es hätten nur alle sterben können.

Die Mutter kann nicht darüber reden. Die Kamera stellt ihr nach, eine einzige Bemerkung gibt es von Ulla Sender und auch die geht ihr kaum über die Lippen. Ein Leben in Schuld und Verzweiflung. Christoph kämpft um eine (wenigstens für seine Nachkommen) unbelastete Existenz. Er wirkt stark – ein resilienter Charakter. Als hätte man ihn sich ausgedacht.

Doch sieht man die Spuren der seelischen Verwüstung. Christoph schlafwandelt auf den Schauplätzen seiner Schweriner Kindheit. Die Mutter ist „Kindergarten-Erzieherin“, der Vater Regel- und Messtechniker mit einer Vergangenheit bei der Bundeswehr. Vater und Sohn verbindet die Angelleidenschaft. Man sieht sich „als eingesperrte Bundesbürger“.

Westverwandtschaft kommt zu Besuch. Es geht trotz allem lebhaft und leichtfüßig zu.

Clemmensen erinnert im Film an Hoffnungen, die republikmüde DDR-Bürger in die Schlussakte von Helsinki 1975 setzten. Er zeigt Honecker: nobilitiert von der Präsenz des amerikanischen Präsidenten Gerald Ford. Auch Heinz-Georg rennt mit den finnischen Versprechungen durch Behördenkorridore. Doch ist die DDR mucksch, wenn es um diesen Sender geht. Erst macht er in die falsche Richtung rüber, dann dient er sich der Stasi an. Dann will er Informant mit eigenen Regeln sein. Der glaubt wohl, er könne amtliche Nasen zu seinem Tanzboden machen. Es bleibt nur die Flucht.

„Es ging nur noch ums Sterben“, sagt Christoph. „Wir haben ihnen Mut zugesprochen. Den Mut, zu sterben.“

Die dänische Fähre M/F Dronning Ingrid nimmt die Überlebenden auf. Ein großes Unglück nimmt seinen Lauf.

Dänemark 2014. Dokumentarfilm. Regie: Jesper Clemmensen

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2 Kommentare zu "Die Flucht"

  1. Claus Rasch 5. Februar 2017 um 16:23 · Antworten

    Ich habe als Kind mit etwa 10 Jahren , also etwa 1957, Heinz-Georg Sender kennengelernt. Er war auf unserem Gutshof als Treckerfahrer beschäftigt. Wir Kinder fanden ihn ganz toll. Es gibt noch einiges über ihn zu berichten, das sollten aber nur die Familienangehörigen erfahren.

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