Ouanga

Von  //  2. Juli 2014  //  Tagged: , , ,  //  Keine Kommentare

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Der erste Zombie-Film, WHITE ZOMBIE (1932), darf als bekannt vorausgesetzt werden; gefolgt wurde er bis in die 60er von zumeist wenig bedeutenden B-Produktionen (I WALKED WITH A ZOMBIE ausgenommen). Kaum bekannt ist dagegen OUANGA (1936 – nach manchen Quellen bereits 1933 gedreht), der zweite seines Stammes, was umso bedauerlicher ist, als der Film seine Qualitäten hat und vielleicht sogar  interessanter ist als seine Entstehungsgeschichte: Stummfilmveteran George Terwilliger (Drehbuch und Regie) karrte die Crew tatsächlich zum Schauplatz des Geschehens, nach Haiti, wo man authentische Voodoozeremonien mitfilmen wollte. Die Haitianer erweisen sich indes nicht als begeistert, und man floh hastig nach Jamaica.

Wir beginnen mit einer kurzen Travelogue-Einführung: Kuck mal, wie idyllisch die westindischen Inseln so sind… zumindest bei Tag, denn nachts

seemingly from everywhere comes the throbbing, pulsating beat of the voodoo drums… drums… drums…

und wir sind mitten in einer Voodoo-Zeremonie, in der Fredi Washington (in der Rolle der Clelie) schnieke aussieht, während man ihr ein beschützendes Wanga umhängt: „Shall I loose it, may evil and death come upon me.“

ouanga (2)

Good old foreboding! Längst hat sich der Filmfan kerzengerade aufgerichtet. Terwilliger und/oder Kameramann Carl Berger finden Bilder, die selbst durch die elende Qualität der vorliegenden Kopie schimmern, die Voodoomusik ist klasse und der durch einen nonchalanten Zwischentitel angekündigte Szenenwechsel auf einen Ozeandampfer erfreut durch seine Geradlinigkeit: Clelie steht sauer im Abseits und beobachtet, wie Adam, der weiße Sohn eines Plantagenbesitzers, mit einer weißen Frau namens Eve herummacht.

Ja, dies ist eine der ersten gemischtrassigen Liebesgeschichten des US-Films – wenn das Drehjahr 1933 korrekt ist, liegt sie noch vor IMITATION OF LIFE, übrigens auch mit Fredi Washington, die 1945 zu Protokoll gab:

You see I’m a mighty proud gal and I can’t for the life of me, find any valid reason why anyone should lie about their origin or anything else for that matter. Frankly, I do not ascribe to the stupid theory of white supremacy and to try to hide the fact that I am a Negro for economic or any other reasons, if I do I would be agreeing to be a Negro makes me inferior and that I have swallowed whole hog all of the propaganda dished out by our fascist-minded white citizens.

Hut ab vor der Dame, die im übrigen selbst unter den abenteuerlichen Umständen dieser Independent-Produktion überzeugt – freilich dauert es, vor allem in der vorliegenden Kopie, einige Zeit, bis man verstanden hat, dass sie eine Schwarze verkörpert. Immerhin reden wir von einem Film, in dem selbst Sheldon Leonard – eher bekannt als verlässlicher Gangsterdarsteller, erfolgreicher TV-Produzent und posthumer Namensgeber für die Hauptfiguren von THE BIG BANG THEORY – in doch merkbarem Widerspruch zu seiner jüdischen Abstammung ohne Make-Up einen Schwarzen spielt.

Clelie hat inzwischen Adam angesprochen, und es wird mit beachtenswerter Offenheit (ein starkes Indiz für das Produktionsjahr 1933) ausgesprochen, dass Clelie ihm zwar eine nette Bettgeschichte war („you were wonderful during those two lonely years, and I loved you immensely“), aber „the barrier of blood that separates us can’t be overcome“, da hilft es auch nichts, dass sie sich demütigt („Oh, I’ll be your slave,  anything!“) – Adam wird Eve heiraten.

Harte Sache, das. Wie gut, dass es comic relief-Butler und -Zofe gibt, und wie gut, dass das Script doch tatsächlich etwas mit diesen Figuren anzufangen weiß, ohne uns auf die Nerven zu gehen. Und schon sind wir in Haiti und lernen LeStrange kennen, den von Sheldon Leonard gespielten Aufseher von Adams Farm, der unglücklich für Clelie schwärmt. Ehe wir aber ob der zu befürchtenden Corniness aufseufzen können, überrascht uns der Film schon wieder – diesmal mit einer so unauffälligen und unaufdringlichen wie grandiosen Totale des Hafens, die vermutlich nicht geplant war (aber gepriesen sei der Film, den der Zufall so segnet). Clelie und LeStrange führen nun eine Expositions-Unterhaltung, die nochmals die bekannten Themen hervorhebt („If I can’t have him, nobody will!“), aber  auch weiterentwickelt. An dieser Stelle stoßen wir freilich auch auf das größte Problem des Films, nämlich Sheldon Leonard.

Breiten wir den Mantel des Schweigens über ihn. Hush, hush, Sheldon. In ein paar Jahren wirst du ein besserer Schauspieler sein. Immerhin warst du, drei Jahrzehnte vor Captain Kirk, Teilhaber eines gemischtrassigen Leinwandkusses, denn auch damals hat dir niemand den Schwarzen geglaubt.

Aber schon leistet sich der Film wieder etwas, das wir rechtens nicht erwarten dürften – ein flüssiges Cross-Cutting zwischen einer Voodoo-Zeremonie und einer „weißen“ Party mit integriertem Flashback. Dann gibt es freilich wieder dramatische Dialogszenen, die so steif sind wie in jedem beliebigen Monogram-Produkt, aber immerhin führen sie zur Halbzeit des Films dazu, das Clelie zwei Zombies aus den Gräbern holt.

Und Eve, die dem Tod durch Voodoo zuvor knapp entronnen ist, hört in einem Fort Wald die Trommeln… die Trommeln… die Trommeln…

… ehe die Zombies kommen. (Eves Tante berichtet entsetzt: „I came out of the house just in time to see two hulking negroes making away with Eve!“) Clelie begutachtet die hypnotisierte Eve („a placcid white-blooded thing like you to make Adam happy?“), als sich LeStrange einmischt und prompt erschossen wird (geht schneller als Voodoo). Und Eve soll geopfert werden…

Ja, das knirscht in Early 30ies-Manier, niemand wird es mit Lewton oder Romero verwechseln und seine Grundhaltung ist weniger die eines Horrorfilms als eines regulären Reißers, was noch durch die Konservenmusik unterstrichen wird, die, insgesamt gut ausgewählt, eher Action als Atmosphäre betont. Zwar gehen so Möglichkeiten verloren – es gibt nichts in OUANGA, was so beunruhigend ist wie Lugosis Verhältnis zu Robert Frazer in WHITE ZOMBIE – , andererseits ist es schon wieder erfrischend, wie sich niemand, auch der Film selbst nicht, wirklich groß über Voodoo wundert: Der Höhepunkt der Skepsis wird von Adam erreicht, der zuerst zweifelt, aber nach dem ersten handfesten Beweis ohne großes Aufsehen seine Haltung revidiert: Oops, da hab‘ ich mich wohl geirrt. Vor allem aber lässt sich OUANGA einfach genießen: Der Film fließt, und stilistische Feinheiten werden so nebenbei serviert, als wären sie nichts besonderes und als würden die meisten Hollywood-B-Filme dieser Zeit daneben nicht wie Buchstabierübungen aussehen. Terwilligers IMDB-Filmographie listet 81 Regie-Credits; dass OUANGA sein letzter Film (und einziger Tonfilm) war, kann man bedauern.

 

Ouanga/Love Wanga (George Terwilliger, USA 1933/1936)


Über den Autor

Andreas Poletz (1185 bis 1231), aus Chorazin gebürtig, beschrieb seine Seele als »einen schrecklichen Sturm, umhüllt von ewiger Nacht«, und behauptete, dass er aus Verzweiflung begann, seine Hände und Arme zu zerfleischen und mit den Zähnen bis auf die Knochen zu zernagen (incipit manus et bracchia dilacerare et cum dentibus corrodere useque ad ossa). Ist aber nicht wahr.

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