The Counselor

Von  //  21. Juni 2014  //  Tagged:  //  1 Kommentar

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Alle klagen über die mangelnde Innovationsbereitschaft Hollywoods. Aber wenn sich einmal jemand tatsächlich etwas traut, wird er dafür nicht selten gnadenlos abgestraft. So jagten 2013 die Kritiker weltweit Ridley Scott, wie die Geparden die Hasen in dessen Film The Counselor. Das auf dem ersten Originaldrehbuch von Cormac McCarthy basierende eigensinnige Thrillerdrama entstand bezeichnenderweise zu der Zeit, als sich Ridley Scotts Bruder Tony in Los Angeles von einer Brücke in den Tod sprang…

The Counselor zeigt eine Welt der Hyänen, in welcher die blanke Gier regiert. Der von Michael Fassbender gespielte namenlose Anwalt und Berater (der Counselor) ist jedoch so naiv zu denken, „dass er sich in dieser Welt bewegen könne, ohne ein Teil von ihr zu sein“. So lässt sich der so blasierte, wie blasse Counselor auf einen Deal mit der mexikanischen Drogenmafia ein. Geld kann der vermögende Anwalt tatsächlich noch weiteres gebrauchen. Hat er Laura (Penélope Cruz), der repräsentativen Dame an seiner Seite, doch gerade einen unverschämt teuren Diamantring gekauft.

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Dabei macht der grenzdebile Gangster Reiner (Javier Bardem) seinem Freund dem Counselor unmissverständlich klar, dass mit den mexikanischen Drogenbossen nicht zu spaßen ist. Als Beispiel für deren Methoden nennt er den „Bolito“: ein teuflisches Tötungsinstrument, bei welchem dem Opfer heimlich eine unzerstörbare Drahtschlinge um den Kopf geworfen wird, die sich so lange automatisch zusammenzieht, bis das Blut in Fontänen spritzt und manchmal der ganze Kopf abreißt. Noch deutlicher wird der einen Cowboyhut tragende Westray (Brad Pitt). Der sich in Coolness suhlende Verbindungsmann zum Drogenkartell gibt dem Counselor unumwunden die Empfehlung zu seinem eigenen Besten die Finger aus der Sache herauszulassen. Doch der Counselor will nicht hören und so nimmt das Verhängnis unaufhörlich seinen Lauf…

The Counselor ist ein unverschämt guter Film, aber nicht die Art von Film, die man von ausgerechnet von jemanden wie Ridley Scott erwartet hätte. – Der Brite zerrt noch immer von dem Ruhm, die ihm seine beiden Sci-Fi-Überklasiker Alien (1979) und Blade Runner (1982) eingebracht haben. Somit ist dem Regisseur ein ewiger Platz in der Filmgeschichte gewiss, auch wenn die meisten seiner folgenden Filme nicht viel mehr, als perfekt gefilmte Stangenware sind. So besticht auch The Councelor zunächst einmal durch seine poppige Hochglanzoptik, die Scotts Herkunft aus der Werbefilmbranche verrät. Doch daneben treten eine Reihe von Elementen, die man zwar bei dem überschätzten Plagiator Quentin Tarantino bejubeln würde, nicht jedoch bei einem Regie-Routiner wie Ridley Scott.

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The Counselor tanzt innerhalb von Scotts Werk angenehm aus der Reihe, da der Film von einem Übermaß an trockenem Humor gekennzeichnet ist, wie er ansonsten nicht in zehn weiteren Filmen des Regisseurs vorkommt. Das ist jedoch weniger der Verdienst Scotts, als der des Drehbuchautors Cormac McCathy. Dass der Pulitzer-Preiträger ein Freund tiefschwarzen und furztrockenen Humors ist, ist spätestens seit der kongenialen Verfilmung seines Buches No Country for Old Men durch die Coen Brothers bekannt. In The Counselor kehrt McCarthy erneut in das öde Grenzland zu Mexiko zurück, um eine ähnlich bitterböse Geschichte wie in No Country for Old Men zu erzählen.

Passenderweise ist mit dem für seine Rolle des psychopathischen Killers in No Country for Old Men verdienterweise oscarprämierten Javier Bardem einer der wichtigsten Schauspieler erneut an Bord. Geradezu kalkuliert provokativ wirkt der Kontrast seiner neuen Figur. Der neureiche Trottel Reiner ist das genaue Gegenteil der stoischen Tötungsmaschine, die Bardem in No Country for Old Men verkörperte. Beiden Rollen gemeinsam ist jedoch die gnadenlose Überzeichnung der Charaktere. Aber was in einem Film der Coen Brothers für Begeisterung sorgt, wirkt in einem Film von Ridley Scott für viele nur wie lustlose Schauspielerei.

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Noch mehr over the top, als der von ihr um den ganz kleinen Finger gewickelte Reiner, ist die von Cameron Diaz gespielte Malkina. Die Szene, in der Malkina auf der Windschutzscheibe eines Ferraris mit wild gespreizten Beinen vor Reiners aus den Höhlen quellenden Augen voller Geilheit die Luxuskarosse fickt, gehört zu den einsamen Höhepunkten des Films. – Das wäre jedenfalls der allgemeine Konsens, wäre The Councelor ein Produkt von Quentin Tarantino oder dessen kleinem Bruder Robert Rodriguez. Doch während man bei diesen beiden ewigen Kindern solch einen infantilen Humor erwartet und beklatscht, nimmt man solche parodistischen Einlagen Ridley Scott doch recht krumm. – Vielleicht war der Selbstmord seines Bruders während des Drehs von The Counselor ein auslösendes Moment dafür, dass Scott in diesem Film kräftig auf jedwede reflexartigen Erwartungshaltungen scheißt.

Außer für seine „unglaubwürdigen“ Charaktere wird The Counselor auch für seine „rudimentäre“ Handlung gerügt. Dabei verzichtet Cormac McCathy nur bewusst auf die Überdeutlichkeit und die in den Dialogen anschließend noch einmal gedoppelte Handlung, wie sie seit langen zum Hollywood-Standard gehört. Die Folge ist, dass man in diesem Film als Zuschauer ungewohnter Weise einmal selbst aufpassen muss, was gerade genau geschieht, da es später nicht noch einmal in unsäglich gekünstelt-konstruierten Dialogen wiedergekäut wird. Ein weiterer Effekt ist, dass sich direkt vermittelt, wie undurchschaubar diese gefährliche Welt für den Counselor ist. Oft weiß der Zuschauer nicht viel mehr, als der desorientiert-naive Protagonist und muss sich deshalb die einzelnen Bruchstücke selbst zusammenreimen.

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Doch das Skript von McCarthy ist bis ins letzte Detail hinein durchdacht. Das zeigt sich nicht nur an so plakativ symbolischen Szenen, wie dem anfänglich gezeigten Geparden, der einen kleinen Hasen jagt. So wird einem erst bei der zweiten Sichtung des Films bewusst, dass in der allerersten Szene des Films, welche den Counselor beim Liebesspiel mit Laura zeigt, im Hintergrund ein Motorradfahrer zu sehen ist. Im Nachhinein zeigt sich in diesem winzigen Detail, wie der Schatten des Schicksals sich bereits über das Glück dieser idyllischen Zweisamkeit legt. Zugleich dient diese Bettszene dazu zu verdeutlichen, was der Counselor zu verlieren riskiert. Man sieht ebenfalls bereits, dass Laura für den Counselor in erster Linie ein weiteres Stück Besitztum darstellt und dass der arrogante Egomane sich selbst beim Sex vor allem an seiner eigenen Zungenfertigkeit ergötzt.

Der Film zeigt, dass der Counselor, Reiner und Westray ebenso gierige Gangster, wie die mexikanischen Clanmitglieder sind. Doch sind sie den skrupellosen Mexikanern aufgrund ihrer Naivität und ihrer Inkonsequenz unterlegen. Die Mafiosi tun ganz straight alles, was ihre Eigeninteressen auf möglichst effektive Weise voranbringt. Machen sie einmal doch etwas eigentlich Unnötiges, dann sind das kleine Späßchen, wie bei einem Drogentransport einfach aus Jux eine bereits bestialisch stinkende Leiche als „blinden Passagier“ mitzuliefern. Die einzige Person, die nicht in diese zynische Welt passt ist Laura. Denn sie ist, wie Malkina verächtlich bemerkt, eine „Church-Lady“. Und kleine Unschuldshäschen haben es in einer Welt voller wilder Raubtiere nun einmal verdammt schwer. – Aber hallo (hola)!

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