reden über schreiben über film(e): #6 Hasko Baumann

Von  //  4. Juni 2014  //  Tagged: ,  //  2 Kommentare

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Gemeinsam mit Thorsten Hanisch bist du Chefredakteur und Gründer vom Online-Magazin Das Manifest. Welche Geschichte steckt dahinter,mit welchem Gedanken habt ihr dasMagazin ins Leben gerufen? Hattest du schon Erfahrung als (Film-)Schreiber oder war das dein Einstieg?

Das ist eine längere Geschichte. Ich habe Thorsten im Jahr 1999 bei der Online-Recherche für einen Dokumentarfilm kennengelernt. Wir freundeten uns über unsere gemeinsame Begeisterung für „abseitige“ Filme an. Er war beteiligt an der Zeitschrift „Gore Gothic“ und ich hatte bis 1998 beim Filmmagazin „Der Schnitt“ geschrieben, zu dessen Gründungsmitgliedern ich auch gehörte. Für uns beide war das Schreiben über Filme immer ein Hobby gewesen, aber eines, das uns etwas bedeutete – besonders, wenn es um Filme ging, über die sonst keiner schrieb. Der Gedanke, uns unsere eigene Plattform zu schaffen, gärte jahrelang in uns, bis wir 2004 das „Manifest“ gründeten. Auch das war für uns immer nur ein Hobby, allerdings eines, das innerhalb sehr kurzer Zeit sehr erfolgreich wurde. Das hat uns selbst am meisten verblüfft. Ich hatte innerhalb der ersten Wochen einen bewusst provokativen Text namens „Jäger und Sammler“ geschrieben, der die Besucherzahlen explodieren ließ.

Ich schreibe gerne über Filme,aber ich nehme die Idee der Filmkritik ehrlich gesagt nicht sonderlich ernst. Mir hat jemand in den Anfangstagen des „Schnitt“ mal vorgeworfen, ich würde im Grunde nur über mich selbst schreiben. Das empfand ich als Kompliment!

Wie kam es dazu,dass du als Gründungsmitglied den Schnitt verhältnismäßig früh verlassen hast? War da ein Bruch oder wurde das durch andere Jobs unmöglich gemacht?

Da kam es zum Bruch. Ich war von Anfang an sozusagen der „Video-Proll“ und besprach am liebsten Action-und Horrorfilme, gerne auch Videopremieren, die damals noch automatisch als Schund galten. Außerdem hatte ich damals schon meine etwas, nun ja, farbige Schreibe. „Der Schnitt“ wollte aber immer mehr in Richtung „Arthouse“ – ein besseres Wort fällt mir dazu nicht ein – und das war mir schlicht zu trocken. Es gab aber auch persönliche Differenzen, es sind auch noch andere Leute außer mir gegangen.

Die Bemerkung mit der persönlichen Schreibe würde ich auch unbedingt als Kompliment auffassen. Interessieren dich als Leser ebenfalls persönlich motivierte Filmtexte mehr oder liest du auch schonmal konventionelle Besprechungen im Filmdienst oder im Feuilleton?

Ich lese Filmkritiken sogar hauptsächlich im Feuilleton! „Persönlich motiviert“ ist vielleicht ein etwas zu großes Wort. Aber ich finde es erstrebenswert, als Rezensent eine eigene, wiedererkennbare Stimme zu entwickeln. Ich möchte, daß der Leser mich anhand meiner Texte insofern kennenlernt, als daß er danach für sich abschätzen kann, ob der Film was für ihn wäre oder nicht. Ein Lob von mir ist also keine allgemeingültige Empfehlung und ein Verriß kein generelles Todesurteil. Obwohl ich natürlich grundsätzlich Recht habe, ist ja klar!

Ein Filmkritiker muß eine Identität haben. Wenn von einem Rezensenten Objektivität gefordert wird, ist das absoluter Schwachsinn. Wem bringt das was? Der Leser hat nichts davon, die Texte sind langweilig und der Autor fordert sich nicht. Ich lese Kritiken von begnadeten Autoren wie Rajko Burchardt oder Björn Lahrmann und erfreue mich an der formalen Qualität, erkenne aber auch eine ureigene Haltung, die möglicherweise – oder sehr wahrscheinlich – nicht mit meiner übereinstimmt, an der ich mich aber trotzdem orientieren kann.

Wenn du unter (ich sage mal vorsichtig:) Klassizisten eher als „Video-Proll“ wahrgenommen wurdest, wie kannst du da deine Eigenwahrnehmung beschreiben? Wünschst du dir eine umfangreichere, tiefere oder cinephilere „Gleichstellung“ der vom gemeinen Videothekenproll goutierten Genres oder interessiert das nicht? Und in den lesenswerten Online-Magazinen findet diese nicht von Vorurteilen geprägte Rezeption immer mehr statt. Kann das was ändern am Status?

Ach, ich weiß gar nicht, ob das unbedingt sein muß. Nur weil ich „Wake of Death“ oder „Driven to Kill“ oder sowas toll finde, heißt das noch lange nicht, daß ich diese Art Film jemand ans Herz legen würde, der die Coen Brothers und den Neuen von Andreas Dresen toll findet. Das hat ja auch immer etwas damit zu tun, wie man sich filmisch sozialisiert hat. Wer sich nie mit grober Handkanten-Action oder rudimentärsten Slashern beschäftigt hat, wird verständlicherweise große Augen macht, wenn ihm jemand John Hyams‘ „Universal Soldier“-Filme als große Kunst verkaufen will. Ich empfinde jedenfalls keinerlei Drang, Leute zu missionieren.

Also stört dich die Kanonisierung von „Qualitätsfilmen“ und die daraus resultierende Abneigung, Trivialkino entsprechend zu würdigen, nicht weiter? Reicht es dir, zuhause die DVDs einschieben zu können, die du magst?

Ich finde es schon unendlich öde, daß der Referenzrahmen sich in meinem Umfeld auf Leute wie Wes Anderson oder Michel Gondry beschränkt oder Tarantinos zusammengeklauter Pulp als hot shit abgefeiert wird. Das hat schon was von Kanonisierung. Genrefilme werden dann gern mit dem so abgenutzten wie sinnlosen Label „Trash“ etikettiert. Was natürlich himmelschreiender Blödsinn ist. John Hyams ist sicherlich unaufgeräumter, aber auch aufregender als Wes Anderson. Das will nur keiner hören,weil Hyams‘ Filme „Universal Soldier“ heißen und nicht „Grand Hotel Budapest“.

Ich will aber wie gesagt auch niemanden missionieren, ich weise allenfalls in meinen Texten auf die ureigenen Qualitäten dieser Filme hin. Ich erwarte überhaupt nicht, daß dieser ganze ruppige Kram, den ich mag, im Kino gezeigt wird. Niemand ist dazu verpflichtet, diese Filme zu zeigen, und niemand ist verpflichtet, sie sich anzusehen. Ich mag sogar manchmal, daß sie ein Schattendasein führen. Es hat dem Trivialkino gut getan, daß es vor der digitalen Revolution so schwierig war, es zu sehen zu kriegen. Ich mag den Ruch.

„Cynthia Rothrock und Richard Norton bei Durch die Nacht? Das schien vielen absurd. Am Ende gab es nicht nur jede Menge Action, sondern auch noch erstaunliche Quoten!“

„Cynthia Rothrock und Richard Norton bei Durch die Nacht? Das schien vielen absurd. Am Ende gab es nicht nur jede Menge Action, sondern auch noch erstaunliche Quoten!“

Aus deiner Kurz-Bio geht hervor, dass du für nahezu alle großen Fernsehsender gearbeitet hast, unter anderem lange Zeit bei ARTE mit „Durch die Nacht mit…“ – wie bist du zur TV-Arbeit gekommen und hatte das auch mit deinen Filmtexten zu tun?

Nein,das hatte absolut nichts damit zu tun. Ich hatte mein erstes Fernsehpraktikum schon hinter mir, als ich beim „Schnitt“ mit dem Schreiben begann. Ich wollte immer zum Film oder zum Fernsehen. Ich habe demzufolge auch Film-und Fernsehwissenschaften studiert, aber keinen Abschluß gemacht, weil ich nach einem weiteren Praktikum in Berlin plötzlich schon mitten im Fernsehgeschäft stand und den akademischen Erfolg für nebensächlich hielt. War auch so.

Wie erklärst du dir das ein so ambitioniertes und fast durchweg positiv rezipiertes Magazin wie der „Schnitt“ (und dann noch relativ konkurrenzlos in Deutschland) eingestellt werden muss? Ist Print für den Bereich einfach tot? Und hast du nach deinem Ausstieg die Entwicklung noch verfolgt?

Ich habe die Entwicklung tatsächlich verfolgt, ich hatte immer ein „Schnitt“-Abo. Ich fand das Magazin am Ende sterbenslangweilig. Es gab zunächst noch einige gute Autoren, die schon lange dabei waren, und einige talentierte neue, freie Schreiber, aber auch viel zu viel Kanonenfutter von der Uni, das sich an aktuellen Filmen abarbeiten durfte und einfach nur Müll geliefert hat. Es ging den Bach runter, als die Gründungsherausgeber das Ding hingeschmissen haben und andere übernahmen. Ich kann ehrlich gesagt verstehen, daß das keiner mehr lesen wollte.

Es wird ja ständig der Tod von Printmagazinen und Zeitungen ausgerufen. Ich möchte glauben, daß das nicht stimmt, aber das ist natürlich auch das nostalgische Gelaber eines Mannes über 40. Filmzeitschriften hatten es noch nie leicht in Deutschland, weil Film hier von der breiten Masse nicht als Kulturgut wahrgenommen wird, sondern als Unterhaltung. Deswegen gibt’s bei uns keine „Cahiers“,sondern eben nur „Cinema“.

Vor allem wegen deiner Arbeit an „Durch die Nacht mit…“ hast du etliche Film-und Kulturschaffende getroffen. Die Liste ist lang aber gab es ein absolutes Lieblingsstreffen?

Diese Frage wird mir oft gestellt. Dazu kann ich nur sagen, dass ich tatsächlich begeisterter von der Arbeit mit Künstlern und Berühmtheiten bin als viele meiner Kollegen, weil ich einfach auch noch „Fan“ bleibe. Die Leute sind gemeinhin eher beeindruckt, dass ich schon mit George Lucas oder Samuel L.Jackson oder Michael Haneke gedreht habe, als von den Treffen, die mir wirklich am Herzen lagen. Etwa mit Dolph Lundgren oder John Carpenter zum Beispiel. Oder als ich Franco Nero, Fred Williamson und Enzo G.Castellari zusammenbrachte, das war wirklich ein Fanservice für mich selbst. Naja, und als mein Idol William Friedkin zum Drehbeginn seine Hand ausstreckte und sagte „Call me Billy“, da war die Welt schon sehr in Ordnung.

Wirklich eine trüb-langweilige Standardfrage. Ein kläglicher Versuch von Originalität lässt da nicht warten: „Durch die Nacht“ wird bereits in den Siebzigern produziert. Du stellst Gäste, Stadt und Regisseur zusammen,weil das Konzept noch keine Wahlmöglichkeit offen lässt. Um wen geht‘s im Winter 1976?

San Francisco. Oliver Reed und Richard Burton. Sidney Lumet hält das Ding zusammen. Oder auch nicht. Prost!

Beurteilst du das Filesharing als Bedrohung für Kino und Fernsehen? Oder siehst du auch Chancen in diesem Umbruch?

Von einer Bedrohung kann man ja kaum noch sprechen – es ist ja schon längst passiert. Insbesondere für den fiktionalen Bereich war die digitale Revolution in dieser Hinsicht fatal. Aber natürlich liegt das daran, dass alle Beteiligten zwar am Vorantreiben der technischen Entwicklung interessiert waren, sich aber niemand Gedanken über die Konsequenzen gemacht hat. Zum Beispiel über die kommerzielle Verwertbarkeit und Alternativen für den Vertrieb. Und nun haben wir den Salat.

Für meine Arbeit ist das Filesharing manchmal, ehrlich gesagt, sogar von Vorteil. Wenn ein Film oder eine Sendung von mir im Internet auftaucht, erreicht er ein breiteres, internationales Publikum und hat ein Nachleben, das ihm nach der Erstausstrahlung nicht beschert würde. Daher sehe ich es oft gar nicht so gerne, wenn Sender oder Produktionsfirmen das unterbinden.

„Hotel Bela hat mir einige der besten Kritiken meiner Karriere verschafft. Leider hatte Arte nach der Ausstrahlung keine Sendeplätze für eine Fortsetzung frei. Sehr traurig.“ Foto © Claudia Stülpner

„Hotel Bela hat mir einige der besten Kritiken meiner Karriere verschafft. Leider hatte Arte nach der Ausstrahlung keine Sendeplätze für eine Fortsetzung frei. Sehr traurig.“ Foto © Claudia Stülpner

Nimmst du da einen Unterschied war zwischen „cinephilem“ Filesharing, dass in erster Linie an der Verfügbarmachung bisher unsichtbarer Filmgeschichte interessiert ist und den „normalen“ Downloads? Oder kann man das deiner Meinung nach nicht trennen?

Die Erhaltung oder Verbreitung von nicht frei erhältlichen oder vergessenen Filmen durch Filesharing entspricht ja dem, was ich auch über meine Arbeit sagte. Diese Werke verschwinden für immer, wenn sie nicht irgendjemand auf welche Weise auch immer verfügbar macht. Das ist natürlich eine begrüßenswerte Konsequenz dieser technischen Entwicklung. Hoffentlich taucht „Mr.Boogie“ bald mal auf!

Du bist im Berufsleben näher dran als viele andere Filmschreiber: Wie beurteilst du die oft und profund kritisierte,staatliche deutsche Filmförderung? Siehst du die oft beanstandete Verzahnung von Fernsehen und Kino ebenso negativ wie viele Kollegen?

Ich bekomme die Diskussion natürlich mit, zu einer Beurteilung mag ich mich mangels Kenntnis aber nicht hinreißen lassen. Ich habe schon den Eindruck, dass die Förderung die Kreativität von Filmschaffenden eher einschränkt, weil sie bestimmten Bedingungen zu entsprechen haben. Allerdings sehe ich etwa bei jungen amerikanischen Filmemachern aufgrund des Fehlens einer solchen Finanzierungsmöglichkeit auch mehr Feuer und Leidenschaft. Die kämpfen um ihr Leben, um ihr Projekt auf den Weg zu bringen. Hier will man halt an die Töpfe.

Die Auswahl der von dir besprochenen Filme verweist schon darauf,dass du Actionfilmen,Horror oder anderen vermeintlich trivialen Feldern nicht abgeneigt bist.Wünschst du dir eine Aufweichung der Grenzen,worüberambitioniert geschrieben wird oder siehst du alles gleichermaßen gut bzw schlecht abgedeckt?

Ich glaube, dass das Image von sogenannten Genrefilmen sich durchaus verbessert hat. Mittlerweile gilt ein Action-oder Horrorfilm nicht mehr automatisch als der letzte Dreck. Dennoch werden diese Filme in letzter Konsequenz selbst von deren Publikum doch noch unter „Hirn ausmachen,Spaß haben“ wegsortiert. Das hasse ich. Ein Direct-to-Video-Actioner kann selbstverständlich große Momente haben, und wenn ich darüber schreibe, setze ich den Film nicht in Relation zu vermeintlich hochwertigerer Arthouse-Ware. Ich will dem Film in seinem Rahmen gerecht werden.

Auf der anderen Seite gibt es jetzt so einen neuen Trend, wahnsinnig ambitioniert über ausgesprochen unambitionierte Filme zu schreiben. Oder Filme zu Meisterwerken hochzuschrauben, über deren absolute Minderwertigkeit man sich gemeinhin eigentlich einig war. Das ist irgendwie trotzig und, so finde ich jedenfalls, meistens reichlich albern.

Welchem Regisseur würdest du als Herausgeber einen Sammelband widmen? Und welcher Autor wäre dein erster Wunschkandidat für einen Beitrag?

Da wären eher thematische Sammelbände meine Präferenz. Es wäre schön, über einige Italiener zu schreiben, wie Castellari, Martino und Di Leo. Im Grunde aber würde ich gern ein Buch über die Firmen Cannon und/oder PM Entertainment herausbringen. Das ist meine Welt! Dafür interessierte Autoren – außer meinem „Manifest“-Kompagnon Thorsten Hanisch – zu finden, wäre wahrscheinlich eine Aufgabe für sich.

„Bei About Men habe ich bewusst den Style in den Vordergrund gestellt. Über die Sendung kann man streiten. Aber sie sieht super aus!“

„Bei About Men habe ich bewusst den Style in den Vordergrund gestellt. Über die Sendung kann man streiten. Aber sie sieht super aus!“

Cannon und PM, das klingt nach einer stark an Videothekenware geknüpften Filmsozialisation. Wie wichtig waren und sind dir Trägermedien für zuhause?

Sehr wichtig. Ich bin auch früher wirklich gerne in Videotheken gegangen. Ich mochte es sehr,wie die Cassetten nach kaltem Zigarettenrauch stanken. Ich habe auch meine umfangreiche Sammlung von Italo-VHSen als Wertanlage betrachtet. Ich Idiot! Interessiert natürlich keine Sau mehr. DVDs habe ich auch viel zu viele. Aber ich bin wohl ein haptischer Mensch. Aber ist das überhaupt eine Antwort auf Deine Frage?

Doch, doch, war durchaus auch auf Haptik und überhaupt sinnliche Verknüpfungen bezogen. Ich persönlich vermisse Videotheken ungeachtet ihrer früheren Wichtigkeit als solche nicht wirklich, weil uns so viele neue Bezugsquellen gegeben sind. „Berührt“ dich das Videothekensterben?

Da bin ich nicht nostalgisch. Alles hat seine Zeit. Und die Zeit der Videotheken ist nun mal vorbei. Ich würde heute wahrscheinlich auch nicht mehr so gerne hingehen, denke ich.

Wie stark haben Online-Magazine und die Blog-Kultur deiner Meinung nach stilistischen Einfluss genommen auf den Filmjournalismus an sich? Gibt es zwei Seiten der Medaille oder ist die gestiegene Diversität ausschließlich ein Gewinn?

Da gibt es definitiv zwei Seiten. Das Positive ist, dass Leute jetzt schreiben können, worüber und wie sie wollen. Dadurch können Leser mehr Entdeckungen machen. Auf der anderen Seite leidet die Form doch stark darunter, zu viele Texte sind von minderer Qualität. Generell ist die Filmkritik in Deutschland mir entweder zu verkopft oder zu flach. Filmjournalisten wirken bei Pressevorführungen oft desinteressiert oder herablassend. Ihre Texte sind oft schlecht informiert und recherchiert, von der technischen Seite des Filmemachens haben sie meistens überhaupt keine Ahnung. Da findet man in Online-Publikationen schon manchmal mehr Begeisterung und Auseinandersetzung mit dem Thema „Film“ an sich.

Warst du je wieder an der Herausgabe eines Printmagazins interessiert?

Um Himmels Willen, nein. Das würde ich mir nicht antun. Keine Ahnung, wie man ein solches Projekt heute über Wasser halten sollte. Als täglicher Zeitungleser bin ich ja schon ein Anachronismus! Da sind wir mit dem „Manifest“ schon den richtigen Weg gegangen. Da wir uns aber immer bewusst gegen die Vereinnahmung und Einflußnahme etwaiger Anzeigenkunden entschieden haben, verdienen wir natürlich kein Geld damit, äußern aber frei und unbeeinflußt unsere Meinung. Das geht natürlich nur, weil wir das Ganze nebenbei machen, was bei einem Printmagazin ungleich schwerer fiele. Und tatsächlich kann ich mir gut vorstellen, daß für Filmmagazine der Printmarkt gestorben ist. Selbst ehemals lesenswerte UK-Zeitschriften wie „Empire“ sind ja zu Ami-hörigen Blockbuster-Fanzines verkommen.

Wieviele Filme siehst du durchschnittlich im Monat und wie oft gehst du ins Kino?

Ins Kino gehe ich viel zu selten. Ich weiß nicht mal, warum das so ist. Filme sehe ich verhältnismäßig viele. Weil ich es nach wie vor liebe, Filme zu sehen. Ich würde sagen, es sind durchschnittlich 15 im Monat.

Wird man Filmtexten manchmal überdrüssig, wenn man ohnehin in der Branche arbeitet? Hat sich im Berufsleben deine Filmleidenschaft verändert?

Ich lese viele Texte über Film, besonders Bücher. Wenn ich in den USA bin, hole ich mir immer einen Sack voll Monografien und Biografien und was es noch so gibt. Das macht mir nach wie vor großen Spaß. Ich bin dessen keineswegs überdrüssig, mir hilft das auch im Beruf auf vielerlei Arten, ob es nun die reine Information ist oder ob ich auf Ideen komme. Meine Leidenschaft hat sich nicht verändert, nur mitunter die Rezeption. Es fällt mir tatsächlich schwerer als früher, so richtig in einem Film abzutauchen, weil ich die formale Seite unfreiwillig begutachte. Das ist aber gar nicht so schlimm, weil mich ein toller Schnitt oder schlicht inszenatorische Könnerschaft genauso berührt wie andere Leute das Happy End!

In Berlin hast du deutschlandweit mitunter die besten Möglichkeiten,um Kinokultur wahrzunehmen.Gehst du oft zu Retros oder Festivals?

Nie. Ich schaue mir bei der Berlinale ein paar Filme an – früher, als ich noch für Sat.1 und dann Arte was drüber gemacht habe, wesentlich mehr – und damit hat es sich dann auch.

„Moebius Redux kam interessanterweise besonders beim amerikanischen Publikum gut an. Ich hätte gleich danach einen Film über Jodorowskys DUNE-Projekt machen können, aber ich hatte keine Lust. Schön doof. Den hat jetzt Frank Pavich gemacht!“

„Moebius Redux kam interessanterweise besonders beim amerikanischen Publikum gut an. Ich hätte gleich danach einen Film über Jodorowskys DUNE-Projekt machen können, aber ich hatte keine Lust. Schön doof. Den hat jetzt Frank Pavich gemacht!“

Für wen hast du denn nun schon alles gearbeitet? Anders als bei reinen Filmschaffenden fällt mir die Recherche etwas schwer. Und bist du glücklich mit Fernseharbeit oder würdest du auch mal gern bei Nu Image einen Söldnerfilm inszenieren?

Ich habe zu Beginn meiner Laufbahn für ziemlich viele verschiedene Sender gearbeitet. Sat.1, Viva, ARD, Deutsche Welle, Pro7… auch für Plattenlabels habe ich gedreht. Ich habe auch Internetfernsehen gemacht, so um 2000, natürlich ein viehischer Flop! Zwischen 2002 und 2012 habe ich fast ausschließlich für Arte gearbeitet. 52 Folgen „Durch die Nacht mit“, Beiträge für „Metropolis“, Filme über Künstler wie Moebius oder Markus Lüpertz, „Hotel Bela“ mit Bela B, Berlinale-Berichterstattung usw. Im vergangenen Jahr habe ich viel für ZDFNeo gemacht; „Bambule“, „About Men“ und „Kuttner Plus 2“. Anfang dieses Jahres habe ich einen Dokumentarfilm für Arte gemacht und jetzt leite ich ein neues Format für Pro7 und sitze daher bei Florida, der Firma von Joko und Klaas.

Ich mag es, verschiedene Dinge zu tun und dabei zu versuchen, immer ein wenig von mir selbst einzubringen. Das war natürlich am deutlichsten bei „Durch die Nacht“ zu sehen, wo ich viele Popkultur-und Subkulturhelden präsentiert habe, die sonst keine Plattform bekommen. Und selbstverständlich ist deshalb genau das – ein Söldnerfilm für Nu Image – mein Lebenstraum. Jeder hat so einen Lebenstraum, der sich vermutlich nie erfüllt. Ich auch. Ich hatte aber auch schon Lebensträume, die sich erfüllt haben. Also: Wer weiß. Fred Williamson hat mir schon ein Drehbuch geschickt und gesagt „Let’s do this.“ So abwegig ist es dann also vielleicht doch nicht. Ich träume auf jeden Fall noch.

Letzte Frage, ein Blick in die Zukunft. Eines Tages wird eins der großen Festivals eine Cannon-Retro bringen, das steht wohl außer Frage. Welches der renommierten wird/könnte das sein? Oder findest du einen verspäteten Ritterschlag nicht relevant?

Die könnte es wirklich geben. Man darf nicht vergessen, daß unter Cannons Flagge neben dem ganzen Actionkram auch interessante oder zumindest interessant gescheiterte Filme veröffentlicht wurden. Ich sehe das z.B. in Venedig. Eröffnet von „Electric Boogaloo“, der kommenden Doku über Cannon. Die ist leider von Mark Hartley, der auch schon„Not Quite Hollywood“ verbrochen hat; das hat ja mit Dokumentarfilm nichts zu tun, da geht es nur noch um das sinnlose Abfragen unzähliger Interviewpartner. Hätte ich mal machen sollen. Egal. Abschlußfilm ist auf jeden Fall „Tough Guys Don’t Dance“ von Norman Mailer. Schöner Gedanke!

„Anfang des Jahres habe ich mit Comic-Legende Don Rosa in Kentucky gedreht. Seine Sammlung war unglaublich. Da wollte ich dann gern Batman Nr. 1 berühren.“

„Anfang des Jahres habe ich mit Comic-Legende Don Rosa in Kentucky gedreht. Seine Sammlung war unglaublich. Da wollte ich dann gern Batman Nr. 1 berühren.“

Über den Autor

Aufgewachsen inmitten der pulsierenden Film-Metropole Merkstein/Rheinland mit ihren schillernden Kino-Palästen, umgeben von hochkarätigen Stars, Regisseuren und Filmkritikern blieb Marco Siedelmann nicht viel anderes übrig, als selbst Filmjournalist zu werden. Er schreibt u. a. für critic.de, deadline und negativ.

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2 Kommentare zu "reden über schreiben über film(e): #6 Hasko Baumann"

  1. Bartel 8. Juni 2014 um 06:53 · Antworten

    Schwärmen und Motzen über Direct to Video Produktionen mit Herrn Hassko sind mir mittlerweilen die hellsten und liebsten Höhepunkte des (leider ein wenig still gewordenen) Manifestes. Sobald ich aber n schönes tristes ActionCover mit ner baumännischen schnellen, heftigen Poetry-Slam-Kritik drunter sehe bin ich sofort wieder Feuer und Flamme!
    Keep it dry and dirty Sacchi!

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