reden über schreiben über film(e): #5 Thilo Gosejohann

Von  //  25. Mai 2014  //  Tagged: ,  //  1 Kommentar

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Du schreibst in der „Deadline“ regelmäßig die Kolumne „Texthilo“. Wie kam es dazu und was steht dort für dich im Vordergrund?

Die beiden Herausgeber Andreas Peter und Yazid Benfeghoul kenne ich schon vom DEADLINE-Vorgänger GORY NEWS, ein mit viel Herzblut gemachtes Fanzine rund um den Genrefilm. Damals war ich immer dankbar, wenn dort der ein oder andere Film von mir besprochen wurde. Genau genommen war die GORY NEWS ja immer die kleine, „amateurhafte“ Konkurrenz zur Berliner SPLATTING IMAGE. Als Andreas und Yazid mich fragten, ob ich Lust hätte, für ihr neues, professionelleres Magazin zu schreiben, sah ich darin eine nette Herausforderung, denn in Textform hatte ich mich noch nie ausgetobt. Ausserdem wurde meinem Wunsch stattgegeben, etwas eigenständiges zu verfassen und nicht zahllose Billig-DVDs reviewen zu müssen. Im Vordergrund steht für mich also der Spass am bejubeln oder beschimpfen diverser Facetten aus der Welt des Kinos. Meine Texte sind natürlich immer gnadenlos subjektiv und aus dem Bauch heraus, aber das haben Kolumnen im allgemeinen ja so an sich.

Hast du vorher bereits über Film geschrieben? Gibt es außer der Kolumne noch weitere Texte von dir zu lesen?

Nee, eigentlich nicht. Ich bin im Prinzip auch eher faul – selbst die DEADLINE-Kolumne wird immer erst in der letzten Sekunde fertig.

Du bist ein großer Filmfan, das steht ja mal fest. Aber wie wichtig sind dir Texte zum Film? Welche Autoren oder Stilarten liest du da bevorzugt?

Oha, diesbezüglich bin ich nicht so radikal belesen: in meinem Schrank befinden sich neben einigen Filmbüchern alle SPLATTING IMAGE-Ausgaben und 95% aller CINEMA-Exemplare. Seit das Print-Angebot so drastisch schrumpft, surfe ich natürlich oft im Netz herum. Dort ist das Text-Niveau in den letzten Jahren beeindruckend gestiegen, gegen die unzähligen Reflektionen kinohistorischer Themenbereiche dort sehen meiner Meinung nach so einige Feuilletons ziemlich alt aus. Aber blöderweise fehlt mir einfach die Zeit, um mich wirklich adäquat damit auseinander setzen zu können.

Du sollst einen Sammelband betreuen, in dem das Gesamtwerk eines Regisseurs deiner Wahl gewürdigt wird. Wen wählst du und welcher Autor fällt dir sofort ein, der idealerweise mit an Bord sollte?

Ein seriöses Buch über italienische Genre-Helden wie Umberto Lenzi, Antonio Margheriti oder Enzo G. Castellari wäre schön. Am liebsten von Christian Keßler oder Eric Pfeil verfasst. Das sind Leute, denen man in jeder Zeile die Liebe zum Sujet anmerkt – im Gegensatz zu jemandem wie Oliver Kalkofe, der vermutlich ein echter Fan ist, aber in seinen SchleFaZ-Moderationen immer so eine irritierende Verachtung gegenüber betagten B-Movies an den Tag legt. Wie sagt doch Herr Ingojira vom geheimnisvollen Filmclub Buio Omega so schön: „Man kann auch mit den Filmen lachen, nicht nur über sie.“ So sehe ich das auch.

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Du bist oft fürs Fernsehen tätig und hast auch eine klare Vorstellung davon, was man mit dem Medium anfangen kann ohne Subversivität und Biss zu verlieren. Geht man trotzdem ständig Kompromisse ein?

Letzten Endes ist es mein Job als Regisseur, im Rahmen der Möglichkeiten immer etwas „sendbares“ abzuliefern. Budgets und Gagen sind über die Jahre stark zurückgegangen und man ist froh, ein Projekt an Land zu ziehen, dass einfach Spass bereitet. Ich bin also grundsätzlich offen für alles und entdecke gerne die schönen und bereichernden Seiten des Berufs – ob nun mit Jan Böhmermann oder Cindy aus Marzahn.

Bekannt ist deine langjährige freundschaftliche Verbundenheit zum Geheimnisvollen Filmclub Buio Omega. Was ist das Besondere an dieser monatlichen Cine-Veranstaltung und als wie wichtig schätzt du solche Enthusiastenarbeit an sich ein?

Das schöne am Filmclub ist, dass man dort groteske Filme zu sehen bekommt, die wirklich sonst nirgendwo anders gezeigt werden. Es ist schier unglaublich, was sich die Verleiher damals getraut haben auf die Leinwände zu bringen. Die Buios haben sogar schon Sachen gebracht, die man in der IMDB nicht finden kann. Wenn ich mal am dritten Samstag im Monat verhindert bin, bekomme ich regelmässig schlechte Laune, so süchtig bin ich mittlerweile nach der nötigen Dosis Zelluloid. Apropos Zelluloid: die Enthusiastenarbeit des Filmclubs erhält mittlerweile zahlreiche alte 35mm-Kopien vergessener Filme, die ansonsten unwiederbringlich verloren gegangen wären. Das nimmt langsam schon Filmhistorisch verdienstvolle Züge an, was da in Gelsenkirchen geleistet wird!

Zu deinen eigenen Filmen hast du dich bereits oft und ausführlich geäußert. Nach langer Pause ist vor nicht allzu langer Zeit „Brennpunkt Neverhorst III“ entstanden, den wir in Aachen kurz nach der Premiere schon mit dir und deinem Bruder zu Gast zeigen durften. Hat es richtig gejuckt, noch mal eine Neverhorst-Produktion zu machen? Und war das ein Schluss-Strich?

Schluss-Strich? Nee, das wäre uns zu melodramatisch. Genau genommen sind die alten Neverhorst-Filme immer dann entstanden, wenn wir alle wieder nix zu tun hatten. Das war an diesem Wochenende im April 2012 mal wieder der höchstseltene Fall. Diesmal mussten wir aber natürlich längerfristig planen, da sich das Team inzwischen wohntechnisch über ganz Deutschland verteilt. Ja, es hat uns sogar stark in den Fingern gejuckt. Ausserdem bewegte uns die Frage, ob nach zehn Jahren die Chemie noch stimmt. Das tat sie, vorm ersten Moment an.

Bist du auch ein Filmsammler oder legst du keinen Wert darauf, Regale mit DVDs zu füllen? Und falls doch, wie hat sich der Wechsel von VHS zu DVD und anschließend jener von DVD zu BD ausgewirkt? Gibt es dann immer ein Upgrade für Lieblingsfilme?

Also, ein Upgrade meiner 30-40 Lieblingsfilme gibt es schon. Aber ansonsten kann ich mich noch beherrschen. Im Wohnzimmer stehen ca. 1,5 spiessige Billy-Regale voll mit DVDs und dabei soll es auch bleiben. Mein Hunger, materiellen Besitz anzuhäufen, ist gestillt.

Dein Bruder Simon moderierte vor einigen Jahren das Filmmagazin „Zelluloid“, ein meiner Meinung nach bis heute ungeschlagenes Format, dass mir als jungem Filmfan viel zu bieten hatte. Warst du auch in die Show involviert? Mir scheint doch, dass du von euch beiden der (noch) größere Filmfan bist oder irre ich mich da?

Ich bin halt der ältere von uns beiden und ältere Geschwister beeinflussen die jüngeren ja in der Regel. Insofern bin ich wohl der bei weitem fanatischere Nerd. Indirekt hatten ich und mein VHS-Bestand also nicht gerade geringen Einfluss auf ZELLULOID (2001). Allerdings war Thorsten Berrar, Redakteur von VIVA ZWEI eindeutig der Vater des Formats. Es war damals sein innigster Wunsch, eine Kinosendung zu produzieren und ihm wurde vom damaligen Programm-Chef Stefan Kauertz grünes Licht gegeben. Thorsten recherchierte die meisten Themen und prägte auch den optischen Stil. Und so haben die beiden da ein Jahr lang im Prinzip gemacht, was sie wollten. Ich habe ein paar mal die Kamera gehalten, aber mehr nicht. Glücklicherweise auch bei der Folge mit BUIO OMEGA. Das war Simons Idee, er hatte den Club entdeckt und den Dreh dazu alleine organisiert. Wir sind also zu zweit nach Gelsenkirchen gefahren und ich war direkt total begeistert.

Würdest du dir wünschen, dass über gewisse Genres, Dekaden oder Themenfelder mehr veröffentlicht würde in der (deutschen) Filmkritiklandschaft? Dein breit gefächerter Geschmack schließt ja bekanntlich viele von der „seriösen“ Kritik geschmähte Kinokunst mit ein…

Für mich ist das ehrlich gesagt nicht so wahnsinnig wichtig. Ich bin mit meiner SPLATTING IMAGE-Sammlung gut bedient. Und neuere Genreware beeindruckt mich selten in dem Maße, als dass ich mir Literatur dazu besorgen müsste. Wenn mich doch ein Streifen nicht in Ruhe lässt, google ich den halt. Wie zum Beispiel HERBSTROMANZE, wo man dann zwangsläufig auf fachkundigen Seiten wie HARD SENSATIONS landet.

Deine Kolumne ist ja nur eine kleine Facette einer sehr umfangreichen Beschäftigung mit dem Medium, beruflich wie privat. Bist du ein Workaholic? Es ist kaum überschaubar, an wie vielen Shows, Filmen, TV-Formaten und sonstigen Projekten du beteiligt bist.

Das liegt wohl daran, dass ich mein Hobby zum Beruf gemacht habe. Auf manche Ideen wäre ich selber nie gekommen, wie z.B. die, ein Hörspiel zu schreiben. Ich wurde spontan von einer WDR-Redakteurin gefragt und fand es interessant das auszuprobieren. Manchmal häufen sich die Baustellen allerdings so extrem, dass ich mir erschöpft die nächste Auszeit herbeisehne. Aber spätestens nach zwei bis drei Wochen Pause kribbelt es mir wieder in den Fingern. Dann fange ich an, irgendwelche Dinge anzupacken, die sonst stets liegen bleiben. In solchen Phasen kommt dann so was wie unsere Kurzfilm-DVD GESCHICHTEN AUS DER GROTTE bei raus. Das ist vermutlich der springende Punkt: ich mache lieber Filme, als darüber zu lesen. Und weil ich weiss, wie der Entstehungsprozess zur Hölle mutieren kann, welche gnadenlose Ausdauer man als Kopf des Ganzen beweisen muss um irgendwann kompromissgepeinigt ans Ziel zu gelangen, halte ich mich mit Hasstiraden eher zurück.

Thilo & Jörg Buttgereit. Foto: Sibylle Anneck

Thilo & Butti. Foto: Sibylle Anneck

Du hast bereits mehrere Theaterstücke von Kultregisseur Jörg Buttgereit gefilmt und statt steif aufzuzeichnen machst du da was sehr filmisches und von eigener Handschrift geprägtes draus. Wie ist da die Zusammenarbeit mit Buttgereit, wie kam es dazu und ist es zu viel gesagt, dass du auf dem Weg bist, so etwas wie der angestammte Chronist seiner Theaterarbeit zu werden?

Wir teilen extrem viele Ansichten, Vorlieben und Feindbilder – insofern ist die Zusammenarbeit mit Jörg immer ein echtes Vergnügen. Hätte ihm an meinen Filmversionen etwas grundsätzlich missfallen, wären Kompromisse natürlich unvermeidlich gewesen, aber dem war nicht so. Wir trafen uns 2006 in Berlin um einen Audiokommentar für mein trashiges Frühwerk KRAVEN (1992) einzusprechen. Beim anschliessenden Pils fragte mich Jörg, ob es möglich wäre, eine von ihm inszenierte Theateraufführung abzufilmen. Mit digitalen Medien hatte er es zu dem Zeitpunkt noch nicht so, deswegen fühlte er sich da wohl überfordert. Als er mir schliesslich Skript und Postermotiv zu CAPTAIN BERLIN VERSUS HITLER (Theater-Premiere im Nov.2007) präsentierte, war ich sofort euphorisch bei der Sache.

Dabei hat mich vor allem gereizt, dass ich in nur vier Tagen einen kompletten „Spielfilm“ in den Kasten kriegen konnte. B-Movies wurden ja nicht selten komplett in winzigen Studios runtergekurbelt, ähnlich der Grösse einer Theaterbühne – ziemlich ähnliche Produktionsbedingungen also. Klänge der Ton von VERSUS HITLER nicht so hallend, wären wir noch näher an den Charme eines lupenreinen Low Budget-Streifen aus seligen Grindhouse-Tagen heran gekommen. Im Gegensatz zu VIDEO NASTY (2011), GREEN FRANKENSTEIN+SEXMONSTER! (2013), die ja eher cineastische Experimente darstellen. Die letzten zwei Stücke (KANNIBALE & LIEBE / DER ELEFANTENMENSCH) musste ich aus Termingründen an Michael Kupczyk abtreten. Hier hätten wir aufgrund von urheberrechtlich bedenklichen Elementen eh keine kommerzielle Auswertung anpeilen können. Kupczyk hat ausserdem lediglich einen Tag drehen können, die Aufzeichnungen dienen also tendenziell eher Buttis archivarischen Zwecken. Ähnlich sieht es wohl auch mit dem nächsten Stück NOSFERATU (2014) aus.

Über deutsche Fernsehformate (von der Gerichtsshow über die Soap-Welt bis hin zu Actionserien im Abendprogramm) wird ungeachtet ihrer Popularität weit weniger ambitioniert und umfangreich geschrieben als im Direktvergleich über das aktuelle Kino. Ist das deiner Meinung nach ein Versäumnis?

Angesichts dessen, was mittlerweile an internationalem Bullshit zur großen Kunst verklärt wird, ist es möglicherweise tatsächlich ein Versäumnis. Zeitgenössischer Mainstream hat es immer schwer, aber in 20 Jahren wird mit Sicherheit vieles abgefeiert werden, über das wir jetzt noch die Nase rümpfen. Dann reflektieren nämlich Journalisten ihre Jugend, die jetzt noch als Kinder vor der Glotze bzw. vor dem Rechner sitzen. Vielleicht gibt’s dann 2034 ausschweifende Analysen bezüglich der Meisterwerke von Y-TITTY, BERLIN BEI TAG & NACHT oder PRINZESSIN LILLIFEE.

Würdest du gerne mehr und umfangreicher über Film schreiben wenn es der Zeitplan zulassen würde? Oder ist dein Mitteilungsbedürfnis gedeckt in „Texthilo“?

Um ehrlich zu sein ist mein Mitteilungsbedürfnis mit der DEADLINE-Kolumne ziemlich gestilltt. Ich hätte eh damit gerechnet, das mir die Ideen viel früher ausgehen würden. Manchmal ist die Geburt eines Themas auch sehr zäh – aber irgendwie bekomme ich dann doch wieder einen Text auf die Kette. Und noch einen. Und zwei Monate später wieder einen. So geht das jetzt schon seit sieben Jahren. Verblüffend.

Viele deutsche Schreiber und Filmschaffende kritisieren fortlaufend und sehr profund die Verzahnung von Kino und Fernsehen, bedingt durch das System der staatlichen Filmförderung. Du bist näher dran, hast du da eine Meinung? Oder hast du wenig Probleme damit, dass Til Schweiger mit diesen Geldern seine kalkulierten Erfolgsfilme drehen kann?

Mir geht das total auf die Nerven, ewig wird nur rumgemotzt. Wird teurer Kunstkram gefördert regen sich alle auf und jammern über Steuerverschwendung. Trifft es kommerzielle Produkte, die ihr Geld wieder einspielen und Fördergelder zurückzahlen können, ist es auch nicht recht. Keiner wird gezwungen Schweiger & Co. zu unterstützen, aber man sollte doch anerkennen, dass es da ein paar Produzenten gibt, die offensichtlich ein gutes Gespür dafür haben, was ein breites Publikum sehen will. In Deutschland suchen alle immer verzweifelt nach einem Anlass sich aufzuregen, aber mit dieser miesepetrigen Einstellung kommt kein einziger Euro in die Kasse. Man darf nicht vergessen, das unsere „Mainstream-Elite“ wie in anderen Ländern auch, unzählige Arbeitnehmer ernährt. Von hehrer Kunst und Selbstausbeutung kann keiner seine Miete zahlen. Im übrigen ist es nach wie vor völlig unmöglich, einen „Erfolgsfilm“ zu kalkulieren. Das Risiko Verlust zu machen, besteht jedes mal.

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Gibt es bei dir Ansätze eines gewissen Star- oder Personenkults? Ist es für dich reizvoll, auf Filmschaffende zu treffen, deren Werke du liebst? Oder denkst du dir eher sowas wie „never meet your (childhood) heroes“? Einige solcher Begegnungen hast du ja schon erlebt, wie war das?

Mein Bruder hat bei ZELLULOID etliche Superstars interviewt und hinterher manchmal zu mir gesagt: „Es ist unglaublich, aber der Typ ist völlig real. Es ist keine Comic-Figur!“ Übertrieben ausgedrückt waren „Prominente“ für uns auf dem Lande damals doch völlig irreal: ob Roger Rabbitt oder Harrison Ford – das waren Figuren, die nur in Filmen existierten. Diese in Persona zu treffen ist immer ein wenig ernüchternd, aber letzten Endes doch faszinierend. Bis ich ca. dreissig war hat mich der Starkult nicht besonders interessiert, aber nun nehme ich gerne Gelegenheiten war, eine Legende zu treffen. Gerade eine austauschbare DVD, die man ja als Symbol für Massenware betrachten kann, wird mit einem schönen Autogramm drauf ein persönliches Unikat. Besonders spektakuläre Erlebnisse habe ich bei diesen Zusammentreffen aber nie gehabt. In der Regel handelt es sich um sympathische ältere Herrschaften, die irgendwann mal zur richtigen Zeit am richtigen Ort waren. Ich kriege es dann trotzdem nicht in meinen Kopf, dass ich gerade mit Ricou Browning (DER SCHRECKEN VOM AMAZONAS), Bud Spencer oder Haruo Nakajima (GODZILLA) den Raum teile. Deswegen würde ich mich auch nie über kreischende Teenies lustig machen, die bei Boybands ohnmächtig werden.

Wenn es mal ein Biopic über die Neverhorst-Geschichte geben sollte, mit Millionen Budget und du darfst aus den Vollen schöpfen als Produzent: Wer soll Regie führen, wer soll die jungen Gebrüder Gosejohann spielen? Du bist in dem Szenario schon so alt, dass Zeitreisen zum Alltag gehören und die Filmindustrie ungeahnt verändert haben. Bedien dich also frei aus der Filmgeschichte und begnüge dich nicht unbedingt mit den Lebenden!

Oh Gott, eine schlimme Frage, die leicht Grössenwahn entlarven kann. Wie wäre es mit Laurel & Hardy? Oder Jerry Lewis & Dean Martin? Nee, ich sollte auf dem Teppich bleiben. Ich entscheide mich für Uli Edel als Regisseur, der hat auch schon den BUSHIDO-Film..ähm… gut hinbekommen. Simon sollte von Oliver Pocher gespielt werden und ich am besten von Hella von Sinnen. ;-)

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Was langweilt dich am meisten an Filmkritik im Allgemeinen und an deutscher Filmkritik im Besonderen? Und wo siehst du Chancen für eine interessante Schreibkultur? Siehst du die Stärken eher in klassischen Printmedien und des Tageszeitungen, in Filmmagazinen (online oder gedruckt) oder eher in der Blog-Landschaft?

Damals in den 80ern konnte ich zu 100% davon ausgehen, dass meine Lieblingsfilme in den Tageszeitungen gnadenlos verrissen wurden. Hätte ich darauf gehört, wären mir RÜCKKEHR DER JEDI-RITTER, ALIENS oder MAD MAX III keinen Pfennig wert gewesen, Genrefilme hatten in der NEUEN WESTFÄLISCHEN nämlich regelmässig einen schweren Stand. Insofern sehe ich in Zeiten, in denen ein Massaker wie JOHN RAMBO von SPIEGEL ONLINE gehyped wird, wenig Anlass zum klagen. Ich lese sehr gerne das FAZ-Feuilleton, auch wenn es schon zwei bis drei Monate alt ist. Die Textbeiträge sind meiner Meinung nach nicht selten für die Ewigkeit bestimmt – aber wer hebt schon noch Altpapier auf?

Wieviel Zeit kannst du dir überhaupt noch nehmen für deine Filmleidenschaft? Hat der Beruf und die daraus resultierende Beschäftigung mit dem Medium Einfluss genommen auf deine Filmrezeption?

Als ich 1996 mein Kamerastudium aufgenommen hatte, fiel es mir wirklich schwer mich im Kino noch fallen zu lassen. Das ganze Fachwissen liess mich ständig nur noch die Filmsprache analysieren, das war total lästig. Zum Glück hat sich dieser Misstand aber gelegt. Bei so unfassbar gigantischen Blockbustern wie DER HOBBIT oder GODZILLA, frage ich mich inzwischen immer öfter, wie man das alles bewältigen kann. Wo fängt man an? Was ist der allererste Schritt? Ich glaube bei einem Projekt dieser Größenordnung würde ich wahnsinnig werden. Das stört mich auch an der immer wiederkehrenden Pauschalverurteilung kommerzieller Spektakel: hinter jedem winzigen Detail steckt ein Mensch, der eine kreativ-künstlerische Entscheidung getroffen hat. Ob Millionen Dollar Big Budget oder Independent, Filme werden nicht von Robotern geschaffen.

Zu guter Letzt: Was gab es für ganz große Meilensteine in deinem Cine-Leben? Filme, Filmschaffende, Filmtexte oder Filmsichtungen, die ganz eindeutig Auswirkung hatten?

Mein erstes Kinoerlebnis hatte ich mit vier Jahren: UNSER WILLI IST DER BESTE. Ich litt beim Showdown Todesängste, weil Heinz Erhardt sein Auto nicht unter Kontrolle kriegte und chaotisch durch Wäscheleinen und Misthaufen kurvte. Meine Oma musste mit mir den Saal verlassen, weil ich so geheult habe. Aber mein Onkel war Filmvorführer und so konnte ich zum Nulltarif schnell die nächsten Besuche in Angriff nehmen. Mein erstes richtig beeindruckendes Erlebnis im Kino hatte ich mit BERNHARD & BIANCA, den wohl 90% meiner Generation 1977 gesehen haben dürften. Erste „erwachsene“ Leinwanderlebnisse waren beispielsweise EIN AUSGEKOCHTES SCHLITZOHR IST WIEDER AUF ACHSE, BATMAN HÄLT DIE WELT IN ATEM, GODZILLAS TODESPRANKE und OCTOPUSSY. Zum Glück dienten damals noch regelmässig alte Knaller als Lückenfüller im Programm, wenn kein aktueller Hit in den Startlöchern stand. Das vermisse ich sehr – die Zeiten in denen einfach mal so ‚ne Woche lang DAS IMPERIUM SCHLÄGT ZURÜCK eingeschoben wurde, sind unwiderruflich vorbei. SPIEL MIR DAS LIED VOM TOD, INDIANA JONES UND DER TEMPEL DES TODES, HIGHLANDER, ALIENS oder später STARSHIP TROOPERS – die Liste Horizonterweiternder Kinobesuche ist wirklich sehr lang. Im Fernsehen hauten mich zudem Spencer/Hill, Laurel und Hardy, Dieter Hallervorden, Otto, Loriot, Harold Lloyd, Belmondo oder Klimbim vom Hocker. Später kam mit dem Medium VHS der komplette Splatter-Kanon Marke TANZ DER TEUFEL, GEISTERSTADT DER ZOMBIES und logischerweise ZOMBIE hinzu. Aber da bin ja vermutlich keine Ausnahme, oder? Ich könnte jetzt noch endlos fortfahren und das ganze Internet mit der Auflistung legendenumwobener Idole zukleistern, deswegen höre ich im Sinne der Leser an dieser Stelle lieber auf.

Über den Autor

Aufgewachsen inmitten der pulsierenden Film-Metropole Merkstein/Rheinland mit ihren schillernden Kino-Palästen, umgeben von hochkarätigen Stars, Regisseuren und Filmkritikern blieb Marco Siedelmann nicht viel anderes übrig, als selbst Filmjournalist zu werden. Er schreibt u. a. für critic.de, deadline und negativ.

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