reden über schreiben über film(e): #4 Deadline-Redaktion

Von  //  19. Mai 2014  //  Tagged: ,  //  Keine Kommentare

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Wie ist es zur Gründung der „Deadline“ gekommen? Was waren eure Motive? Soweit ich weiß habt ihr als Fanzine gestartet und seid aus der eingestellten „Gory News“ entstanden. Welche Geschichte steckt dahinter?

Germaine, Yazid, Andreas: Irgendwann saßen wir beisammen und malten uns aus, ob es denn mehr als nur 3000 Gory News-Leser da draußen geben könnte, die unsere Leidenschaft für den abseitigen, unterschlagenen und vernachlässigten Film teilen. Und ob man das auch professioneller umzusetzen vermöge. Sprich: das komplette Heft in Farbe zu drucken, eine regelmäßige Erscheinung anzustreben und dem Ganzen in Form einer ansprechenden Grafik ein eigenes Gesicht zu verleihen. Heute wie damals stecken immer noch ausschließlich hehre Motive dahinter.

Derzeit schreibt ein bunter Strauß Autoren für euer Magazin, unter anderem Marcus Stiglegger, Thilo Gosejohann und Jörg Buttgereit mit eigenen Kolumnen. Mit wie vielen Schreibern seid ihr an den Start gegangen und wie ist daraus dieses große Team geworden?

Andreas: Yazid startete und erfand die GORY NEWS in den frühen 90ern als Ein-Mann-Team, erst nach und nach kamen immer mehr Schreiber und Helfer dazu. Ich persönlich wohl mit der GORY NEWS #6 mit einer eigenen Laserdisc-Rubrik und dann habe ich immer mehr geschrieben, bis ich dann bei manchen Ausgaben fast die kompletten Reviews verfasste und schon als Chefredakteur agierte und gar das Layout mitgestaltete, während Yazid in jener Zeit die Organisation und Vertrieb im Hintergrund regelte. 2002 kam dann Germaine dazu. Alles wuchs und wuchs. Die Nachfrage, der Aufwand, die Connections zu Machern und zur Industrie und Agenturen und die Mitarbeiter-Hilfe-Anfragen, die uns dann schlussendlich zur Entscheidung der Gründung eines Profi-Magazins trieb. Das war alles eigentlich unausweichlich und ging alles wie von selbst, also immer mit einer unbändigen Leidenschaft und Spaß an Film und am Magazinmachen. Die eigene Begeisterung steckte sicher auch viele Leute an, sich der DEADLINE-Family anzuschließen und ihrer Schreibpower bei uns freien Lauf zu lassen. Mittlerweile haben wir einen Schreiberstamm von über 50 Filmfans, die regelmäßig bei uns Berichte, Kolumnen, Reviews und Interviews machen. Das besondere bei der DEADLINE ist vielleicht, dass wir uns nicht rausnehmen uns über einen Film zu stellen, sondern wir bemühen uns ihn immer fair zu betrachten, weil das Produkt Film ist von einer Menge Leute gemacht, die viel Arbeit und Leidenschaft reinstecken. Wer sind wir denn, dass wir als Schreiber und Journalisten uns selbst in den Mittelpunkt stellen und rechthaberisch einen Film verurteilen? Dieser Hass und die Eigendarstellung mancher Leute im Schreiberdschungel hat bei uns nichts zu suchen. Solch eine Miesmachermentalität und egomane Wichtigtuerkeit ist destruktiv in jeglicher Hinsicht. Dafür steht die DEADLINE nicht. Vielleicht ist das noch das alte Fanzine-Herz was in uns schlägt, und dieses lassen wir uns nicht nehmen, und vielleicht ist das auch was uns unterscheidet von anderen Verlagsprodukten mit einer Presseheftabwandler-Textredaktion. Denn unser Motto lautet seit jeher: „Wir lieben auch schlechte Filme“

VIDEODROME

Ein Printmagazin finanziert sich meistenteils durch Werbeanzeigen. Wie schafft man es da, unabhängig zu bleiben?

Germaine, Yazid, Andreas: Wir hatten das Glück, einen Riesen-Abonnenten-Stamm treu ergebener GORY NEWS-Leser hinüberkarren zu können aufs DEADLINE-Gehöft. Es gab genau einen, der sein Abo nicht mit der DEADLINE weiter fortführen wollte. Trotzdem wollte der nicht einmal sein Geld zurück. Alle anderen waren neugierig und haben uns eine Chance gegeben, wofür wir nicht nur dankbar, sondern worüber wir vor allem sehr erleichtert waren. Auch wenn manch einer über die Jahre (GORY NEWS existierte in unregelmäßigem Erscheinungsrhythmus über 23 Ausgaben und knapp 10 Jahre; mit DEADLINE sind wir im achten Jahr) nicht mehr dabei ist, konnten wir uns mit DEADLINE stark dem Markt öffnen – viel mehr, als das zu GORY NEWS-Zeiten möglich war. GORY NEWS stammte immerhin noch aus der Zeit vor (!) dem Internet. Verbreitungsmöglichkeiten beschränkten sich auf Kleinanzeigen in anderen Magazinen, Abos oder Sammlerbörsen. Die DEADLINE  hatte von Anfang an einen professionellen Vertrieb, der deutschlandweit alle Bahnhöfe und Flughäfen, sowie ausgewählte Handelsketten und Kaufmärkte beliefert und eben den normalen Kiosk an der Ecke, und auch das angrenzende deutschsprachige Ausland. Die Anzeigen sind in diesem Kreislauf auf alle Fälle sehr wichtig, schaffen sich alle Firmen doch auch eine Plattform für ihre Produkte, aber die Unabhängigkeit fußt nicht zuletzt auch auf einer soliden Basis zufriedener Leser, ohne die das Heft nicht dort wäre, wo es jetzt ist.

Wie hoch ist die derzeitige Auflage und mit welcher Stückzahl habt ihr angefangen?

Germaine, Yazid, Andreas: Wir haben mit 20.000 angefangen, sind zeitweise experimentierfreudig bis auf 25.000  hochgegangen, dann auch mal runter auf 18.000, doch hat es sich z.Z. wieder bei 20.000 eingependelt. Dem Printmarkt ging es früher sicher besser, aber sein Sterben zu prognostizieren halten wir für vorschnell. Wenn man das jedoch künstlich vorantreibt, durch Einschränkungen von Vertriebswegen in etwa, kann niemand sagen, wann es wie schnell wohin führt!

In der „Deadline“ spielt nach wie vor der phantastische Film eine gewichtige Rolle. Wie wichtig ist eurer Einschätzung nach eine thematische Gewichtung des Magazins? Fühlt ihr euch manchmal zu sehr in eine Ecke gedrängt?

Germaine, Yazid, Andreas: Anfangs war die Ausrichtung definitiv horrorlastiger. Heute hat sich aber auch die Filmlandschaft verändert, und es finden sich mehr Horror-Elemente denn je in ansonsten eher mainstreamigeren Filmen. Filme wie SAW und HOSTEL haben den härteren Horror in den Mainstream gebracht, wie es kein Film zuvor geschafft oder gewagt hatte. Der wegweisende Film vor dieser Zeit war wohl Wes Cravens SCREAM. Mit der Zeit wurde man auch von größeren Firmen wahr- oder ernst genommen, die einen immer noch für ein reines Horror-Mag hielten, obwohl wir schon längst unseren Horizont und Inhalt um viele Spektren erweitert hatten.

COMMANDO

Welche englischsprachigen Print- oder Online-Magazine entsprechen euren Ansprüchen am ehesten? Gibt es Vorbilder oder abschreckende Beispiele?

Yazid: Ich bin sehr konservativ in meinem Medienverhalten, bin weder im Besitz eines I-Phones, noch eines facebook-Accounts. Dementsprechend verweile ich nur zur Beantwortung von E-Mails im Netz, aus Recherche-Anlässen oder um mir das Kinoprogramm anzusehen. Ich lese eigentlich so gut wie nie Online-Kritiken. Und wenn, dann präferiere ich keine bestimmte Website. Früher war ich begeisterter Leser des französischen MAD MOVIES, das immer noch existiert. Auf dem heimischen Magazin-Markt habe ich im Teenager-Alter alles gekauft, was es gab: sei es FILM-ILLUSTRIERTE, die ich sehr schätzte, oder VIDEO PLUS, VIDEO PLAY, VIDEO-MAGAZIN. Doch die wichtigste Lektüre war für mich bis in die 90er immer noch CINEMA.

Germaine: An der FANGORIA kam man damals auch einfach nicht vorbei. Wenn ich daran denke, wie ich als blutjunges Fangirl einzelne ewig alte Ausgaben extra bestellt habe, nur weil ein klitzeklitzekleiner Artikel über diesen oder jenen Schauspieler oder Film drin war – da werde ich ganz rührselig. Heute blättert oder klickt man sich ja allein schon aus geschäftlichen Gründen durch die Unmengen an Magazinen oder Blogs, die es gibt. Das ist weit weniger romantisch. Schade eigentlich. Aber so ist das nunmal. Einen besonderen Favoriten oder Abschrecker hab ich eigentlich nicht.

Andreas: Man nennt mich Spongebob, weil ich alle Infos aus allen erdenklichen Medien aufsauge. Jetzt ein bestimmtes Medium herauszustellen fällt mir sicher schwer. Bei mir ist es eine Mischung aus 15 Print-Magazinen aus allen Sparten (Lifestyle, Games, Musik und eben Film), die ich regelmäßig lese, sowie Foren im Internet, Facebook und deren Verlinkungen, Pressenewslettern, unzähligen Mails am Tag und eben der Flurfunk im Redaktionsbüro, wer mit wem und wann was wo, vom Schlage: „Hast du schon gehört, es soll eine neue STAR WARS-Trilogie entstehen!“ Dann sage ich meistens „Quatsch mit Sauce!“. Ich hoffe meine Festplatte im Kopf macht das noch eine Weile mit, sonst werde ich noch zu einem Medien-Zombie.

Im Laufe der Jahre hat sich die Wirtschaftlichkeit der „Deadline“ mit Sicherheit verändert. Könnt ihr nach jahrelanger unermüdlicher Arbeit mittlerweile davon leben oder ist das Projekt immer noch eher ein Hobby?

Andreas: Als Hobby konnte man es genau genommen noch nie bezeichnen. Dafür ist alles viel zu arbeitsintensiv. Wir sind ja schließlich nicht mehr die jungen ausgeflippten WG-Bewohner, die in den Tag hineinleben, sondern müssen unsere Existenzen durch den geregelten, intensiven Arbeitsalltag mit der DEADLINE sicherstellen. Wer will schon den Kindern sagen, dass es heute nur Wasser aus der Regentonne und Fallobst aus dem Stadtpark gibt? Aber bitte nicht falsch verstehen. Die selbstständige Arbeit an der DEADLINE ist ein wahr gewordener Traum und wir genießen jeden Tag, wenn der auch manchmal 14 Arbeitsstunden dauert.

CADDYSHACK

Comics, Games, Animes und andere Spartenthemen werden bei euch  ebenfalls berücksichtigt. Sind diese Felder eurer Meinung nach unterrepräsentiert innerhalb der (deutschen) Filmkritiklandschaft?

Germaine, Yazid, Andreas: Diese Auswahl hat rein etwas mit unserer Liebe an sich für diese Sparten zu tun. Dabei geht es uns in erster Linie nicht darum, ob wir etwas als unterrepräsentiert empfinden. Sicher verdienten einige der genannten Sparten eine größere Aufmerksamkeit, aber die Interessen der Menschen sind nun mal vielfältig. Und wenn man dann noch die Zeit miteinbezieht, so ist es schlichtweg nicht möglich, allem nach Lust und Laune zu frönen, denn früher oder später sorgt die eigene subjektive Auslese dafür, womit man mehr Zeit verbringen möchte. Für den einen mag das der Griff zur DVD/Blu-ray sein, für einen anderen zum Comic.

Nach so vielen Jahren blickt ihr auf eine umfangreiche Zusammenarbeit mit Presseagenturen, Verleihfirmen, DVD-Labels und natürlich auf die Gespräche mit unzähligen Filmschaffenden zurück. Welche Interviews oder Berichte liegen euch da besonders am Herzen? Hat jeder von euch bereits Kontakt zu persönlichen Favoriten gehabt und wen würdet ihr euch noch besonders als Gesprächspartner wünschen?

Germaine: Das klingt jetzt vielleicht abgelutscht, aber ich wäre wahrscheinlich – auch nach all den Jahren und den vielen wirklich tollen Interviewpartnern, die der DEADLINE schon Rede und Antwort standen – immer noch völlig aus dem Häuschen, wenn ich Lynch oder Cronenberg interviewen dürfte. Ansonsten sind die, die ich für mein Leben gern vorm Mikro gehabt hätte, leider schon längst alle tot.

Andreas: In mir wohnt noch ein John Carpenter-Fan, der alle seine Filme schon früh in den 80ern als VHS im Original besaß. Ich hätte damals niemals geglaubt, dass ich mal seine Telefonnummer bekommen würde, damit ein Interview mit ihm geführt werden konnte. Ansonsten haben wir in der Tat wirklich schon sehr viele interessante, bekannte Persönlichkeiten vor dem Mikro gehabt, jeder ist auf seine Weise spannend. Die besten Interviews sind immer noch die, bei denen man merkt, es brodelt in den Gesprächspartnern, ob prominent oder weniger prominent, eine Leidenschaft, fernab von dem üblichen Presseeinheitsgesülze, was aber natürlich auch sein muss. Dafür haben wir auch ein Verständnis, dass Personen/Schauspieler von Studio gebriefte Aussagen verbreiten sollen. So funktioniert eben das Filmgeschäft, in dem wir als Presseorgan eben auch drin stecken.

SUSPIRIA

Ihr sollt einen Sammelband herausgeben, in dem das Gesamtwerk eines Regisseurs eurer Wahl gewürdigt wird. Könntet ihr euch einigen oder würden da in der Auswahl die Fetzen fliegen?

Germaine: Gute Frage. Ich glaube nicht, dass die Fetzen fliegen würden, wenn es um einen Regisseur ginge. Eher dann, wenn dessen bester Film zu definieren wäre. Wenn ich mir uns so in … sagen wir … 20 Jahren vorstelle, als weise alte Würdenträger, wie wir ein Buch über die frühen Werke Nicolas Winding Refns zusammenstellen – da wäre das Gekreische, ob nun VALHALLA RISING oder doch DRIVE der bessere Film ist, ziemlich sicher groß. Dabei ist es doch unbestreitbar VALHALLA. ;)

Andreas: Mist, ich habe keine Favoriten mehr. Ich habe 200 Lieblingsfilme und 50 Lieblingsregisseure, wobei ich immer schwanke. In den 90ern, wären noch 80 Filme aus Asien in den Top 200 gewesen. Jetzt vielleicht nur noch 10. Alles ändert sich so schnell und es ist soviel. Aber wenn ich jetzt wirklich Namen nennen sollte, die mir wirklich etwas bedeuten, dann Dario Argento, Alex De la Iglisias, Christophe Gans, Alejandro Jodorowsky, Tsui Hark, John Woo, Park Chan-wook, Harmony Korine, Gaspar Noé, Nicolas Winding Refn, John Hyams, Ridley Scott oder Quentin Dupieux. Also irgendwie immer sehr visuelle Regisseure mit starken Bildern und vor allem vom Stil her unverwechselbar. Und wenn ich mir die Namen anschaue, hatten wir sie wohl auch schon fast alle vor dem Mikro.

Neben der Arbeit am Magazin gibt es auch Verästelungen in andere Bereiche der Filmindustrie. Was macht ihr sonst noch alles und ist das alles aus der „Deadline“ hervor gegangen? Sind Events wie das „Splatterday Night Fever“ auch noch gemeinschaftlich organisiert oder hat auch jeder seine ganz eigenen Baustellen?

Yazid: Das Splatterday Night Fever ist eigentlich unabhängig von der DEADLINE, doch wird es von ihr präsentiert und unterstützt. Wir feiern dieses Jahr – wenn alles glatt geht Anfang Oktober – im Saarbrücker Cinestar 15-jähriges Jubiläum. Der Eintritt wird frei sein. Sowas kann man nur mit Hilfe von Partnern auf die Beine stellen. Ich habe auch im Bereich der Filmproduktion Erfahrungen gesammelt und unterhalte mit einem weiteren Partner eine eigene Videothek, für die ich aber nur noch selten Zeit aufbringen kann.

Germaine: Meine persönlichen Sideshow-Projekte sind ganz klassischer, belletristischer Natur. Wobei ich schon auch gern irgendwann ein Drehbuch angehen würde. Was die Autorentätigkeit betrifft, ist man natürlich von seinen Leidenschaften geprägt, in dem Fall von Horror und allgemein härterer Gangart. Als mir vor über 10 Jahren mal ein Verlag eine Abfuhr erteilte mit der Begründung, die Gewalt sei zu plakativ und somit Selbstzweck – das war noch zu GORY NEWS-Zeiten –, musste ich meine Entrüstung über diese schreiend ungerechte Behandlung natürlich sofort bei Andreas und Yazid ablassen – die mich mit einem breiten Grinsen und den Worten „Willkommen daheim!“ begrüßten.

Andreas: Meine Baustelle neben der DEADLINE heißt Familie!

THE ABYSS

Euch verbinden viele persönliche Kontakte (ich nehme an, auch daraus entstandene Freundschaften) zu diversen Filmemachern, Schauspielern oder eben zu Labels. Schafft man es da, eine Distanz zu wahren? Wie bewahrt man sich selbst vor „Freundschaftsdiensten“?

Germaine, Yazid, Andreas: Professionelle, geschäftliche Beziehungen unterscheiden sich bekanntlich von Freundschaften. Eine richtige Freundschaft zeichnet sich eben dadurch aus, dass man keine unmoralischen Angebote an den anderen heranträgt. Sonst wäre die Definition der Freundschaft ad absurdum geführt. Und beim Geschäftlichen verhält es sich im Grunde noch strenger: da gilt es jederzeit, die Form zu wahren. Jeder, der sich einmal in einer solchen Situation befindet, wird genau wissen, dass eine falsche Entscheidung, ein schlecht formulierter Satz fahrlässig eine Beziehung gefährden oder gar beenden könnte. Somit stellt sich diese Frage eher nicht.

Bisher war euer Magazin ausschließlich als Printversion am Kiosk erhältlich. Demnächst wird es auch die Möglichkeit geben, jede Ausgabe digital zu erwerben und auch auf diesem Weg zu abonnieren. Habt ihr lange über diesen Schritt nachgedacht und bedeutet er für euch einen Kompromiss?

Germaine, Yazid, Andreas: Also eine digitale Ausgabe sollte mittlerweile zu dem Portfolio eines jeden Print-Magazins gehören. Wir halten unsere Erwartungen im Zaum und versprechen uns keinen riesengroßen Sprung bei der Vermehrung der Leserschaft, sondern es ist eine Serviceleitung für Leser, die momentan eben lieber eine digitale Ausgabe auf ihrem Tablet, PC, Kindle Fire oder Smartphone lesen möchten. Wir sind natürlich gespannt, ob Printleser umsatteln oder im Idealfall natürlich eine neue Leserschaft gewonnen werden könnte. So oder so, es ist kein großes Risiko, daher war dieser Schritt normal und natürlich. Wir hoffen, dass wir im Mai in den üblichen Shops wie Google Play, App Store, amazon.de oder über unsere ebenso neu relaunchte Homepage flächendeckend die digitale DEADLINE anbieten können.

Die Vielzahl an Besprechungen, zu verschickenden Rezensionsexemplaren und Interviews ist sicher ein gigantischer Aufwand. Wieviel Stress macht euch das Magazin bei der gewohnten zweimonatlichen Veröffentlichung? Gibt es überhaupt mal Pausen oder seid ihr direkt nach dem Druck an der Arbeit für die nächste Ausgabe?

Andreas: Wir (müssen) ständig unter Strom stehen, denn wir wollen nichts verpassen. Daher ist an Verschnaufen nicht gedacht, denn die anderen Kanäle für die Leser und Fans, wie die sozialen Netzwerke oder die Homepage aber auch die Mitarbeiter müssen mit Infos gefüttert werden. Aber mit dem Telefon am Ohr, dem Blick auf den Bildschirm des Smartphones, Laptops und des Fernsehers klappt das schon ganz gut!

FRAKTUS

Bei so viel beruflicher Bindung an Filme und Filmtexte: Geht das manchmal auch auf Kosten der eigenen Filmbegeisterung? Hat man überhaupt noch Zeit und Lust auf den gewohnten Filmkonsum oder ändert der sich zwangsläufig in eurer Situation?

Yazid: Mitnichten. Manchmal hilft mir ein selbstgeschriebenes Review, mich überhaupt nochmal an einen Film zu erinnern. Wenn ich von Festival zu Filmmarkt tingele und dann zumal 50-60 Filme im Monat im Kino sehe, plus Serien und Filme im trauten Heim, weiß ich manchmal bereits nach wenigen Tagen nicht mehr, wie Film X hieß und worum es darin ging. Auch wenn mir der Film gefallen hat. Passion kann nämlich auch Sucht bedeuten, und wenn ab einem gewissen Punkt die Aufnahmekapazität überschritten ist, so ungern ich das zugebe, ist das ein bedauerlicher Nebeneffekt eines übersteigerten Konsums.

Germaine: Das Konsumverhalten hat sich allein schon durch die Verfügbarkeit geändert. Nicht nur bei uns als Macher eines Filmmagazins, auch bei allen Filmliebhabern da draußen. Früher gingst du donnerstags in die Videothek, weil dann zwei neue Horrorfilme im Regal standen (die du selbstverständlich reserviert hattest!), du kanntest nach kurzer Zeit das gesamte Sortiment – und fühltest dich enorm wissend! Heute kommt man kaum mehr hinterher, bei der Masse an Filmen, die man mit einem Klick kaufen oder streamen kann. Filme anzusehen, selbst richtig miese, ist für mich immer ein intensives Erlebnis. Das versuche ich mir, so gut es geht, auch zu erhalten. Selbst wenn es an immensen  Zeitaufwand gekoppelt ist. Blöd nur, dass mittlerweile so endlos viele verdammt gute Serien dazugekommen sind… Irgendwann werden wir alle als bleiche, sonnenempfindliche Molche enden, die nur einmal im Monat aus ihrem Redaktionskeller kriechen.

Andreas: Für meinen Teil kann ich sagen, dass ich bei der Masse an Filmen, die täglich auf dem Redaktionstisch landen, pro Ausgabe sind es sicher 400, schon ein System habe, da den Überblick zu bewahren. Heilige Filme sind, auf die ich mich schon freue und die ich abends auf der Couch mit Genuss anschaue, dann Filme, die ich nur in 10 Minuten querschaue, um Bescheid zu wissen, ob er in die DEADLINE passt, und Filme/Serien, die nebenher im Büro mitlaufen. Kinogänge sind leider bei dem Überfluss an Medien inkl. Games, Hörspielen, neben dem üblichen Alltag, den man als Mensch schließlich auch noch führen muss, leider nicht so oft drin. Das ist vielleicht ein Nachteil bei dem Überfluss im Beruf, dass die Lust auf das Kino nachlässt und nur durch eine Tüte Popcorn wieder entfacht werden kann. Doch die (Sammel)-Leidenschaft in Sachen Film, die seit meinem ersten Kauf eines Videorekorders für 2000.- DM von meinem ersten verdienten Geld im Jahr 1981 in mir steckt, hat noch nie nachgelassen. Ich nenne alle noch meine Aushangfotos von den Kinogängen in den 70ern, Poster, VHS, Laserdiscs, VCDs aus Asien, DVDs, Videokataloge, Pressehefte und Printmagazine, bis weit zurück in die frühen 80er mein Eigen. Ich bin aber kein Messie, eher ein Bewahrer und Archivator der Mediengeschichte, um es mal glanzvoll und entschuldigend auszudrücken. Obwohl, ich werde ja auch von meinen DEADLINE-Kollegen immer gefragt, auf welcher Seite hatten Review X in Ausgabe Y oder wer schrieb uns noch die Mail im Jahr 2009, als es um den Film Z ging? Schlussendlich freue ich mich wenn der Postmann kommt und ich immer noch mit Herzklopfen die Filme auspacke. Ich denke die Leidenschaft und die Filmbegeisterung lässt wohl nie nach.

CARNIVAL OF SOULS

 


Über den Autor

Aufgewachsen inmitten der pulsierenden Film-Metropole Merkstein/Rheinland mit ihren schillernden Kino-Palästen, umgeben von hochkarätigen Stars, Regisseuren und Filmkritikern blieb Marco Siedelmann nicht viel anderes übrig, als selbst Filmjournalist zu werden. Er schreibt u. a. für critic.de, deadline und negativ.

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