reden über schreiben über film(e): #3 Rajko Burchardt

Von  //  6. Mai 2014  //  Tagged: ,  //  1 Kommentar

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Du kommst aus dem Foren- und Fanzine-Umfeld und schreibst einen großen Teil deiner Auftragstexte für Online-Medien. Wie bist du als junger Filmfan zum Schreiben gekommen und wie wurde dann der umstrittene Mr. Vincent Vega aus dir?

Schreiben über Filme fand ich eigentlich immer schon toll. Als Kind habe ich wie verrückt Schreibbücher gefüllt und darin jeweils passende Bilder aus Fernsehzeitschriften eingeklebt. Also super nerdig. Während meiner Schulzeit schrieb ich dann Film- und Theaterkritiken für die Schülerzeitung und sammelte in der Jugendredaktion der Berliner Zeitung erste „richtige“ publizistische Erfahrungen. Etwas Besseres als das Internet konnte mir später insofern nicht passieren, als dem Austausch über Film dort keine Grenzen gesetzt waren. Die vielen Foren und Communities, später auch Blogs und all das, was man irgendwann Netzkultur nannte, boten schon eine wunderbare Möglichkeit, sich zu verbinden, Kontakt zu Gleichgesinnten herzustellen und schließlich auch Schreibaufträge zu organisieren. Mein allererstes Online-Pseudonym lautete dann halt Mr. Vincent Vega, aber das ist auch heute nicht mehr als nur ein Nutzername mit Avatar. Abgesehen von moviepilot schreibe ich in der Regel überall unter meinem Klarnamen.

Das Pseudonym würdest du heute sicher nicht mehr wählen, oder?

Definitiv nicht. Aber was soll ich sagen, dieser schreckliche Pulp-Fiction-Hype ging in den 90ern auch an mir nicht spurlos vorüber. Obwohl das natürlich schon immer noch ein guter Film ist. Ich mag ihn nur einfach nicht mehr sehen.

Dein Stil ist im Netz als eher polemisch bekannt, Titel deiner moviepilot-Kolumne ist immerhin „Mr. Vincent Vega eckt an“. Genießt du die vielen wutschnaubenden Kommentare, die sich oft unter deinen Texten finden? Suchst du manchmal die Provokation?

Ein bisschen masochistisch war diese Kolumne mit Blick auf die durchaus forcierten, teils extremen Reaktionen anfangs schon, von Genuss würde ich aber wahrscheinlich nicht sprechen wollen. Entstanden ist sie aus der Idee, die auch dort sehr lebhafte Community mit zumindest diskussionswürdigen Themen zu befeuern. Obgleich ich diese Themen im Gegensatz zu den meisten Usern eigentlich selten bis nie wirklich provokant, oft gar ziemlich selbstverständlich finde. Mittlerweile trägt die Artikelreihe allerdings einen anderen Namen, weil mir das strikte„Anecken“ dann irgendwann doch ein wenig zu eintönig vorkam. Man kann ja auch im Konsens noch vermeintlich steile Thesen vertreten, letztlich vielleicht sogar produktiver. Polemisch aber ist die Kolumne immer noch, muss sie auch sein. Sonst wär’s ja fad.

Hast du eine Meinung zum Filesharing? Inwieweit hat es deiner Einschätzung nach dich, dein cinephiles Umfeld oder gar den Filmkonsum an sich verändert?

Praktische Cinephilie ist ohne Filesharing eigentlich kaum denkbar. Zumindest, wenn die Beschäftigung mit Film über frei und leicht verfügbare Titel hinausgeht. Den Konsum hat es insofern verändert, als Dank eines quasi anonymen, weltweiten Netzwerkes von Liebhabern dadurch auch Filme abrufbereit stehen, die man sonst wohl nie zu Gesicht bekommen würde. In gewisser Hinsicht stehen jene demokratischen Filesharing-Plattformen, die sich auf abseitige, seltene, leider nicht offiziell veröffentlichte und distribuierte Filme spezialisiert haben, für eine Form der Filmgeschichtserhaltung, die man ganz klar schätzen, wenn nicht gar regelrecht nutzen muss. Vielleicht ist es durch ihre Nicht-Regulierung und Nicht-Geschmacksbemessenheit auch die wahre, mindestens aber aufrichtigste Art der Filmpräservation. Filesharing von Mainstream- oder problemlos erhältlichen Filmen sehe ich hingegen natürlich etwas differenzierter.

Die Umrüstung der Kinos auf Digitaltechnik und der Wegfall von 35mm-Material ist ein bedrückendes Thema unter Filmfreunden. Wie sehr ist für dich der Filmgenuss mit dem Material verbunden?

Nicht so sehr wie bei manch anderen, aber es spielt auf jeden Fall eine zunehmend größere Rolle. Ich habe vollstes Verständnis für den Materialfetischismus der Zelluloid-Connaisseure und wurde, vorwiegend im persönlichen Kontakt über die Eskalierenden Träumer, auch schon erheblich von ihm infiziert. Seit zwei, drei Jahren etwa meide ich auf der Berlinale konsequent aktuelle Filme und nutze Zeit und Geld ausschließlich für Besuche der Retrospektive. Weil es dort die mittlerweile einzige Sektion ist, die noch weitgehend auf Analogprojektion setzt. Und man weiß schließlich nicht, wie lange es überhaupt noch möglich ist, Filme so zu sehen. Die Kinos scheinen ihre Digitalumrüstung ja offenbar in Windeseile und vor allem derart sorg- und gedankenlos betrieben zu haben, dass analoge Filmwiedergabe in bestimmten Bereichen schon jetzt exotisch anmutet. Ganz zu schweigen von der massenhaften 35mm-Kopien-Vernichtung der Studios. Das ist alles sehr traurig, kurzsichtig und aus den hinlänglich bekannten Gründen auch leider sehr dumm.

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Bild: FAREWELL TO DREAM
Sein Ruin ist was ihm bleibt, wenn alles andere sich zerstäubt. Jugendliebe in Keisuke Kinoshitas Meisterwerk FAREWELL TO DREAM. Berlinale, 2013. Die letzte Berührung ist immer die schmerzlichste.

Ich selbst habe den Großteil meiner Filmsozialisation durch TV und Videotheken erlebt. Du wohnst in Berlin und damit in einer der wenigen Kino-Hochburgen in Deutschland. Wie sehr ist für dich die Liebe zum Film an die Liebe zum Kino gekoppelt? Ginge auch Filmliebe ohne Kino oder Kino in Ausschließlichkeit ohne Privatmedien?

Obwohl ich das vielfältige Kinoangebot sogenannter alter Filme hier längst nicht in dem Umfang wahrnehme, wie ich es eigentlich gern würde, ist das schon aneinander gekoppelt, ja. Aktuelle Filme sehe ich überwiegend in Pressevorführungen. Weil ich dadurch schon recht viel Zeit im Kino verbringe, fehlt mir mitunter die Lust, auch an den Wochenenden noch das gewaltige, zweifellos großartig kuratierte Retrospektivprogramm etwa des Arsenal- oder Zeughauskinos in Anspruch zu nehmen. Da kennt meine Cinephilie ehrlich gesagt Grenzen. Grundsätzlich könnte ich nicht eindeutig sagen, ob ich das Filmeschauen daheim dem Kinobesuch vorziehe oder andersherum. Beides hat seine Besonderheiten, beides möchte ich nicht missen.

Legst du Wert darauf, Filme zu „besitzen“? Hast du eine große DVD- und BD-Sammlung?

Mit der Blu-ray tue ich mich immer noch etwas schwer, mir ist auch dieser ganze HD-Wahn und die damit verbundene Ästhetik zuwider. Eine recht umfangreiche DVD- und VHS-Sammlung besitze ich aber natürlich schon. Sie hält mich konsequent arm.

Wieviele Filme schaust du im Schnitt monatlich? Wie wichtig ist dir im Verhältnis anderer Kulturgenuss (Konzerte, Theater, Lesungen, etc)?

Ich schaue so viele wie möglich. Ein darüber hinausgehendes „Kulturprogramm“ ist mir grundsätzlich relativ wichtig. Zumal sich das ja auch bedingt. Im Theater kann man sehr viel über das Kino lernen und vice versa. Kunstausstellungen mag ich soweit auch, obwohl sie in der Regel tatsächlich genauso ablaufen wie in John Waters’ PECKER. Und auf Konzerten wiederum schiebt man in der Regel sowieso die besten Filme.

Wie beurteilst du den Zustand der deutschen Filmkritik, auch im Vergleich zum Ausland? Wünschst du dir Veränderung, siehst du wie so viele eine anhaltende Krise oder hältst du zum Beispiel die Gesamtheit der deutschsprachigen Schreiber sogar eher für unterschätzt?

Der deutsche Filmkritikdiskurs, so man ihn denn als solchen bezeichnen mag, interessiert mich ehrlich gesagt nicht sonderlich. Auch wenn er das wahrscheinlich müsste. Alexander Matzkeit hat auf Real Virtuality ja vor einiger Zeit den mangelnden Zusammenhalt der Filmbloggerszene kritisiert und sich dafür stark gemacht, gewisse „elitäre“ Strukturen zu überwinden. Das fand ich ehrenwert, ich glaube auch verstanden zu haben, was ihn da störte. Aber persönlich sah ich trotzdem überhaupt keinen Handlungsbedarf. Ich fühle mich auch gut vernetzt und stehe mit vielen Kollegen in Kontakt. Mit einer Pauschalmeinung über den Zustand der deutschen Filmkritik oder wie diese sich zu jener des Auslands verhält, kann ich leider auch nicht dienen. Und würde mich da eher in Allgemeinplätze flüchten: gute Filmkritik ist gut.

Neben vielen Online-Artikeln schreibst du auch immer wieder in Printmagazinen. Ist dir das wichtig oder hat das Internet für dich die Printpresse in dieser Hinsicht überholt? Siehst du wie manche Journalisten deinen Namen doch lieber gedruckt oder ist dir das egal?

Zum Verhältnis von Print- und Onlinejournalismus, dem ganzen entsprechenden Umwälzungsprozess und auch der Frage nach der Wertigkeit von Filmkritik habe ich schon klare Haltungen, aber das würde den Rahmen hier wohl sprengen. Während meiner Anfangszeit als Textschreiber dachte ich tatsächlich, Online-Medien seien per se zweitklassig. Nichts anderes wurde einem von Presseagenturen und Filmverleihen ja auch stets suggeriert. Das könne schließlich jeder, mit einem Beruf habe das nichts zu tun, und überhaupt: Blogger, die keine Journalistenschulen besucht haben, ganz schlimm. Diese Einschätzung hat sich in den letzten Jahren allerdings stark gewandelt. Der Onlinejournalismus ist erblüht.  Jedes relevante Feuilleton scheint online vertreten, jedes Magazin präsentiert sich und seine Inhalte im Internet. Die Qualität hat unter dem Mediumswechsel dennoch nicht gelitten. Viele „etablierte“ Filmkritiker fahren entweder zweigleisig oder arbeiten sogar vorrangig online. Die Bezahlung freier Filmjournalisten schließlich, für mich kein unwichtiger Faktor, ist in konservativen Publikationsbetrieben ebenso dürftig wie online, teils sogar noch drunter. So zumindest mein Eindruck, wenn ich die Zeilenhonorare diverser Tageszeitungen vergleiche. Ich neige aber auch schon aus ganz pragmatischen Gründen wie Platzfreiheit oder besseren Editierungsmöglichkeiten eher zur Online-Filmkritik. Wenngleich dieser ganze marktradikale Performance-Wahnsinn mit seinen Klickzahldiktaten dort sehr, sehr belastend sein kann. Die Verästelung von Content und Werbepartnerschaft ist auch ein ernstzunehmendes Problem, allerdings nicht nur online.

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Bild: PECKER
Cindy Sherman in PECKER von John Waters: „Your pictures are amazing! They’re the real thing.“ Rund 15 Jahre später sind Fotos der Dreharbeiten zum Film selbst in einer Berliner Ausstellung zu sehen. Say cheese!

Wenn du einen Sammelband herausgeben könntest zu einem Regisseur deiner Wahl: Wen würdest du da wählen und welcher Autor fällt dir dann als erstes ein, den du mit an Bord haben wolltest?

William Castle käme auf jeden Fall in die engere Auswahl. Sein ganzes Pre-Gimmick-Kino-Werk ist noch sehr unzureichend erfasst, nicht nur in Deutschland. Ein verhinderter Meisterregisseur, if there ever was one. Zu Wes Craven wird es bestimmt sowieso bald mal einen deutschsprachigen Sammelband geben, hoffe ich zumindest. Ti West hat noch ein paar Jahre Zeit. Preston Sturges ist hingegen überfällig. Abgesehen von einigen kurzen Texten in den Reclam-Filmgenres-Heftchen, findet sich zu ihm ja überhaupt keine Literatur hierzulande. Was mir auch definitiv fehlt, ist ein filmwissenschaftlicher oder zumindest über den Fan-Tellerrand ragender Band zum Slasherkino. Und ebenso einer über queere Horrorfilme beziehungsweise Queer-Reading in Horrorfilmen. Das wäre toll. Nach Autoren müsste ich nicht lange suchen. Auf facebook gibt es mittlerweile eine cinephile Community aus filmbegeisterten Journalisten, Bloggern und Hobbyschreibern, auch Film- und Fernsehmachern, die einst über alle möglichen Internetforen verstreut waren und sich dort so wunderbar vereinten. Da hätte man ganz schnell einen Autorenstab beisammen. Wichtig wäre es mir, auch gegenstandsfremde Perspektiven zuzulassen, genauso wie eine gewisse Skepsis. Nicht alle Texte in einem solchem Sammelband müssten auch zwangsläufig affirmativen Charakter haben. Im Hitchcock-Buch von Beier/Seeßlen gibt es diesen unfassbaren Text zu TORN CURTAIN, in dem Ulrich von Berg sich über Hitchcock und dessen Rezeption auskotzt. Nicht, dass ich ihm da irgendwie zustimmen würde, aber das ist eine ganz wichtige, gar nicht mal ausschließlich polemische Wortmeldung, und die gehört unbedingt in so einen Band. Für den entsprechenden Hass würde ich dann wahrscheinlich meinen lieben Hasko Baumann anheuern. Verrisse sind unter Cinephilen ja offenbar nicht sonderlich beliebt, obwohl ich finde, dass sie genauso zum Enthusiasmus gehören wie die „gute, substanzielle Schwärmerei“, von der Jan Künemund hier im Interview sprach. Mit leidenschaftlichem Wut kann ich manchmal auch einfach mehr anfangen als mit leiernden „Fuck, wie toll“-Arien, die mir wenig über den Film, aber alles über den Verfasser sagen.

Wie wichtig ist dir einerseits, aktuelles Kino zu verfolgen (auch abseits beruflicher Verpflichtungen) und im Gegenzug „genug“ „alte Filme“ zu schauen?

Leider wird es mir nie möglich sein, alles zu sehen, was ich sehen möchte. Rein rechnerisch schon nicht. Angenommen, ich schaute im Schnitt jeden Tag einen Film, so wären das 365 Filme im Jahr. Innerhalb der nächsten 30 Jahre käme ich dann nur auf knapp 11 000 Filme, das wäre gerade mal eine solide Basis. Ein schrecklicher Gedanke. Das Leben ist zu kurz fürs Kino.

Schaust du Filme rein nach Lust bzw. Auftrag oder gibt es manchmal auch System? Private Retros, „must-see-filme“ nachholen, Filmgeschichte aufarbeiten, etc?

Das ist mitunter schon auftragsbestimmt. Oft sind an einen Schreibjob auch indirekt andere Filme gekoppelt, die man praktischerweise gesehen haben sollte. Da geht viel Zeit für die Beschäftigung mit Gegenwartskino drauf. Grundsätzlich bestimme ich aber natürlich selbst, was ich mir ansehe, ich bin durch und durch lustgetrieben. Private Auteur- und Themenretrospektiven lege ich gerne ein. Leider bin ich wider besseres Wissen nun auch diesem eigentlich furchtbaren Serien-Hype erlegen, da gibt es einfach doch zu viele interessante Sachen. Um HBO kommt man einfach nicht herum. Ist vielleicht auch gut so.

Du schreibst nicht sehr oft Filmtexte zu den vergleichsweise vielen „alten“ Filmen, die du so schaust. Ist das Zeitmangel oder treibt es dich gar nicht so sehr, zu entdeckten Schätzen etwas zu veröffentlichen?

Dadurch, dass ich mehr oder weniger berufsmäßig über Film schreibe, beschränke ich mich tatsächlich nur darauf, was gefragt ist. Wenn ich mal etwas entdecke oder auf einen Film stoße, zu dem wirklich noch niemand etwas geschrieben zu haben scheint, oder zu dem ich zumindest eine Ergänzung vornehmen könnte, halte ich das in einem Kurzkommentar auf meinem Blog und bei moviepilot fest. Oder lasse es später in andere Texte einfließen. Für wahre Entdeckungen und Texte zum unterschlagenen Film gibt es ja unter anderem die Eskalierenden Träume oder eben Hard Sensations. Ich muss übrigens sagen, dass es bei meiner Filmauswahl keine Rolle spielt, ob ich mir jetzt eine unbekannte Perle oder den superduper „anerkannten“ Klassiker ansehe. Das ganze Kanondenken nervt mich genauso wie das Antikanondenken, viel zu anstrengend.

Was ist dir wichtig an Texten über Film? Bevorzugst du lyrische, persönliche und literarisch motivierte Texte eher als analytische, akademische oder feuilletonistische? Oder geht alles, wenn nur der Stil gut ist.

Ich glaube, dass unweigerlich jeder Text persönlich ist, auch der nüchternste, langweiligste, uninteressanteste. Meine Texte enthalten immer ganz viel von mir selbst, ob das jemandem auffällt oder nicht, was auch kein Widerspruch zu meinem Kommentar über Verrisse ist. Filmkritiken basieren auf Geschmacksurteilen, sie geben preis, welche Beziehung der Autor zum Film und seinen Darstellungen hat. Das ist sehr intim. Und ja, ich glaube schon, dass alles geht, wenn es sich nur irgendwie gut liest. Obwohl auch das eigentlich Quatsch ist, es gibt definitiv gute Texte, die sich überhaupt nicht gut lesen.

Als einer der wenigen bekannten jungen Schreiber war dir schon in deiner „Frühphase“ Ideologiekritik sehr wichtig. Hat sich das gemildert oder verschärft? Und hältst du solche Herangehensweisen für unterrepräsentiert in Texten über Film?

Das ist bei mir in den letzen Jahren eher zurückgegangen, was vor allem daran liegt, dass sich mir bestimmte Grenzen der Ideologiekritik offenbart haben. Man kann es sich da sehr einfach machen, es lauert auch immer die Gefahr von Kunstfeindlichkeit. Viel zu oft läuft Ideologiekritik auf einen bloßen Gesinnungsabgleich hinaus, als ob Film eine bestimmte persönliche Haltung zu bestätigen habe. Allerdings schreckt mich die Ideologiekritik-Kritik, gern auch in Verbindung mit irgendwelchen imaginierten PC-Keulen oder „Linksspießer“-Nebelkerzen, hingegen noch viel mehr ab. Dieser Unsinn vom Kino, das alles dürfe. Als hätte Kino nichts mit Menschen zu tun, die darin abgebildet werden, oder mit unserer Welt. Fundierte, differenzierte Ideologiekritik ist immer noch wichtig, denn Ideologien sind überall. Slavoj Žižek ist mir persönlich zwar zu albern, aber missen möchte ich ihn auch nicht. Und wenn man über Repräsentation im Kino spricht, kommt man über Ideologieanalyse und –Kritik gar nicht herum.

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Bild: WHEN STRANGERS MARRY
Heirate niemals einen Fremden, auch dann nicht, wenn er von Dean Jagger gespielt wird. Das vortrefflich trivialisierte Sujet der überhasteten Hochzeit als B-Thriller-Aufhänger in WHEN STRANGERS MARRY von William Castle, der hier einen Cameo-Auftritt als Foto absolviert.

Wie „wünschst“ du dir die Stimmung im Kinosaal? Macht es für dich einen Unterschied, ob da ein dicker Blockbuster läuft, ein Bahnhofskino-Kultfilm, ein Herzensfilm deinerseits, ein spröder Autorenfilm oder ein Qualitätskino-Klassiker?

Die positiven Seiten solcher Retro-Schienen überwiegen. Natürlich halte ich nichts davon, Filme nur zu verlachen und alles auf Distanz zu halten. Und dieser schwammige Trash-Begriff ist auch nicht unproblematisch. So unsäglich ich etwa die Filme von Robert Rodriguez und Co. im Einzelnen auch finde, so wird dort ja auf breiterer Ebene etwas gefeiert, das auch gefeiert gehört. Ironie ist diesbezüglich vielleicht ein Umweg, aber ein legitimer. Die ästhetischen Grenzen verschieben sich ja dennoch. Postmodern ist das sowieso alles, ob man nun darüber kichert oder nicht. Ein Freund von mir hat mal gesagt, nach der Postmoderne käme die Rückkehr zum Affekt. Darauf vertraue ich.

Du hast dich schon oft in deinen Texten zur jeweiligen Filmmusik geäußert. Mir scheint, dass dein Interesse und deine Aufmerksamkeit dafür überdurchschnittlich sind für einen Filmschreiber. Du hörst Soundtracks auch als ganzes an, richtig?

Ja, ich höre sehr viele Soundtracks. Fast sogar ausschließlich, wenn ich es mir recht überlege.

Die Stimme des Komponisten halte ich in einem Film, sofern er eine Originalmusik besitzt, für die zweitwichtigste nach der des Regisseurs. Es heißt ja manchmal, Filme entstünden im Schnitt, und eigentlich wird in der Rezeption oder den Kritiken allen Abteilungen, besonders der Kameraarbeit und Ausstattung, in der Regel mehr Aufmerksamkeit geschenkt als der Musikkomposition. Aber all diese Bereiche kann ein Filmemacher vollständig kontrollieren, und das tut er ja auch. Dem Komponisten aber muss er insofern absolut vertrauen, als er über ihn einen entscheidenden Teil Verantwortung abgibt. Er muss zulassen, dass dieser Komponist eine eigene Stimme in den Film bringt, die möglicherweise buchstäblich den ganzen Ton ändert. Das ist wahnsinnig spannend, vor allem natürlich, wenn es sich dabei um einen fähigen Komponisten handelt, dessen Musik nicht nur eine Kommentarfunktion einnimmt oder das bestätigt, was wir ohnehin sehen. Die Arbeiten von Bernard Herrmann oder Jerry Goldsmith sind Musterbeispiele für komplexe Filmmusik. Wirklich gute Filmemacher arbeiten auch mit wirklich guten Komponisten zusammen, das ist für mich beinahe eine Faustregel. Aber in Zeiten von Hans Zimmer, seiner Factory und dem ganzen generischen Joint-Ventures-Kram erübrigen sich eingehende Gedanken über so etwas. Filmmusik ist leider tot. Mausetot.

Gibt es einen Lieblingsfilm von dir, der in deinen Augen viel zu unbekannt oder verkannt ist? Einen, den du aus der Versenkung heben würdest oder einer gründlichen Revision unterziehen? Oder sind das so die Standards, die man eh gut findet?

Meine Lieblingsfilme werden ausreichend wertgeschätzt, denke ich. Eine Liste mit Filmen, die ich für verkannt halte, wäre da schon ungleich weniger überschaubar. Andererseits kann ich gut damit leben, wenn solche Filme nur eine kleine Lobby haben, ich möchte da auch gar nicht großartig missionieren. Zuletzt habe ich mich durch das Werk von Artawasd Peleschjan gearbeitet, eigentlich kein unbekannter Filmemacher, aber schon vergleichsweise unterrepräsentiert. Einer der beeindruckendsten Filme, die ich letztes Jahr gesehen habe, hieß NAVEL AND A-BOMB. Der könnte vielleicht wirklich mehr als die kläglichen fünf Votes vertragen, die er aktuell in der IMDb verzeichnet. Aber da können andere ja sowieso ein Lied von singen. Ich gehe in der Regel ohnehin den etwas bequemlichen Weg, mich von den Entdeckungen anderer inspirieren zu lassen, mir im Groß der Listen und Rankings Empfehlungen einzuholen oder mich auf die Auswahl von Festivalkuratoren zu verlassen. Ohne Lukas Foerster zum Beispiel wäre mir Bill Forsyths Meisterwerk HOUSEKEEPING wohl entgangen. Auch das ist einer der vielen positiven Effekte cinephiler Vernetzung. Schön.

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Bild: NIGHTMARE ON ELM STREET II
Ein Albtraum in der Lederbar. Mit unvergessenen Dialogzeilen: „Something is trying to get inside my body“. A NIGHTMARE ON ELM STREET 2: FREDDY’S REVENGE, das vielleicht prominenteste, aber längst nicht einzige Beispiel eines durch und durch queeren Horrorfilms.

 

Über den Autor

Aufgewachsen inmitten der pulsierenden Film-Metropole Merkstein/Rheinland mit ihren schillernden Kino-Palästen, umgeben von hochkarätigen Stars, Regisseuren und Filmkritikern blieb Marco Siedelmann nicht viel anderes übrig, als selbst Filmjournalist zu werden. Er schreibt u. a. für critic.de, deadline und negativ.

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