Nymph()maniac Vol. II

Von  //  27. Mai 2014  //  Tagged: ,  //  Keine Kommentare

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Entzückte Philologin. Mit Ka im Kino.

„Meine Freunde sagen einfach K“, sagt die Philologin. Für Marlowe steht sofort fest, dass dieses K von keinem Punkt begrenzt wird. Es klingelt, als gäbe es außerdem ein a und ein h. Marlowe ringt K ein a ab, das braucht er für seine Notizen. Zuerst ist das a für ihn ein geduckter Anbau, bis dass K sich als Mast manifestiert und das a in eine alte Kiste verwandelt. Eine Kiste am Mastfuß. Eine Schattenkiste. Die Philologin ist entzückt: „Für dich bin ich gern Ka.“

Marlowe hat keine, die er betrügen kann. Doch kommt es ihm erst gar nicht in den Sinn, für möglich zu halten, dass Ka unbemannt auf ihn fliegt. Sie will mit ihm Nymph()maniac 2 (unbedingt) im b-ware sehen. Ein bisschen erstaunt scheint sie schon, da Marlowe zu erkennen gibt, dass er das Kino in der Gärtnerstraße kennt. Marlowe glaubt, dass ihm Ka das Kino am liebsten offeriert hätte als lokale Offenbarung. (Fern überlaufender Routen.) Etwas kommt dazwischen, der Termin muss verschoben werden, „du glaubst gar nicht, wie unglücklich mich das macht.“

Ka ist der Feuer-und-Flamme-Typ, während Marlowe vor lauter Zurückhaltung manchmal verschwunden scheint, obwohl er vor einem steht. Er wartet im b-ware auf Ka, im letzten Augenblick zerschlug sich eine gemeinsame Anfahrt. Marlowe sitzt wie ein Blinder im Plunder und wundert sich nicht. Nicht über den akkuraten Einzelgänger (Solitär in sportlichem Leder) dessen Anschrift Marlowe bei der Mutter vermutet. Er wundert sich nicht über die Freundinnen mit den zusammengesteckten Köpfen, für die in der Welt zu sein ständige Überwindung und Besprechung der Überwindung bedeutet. Er wundert sich nicht über den Schluri im Bierkastenstil, ein Herr Lehmann wie er im Buch steht. Ferner wundert er sich nicht über das Paar, das ergreifend gut in die Gegend passt – lockere Leute. Doch dann tritt ein Hüne im rosa Hemd auf und an seiner Seite schwebt ein Modell ein. Wahrscheinlich gibt es kein größeres rosa Hemd auf Erden, es platzt trotzdem gleich.

Die Frau ist so schön, dass Marlowe nicht hinsehen kann. Was machen solche Menschen hier? fragt er sich. Sie reden leise, mit kultivierten Stimmen. Marlowe fehlt jede Vorstellung, was der hypertrophe Schwarze beruflich treibt. Er trifft seine Vorurteile und freut sich über eine Selbsterkenntnis. Er erkennt seinen Neid auf die im Übermaß Gesegneten und begrüßt den Neid als alten Pappkameraden.

Ka kommt, Schweiß perlt aus dem Flaum auf der Oberlippe. Sie hat ein evangelisches Gesicht, eine entfernte Ähnlichkeit mit Georg Büchner, den Sophie-Scholl-Schick und die Brille zur Erinnerung an harte Zeiten in der Kindheit. Als die Gemeinen ihren Stil noch verbindlich machen konnten auf dem Schulhof.

Ka möchte Marlowe begrüßen wie einen amtierenden Sexpartner. Marlowe vermeidet das mit einer kleinen Bewegung. Er will von Frau Doktor nicht überfahren werden. Ka registriert die Vermeidung und setzt sofort nach wie über einen Bach. Die Selbstverständlichkeit, mit der manche Menschen überraschende Dinge tun. Sie parkt auf Marlowes schüchternen Schenkeln, das zupackende Wesen als Person. „Was willst du trinken?“

Vol 1 siehe: http://hardsensations.com/2014/02/nymphomaniac-volume-1/
Der Film verlängert die Erzählung des ersten Teils in Szenen einer Ehe. Man sieht Joe als unzufriedene Gattin und unzulängliche Mutter (von Marcel). Sie hat den Mann geheiratet, der sie im ersten Kapitel wie einen Sack Kartoffeln deflorierte. Jerôme ((Shia LaBeouf) vergleicht sie mit einer Tigerin, er unterstellt Joe eine Großartigkeit, die über seine Kraft geht. Sie erschöpft ihn, ohne selbst noch Erfüllung zu finden (nach einer erfüllten Zeit). Jerôme bleibt noch lange ein Gefangener seiner Liebe. Er wendet sich erst ab, als Joe den Sohn schon vernachlässigt. Doch auch ihn überfordert das Kind so sehr, dass er Marcel in ein Heim steckt. Auf der Gegenwartsleiste erzählt das Joe dem alten Seligman (Stellan Skarsgård), einem Weltfremden, der viel weiß. Er bietet Joe Erklärungen, die ihr zu helfen scheinen. Ihr zu helfen, scheint seine Funktion zu sein. Er hat Joe buchstäblich von der Straße gelesen, wo Seligman sie blutüberströmt fand. Seither pflegt er sie bei sich daheim. Der Film steuert Katharsis an, während in Rückblenden Joes Vergangenheit als grausames Geschehen gezeigt wird. Grausam in der Verständnislosigkeit, die Joe allein für sich übrig hat. Wie eine Irre wehrt sie sich gegen konventionelle Aussagen über Sexualität, Joe gestattet sich keine Zurückhaltung. Gereizt reagiert sie auf Lügen zum Thema. Es kommt ihr auf die Wahrheit (vom Wesen ihrer Sexualität) an, das ist Joes Projekt. Das erkennt sie ausgerechnet in einer Runde anonymer Sexsüchtiger.

Stacy Martin spielt Joe in ihrer Blüte, Charlotte Gainsbourg übernimmt die Figur im gebrochenen Zustand. Joe behauptet Seligman gegenüber eine Souveränität bei ihren Experimenten, die sich dem Zuschauer nicht erschließt. Marlowe sieht keine Tigerin auf der Leinwand, sondern eine Verirrte.
Der Film verfolgt sie in Kapiteln. In „The Eastern and the Western Church (The Silent Duck)“ konsultiert sie einen Spezialisten, der seine Klientinnen systematisch schlägt. In besonderen Stimmungen begünstigt er Joe mit der schweigenden Ente. Eine manuelle Stimulation von äußerster Herzlosigkeit. Joe beansprucht eine besondere Beziehung zu diesem Herrn, der genau das verweigert und so die Abhängigkeit verstärkt. Nun zerbricht die Ehe. Körperlicher Verfall setzt Joes Obsessionen Grenzen. Sie kann keinen normalen Job mehr machen und wird deshalb Geldeintreiberin. Willem Dafoe spielt ihren Mentor, es ist immer eine Freude, ihn spielen zu sehen. Der Meister führt seiner Meisterschülerin eine Novizin zu, die einmal ihre Nachfolgerin werden soll. Eine Weile schimmert das Verhältnis in freundlichen Farben, die Jüngere zeigt sich in jeder Hinsicht aufgeschlossen. Sie erscheint nicht so bedrängt wie Joe. Eines Tages führt ein Auftrag die beiden Frauen und ihre muskuläre Verstärkung zu Jerôme. Joe überlässt den Job dem Nachwuchs, das führt in eine Katastrophe, die dem Film ein schlüssiges Ende gibt. Dabei gelangt die Walther PPK burlesk ins Spiel, auf die James Bond schwor, nach einer Enttäuschung von seiner Beretta.

Der Film ist vorbei. Marlowe lugt nach der Exzellenzverbindung, die will aber nicht noch was im b-ware (oder davor) trinken. So wie alle anderen. Das Elitepaar rollt wie eine Welle weg. (Mit doppeltem Hüftschwung.)

„Das ist doch komisch“, verlangt Ka das Wort. „Wenn man gemeinsam so viel Sex sieht, trotzdem man noch keinen gemeinsamen Sex hatte.“

Dänemark 2013, Regie: Lars von Trier



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