The Brother from Another Planet

Von  //  21. April 2014  //  Tagged: , , , , , , , ,  //  1 Kommentar

Brother from Another Planet

Obwohl ich – aus aktuellem Anlass – gerade tatsächlich auf der Suche nach unverbrauchten, originellen New-York-Filmen bin, ist “The Brother from Another Planet”, die vierte Regiearbeit von Autorenfilmer John Sayles, vor ein paar Tagen eher zufällig, nämlich via Algorithmus eines bekannten Streamingdienstes auf meinem Bildschirm gelandet. Ich bin dem System zu Dank verpflichtet: Es hat mir mit 30 Jahren Verspätung eine echte Perle auftgetischt.

“Der Typ vom anderen Stern” – so der dämliche deutsche Titel des Films – entzieht sich zunächst einmal jeder Kategorisierung. Die Geschichte vom stummen, mit 2×3 Zehen und diversen Superkräften ausgestatteten schwarzen Außerirdischen, der sich auf der Flucht vor (ebenfalls außerirdischen, aber weißen) Häschern in Harlem versteckt, fällt natürlich in die Oberkategorie Science-Fiction. Aber sie hat auch Elemente eines Sozialdramas und einer Komödie. Dazu kommen eine ordentliche Portion Großstadtfilm und Blaxploitation-Kino. Wer jetzt denkt, dass bei so einer Mixtur nur Quark herauskommen kann, irrt sich gewaltig.

Sayles und sein tadellos spielender, charismatischer Hauptdarsteller Joe Morton ziehen den Zuschauer schnell in ihren Bann. Vielschichtige Themen wie Migration, ethnische und ökonomische Segregation, Rollenmodelle, Großstadt- und Kommunikationschaos werden locker, flockig, aber nie oberflächlich beleuchtet. Und dann ist da mitten im urbanen Chaos noch eine Menge Platz für Konzepte wie Humanismus (sic!), Freundschaft und Solidarität. Applaus für das Drehbuch. Besonderen Charme versprüht der Film, wenn er tief ins Zeitkolorit der 80er eintaucht: Wir sehen unzählige, bunt blinkende und laut fiepsende Arcade-Automaten (die der Protagonist mit seinem elektronischen Daumen souverän reparieren kann), grelle Graffitis auf trostlosem Mauerwerk und erbarmungswürdige Junkies (die der Brother retten will); wir lauschen Hip-Hop- und Reggae-Songs und werden Zeuge, wie die goldene Soul-Ära zu Ende geht (sexy und sympathisch in einer Nebenrolle: die Jazz-Sängerin Dee Dee Bridgewater als ehemaliger Motown(?)-Star Malverne Davis). Harlem spricht Englisch, Spanisch und Koreanisch. Der Brother schweigt – und versteht schließlich trotzdem alles. Sein Daumen deutet in Richtung Weltraum und in Richtung Asphalt, unter dem die Metro rauscht und rattert.

Ein paar Schwächen hat Sayles Film dann allerdings doch: Action-Szenen wirken manchmal unfreiwilig komisch, und was die eher trashigen Gore-Elemente sollen, weiß wohl nur (der ansonsten sehr stilsichere) Kameramann Ernest R. Dickerson. Der Plot-Twist am Ende wirkt zudem überhastet und ist nicht 100% nachvollziehbar.

Dennoch: Ein cleverer, gut inszenierter und mit viel Humor ausgestatteter Genre-Streifen, der im Jahr 2014 nichts von seiner Strahlkraft eingebüßt hat. Harlem, brother!

USA 1984, Regie: John Sayles


Über den Autor

Alexander Plaum achtet seit frühester Jugend darauf, eine üppige Film- und Musikdiät zu pflegen und - sofern er Zeit hat - den Mediengenuss auch in kleinen Texten zu verarbeiten. In den letzten Jahren hat er u.a. für das O'Reilly Blog, soundmag.de und satt.org geschrieben. Seit dem 01.04.14., 14:14Uhr versucht er, seine neue Seite www.lxplm.net mit interessantem Content zu füttern.

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