Ben Urwand – „The Collaboration“

Von  //  9. Februar 2014  //   //  Keine Kommentare

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Man hat es satt. Jahr für Jahr für Jahr für Jahr erscheinen neue Bücher über den größten unser aller Feldherren. Und was war der Postkartenmaler aus Wien nicht schon alles gewesen: Flasche und sinister Staatsmann, Kleinbürger und Wahnsinniger, Hundeliebhaber und Judenhasser.

Was die Dokumentationen über Herrn Hitler als Argument anführen, ist die durch die nachgekommenen Generationen gegebene Möglichkeit sich sehr einfach von Jemand mit einer veralteten und damit karnevalesken Uniform zu distanzieren. Indem die Dokumentationen einen Nexus herstellen zwischen der Vorstellung, dass Hitler ein Alien war, und dem Schrecken, der selbst den überzeugtesten Mitläufern nicht erspart blieb, legen sie zugleich die Sehnsucht offen, Krieg und das Dritte Reich nur als trauriges Lagerfeuer-Glück zu begreifen. So versuchen diese Dokumentationen eine Vernunft zu retten, für die sie eine Pappnase von Weltgeschichte jenseits des Vorstellbaren postieren. Das kann nur scheitern.

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Ben Urwand geht in seinem Buch  „The Collaboration – Hollywoods Pact with Hitler“ einen anderen Weg. Hier geht es um den Filmfreund Hitler, seinen Filmgeschmack, seine Verbindungen zu Hollywood und seine Erwartungshaltungen an das Kino. Hitler wird mal nicht als politisches Monstrum präsentiert, sondern als Privatperson in Szene gesetzt.

Der Leser erfährt dass Hitler jeden Abend wenigstens einen Film schaute. Die Titel wählte er während des Abendessens aus. Seine Adjutanten, Diener, Gäste, ja selbst die Chauffeure seiner Gäste durften ihm Gesellschaft leisten. Ab jetzt passierte etwas Merkwürdiges – Hitler schwieg. Unterhielt, langweilte oder monologisierte er vorher seine Gäste durch den Abend, so verlangte er beim bewegten Bild absolute Ruhe.

Sein Deskriptionsraum unterteilte sich in die Kategorien gut, schlecht und ausschalten. Stellvertretend seien dafür „Laurel and Hardy – Way Out West“ (gut), „Tarzan“ (schlecht) und „Tip-Off-Girls“ (ausschalten) genannt.

„Tip-Off-Girls“ machte ihn so wütend, dass er Tage danach ein Gesetz verabschiedete, dass bei Androhung der Todesstrafe das Aufstellen von Straßensperren verbot. Seine Adjutanten schlossen Wetten ab, welcher Film bis zum Ende durchlaufen würde. Bei Micky Mouse lagen sie nie falsch. Hitler liebte die Maus. Hitler inventarisierte die Filme, breitete sie vor seinem hörigen Publikum aus, aber seine Liebhaberei war banalste Verwertung. Jeder soll sich bedienen, aber keiner außer ihm soll investieren, wenn Hitler nur sagt: Gut, Schlecht oder Ausschalten.

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Was mittlerweile von selber läuft, musste damals noch mühsam improvisiert werden: Mut zur Lücke war gefragt, eine Qualifikation, die politische Karrieren begründetet. Ja der Hitler war schon unfreiwillig komisch und entblödete sich auch nicht das eigene Hobby zu verhunzen.  Am 29.März 1933 wurden weite Teile des jüdischen Personals der UFA entlassen. Tragisch (und) komischerweise kamen jetzt erst recht jüdisch-amerikanische Handelsreisende nach Deutschland um US-amerikanisches Kino zu bewerben.

George Canty, Mitarbeiter des Department of Commerce besucht einige Wochen nach der „Umstrukturierung“ Goebbels um die Vertriebsmöglichkeiten auszuhandeln.  Goebbels war ebenso wie Hitler ein großer Freund Hollywoods. In seinem Tagebuch vermerkte er, dass er die Amerikaner um ihre fehlende Theater-Tradition beneidete. Dieses Fehlen gestattete seiner Meinung nach diese Leichtigkeit, die dem deutschen Film einfach fehlte.

Hollywood wollte Deutschland als Absatzmarkt behalten. Und es sollte diesen Deal mit enormen Zugeständnissen absichern. Konkret geht es um das Verschwinden des Juden aus dem Film. Das Begrüßungsgeschenk wurde der erste faschistische Mainstreamstreifen. „Gabriel over the White House“, geschrieben von Thomas F. Tweed, landete im Januar 1933 in den Händen von William Randolph Hearst. Hearst war begeistert von der Idee einen Film über eine faschistische Diktatur in den USA zu produzieren. Doch es war nicht Hearsts alleinige Entscheidung. Seine Firma Cosmopolitan Pictures war abhängig von MGM. Also musste Louis B. Mayer ins Vertrauen gezogen werden. Gemeinsam wurde ein Brief an Benito Mussolini verfasst mit der Bitte entsprechende Vorschläge für den Umgang mit unliebsamen Bevölkerungsgruppen zu schicken. Mussolini folgte der Bitte mit den Worten: „complete annihilation“. Dass Berlin Jahr für Jahr die Bestimmungen für das Zeigen von Spielfilmen verschärfte und somit jede Kritik am dritten Reich, der Rolle des Juden in Deutschland und der Person Adolf Hitlers kriminalisierte, spielte keine Rolle. Lange genug machte Hollywood einen Bogen um die große Depression. Mit „Gabriel over the White House“ erfolgte der Rundumschlag: Massenarbeitslosigkeit, Vetternwirtschaft, Prohibition, Kriegsschulden und die Antwort darauf war ein faschistischer Präsident. Fünf Monate nach der Erstausstrahlung gelangte der Film nach Deutschland und wurde im Februar 1934 in Berlin uraufgeführt. Ein Jahr später folgte „Triumph des Willens“. Allerdings waren amerikanische Spielfilme im Allgemeinen stets erfolgreicher an den Kinokassen.

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„The Lives of a Bengal Lancer“ war Pflichtfilm in der Hitlerjugend. „It Happened One Night“ ein relevanter Unterhaltungsstreifen. In „Mr. Smith goes to Hollywood“ wurde die „Korrumpierbarkeit des Parlamentarismus“ gesehen. Zeitgleich zur Unterzeichnung des Hitler-Stalin-Paktes kam schließlich „Gone with the Wind“ in die Reichskinos. Das Drehbuch schrieb Ben Hecht.

Ben Hecht wurde 1894 als Kind jüdischer Migranten in New York geboren. Bereits im Alter von 17 Jahren schrieb er regelmäßige Kolumnen für Chicago Daily News. Mit 30 versuchte er sich als Romanautor und scheiterte. Eines Tages bekam er einen Anruf von seinem Freund Herman Mankiewicz: „Will you accept three hundred per week to work for Paramount Pictures. All expenses paid.“ Natürlich akzeptierte er und wurde schon bald zu einem gefeierten Drehbuchautor. Für „Underworld“ bekam er 1927 den ersten Academy Award. Die Reichskristallnacht 1938 schockierte und politisierte ihn maßgeblich. Erneut versuchte er sich als Romancier und schrieb zwei Monate vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges und zwei Jahre vor der Wannenseekonferenz die Kurzgeschichte „The Little Candle“: „On that dreadful morning when we Jews opened our morning newspapers…we learned that overnight some five hundred thousand jews had been murdered in Germany…So the mad face with the comedian´s mustache,called the Fuehrer, informed us.“  1941 wurde er Kolumnist der Zeitung „PM“. Dort hatte er völlige Narrenfreiheit und er nutzte diese um eine jüdische Armee aufzubauen. Allerdings wurde er bereits ein Jahr später wieder einmal vor vollendete Tatsachen gestellt. Am 25.November erschien in der New York Times ein Artikel, in dem berichtet wurde, dass bereits 2 Millionen Juden ihre Vernichtung fanden. Ein Jahr darauf bot die rumänische Regierung den Verkauf von 70,000 Juden an. Ben Hecht wurde zum Zyniker: „For Sale to Humanity.70,000 Jews. Guaranteed Human Beings at $50 a Piece.“ Seine Tragik bestand darin, dass sein Hauptarbeitgeber, die Filmstudios, nur zu gerne mit den Nazis zusammen arbeiteten. Deutschland war Absatzmarkt Nummer 2. Ein guter, liquider Kunde.

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Schließlich zog die USA in den Krieg. Kurz nach dessen Ende, am 16.Juni 1945, trafen sich Jack Warner, Darryl Zanuck, Harry Cohn, Barney Balaban und Eddie Mannix im Pentagon. Business must go on und die Reiseroute der Herren umfasste die aus ihrer Sicht neuralgischen Punkte Berlin, Hamburg, Berchtesgaden, Dachau und München.  Man kam zu dem Schluss die deutsche Filmindustrie erst einmal nicht aufzubauen. Jedoch sollte die deutsche Bevölkerung mit den Filmen der Jahre 1940-1944 versorgt werden. Das Publikum dankte. Endlich konnten all die Filme gesichtet werden auf die verzichtet werden musste.

Ben Urwand zeigt in seinem brillanten Buch Hollywood als Akkumulation unbegriffener Widersprüche. Beklatscht solche Zustände derzeit ein gewisser Antonio Negri als „Unregierbarkeit“, weil er naiverweise glaubt so ein revolutionäres Entweder-Oder hervorzubringen, so zeichnet Urwand eine Farce ohne eigentliche Karthasis nach. Lehrstücke des Opportunismus -faktensatt aufgerollt und mit hintergründigen Humor niedergeschrieben.

USA 2013, Ben Urwand

 


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