Century of Birthing

lav diaz cob

Am Ende, da löst sich alles in Tanz auf. Diejenigen, die ihren Platz im Gefüge verloren hatten – die wahnsinnig gewordene Schwangere und der Regisseur, der sich in einem jahrelangen Schneidemarathon seines letzten Filmes verloren hat – erobern sich den Raum zurück als zwei um sich selbst drehende Fixpunkte, die, sich gegenseitig erkennend, ins Jauchzen geraten. Ein kurzer Moment der Erfüllung ist das, oder, weil das Thema Religiosität in diesem Film zentral ist, vieleicht auch überhöht und erhabener formuliert: ein Moment der Erlösung. Bevor dann in der letzten Einstellung der Regen auf die Dächer der Hütten und Häuser plattert, so wie er es immer tut und der Raum freigegeben wird für die nächste Erzählung, die nächste Geschichte, den nächsten Film.

Sechs Stunden später also, ganz am Ende von Lav Diaz‘ A Century of Birthing steht der Neuanfang. Und das ist nicht das Einzige, was in diesem Film geboren wird (werden soll) – womit der Film, der mir im Vergleich zu anderen Werken, die ich von Diaz kenne, eine merkwürdig runde Form aufweist und damit eine gewisse Geschlossenheit und Harmonie suggeriert. Auch wenn diese Gestaltetheit in sich wieder eine Offenheit birgt; denn vielleicht sind die Figuren nun vollends dem Wahnsinn anheim gefallen (aber vor solchen großen, überhöhten Gesten muss man sich hüten). Eine Offenheit jedenfalls, die auch der Zuschauer mitbringen muss, wenn er sich einem solchen Mammutfilm ausliefern möchte – und auch klar, Diaz kann natürlich noch viel länger, auch doppelt so lang. Century of Birthing, den man sich neulich bei mubi in voller Länge im Stream anschauen konnte, gehört also zu seinen mittellangen Werken und wäre schon deswegen „gut für Einsteiger“ geeignet. Man scheint Angst, oder zumindest Respekt zu haben vor einer solchen Filmlänge, die einem nicht nur Sitzfleisch, sondern, ja: Lebenszeit ab- und auch einfordert. Zwei Zeiteben, die sonst getrennt sind im Kino und nur im besten Falle aufgehoben werden, verschmelzen miteinander (und noch viel weiter sind sie in der Regel zuhause von einander getrennt, wo man gerne mal mit der Fernbedienung spielt). Persönliche Zeit wird bei Diaz Zeit mit dem Film, und der Film spürbar zum Teil der eigenen Lebenszeit.

Eine Tatsache, die man nicht verklären muss, die aber mindestens interessant ist in einem Zeitalter, wo solche Filmexperimente (Warhol hat sowas ja auch schon gemacht! hört man immer wieder, oder Béla Tarr) eben nicht mehr üblich sind. Wobei man sagen müsste: Kinoexperimente sind das eigentlich. Und dann gibt es da so ein Nebenbeiprodukt, was ich persönlich wunderschön finde: Texte über Filme von Lav Diaz geraten den Autoren fast immer zu Texten über das Kino an sich. Man kann diese Filme, so scheint es, kaum in eine normal-funktionale Rezension hineinzwängen, sie brauchen mehr Platz, mehr Raum, sie wollen sich ausdehnen, so wie sich der Film ausgedehnt hatte. Leute schreiben darüber, wie sie Kino erlebt haben. Das tun sie heute viel zu selten.

Der Faktor Zeit ist also etwas, was uns in unserer durchgetakteten Welt und in einer, wo Textlängen nach Anschlägen bemessen werden, besonders gewichtig erscheint. Diaz‘ Filme gelten schon deswegen als Herausforderung, vielleicht sogar als politische Saboteure, Konterbande, weil sie einen davon abhalten, die Zeit für etwas anderes „sinnvoll zu nutzen“. Über Sinn und Zweck des Kinos soll hier nun nicht diskutiert werden, es ist aber für diesen Film dennoch relevant, das kurz anzusprechen. Der Ursprung dieses Missverhältnisses entspringt wohl einem kulturellen Graben, den man sich kaum einmal klarmacht. So hatte Diaz in einem Interview gesagt, der Faktor Zeit spiele auf den Philippinen keine Rolle. In agrarischen Gesellschaften denke man in Jahreszeiten, in Zyklen, in Lebensphasen – und eben nicht in Stunden und Minuten wie im auf jedwede Ökonomie hin ausgerichteten kapitalistischen Westen. Umso bemerkenswerter dass nun hier, in diesem Film, der Faktor Zeit eine zentrale Rolle spielt. Es wird als Dilemma erfahren, dass der Regisseur Homer seinen Film bereits seit drei Jahren nicht fertig bekommt. Was sich durchaus als persönliches und existenzielles Problem manifestiert, da er psychisch verzweifelt ist und ökonomisch am Ende (und dem Zuschauer fällt es natürlich schwer, das nicht biographisch zu lesen, Homer und Diaz in eins zu setzen – aber das nur am Rande). Der Anruf des Leiters eines europäischen Filmfestivals, ob man denn dieses Jahr mit seinem neuen Film rechnen könne, wehrt Homer barsch ab: er mache keine Filme für Festivals, er habe seinen eigenen Rhythmus, der Filme werde eben fertig, wenn er fertig sei. Homer also nimmt seinen finanziellen Ruin in Kauf für das gelungene Kunstwerk – er setzt seine Karriere aufs Spiel. Ein bisschen unbefriedigend ist dann aber schon, dass Diaz das alles sehr unspezifisch lässt, was Homer eigentlich umtreibt, dem, wie er mehrfach sagt, „das Feeling“ für den Film fehlt. Ob er das selbstironisch meint? Wir sehen Homer dann in seiner Blechhütte sitzen, wie er endlos das Filmmaterial begutachtet und immer wieder neu zusammensetzt. Diaz macht dann auch den Sprung in den Film hinein, Film im Film, und zeigt minutenlang Homers Filmruine. Erkennbar ist das, weil die Kamera einfach auf den Computermonitor hält, oder weil sie ranrückt, das Bildformat dann aber ein anderes ist. Manchmal aber geht sie noch näher ran, dann löst sich diese Rahmung auf, die uns als Ebenen-Anker zur Orientierung diente. Aber auch Homer scheint über seine Arbeitspraktiken langsam zu verzweifeln: im Laufe des Films holt er sich Rat bei verschiedenen Personen, etwa bei seiner Hauptdarstellerin Angel.

Ein anderer Erzählstrang des Films hat die Erlebnisse der jungen Frau Ana zum Thema, die Teil einer religiösen Gruppierung ist, die deutlich sektenartige Züge aufweist. Father Tiburcio ist das spirituelle Zentrum der Bewegung, ein ehemaliger, wie wir später erfahren, Theaterschauspieler. Vermutlich ein Scharlatan, der aber dann doch sehr weit zu gehen bereit ist in seinem Glauben – Diaz lässt das alles offen, etabliert die Verunsicherung als Normalzustand. Ein größeres Problem ist das aber zunächst nicht – Father Tiburcio hat eine Schar junger Frauen um sich, die ein Gelübde zur „Reinheit“ abgelegt haben, allesamt also Jungfrauen sind. Das sind keine Missbrauchsverhältnisse, auch wenn das immer wieder im Raum steht und man seine Befürchtungen hat. Vielmehr vermittelt sich die Geschlossenheit und das Zusammengehörigkeitsgefühl der Gruppe, wenn sie, einen endlos sich wiederholenden Singsang skandierend, auf den Straßen Manilas um neue Mitglieder werben. Dieses hynotische, einer Trance nicht unähnliche Moment zieht einen vom Beginn ab direkt in den Film hinein und lässt einen nicht mehr los. Es ist keine Distanz mehr da zum Film, man wird zum Teilnehmer. Am Ende dann wird dieser Erzählstrang mit dem Homers (und noch eines schwächeren dritten und kleineren Nebenerzählungen) zusammenfließen, als zwei, drei, vier Ausformungen einer größeren Erzählung, deren Subtext ein gemeinsamer ist.

Ungewöhnlich brutal ist Century of Birthing aber ebenfalls. Im Film, vor allem gegen Ende, werden zwei, drei Szenen ausformuliert, wie ich sie von Diaz in dieser Form noch nicht kannte. Durch den dokumentarischen Stil, die statische Kamera und die Einstellungslängen sind das äußerst eindrückliche Szenen, die nur schwer erträglich sind. Zur Verstörung trägt aber auch in nicht geringem Maße die Tonspur bei. Es sind oft kleine Sabotageakte, die manchmal fast unbemerkt ablaufen, dahinter aber den Regisseur als feinsinnigen Tonmeister erkennen lassen. So sind die Dialoge manchmal zu leise abgemischt im Vergleich zu den Hintergrundgeräuschen, sodaß man die Sprecher kaum oder gerade eben nicht versteht. Oder der Ton setzt für mehrere Minuten komplett aus, was sich als brutaler Einschnitt wahrnehmen lässt. „Tonfehler“ werden ebenso eingefügt, bzw. drin gelassen, also lautes Knarzen, Störgeräusche, stotternde Laufprobleme, das Einstecken eines Kabels und dergleichen. So roh das Material oft anmutet, so bearbeitet und durchgestaltet ist der Film bei genauerem Hinsehen und Hinhören. Vermutlich würde eine weitere Sichtung noch einmal tiefere Schichten der Bedeutung und der Verknüpfungen hervorholen. Ja, da hat man direkt Lust drauf, nach 6 Stunden Lav Diaz direkt mit Lav Diaz weiterzumachen; ganz einfach, weil das spannend ist. Und überwältigend. Und das Kino an sich als einen Zustand des Am-richtigen-Ort-Seins etabliert. Eine uneingeschränkte Empfehlung.

Siglo Ng Pagluluwal/Century of Birthing, Philippinen 2011; Regie/Buch/Kamera/Ton/Schnitt: Lav Diaz.

Über den Autor

Michael Schleeh schaut vor allem asiatische Filme. Seit ein paar Jahren betreibt er das Blog SCHNEELAND und schreibt Reviews für verschiedene Webseiten. Indisches Regionalkino ist sein aktuellstes Ding. ~~ Michaels Filmtagebuch: http://letterboxd.com/schneeland/ ~ Michaels Twitter: @mono_micha

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