Brownian Movement

Von  //  5. Oktober 2013  //  Tagged: , , , , ,  //  1 Kommentar

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Sie schreitet durch den weiß verhängten Untersuchungssaal in ihrem Institut und schaut dort mit unerklärbaren, aber sicheren Kriterien unter ihren Patienten nach Männern, die sie in ihre heimlich gemietete Zweitwohnung einlädt. Ein Tier, das sich andere sucht, instinktiv und anmutig.

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Die Brownschen Molekularbewegungen haben wir in der Schule durchgenommen. Ich habe sie mir gemerkt, weil ich hypnotisierenden Bewegungen schon immer gerne zugesehen habe. Den tanzenden Stäubchen auf Lichtstrahlen. Kochendem Wasser. Den Hoden nach dem Orgasmus. Den fließenden, komplexen Bewegungen, mit denen sich eine Schnecke voranbringt oder sich ihr Futter einverleibt.

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So studiert Charlotte (Sandra Hüller) die Körper der Männer, die sie sich ausgesucht hat. Zart und verwundert wiegt sie seinen dicken Bauch in den Händen. Wie mit sich alleine, ein ruhiges, einsames Kind im Sandkasten.

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Sie macht sonst nicht viel, lässt vieles unangetastet. Es ist nicht nötig; alles ist geordnet. Aufgeräumt und freundlich geht sie ihrem geregelten Beruf nach. Ihr putziges, kapriziöses Gesicht wirkt oft, als lächelte sie. Sie ist nett zu ihren Studenten und zu ihrem kleinen Sohn. Liest ihm ein Märchen vor und setzt ihm Grenzen, als er mehr Geschichten will… so brav wie er wird sie später auch die Grenzen akzeptieren, die andere ihrem Bedürfnis nach selbst erlebten Geschichten setzen.

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Oft sitzt sie einfach in ihrer lichtdurchfluteten Geheimwohnung, in ihrem Bademantel voller Rosen, in schlichter, schöner Ratlosigkeit und Selbstgenügsamkeit. Sie schaut lange und aufmerksam, wie eine Katze. Nachdenklich, nachdenklich. Man sieht sie atmen. Und hat das Gefühl, dass das alles erklärt.

Wie ein fotorealistisches Bild von Gerhard Richter. Das Licht spielt auf den Dingen, die Luft bewegt sie leicht, die Musik flimmert… sie streichelt die Arme ihres Sessels. Von Frauen, die das in Filmen tun, könnte ich inzwischen doch schon eine kleine Serie machen.

Eigentlich eine schöne Idee, es so zu handhaben. So kann man leben. Aber dürfen tut man`s nicht. Man ist verheiratet. Man ist erwachsen. Und man liebt und wird geliebt. Große Dinge muss man tun, große Erwartungen richtigen Verhaltens erfüllen.

Wenn ihre Geliebten unerwartet im normalen Leben auf sie zugehen, schlägt sie um sich, jäh wie eine Tourette-Patientin. Sie will sie so nicht sehen und nicht so gesehen werden, sie hat ein Problem mit dem Konzept „Mensch“.

Zusammenbruch deswegen. Ein medizinisches Gutachten muss erstellt werden, da nun ihre weitere Zulassung als Ärztin in Frage steht. Sie soll sich für den Privatweg, den sie gefunden hat, rechtfertigen wie für einen moralischen Fehler. So fing die Wissenschaft der Psyche einst an, als (oft inquisitorische) Befragung der Frau über ihre befremdliche Sexualität. Die Frau musste nach Worten suchen. (Und es gibt sie vielleicht auch. Sie müssen aber auch von den Befragern geglaubt, bzw. ertragen werden können.)

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Bei der Psychiaterin hängen drei Zeichnungen von Menschentypen, die Tieren ähneln.

Charlotte schläft gern mit ihrem Mann, sagt sie, und wir haben vorher schon gesehen, dass das stimmt. Aber sie möchte auch mit diesen/diesem anderen schlafen. In ihrem eigenen Zimmer, außerhalb des Lebens-, Sex- und Gefühlsstils, auf den man sich geeinigt hat. Dort fällt man ihn Trance. „Sein Gesicht hab ich mir nicht angesehen. Ich wollte nur die Haare sehen auf seinem Arm.“

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„Ich weiß nicht, was ich jetzt fühlen soll“, sagt sie hilflos zu der Psychiaterin. Der Wandteppich, vor dem sie auf die Therapiestunden wartet und den sie lange anschaut, ist wie eine Märchenbuchillustration. Ganz oben, das sehen wir zuletzt, ist eine kleine Burg allein im Wald. Da wünscht sie sich jetzt hin.

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Sie hat auch ihrem Kind ein Märchen vorgelesen: Grimms Märchen vom Mädchen ohne Hände. Dieses Mädchen versucht, sich zu bewahren. Es wird ihr nicht erlaubt, sie wird missverstanden. Man hackt ihr beide Hände ab, so dass sie nichts mehr mit ihnen anfassen kann. Verlassen und verstümmelt wandert sie durch die Welt und soll nach einem kurzen Glück gemordet werden (so fasst Lida Bach es treffend in ihrer unten verlinkten Rezension zusammen). Charlotte ist genau so einsam, unschuldig und geheimnisvoll. Aber ihr Eigenleben tut dem netten Ehemann weh und macht sie unberechenbar.

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Ihr Blick sieht in den vielen Großaufnahmen vertrauensvoll aus – vertrauensvoll gegenüber dem „Nichts“, der „Leere“, den Molekularbewegungen. Es ist ansteckend. Man fängt an, auch so zu schauen. Wenn ich beim Filmgucken vom Notebook wegsah, sah ich, wie sich auf meinem Kaffeelöffel das Sonnenlicht ungeheuer schön brach. Die mattgrünen Blätter des Fliederstrauchs draußen trockneten vom Gewitterregen.

Das Licht in Indien, wo Charlotte und ihre Ehemann gegen Ende hingehen, ist altrosiggolden. Sie haben Zwillinge bekommen, und irgendwie erinnert mich der gewundene, lange Verlauf dieser Erzählung an manche Grimmsmärchen – Rumpelstilzchen und andere. Ihr Mann restauriert hier, wie vorher schon in Brüssel, als Architekt Bauten von Le Corbusier.

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Wahrscheinlich hat das, was ihr vorschwebt, auch mit Räumen zu tun. Leere Räume, die verlangen, dass darin diese Dinge stattfinden. Sie schaut sich die Baustelle an, und man spürt, was in ihrem Kopf vorgeht. Sie legt sich auf den Boden – man sieht ihr an, sie stellt sich vor, ein fremder Mann wäre bei ihr. Es fehlt ihr. Ihr Mann beobachtet sie dabei. Nachts, als sie schläft, weint er neben ihr.

Ich hatte erwartet, sie würde auch in Indien wieder etwas mit fremden Männern machen. Aber das geschieht nicht. Sie stellt ihre Aktivitäten ein und führt nach ihrem Zusammenbruch still und freundlich ein friedliches Familienleben. Das gilt ja als erstrebenswert. Aber nicht mal ihr Mann ist glücklich so. Jetzt, da er weiß, wie sie ist, beobachtet er sie, wenn sie mit Fremden spricht und ist eifersüchtig, dass sie jeden Morgen ohne ihn in die Stadt fährt. „Manchmal weiß ich nicht mehr, wer du eigentlich bist“, sagt er, aber man kann die, die man wirklich ist, doch nur als Unaussprechliches im Raum schweben und flirren lassen.

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Ist das alles wirklich so tragisch? Muss uns das so dunkel, ängstlich und böse auf einander machen?

Niederlande/Deutschland/Belgien 2010, Regie: Nanouk Leopold. Charlotte: Sandra Hüller

Doris Kuhn verteidigt BROWNIAN MOVEMENT in dieser schlimmen Sendung „Film-Fight“ tapfer und fast alleine. Hans-Ulrich Pönack ist hier so fratzenhaft borniert! Er will sich nicht darum bemühen, die Frau und diesen Film zu verstehen, sondern alles einfach nur doof finden. Daniel Kothenschulte mag den Film glücklicherweise auch. Aber Exotismus, wie er sagt, würde ich es nicht nennen, was die Frau in dem Film antreibt. Irgendwie scheinen mir da alle Namen falsch.

Zum Glück sind diese unsäglichen Ausschnitte nicht repräsentativ. Es gibt ungewöhnlich viele gut geschriebene Rezensionen. Mir fielen besonders diese auf:

Joachim Kurz auf kino-zeit.de
Ekkehard Knörer im „Perlentaucher
Lida Bach auf kino-zeit.de
Christoph Schmitz in „Kultur heute
Ciprian David bei „Negativ

Über den Autor

Silvia Szymanski, geb. 1958 in Merkstein, war Sängerin/Songwriterin der Band "The Me-Janes" und veröffentlichte 1997 ihren Debutroman "Chemische Reinigung". Weitere Romane, Storys und Artikel folgten.

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