Irreversible

Irreversible Titelbild

Die 13. Filmbesprechung in unserer Reihe “Forced Entry – Vergewaltigung im Film”. Unser Einleitungstext zur Reihe findet sich hier.

Maria: IRREVERSIBLE ist oft und interessant rezensiert worden. Die Effekte der antichronologischen Erzählweise sind häufig ein Schwerpunkt der Besprechungen, genauso wie die Grausamkeit der ungewöhnlich lang dauernden Vergewaltigungsszene. Für uns stand am Ende die Monstrosität der Männer in diesem Film im Vordergrund; die Männer sind schrecklich, hassenswert, und der Vergewaltiger, „le Tenia“, ist, so paradox das klingen mag, unter ihnen nicht die verächtlichste Figur.

Le Tenia, der dem Opfer Alex(andra), gespielt von Monica Bellucci, in einer Unterführung auflauert, bleibt nämlich ein Phantom, ein böser Wolf, der nicht einmal wirklich menschlich wirkt: Darsteller Jo Prestia hat von seiner Boxerkarriere ein Gesicht zurückbehalten, das mehr Löwe (dachte ich) oder Avatar (dachtest Du) ist als Mann. Und obwohl wir nicht hunderprozentig wissen, was genau er in dem Schwulenclub „Le Rectum“ macht, wird er doch durch seine Anwesenheit von Anfang an jeglicher heterosexuellen Zuordnung und klischeehaften Stilisierung entzogen, die die vermeintlichen Freunde des Opfers und die Rächer des Films, Marcus und Pierre, eindeutig durchlaufen. Der Akt der Vergewaltigung ist nicht sexuell, sondern wird zum reinen Zerstörungsakt, wie Marcus Stiglegger es so gut beschrieben hat – Ziel des eigentlich homosexuellen Täters sei es, „den attraktiven Körper dieser ‘Highclass-Bitch‘ – wie er sie beschimpft – zu vernichten.“ (http://www.ikonenmagazin.de/rezension/Irreversible.htm) Elend lang zappelt er auf dem Rücken des Opfers, kommentiert die Enge ihres Hinterns, beleidigt und demütigt sie, bevor er nach der Tat auch noch ihr Gesicht zerstört.

Jedoch machen weder diese Tat noch die Darstellung des Schwulenclubs IRREVERSIBLE zu einem schwulenfeindlichen Film, wie Thomas Willmann sehr überzeugend dargestellt hat (http://www.artechock.de/film/text/kritik/i/irreve.htm); denn wenn man die Heterohelden des Films betrachtet, die Männer, die vorgeben, das Opfer zu lieben, kann man sich wie Willmann fragen, ob die „unsägliche Tat das ins Monströse überzeichnete Zerrbild mancher Tendenzen [ist], die sich in den ‘normalen‘ Beziehungen schon finden, […] der Katalysator dafür, dass das Bestialische in den ‘normalen‘ Männern ungeschminkt seine Fratze zeigen darf.“

Silvia: Wobei auf mich die Vergewaltigung den Eindruck machte, dass es da (wirklich wie in einem verstärkten Zerrbild der „liebenden Normalos“ Marcus und Pierre) durchaus um Sex geht. Es ist aber eine sehr unsympathische Art der Sexualität, mit der sich in den Männern dieses Films Revieransprüche, (Frauen-)besitz und (Zerstörungs-)macht untrennbar verquicken. Für Le Tenia ist seine Gewalttätigkeit eine enorme sexuelle Anheizmaschine. Die rote, vaginale Unterführung, in der er Alex vergewaltigt, gehört zu seinem nächtlichen Revier. Eine unbekannte Passantin hat Alex dort hinunter geschickt: Angeblich komme man so sicherer auf die andere Straßenseite. Seltsamerweise ist Alex diesem absurden Rat gefolgt. In der Unterführung ist Le Tenia gerade zugange mit dem Zusammenstauchen einer transsexuellen Prostituierten, er lässt von ihr ab und springt auf Alex über. Innerhalb von 10(?) Minuten bringt er zuende, wohin auch Pierre bzw. Marcus mit unterschiedlichem Erfolg unterwegs waren. (Ein Passant sieht die Vergewaltigung von weitem und geht fort; er hält die beiden wohl für ein durchgeknalltes Liebespaar.) Tenia ist wie ein mythologischer Wegegeist, der Alex angefallen hat und wie ein wildes Pferd zureitet, bis sie aufgibt. Danach liegt er zufrieden und geschafft neben ihr, gebadet in dem Gefühl, etwas Großes, Freies bezwungen zu haben. Sie darf nicht weg. Als sie davonkriecht, langt er wieder nach ihr, er sei „noch nicht fertig“; es ist eine hochtourige Rundumtriebabfuhr.

Die arme Alex ist unter die „Männer“ gefallen – ich meine: Männer im Männlichkeitswahn (den ich für gesellschaftlich und nicht naturdeterminiert halte), Eroberer und Rächer im Land Sex. Marcus (den widerstrebenden, mahnenden Pierre im Schlepptau) landet auf seinem eskalierenden Marodieren durch Tenias Rotlichtviertel wie zum Höhepunkt des maskulinen Adrenalinrauschs in einem Hardcore-Schwulenclub. Wenn man den Film als Körper sieht, dann ist es hier, wo er beginnt: hinten, im „Rectum“. Dort sammelt sich, was heraus will. Und dort „kommt“ Pierre, wie du es sagtest, als wir den Film zusammen gesehen haben: Seine angestaute Aggression gegen Alex (seine Ex) und Marcus (ihren neuen Eigentümer), der Frust über sich und seine blockierte Sexualität entladen sich irreversibel in das Gesicht des Fremden.

Maria: Beide Hälften des Films, also die Ereignisse vor und nach nach der Vergewaltigung, lassen sich auf erschreckende Weise spiegeln, wenn man die Vergewaltigung als die Faltkante nimmt und die Verhältnisse von Machtlosigkeit, vermeintlicher Macht und Desillusionierung vorwärts und rückwärts verfolgt: Nach der Vergewaltigung liegt Alex im Koma und fällt so völlig aus der Handlung heraus, während sich die Männer zunächst hilflos verhalten, machtlos sind und sich dann selber zur Rache ermächtigen. Schließlich laufen sie im Club Amok, tun das, was sie auch ohne den Willen der Frau für richtig halten, und scheitern dabei – der falsche Mann ist tot, Pierre wurde zum Totschläger, Marcus wurde fast selbst vergewaltigt und findet sich betäubt und mit gebrochenem Arm auf einer Krankenliege. Der Weg aus der Machtlosigkeit endet wieder genau dort.

Die Ereignisse vor der Vergewaltigung laufen entgegengesetzt nach dem gleichen Muster ab: Als Alex die Party verläßt, sind beide Männer ebenfalls machtlos: Pierre hat versucht, Alex zum Bleiben zu überreden, nachdem er sich bereits zuvor darum bemüht hatte, ihr in seiner Funktion als Exfreund ein schlechtes Gefühl zu geben: Sie, die wild und befreit mit anderen Frauen tanzt, sei gar nicht mehr sie selbst – nämlich so, wie er sie immer gern gehabt hätte. Auch Marcus, das Testosteronmonster, das alle Frauen begrapscht, Koks zieht und sich wie ein Trottel verhält, erntet von ihr nur Spott und Verachtung, abgestoßen fühlt sie sich. Die Macht, die die Männer vorher zu etablieren versucht haben – auf der Fahrt zur Party behauptet Marcus aggressiv sein Territorium, während Pierre nagend wissen will, warum sie bei ihm nie einen Orgasmus hatte –, entgleitet ihnen. Selbst der Höhepunkt der vermeintlichen Macht, der die Gewaltszene im Club respektive das damit verbundene Machtgefühl spiegelt, endet am Anfang der Handlung, wie das Ende des Films, mit einer Desillusionierung: Marcus, der vor der Party mit Alex im Bett liegt und sie kaum aufstehen läßt, ihr, die sichtlich allein sein will, bis in die Dusche folgt, ja, sie auch insofern eingenommen hat, als ihr Schwangerschaftstest, den sie dort macht, positiv ist – er hat keine wirkliche Macht über sie. Zu Beginn der Handlung sieht man sie allein träumend im Park, umgeben von anderen Frauen, Kindern, kein furchtbarer Mann in Sicht.

Ich habe mich gefragt, ob man die Story auch anders hätte gestalten können und dabei ein ähnliches Gefühl bei uns zustande gekommen wäre: Was wäre, wenn die Vergewaltigung entfallen und Alex mit einer der tanzenden Frauen verschwunden wäre? Machtlos hätten beide Männer ihr nachgestellt, vielleicht nie mehr sie, aber dann irgendwann ihre Freundin gefunden und sich in irgendeiner Weise an ihr gerächt, nur um am Ende einzusehen, dass diese Dinge ihrer Kontrolle entzogen sind. Das geht alles um Macht, so oder so. Nur, dass die Handlungen nach einer Vergewaltigung legitimiert erscheinen, so, als sei damit Alex irgendwie geholfen.

Silvia: Die Vergewaltigung dient Marcus als Entschuldigung für jede Scheiße, die er sich fortan erlaubt, wenn er sich durch das Viertel bis zum Rectum schlägt, Passanten schmäht und Pierre zwingt, die Eskalation mitzumachen.

Im Zusammenhang mit dem Thema Willen zur Macht über die Frau macht auch Monica Belluccis Schönheit dramaturgisch Sinn in dem Film; eine solche Frau wird sicher extra unangenehm und plastisch mit männlichen Vereinnahmungstechniken von soft bis tödlich bedrängt. Aber es stimmt, Alex bewahrt sich, ohne zu kämpfen, eine nicht klein zu kriegende Autonomie. „Du hast Pierre nichts gestohlen. Ich bin kein Gegenstand“, sagt sie zu Marcus, vor der Party. Und er hält ihr zwar wie spielerisch den Mund zu, als sie ihm ihren Traum erzählen möchte, aber sie erzählt ihn. Sie ist keine Frau, die Szenen macht. Aber sie ist eine Frau, die einfach nicht kommt (sexuell) oder einfach geht (weg von der Party, obwohl alle wollen, dass sie ihnen zuliebe bleibt). Sie geht von dort zu ihrer einsamen Vergewaltigung, dann holt sie der Krankenwagen und trägt sie weg. (Das muss Marcus zuvor unbedingt auch noch tun, sich fassungslos über die blutende Verletzte auf der Bahre werfen und die Sanitäter behindern). Schwer verletzt, verlassen von ihren drei Besetzern (dem ehemaligen, dem aktuellen und dem räuberischen), aber auch irgendwie gerettet; keiner kommt mit. (Ich glaube, jede Frau kennt das, diese Verwunderung, wenn sie merkt, dass es in den Kämpfen der Männer um sie nicht wirklich um sie geht. Es ist etwas zwischen Männern, und es zählt nicht, was mit ihr ist. Seltsam aufschlussreich ist das.)

Maria: Unser Eindruck von dem, was diese Männer in dem Film alles machen, war so negativ, dass uns eine die Grenzen von Fiktion und Realität transzendierende Erleichterung erfasste, als wir uns daran erinnerten, dass Monica Bellucci ja gerade Vincent Cassel, der den Marcus spielt, verlassen hat. Vielleicht hat sie ja eine tolle Frau kennengelernt, dachten wir uns. Doch, ach, welche Erleichterung böte das schon. Es ist doch immer dasselbe Gefängnis. Liebe mich: Bestätige mich, bitte bitte kann nicht ohne mich sein. Für Beziehungen muss man einen Imperativ der Modalverben erfinden.

Silvia: In diesem Film sehen wir sehr eindringlich und ausgeprägt die männliche Variante, aber ich glaube, du hast Recht, wenn du sagst, dass dieses Beziehungsproblem nicht von männlich oder weiblich abhängt. Man überlegt nach dem Film eine zeitlang fast, ob es nicht die bessere Wahl sei, auf die näheren sexuellen und emotionalen Erlebnisse mit anderen zugunsten seiner Autonomie und seines Friedens zu verzichten. Allerdings kennt man da sein eigenes Inneres wahrscheinlich schlecht – wer weiß, was das dann veranstaltet. ;-)

Ich hatte eigentlich noch ein paar andere Sachen schreiben wollen – über die interessante Kamera, die so unruhig ist, als hätte man sie einer betrunkenen Stubenfliege umgeschnallt. Über die beiden Randfiguren am Anfang, in ihrem Zimmer neben dem Geschehen, mit ihren miesen philosophischen Betrachtungen. Über die schlierigen und schiefen, nahen und schmutzigen Bilder, die lebhafte und körperliche Inszenierung. Und auch über einiges, bei dem ich mir unsicher bin, was ich davon halten soll (Die bizarre Szenerie im “Rectum” zum Beispiel müsste ich mir noch mal ansehen. Es ist so schwierig, zu wissen, ob etwas homophob ist oder ob man eine Homophobiephobie hat). Es ist viel dran an diesem Film. Aber wir wollen das hier nicht zu lang machen.

Frankreich 2002, Regie: Gaspar Noé

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