The Defiance of Good

Von  //  13. August 2013  //  Tagged: , ,  //  4 Kommentare

The Defiance of Good Titelbild

Die 12. Filmbesprechung in unserer Reihe “Forced Entry – Vergewaltigung im Film”. Unser Einleitungstext zur Reihe findet sich hier.

Maria: Die Hauptfigur in dem 1974er Porno THE DEFIANCE OF GOOD von Armand Weston ist Cathy, ein behütetes Mädchen aus katholischem Haus, das beim Kokainerstkonsum von ihrer Mutter erwischt und etwas übereilt in die Psychiatrie verwiesen wird.

Gespielt wird Cathy von Jean Jennings, die, das sei bereits hier erwähnt, beim Ficken eine wesentlich bessere Figur macht als in der Rolle des hysterischen Teenagers. Gut, das tut wahrscheinlich fast jeder, aber es ist schon spektakulär abstoßend zu sehen, wenn Jennings heulend ihre ohnehin niedrige und bucklige Stirn in tausend Falten legt wie diese seltsamen Zuchthunde, dazu Kleinkinderschmollmund und eine unnötig hochfrequente Quengelstimme. Es kann aber auch sein, dass mich diese Art der Jammerei in Kombination mit den katholisch-scheitelnahen Haarspangen zu sehr an meine böse Oma erinnert hat und ich deshalb nach 10 Minuten schon fast abgewunken hätte. Aber Gott sei Dank nur fast, denn: Es wurde besser.

In der Psychiatrie wird Cathy zwischen grauem Waschbeton und Fliesen rasch zum Opfer der anderen Insassen, die – wie man sich das bei Irren so vorstellt – ganz kreatürlich immer und überall wichsen, sich gegenseitig an die Wäsche gehen und ständig irgendein Geschlechtsteil im Mund haben. Nachts fallen sowohl die Patienten als auch der Wärter über sie her und vergewaltigen sie. Die vermeintliche Rettung naht in Form von Doktor Gabriel, der ein Sanatorium für „junge Leute mit Problemen“ betreibt und aussieht wie eine Mischung aus dem Charlton-Heston-Moses in DIE 10 GEBOTE, Charles Manson und ja, das hast Du gesehen, ein bisschen Jean Pütz ist auch dabei.

Dr. Gabriel hat ein eigenes Behandlungssytem entwickelt, dessen Ziel es ist, überbrachte Vorstellungen von Moral, von Gut und Böse zu zerstören, den Geist und den Körper zu befreien. Das klingt nach klassischem Sexguru-Gewäsch, doch: ha! Dr. Gabriel selbst geht es um Höheres: „My pleasures are in the mind.“ Und das in einem Porno!

Silvia: Dr. Gabriel macht hier sexuell tatsächlich selber gar nichts; er ist so verfeinert, dass Cathy ihn nicht mal berühren darf. Fred J. Lincoln, den wir schon in Wes Cravens THE LAST HOUSE ON THE LEFT gesehen haben, spielt seine silbermähnige Eminenz sehr eindringlich, mit „viel Produkt im Haar“, wie du schön sagtest, und dem Charisma des gebildeten Patriarchen, Sehers und Verstehers.

Er hat sich der Kontrolle über die weibliche Sexualität unter dem Deckmantel ihrer Befreiung verschrieben, und wenn Cathy brav und unbeholfen in Dr. Gabriels viktorianische Villa eintritt – im Schulmädchenminikleid, die Sophie-Scholl-Spange im blonden Puppenhaar – ahnt man schon: Sie wird nicht mehr als die herauskommen, die sie war. Girl, you’ll be a woman soon…

Ich weiß, man kann das auch erregend finden: dieses hochherrschaftliche Szenario, vielleicht sogar die anmaßende Ambition eines Mannes, junge Mädchen in ihre gemutmaßt wahre Natur einzuweihen, das Brimborium von „Lektionen“, Mystifikationen, Manipulationen… Gabriel stammt aus einer christlichen Tradition, das eröffnet er Cathy in seiner Gelehrtenstube. Sein Pfarrhaus lag neben einem Freudenhaus, „ich hörte von dort die Lustschreie und war gepeinigt von Verlangen“… er musste seine eigene Kirche gründen.

Es ist die alte Geschichte, wie bei de Sades Justine: Vermeintliche Retter entpuppen sich als noch schlimmere Übeltäter. Als Cathy noch von ihren notgeilen irren Mitinsassen vergewaltigt wurde, war das furchtbar, aber auf einfache, man möchte fast sagen: ehrliche Weise. Sie war zwar gedemütigt, verstört, aber sie hatte (noch) ihr Gehirn. Im Sanatorium des Dr. Gabriel jedoch wird auch ihr Gehirn noch vergewaltigt. Kommunikationsverbot, Vertrauensgebot, Cathys Nylonhöschen wird wie ein Hymen zerrissen. „Entspanne dich“, sagt Gabriel. Als hätte sie nicht gute Gründe zur Verkrampftheit.

Maria: Ja, es ist eine paradoxe Vergewaltigung zur Freiheit, die sich hier abspielt. Entspann Dich, oder es setzt was! Das erinnert mich daran, als ich mal in der West Bank eine falsche Abzweigung genommen habe, unser Auto von israelischen Soldaten umringt wurde und mir einer von denen sein Gewehr ins Gesicht hielt und dabei brüllte: „Relax!!“. Können vor Lachen.

Erst muss Cathys Wille in sadistischen Ritualen gebrochen werden, dann ist sie zugänglich für die Umerziehung zur vermeintlichen sexuellen Freiheit, deren Genuss sie in ekstatischer Masturbation und lasziven Orgien erproben soll. Diese recht konventionellen Sexszenen sind toll anzusehen, die Darsteller sehen gut aus und vermitteln Genuss an dem, was sie da tun. Das mag ich an diesen Golden Age Pornos, der Sex sieht oft nach Sex aus, den man auch gerne selber hätte. Vor allem die Oralsex-Szenen sind hier gelungen (Jamie Gillis, what more can I say) – sonst sehen in Pornos die Männer in dieser Situation oft aus wie kleine Kätzchen, die verzweifelt versuchen, mit einem Affenzahn die letzte Milch aus dem Schälchen zu schlecken.

Cathy geht körperlich sichtlich in diesem ganzen Treiben auf, bleibt aber die ganze Zeit über in Ketten oder zumindest im Halsband, und so kann auch die sichtliche sexuelle Erfüllung, die sie hier empfindet, nicht darüber hinwegtäuschen, dass dieser ganze Aufenthalt eine einzige Vergewaltigung ist. Wie Du es gesagt hast: Es geht um Kontrolle, und auch eine lustvolle Sexualität ist nicht frei, solange diese Lust von oben diktiert wird, unter Anleitung erfolgt. Eine Gegenwehr erscheint zunächst unmöglich: Cathy fühlt sich sicher im Schloss, hat Angst davor, wieder in ihre Umwelt entlassen zu werden und befindet sich damit scheinbar voll und ganz unter Kontrolle des Doktors, der ihr versichert, dass sie nun wirklich frei sei.

Silvia: Cathy hat sich in ihrer Zeit beim Doktor sehr verwandelt. Von Szene zu Szene sieht man Miss Doolittle erfahrener und weltläufiger werden, sich schminken, transparente Blusen tragen; Dr. Gabriel nahm ihr ihren Stil und ihre Sicherheit und gab ihr dafür seine. „Just follow your phantasies“, sagt er, aber auch das sind nur seine Phantasien. Am Fuß ihres Bettes sitzend, gibt er ihr meditative Wichsanleitungen, streichelt die schönhaarige Pussikatze auf seinem Schoß… Schau dich an, befiehlt er, gerade, als Cathy kommen will, und enthüllt wie ein Märchenzauberer einen großen Spiegel. Trotzdem gelingt ihr ein überzeugender Orgasmus, alles sein Verdienst. Für das Gefühl von Geborgenheit sorgt auch eine schöne, träge Orgie; ein vielgliedriges Menschenknäuel im künstlerischen Chiaroscuro umgibt das Mädchen – überall Menschen, die sich kümmern. So lernt man, seine Peiniger zu lieben, immer mehr kehrt Ruhe ein. Eigentlich darf Cathy inzwischen gehen, aber sie will doch noch ein bisschen bleiben. „Vielleicht möchtest du der Initiation einer Novizin beiwohnen?“, fragt Dr. Gabriel.

Maria: Diese Novizin entpuppt sich als Susan, Cathys Freundin, die sie zu ihrem Kokskonsum verleitet hat. Nach der obligatorischen pseudolesbischen Sexszene zwischen beiden erklärt Cathy Susan, dass sie nicht mehr gehen kann, ihr aber zur Flucht verhelfen wird. Doch dies ist nur ein Setup: Just in dem Moment, in dem Cathy Susan aus dem Haus lassen will, erscheint Dr. Gabriel als strafender Moses – „you should not have done that“ – und der Zuschauer erfährt, dass Susan nur eine Komplizin des Doktors und die ganze Aktion von langer Hand geplant war, um Cathy in die Fänge des Doktors zu bringen. Hier endet der Film. Wir waren irritiert: Sollte das ein Test sein, der zeigt, dass Cathys erzwungene sexuelle „Befreiung“ und das damit einhergehende Stockholm-Syndrom nicht ihr ganzes Weltbild erschüttert haben? War es nur eine Körper-, aber keine erfolgreiche Gehirnwäsche? Mir würde diese Botschaft gefallen: Es gibt Moralvorstellungen von Gut und Böse, die nichts mit sexuellen Handlungen zu tun haben und die keine noch so manipulative Tour de Force zerstören kann.

Silvia: Selbst die Manipulation, die man sich selbst antut, Beispiel Nietzsche, kracht ja am Ende gerne spektakulär zusammen, und man hat einfach nur Mitleid mit einem armen Pferd und stammelt „Mutter, ich bin dumm“.

So sehr sich Cathys Sexualität auch auf die Gepflogenheiten im Hause Gabriel fixiert hat, so hat sie seine Theorien doch nicht wirklich aufgesogen; sie hat Mitleid mit der Freundin. Vielleicht glaubt sie auch, dass sich ihr eigener sexueller Weg nicht einfach so auf andere übertragen lässt. („Um mich ist es nicht mehr schade, aber du…“, hab ich kürzlich in einem Film eine Sexsklavin zu einer anderen sagen hören.) Da gäbe es noch viel zu denken. „Defiance…“ ist wirklich ein guter, dunkel interessanter Porno. Und Jack Mallow, möchte ich noch sagen, hat einen ausgesprochen schönen, vielfältigen Soundtrack dazu geschrieben, der alles verständnisvoll begleitet. Psychedelic Horror, Pianokaskaden, Kirchenorgeln, eine vielschichtige, strahlende, gurgelnde Hammond… dem Frauensex gibt er statt einer Penisgitarre etwas Unverstärktes, Ungepluggtes, aber er hat auch ungestüme Hendrix Gitarren oder türmt verträumt eltonjohnhaft synkopische Akkorde auf. Die Musik habe ich nicht im Netz gefunden, aber dafür stehen zwei Ausschnitte unter unseren Screenshots – einmal der rockige Trailer und dann das unvergessliche Gedicht im Irrenhaus, das alles verblüffend einfach auf den Punkt bringt.

USA 1975, Regie: Armand Weston

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4 Kommentare zu "The Defiance of Good"

  1. Schwanenmeister 30. August 2013 um 18:28 · Antworten

    Gratulation! Du bist für den Michael-Althen-Preis 2013 nominiert worden: http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/michael-althen-preis-2013-die-engere-wahl-12553864.html

    P.S. Habe deinen Text zu „Gisela“ sehr geschätzt.

    • Silvia Szymanski 7. September 2013 um 08:38 ·

      Oh, gerade erst gesehen, den Kommentar – vielen Dank, Schwanenmeister! :-)

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