The Day of Love

Forced Entry Titelbild

Die 11. Filmbesprechung in unserer Reihe “Forced Entry – Vergewaltigung im Film”. Unser Einleitungstext zur Reihe findet sich hier.

Silvia: Das war schwierig diesmal. Wir hatten zum gemeinsamen Gucken einen der intensiven Hundstage dieses Jahres erwischt – und das bei einem schnellen, handlungs- und dialogreichen russischen Film mit englischen Untertiteln. Zudem ist seine Erzählstruktur so, dass man zunächst nur Scherben zu sehen kriegt. Wir wussten anfangs nicht, wofür das wichtig sein würde, was wir da sahen – eine trashig-tolle 80er-Jahre-Misswahl, trübe Typen vor Plattenbauten, sich durch Schlamm wühlende Kraftwagen, erbärmliche Jünglinge, kaputte alte Männer, eine Lufthansamaschine aus Flensburg, enge Wohnungen voller Zeug…. wir fühlten uns wie Dumm und Dümmer, die in ein heißes Kieswerk versetzt und dann immer tiefer in einen schmierigen Abfluss getaucht wurden.

Zu tun hatten wir es mit einer zynischen, schmutzigen, politischen Satire. 1988 wurden im Zuge der Perestroika private Filmproduktionen in Russland möglich. Der zwei Jahre später entstandene Film hier nutzt das und zieht zugleich darüber her. Er führt sich selbstironisch als Abklatsch amerikanischer Actionreißer der Achtziger Jahre auf und scheut sich nicht, seine lehmigen Bilder genüsslich angewidert mit David Hasselhoffs unsäglicher Wende-Hymne „Lights in the Darkness“ zu unterlegen. Dabei weint er Sowjetrussland keine Träne nach, freut sich aber zugleich null auf das, was kommt. Gestern oder morgen, gut oder böse, reich oder arm, schön oder hässlich, ost oder west, Mann oder Frau: Es gibt da keinen hierarchischen Unterschied; alle stecken miteinander in derselben dunklen Kacke

Kurz gesagt geht es darum: Ein Verbrecherkonglomerat organisiert, einvernehmlich mit den legalen Fahrern, die räuberische Übernahme eines Convoys fabrikneuer Lastwagen. Damit die Polizei nichts mitkriegt, sollen die Flegel von der Gang Motalka deren Aufmerksamkeit auf sich lenken. Dazu organisieren sie den DAY OF LOVE – einen Tag, an dem sie so viele Mädchen wie nur möglich vergewaltigen, damit der Volkszorn ordentlich hochkocht und die Polizei zum Handeln zwingt. Ausgerechnet an diesem Tag hat die 17-jährige Christina, frisch gekürte Miss Thumbelina, Geburtstag. Ihr leiblicher Vater, der deutsche Ingenieur Mathias, will sie danach in den ersehnten Westen mitnehmen, was Christinas Mutter und ihr Stiefvater Nicolai (mit weniger Begeisterung) unterstützen.

Maria: Der Stiefvater Nicolai war für mich in diesem Tohuwabohu mit Abstand die interessanteste Figur. Zu Beginn sehen wir ihn – auch das erschließt sich, wie so vieles, erst im letzten Drittel des Films – in Rückblenden als tollkühnen Rennfahrer in einem Riesentruck, wie er Wüsten und Berge bezwingt, mutig, männlich, zu allem bereit. Die Perestroika hat ihm aber seit diesen großen Zeiten übel mitgespielt: Aus dem Rennfahrer ist ein Schatten seiner selbst geworden, der, so Christina, sich nur noch für fliegende Untertassen und Außerirdische interessiert. Wie ein trauriges Relikt, wie Jaques Brel in seinen schlimmsten „Ne me quitte pas“-Livevideomitschnitten, schleicht er durch die Welt, die er nicht mehr versteht, in der seine Tochter oben ohne DIE CITY-COBRA anschaut – die einzig würdige Art übrigens, Stallone-Filme zu konsumieren – und seine Frau in ihrer Tanzschule den klassischen Balletttanz, das russische Nationalerbe, dem Lambada opfert.

Die Vergewaltigung Christinas gibt ihm dann trotz allem Ensetzen wieder eine Aufgabe, nämlich angesichts der untätigen Polizei die bzw. den Schuldigen, den miesen Vadim, auch „der Jäger“ genannt, selbst ausfindig zu machen und ihn zur Strecke zu bringen. Den idealistischen Überzeugungen des deutschen Mathias, zivile Maßnahmen zu nutzen, setzt er sein besseres Wissen entgegen: „Du kommst vielleicht aus einem zivilisierten Land. Aber dieses Land ist nicht zivilisiert.“ Und so kommt es schließlich zu einer mustergültigen Ergänzung von Osten und Westen: Die Peiniger werden von beiden Vätern old school barbarisch vernichtet, allerdings im Stallone-Style wie in DIE CITY-COBRA, und zwar mit den neuesten westlichen, maschinellen Produktionsmitteln.

Silvia: Wobei beide Väter nur unter dem Druck unglücklicher Umstände barbarisch vorgehen. Sie sind müde, gut abgehangene Männer, die sich nur noch desillusioniert und halbherzig im Hamsterrad bewegen – ein bisschen wie der späte Clint Eastwood.

Auch ich mochte die ausdrucksstarken Drecksautos sehr, in denen Nicolai in den Rückblicken auf seine große Zeit herumfetzt. Solche Autos sind wie Männerkörper, die sich durch ihr Sein kämpfen. Kamaz, eine russische Lastwagenfabrik, hat die schweren Wagen und ihre Fertigungshalle als Location zur Verfügung gestellt. Nicht nur wegen solcher atmosphärischer Details fühlte ich mich manchmal an Ernst Hofbauers MARIA – NUR DIE NACHT WAR ZEUGE erinnert, sonder auch wegen der interessanten Gesichter vieler Randfiguren, der aufgeladenen Straßenszenen und der amorph menschenreichen, alltagslebensgesättigten Komplexität.

Anders als in unseren bisher besprochenen Filmen, geschehen die Vergewaltigungen nicht in erster Linie aus Degradierungslust, Sadismus, Sexualität. Sie sind ein bezahltes Ablenkungsmanöver, und es könnte sein, dass der Film damit auch ein ironisches Porträt seiner selbst resp. seiner politischen Funktion zeichnet. Inszeniert werden die Vergewaltigungen zunächst als absurde, sinistre Sommerferienbelustigung. Die Jungen sind mit Eifer bei der Sache; schließlich gibt es für jedes zum Beweis geraubte Höschen Geld vom fiesen Drahtzieher Vadim (von dem sich Gang-Leader Kostja heimlich den Löwenanteil einbehält). Ein junger Künstler, der eher unwillig zur Bande gehört, erstellt als Reklame für die Aktion eine Sprayerschablone von einem fickenden Pärchen (Kostja: „Mach nur die Brüste noch was größer“). Dieser schüchterne Kinoplakatmaler ist ein Typ, der uns schon öfter in Filmvergewaltigerrudeln begegnet ist – ein sensibler Junge, der quasi „zum Jagen getragen“ werden muss, Maria, wie du es in unserem letzten Text lakonisch genannt hast. Bald sieht man das Emblem an den Wänden der Stadt, und die kleinen Ballettmädchen schauen es kichernd an, bevor sie vor den Gangstern wegrennen und ihr aus der Rolle fallendes Lachen nicht beherrschen können. Wie so oft, so ist auch in diesem Film die Gewalt (besonders beim Showdown) viel expliziter und exzessiver als der Sex. Nackte Brüste und Mädchenpopos lässt die Zensur(?) anscheinend zu, aber besonders die Sicht auf die Männerkörper wird von Vorhängen u. ä. verdeckt. In schnellen Schnitten sehen wir ein schnoddriges Best-of der 24 Vergewaltigungen. Hier ist der Film reine Satire; ein Opfer trägt einen transparenten Krankenschwesterkittel, der Vergewaltigung ihrer Betreuerin sehen drei nackte Heimkinder auf ihren Töpfchen verwundert zu…

Dann aber kippt die Stimmung, und es wird immer finsterer, beginnend mit Christinas Vergewaltigung durch den sleazigen Vadim, unter der Hasselhoffsong ätzt und wabert… „the lights in the darkness will shine for the people in Russia”, singt der schrille Kinderchor.

Maria: Die Vergewaltigung Christinas wird nicht gezeigt. Stattdessen hören wir dieses pathetische Lied, das zynischer nicht hätte platziert werden können. Christina ist nach der Vergewaltigung determiniert, sich nicht von ihrem Ziel abbringen zu lassen. Sie will keine Rache: „Aber im Moment muss das Leben weitergehen. Vetrau mir, die Welt wird sich ändern.“ Trotzig will sie ihren Geburtstag weiterfeiern, trägt sogar die Ohrringe, die ihr Vadim vor der Vergewaltigung geschenkt hat.

Doch dem erhofften Wandel gehen zunächst nur die blutigen Szenarien jeder Revolution voraus, und neben ihren Peinigern, auch Vadim, stirbt ihr Stiefvater Nikolai als unschuldiges Opfer eines wütenden Lynchmobs. Christina sieht sich schließlich nicht in der Lage, ihrem leiblichen Vater in den verheißungsvollen Westen zu folgen – sie verläßt den Flughafen und läuft verzweifelt hinaus in diesen apokalyptischen Untergang des Ostens, der wieder von Hasselhoff beschallt wird: „The lights in the darkness will shine / There’s no reason to cry all day“ – deutlicher könnte der Kontrast zwischen idealistischen Verheißungen und Perestroika-Realität nicht veranschaulicht werden.

Hat man einmal das Wirrwarr durchblickt, ist DAY OF LOVE ein beeindruckender, atmosphärisch dichter Film, der authentisch nach Benzin, billigem Parfüm, Polyester und Schweiß riecht – selbst die eindeutig von russischer Syntax beherrschten englischen Untertitel haben ihren Charme.

Russland 1990, Regie: Aleksandr Polynnikov, OT: Den lyubvi

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