I Spit On Your Grave (1978)

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„I Spit On Your Grave“ von 1978 ist vielleicht der berühmteste Vertreter des Rape-and-Revenge-Subgenres – ganz gewiss ist er ein besonders effizienter. Inszeniert wurde er von Meir Zarchi, in der Hauptrolle agiert – das ist durchaus bemerkenswert – seine damalige Ehefrau Camille Keaton, die Großnichte des großen Filmkomikers Buster Keaton. Der Film handelt von einer jungen Schriftstellerin, die in der Abgeschiedenheit Connecticuts von ein paar Landeiern überfallen und mehrfach vergewaltigt wird. Nachdem sie sich von ihren Verletzungen erholt hat, schreitet sie selbst zur Tat, verführt ihre Täter und bringt einen nach dem anderen um.

Oliver: „I Spit On Your Grave“ habe ich jetzt zum ersten Mal seit knapp 20 Jahren wiedergesehen. Er ist in Deutschland schon lange beschlagnahmt, das machte ihn damals für mich zur Pflichtlektüre. Aber Spaß hatte ich nicht mit ihm. Er passte nicht zwischen die ganzen Zombie-, Slasher- und Splatterfilmklassiker, die ich mir damals marathonartig zu Gemüte führte. Er ist immens schmerzhaft, traurig, macht wütend. Es ist kein Film, den man gern und häufig besucht. Deshalb habe ich ihn jetzt erst wieder „aufgefrischt“. Und ich war überrascht, denn er ist viel weniger exploitativ und schmuddelig, als ich ihn in Erinnerung hatte. Tatsächlich ist er m. E. ein sehr definitives Statement zum Thema Vergewaltigung bzw. zu Sex & Gewalt. Unter normalen Umständen hätte ich ihn nicht mit dir geschaut, Leena. Ich weiß ja, wie du auf Gewalt gegen Frauen, besonders sexuelle Gewalt, reagierst und verstehe auch, dass man sich dem nicht aussetzen will. Aber für die „Forced Entry“-Reihe hier auf HARD SENSATIONS drängt sich „I Spit On Your Grave“ ja geradezu auf. Meine erste Frage an dich also: Wie hast du den Film verkraftet? Und: Bist du jetzt böse auf mich?

Leena: *lacht* Böse bin ich nur, wenn Du meine Gründe für die Ablehnung nicht akzeptierst. Grundsätzlich bin ich einer filmischen Grenzerfahrung ja nicht abgeneigt, allerdings habe ich in den Begegnungen mit Vergewaltigung im Film schlechte Erfahrung gemacht: Oftmals widerstrebt mir weniger die Darstellung der Gewalt – im Bezug auf den Film komme ich darauf gleich zu sprechen – als der Rahmen bzw. die Konsequenz, die sie nach sich zieht. Z. B. empfand ich die Vergewaltigungsszene in Peckinpahs „Wer Gewalt sät“ als ausgesprochen unangenehm (ich habe tatsächlich den Rest des Films noch nicht gesehen), weil ich den Eindruck hatte, dass es so aussehen soll, als gefalle es ihr doch irgendwie. So was schlägt mir ungemein auf den Magen, da wird es mir eklig. In „I Spit On Your Grave“ gibt es in der Vergewaltigungsszene keine Ambivalenz: Sie will das alles nicht, wird entmenschlicht, die Männer verlieren ebenfalls ihre Würde und vertieren. Da ist nichts romantisiert, komisch oder sexy daran. Ja, ich würde mir am liebsten alles verkorken, wenn ich zusehen muss – aber die Inszenierung lässt es zu, ganz bei dem Widerwillen und der Angst zu bleiben. Es liegt vielleicht an meiner persönlichen, sehr empathischen Art, Filme zu sehen, aber in einem Beispiel wie „Wer Gewalt sät“ geht es mir so wie dem Vergewaltigungsopfer in Kathryn Bigelows „Strange Days“ – als solle ich gleichzeitig mit dem Opfer und dem Täter mitfühlen. Das erweckt noch mal ein ganz anderes, viel tiefer sitzendes Gefühl des Ekels. Interessant fand ich allerdings dann, dass es die Kastrationsszene war, bei der es mir ein bisschen flau im Magen wurde, obwohl ich mich in der Vergewaltigungssequenz mehrfach gefragt habe, ob sie nicht auch mal kotzen müsste von der ganzen Scheiße.

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Oliver: Ja, das kann ich alles gut nachvollziehen. Und um vorzugreifen: Ich teile auch deine Einschätzung zu „I Spit On Your Grave“ ganz und gar. Damit es für die Leser jetzt aber nicht zu langweilig wird vor lauter Einigkeit, gehen wir doch mal ins Detail. Der Film beginnt mit der Reise seiner weiblichen Hauptfigur, Jennifer Hills, aufs Land. Sie fährt mit dem Auto von New York nach Connecticut, erkundigt sich dann an einer Tankstelle nach dem Weg zu dem Ferienhaus, das sie gemietet hat, um dort ihren ersten Roman zu schreiben. Ein Fehler, denn die zukünftigen Vergewaltiger – der Tankwart und seine beiden sich mit ihm dort aufhaltenden Kumpels – werden so auf sie aufmerksam, erfahren, wo sie wohnt. Der geistig zurückgebliebene Matthew, der ihr später die Lebensmittel bringt, erzählt ihnen, dass sie eine Schriftstellerin aus New York ist. Wir sehen im Folgenden, wie Jennifer sich in ihrem Domizil einrichtet: Gleich nach der Ankunft geht sie nackt im See baden, der an ihr Grundstück grenzt. Die Männer treffen sich zum Angeln und fantasieren zugleich über die Verfügbarkeit von Großstadtfrauen mit ihrer vermeintlichen moralischen Flexibilität. Wenig später beginnen sie mit ihren zunächst noch harmlosen Balzritualen, bevor sie dann schließlich zur Tat schreiten. Zarchi ist sehr geschickt, wie er die Vergewaltigungssituation aufbaut, weil er mit dem Gestus des distanzierten, unvoreingenommenen Dokumentaristen filmt und so auch die kleinen Nuancen einfängt. Camille Keaton ist bemerkenswert: Sie wirkt ja sehr zerbrechlich. Sie ist zwar attraktiv, gleichzeitig hat sie etwas unschuldiges, unbedarftes, ohne dabei naiv zu erscheinen. Als vorgeprägter Zuschauer hat man hingegen gleich ein schlechtes Gefühl, wenn sie vor dem sie schon taxierenden Tankwart auf und ab geht und sagt, wie gut es tue, nach der langen Fahrt ihre Beine ausstrecken zu können. Von den Männern wird alles als eindeutiges Signal in ihrem Sinne aufgefangen: Frau kann mit Mann nicht nicht sexuell kommunizieren. Aber das kommt nicht etwa affirmativ daher, es geht dabei nicht darum, zu sagen, dass sie es „herausgefordert“ habe: Vielmehr wird deutlich, wie schwer es für eine Frau ist, sich überhaupt zu verhalten, ohne als Fantasieobjekt betrachtet zu werden.

Leena: Ja, Camille Keaton sieht wirklich aus wie ein Porzellanpüppchen, das zerbricht, wenn man es anhustet. Die Situation an der Tankstelle fand ich aber zum Beispiel noch gar nicht so zukunftsweisend – selbstverständlich, mit dem Wissen über das Kommende interpretieren wir jeden Blick und das jungenhafte Spiel der beiden Männer als dräuend. Aber daran ist vielleicht schon die unterschiedliche Perspektive zu erkennen, die wir als Mann und Frau auf die Situation haben: Ich empfand ihr Verhalten – auch den Kommentar über ihre Beine – als völlig unbedeutend, abgesehen davon, dass ich es grundsätzlich bemerkenswert finde, dass eine Frau irgendwo in der Pampa allein in einem Haus wohnt. Ich war also ganz bei ihr: Sie kommuniziert für sich absolut asexuell (was wohl naiv ist anzunehmen). Und meine Interpretation der Blicke und des Verhaltens der Männer ist davon bestimmt, dass ich sie als die Aggressoren schon erkannt glaubte – es hätten aber genauso gut auch noch andere auf den Plan treten können. Umso toller fand ich die weitere Entwicklung, wie die vier Männer beim Angeln zusammensitzen und eigentlich nur daherreden – da wirken sie auch noch so ganz normal, eigentlich nicht bedrohlich. Irgendwelche Sprüche über die sexuellen Aktivitäten des anderen Geschlechts sind ja an sich noch kein Vorbote eines Gewaltangriffes. Auch das Balzgehabe ist nervig, aber in ihrem großstädtischen Selbstbewusstsein (ihrer Arroganz?) fühlt Jennifer sich davon auch nicht bedroht, nur belästigt. Ihre Autarkie wird auch die Basis für ihren Rachefeldzug sein: Sie wird sich nicht von anderen sagen lassen, was ihre Rolle als Frau sein sollte. Ich hatte tatsächlich den Eindruck, dass sie erst im letzten Moment erkennt, was wirklich passieren wird – als käme ihr der Gedanke, dass die Männer sie nicht nur nerven wollen, erst, als sie geschlagen am Boden liegt. Erst, als sie im Schilf liegt und ihre Brust nur noch teilweise vom Bikini bedeckt ist: Da kippt auch die Stimmung bei den Männern. Am Gesicht des Tankwarts ist perfekt abzulesen, wie ein Fantasiespiel, ein vorgestellter Plan plötzlich nicht mehr aufzuhalten ist und jetzt Wirklichkeit wird. Da fällt die letzte Hemmschwelle und beginnt der Niedergang der Zivilisation.

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Oliver: Du hast natürlich Recht, für sich genommen ist die Szene an der Tankstelle nicht bedrohlich. Aber auf ein „für sich“ zu rekurrieren, macht bei diesem Film ja gar keinen Sinn. Zarchi baut ja nicht auf eine Spannungsdramaturgie, die den Zuschauer über den Verlauf des Films im Unklaren ließe, sondern kalkuliert dessen Erwartung immer mit ein (nebenbei: die Tagline zum Re-Release 1983 lautete: „This woman has just cut, chopped, broken and burned four men beyond recognition… but no jury in America would ever convict her! I SPIT ON YOUR GRAVE … an act of revenge“ – was würden wohl heutige Spoiler-Verächter zu solchem Marketing sagen?). Die Vergewaltigung steht immer im Raum und auch schon vorher gibt es eigentlich überhaupt keine unbelastete Szene. Ich denke da etwa an den Moment, in dem Jennifer zum Seeufer tänzelt, sich spontan splitternackt auszieht und ins Wasser steigt: Erst „versteckt“ sich die Kamera urplötzlich hinter einem Busch, dann sehen wir sie vom anderen Ufer aus, wie ein Spanner, der sie aus der Distanz unbemerkt beobachet. Du sagst da am Anfang eher so nebenbei etwas, was ich für entscheidend halte: wie bemerkenswert du es findest, dass Jennifer allein auf dem Land Urlaub macht. Auch ich wunderte mich über ihren Leichtsinn, mit dem sie allein fernab der Zivilisation in ein Landhaus einzieht und Wildfremden völlig arglos Auskunft über ihren Aufenthaltsort gibt. Aber eigentlich ist es ja traurig, dass man das so empfindet; dass man von einer Frau erwartet, die Gefahr, die ihr aufgrund ihrer körperlichen Unterlegenheit droht, bei jeder Handlung mit einzukalkulieren. Das ist vielleicht die größte Leistung Zarchis, der Grund, warum sein Film mittlerweile auch von vielen Frauen als feministisch eingestuft wird: Er zeigt Vergewaltigung (oder allgemeiner: die Verbindung von Sex und Gewalt) nicht als gesellschaftlichen Ausnahmezustand, sozusagen als Fehler im System, sondern als alltägliches, ständig schwelendes Phänomen, als etwas, das für die Frau immer da ist. Das passt auch zu deiner sehr richtigen Beobachtung, dass die Männer zunächst gar keinen bösen Plan verfolgen. Aber irgendwann kippt die Situation. Und dann eskaliert sie nach dem Dominoprinzip immer weiter.

Leena: Natürlich ist da bei allem, was Jennifer tut, der Gedanke: Oh Mädchen, Du lädst das Unglück aber auch ein! Während des Films habe ich ja auch kommentiert, dass mir das nicht in den Sinn käme: nachts bei Rufen von draußen vor die Tür zu gehen, statt einfach aus dem Fenster zu schauen. Aber auch in der Eingangsszene manifestiert sich da, wie Du richtig feststellst, das, was rape culture ausmacht: Nicht mal bei einem attraktiven Mann würde man behaupten, dass er sich bei gleichen Handlungen oder Aussagen an einem Angriff gegen ihn mitschuldig macht. Der Film bringt damit wunderbar zu Tage, welche grundsätzliche Vorsicht von Frauen erwartet wird, die Männer nicht zu „provozieren“ oder ihnen „Hilfestellung“ zu leisten. Im Umkehrschluss ist es deshalb vielleicht so befriedigend, wie sie Rache übt, denn da leisten ihr ja ihre Opfer wiederum Hilfestellung. Die Männer gehen später genauso naiv in die tödliche Falle, ohne für möglich zu halten, dass ihr Verhalten die folgende Gewalt begünstigt. Ich würde es absolut unterschreiben, dass es sich um einen feministischen Film handelt, sowohl aus dem Grund, dass die Exposition die Frage aufwirft, warum man ihr Verhalten als riskant bewertet, wenn es mit umgekehrten Gender-Vorzeichen nicht der Rede wert wäre, wie auch aus dem unglaublichen empowerment, das die Rache darstellt. Nicht nur, dass auch hier die Erwartungshaltung an die Frau so eklatant aufgedeckt wird – niemand rechnet damit, dass eine so entwürdigte Frau, statt in Schuldgefühlen und Scham zu versinken, unerschütterlich ihre eigene Justiz verübt. Auch, dass sie dabei die Dinge einsetzt, die zuvor als ihre Schwächen angegriffen wurden: ihren Körper und ihr Geschlecht. Bei einem Minderbemittelten wie Matthew ist es fast bemitleidenswert, wie wenig er ihre Motive für die Verführung in Frage stellt. Aber der Rädelsführer macht sich ja geradezu lächerlich mit der Arroganz, mit der er willentlich in die Falle tappt. In was für einer narzisstischen Fantasie muss so einer leben, um zu glauben, dass sein Vergewaltigungsopfer sich von seiner charmanten Argumentation, sie habe sich das alles selbst zuzuschreiben, umgarnen lässt. Dass eine Vergewaltigung ein Verbrechen ist, taucht in dessen Vorstellungswelt gar nicht auf.

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Oliver: Kommen wir mal zu dieser Vergewaltigung, um die es ja vor allem gehen soll. Nachdem die vier Männer mit ihren pubertären Annäherungsversuchen gescheitert sind, überfallen sie Jennifer. Erst vergeht sich der Anführer an ihnen, während seine Kumpels sie festhalten. Danach lassen sie die verletzte, verdreckte und zerschundene Frau scheinbar entkommen. In einem Tannenwäldchen lauern sie ihr erneut auf. Nun wird sie über einen Felsbrocken drapiert und anal penetriert. Wieder lässt man sie danach ziehen. Mit letzter Kraft schleppt sie sich nach Hause. Dort wird sie aber schon wieder erwartet. Nun zwingen die Männer den jungfräulichen Matthew, sie zu vergewaltigen. Es gelingt ihm nicht zu ejakulieren, weshalb er unter dem Gelächter der anderen von ihr ablässt. Der letzte schließlich macht sich gar nicht mehr die Mühe. Er setzt sich auf die halbtote Jennifer, fordert sie auf, ihn zu blasen und verprügelt sie, als sie seinen Wünschen nicht nachkommt. Während der ganzen Episode wird die wehrlose Frau von den Männern verhöhnt. Das kulminiert am Schluss darin, dass sie ihr Manuskript voller Herablassung verlesen und es schließlich zerreißen, bevor sie sie zurücklassen. Dann wird auch klar, warum sie Matthew dabeihaben wollten: Sie zwingen ihn dazu, ins Haus zurückzukehren und Jennifer umzubringen. Er tut es natürlich nicht, sondern beschmiert das Messer lediglich mit ihrem Blut. Die ganze Sequenz – mit 25 Minuten angeblich die längste Film-Vergewaltigung – ist kaum zu ertragen. Zarchi verzichtet auf Musikunterlegung (wie übrigens, bis auf eine kurze Ausnahme, Jennifers Rache am Rädelsführer, im ganzen Film), mit dem Effekt, dass man den Bildern überhaupt nicht entkommen kann. Erniedrigung und Selbsterhöhung gehen Hand in Hand. Die Frau, die am Anfang noch die Fantasien der Männer beflügelt hatte, wird nun auf den Status eines Gegenstands oder eines Tiers degradiert. Die Vergewaltigung ist längst nicht mehr nur Mittel zur Befriedigung eigener Gelüste, sie ist Werkzeug der Bestrafung. Die hat sich Jennifer „verdient“, weil die Männer sich ihr gegenüber minderwertig fühlen. Es ist ja ganz offenkundig, dass sie ihr intellektuell unterlegen sind und auch als sexuelle Partner für sie nicht in Frage kommen. Die Konstellation hat mich an William Wylers „Der Fänger“ erinnert, in dem ein intellektuell eher einfach gestrickter Mann eine Studentin gefangen nimmt und sie so dazu bringen will, sich in ihn zu verlieben. Das Unterfangen scheitert nicht nur an der Situation selbst, sondern auch an den gravierenden, unüberbrückbaren sozialen Unterschieden zwischen den beiden. Dazu passt, dass „I Spit On Your Grave“ deutliche Züge des Backwood-Films trägt, der ja auch von der Kluft zwischen dem Bürgertum und den „Hinterwäldlern“ erzählt.

Leena: Was soll ich dazu sagen … Du hast Recht. Gerne wird ja um die Ressource Sex das Machtverhältnis umgedreht, behauptet, die Frauen hätten die Macht, weil sie bestimmen, mit wem sie Sex haben oder nicht. In der besten aller Welten wäre das zwar tatsächlich der Fall, Zurückweisung wird aber von den Männern wiederum als Aggression seitens der Frauen angesehen. Bei einer souveränen Frau wie Jennifer können wir und auch ihre Vergewaltiger davon ausgehen, dass sie den Landeiern nichts von ihrer „Ressource“ zuteilen würde; für diese nicht mal ausgesprochene Zurückweisung wird sie bestraft. Das funktioniert ein bisschen wie Watzlawicks Geschichte mit dem Hammer. Die Vergewaltiger haben sich eingeredet, New Yorker Frauen schlafen mit jedem, nur mit ihnen nicht und sind sich auch sonst zu fein für „solche wie uns“. Ohne diese These jemals an der realen Person zu verifizieren, bekommt Jennifer als exemplarische New Yorker Frau die volle ungebremste Wut über die Klassenunterscheide zu spüren. An einem kleinen Detail, das ich mich freue hierbei erwähnen zu können, ist schön zu erkennen, dass sich die Gewalt und Verachtung nicht gegen Frauen per se richtet: Im örtlichen Diner werden die vier Männer von einer jungen Kellnerin bedient, die Jennifer erstaunlich ähnlich sieht – sie würdigen sie aber keines Blickes. Dabei sind Kellnerinnen gemeinhin dankbare Opfer für sexuelle Übergriffe. Dazu passend ist der Tankwart schließlich auch noch mit einer ziemlich starken Frau verheiratet. Mit dem höhnischen, lächerlich machenden Verlesen ihres Manuskript enttarnen sie endgültig den eigentlichen Zweck ihrer Handlungen: Diese high ridin‘ bitch von ihrem hohen Ross in den Staub zu stoßen, damit sie selbst sich nicht mehr so scheiße finden in ihrer Existenz.

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Oliver: Das Detail mit der Familie des Obervergewaltigers finde ich besonders bemerkenswert, weil es zeigt, wie differenziert Zarchi an sein Thema herangegangen ist. Weder dient ihm die Auseinandersetzung mit sexueller Gewalt nur als Fassade, um hintenrum ein sensationslüsternes Publikum mit Sex & Crime zu bedienen – mit diesem Film dürfte tatsächlich kein gesunder Zuschauer jemals „Spaß“ gehabt haben –, noch verfällt er ins andere Extrem: eine Tirade darüber, dass alle Männer Schweine sind. Man könnte sogar behaupten, sein Ansatz spiegelt wider, was Hannah Arendt während der Eichmann-Prozesse beobachtet und in ihrem wohl berühmtesten Buch aufgeschrieben hat: „Die Banalität des Bösen“. Die Vergewaltiger sind ja keine gewaltgeilen Monster. Vielmehr handelt es sich bei ihnen um ganz normale Typen. Sie sind sicherlich nur durchschnittlich intelligent und wenig reflektiert, aber eben keine per se „bösen“ Menschen. Die Kinder des Anführers weinen, als er trotz Verabredung nicht auftaucht: Sie scheinen ihn wirklich zu vermissen, er war anscheinend kein schlechter Vater. Wie wir schon herausgestellt haben, ist die Vergewaltigung ja auch nicht minutiös geplant. Sie ist das katastrophale Endergebnis einer ungünstig verlaufenen Entwicklung, forciert durch die Gruppendynamik zwischen den unterschiedlichen Männern. Wahrscheinlich ist auch die Teilnahme Matthews, des buchstäblich „schwächsten Glieds“, nicht wenig entscheidend. Die Anwesenheit der zurückgebliebenen Jungfrau stachelt die Männer noch zusätzlich an, sich als echte Alphamännchen aufzuspielen.

Leena: Bösartig könnte ich jetzt sagen: typisch männlich. Sie müssen sich beständig gegenseitig übertrumpfen. Der Tankwart als der erste, der wirklich die Grenze überschreitet, da erringt er die Bewunderung seiner zwei Schergen (Matthew zähle ich nicht dazu). Dann erhöht der zweite den Einsatz, indem er sie anal vergewaltigt – das wiederum findet der Tankwart offensichtlich bemerkenswert, er schaut sowohl angewidert wie fasziniert drein, als fände er das selbst ein bisschen eklig. Matthews Einsatz ist es, überhaupt die Klamotten loszuwerden in einer Terry-Jones-mäßigen Strip-Szene und es zumindest zu versuchen. Dem letzten bleibt schließlich der Versuch der oralen Penetration, seine Frustration lässt er dann in hemmungslosen Schlägen und Tritten raus. Es ist inzwischen ja eine Binsenweisheit, dass es nur das Gutheißen der Gruppe und einer akzeptierten Autorität (hier: des Tankwarts) bedarf, um aus fast jedem Menschen einen willigen Befehlsbefolger oder einen sadistischen Folterknecht zu machen, und hier baut eine Entwürdigung auf der vorherigen auf. Darin sehe ich den schlimmsten Verrat Matthews: Der zeigt anfangs deutliche Zeichen einer moralischen Instanz, er zögert, windet sich, ist offenbar zerrissen zwischen dem Wissen, dass Vergewaltigung nicht in Ordnung ist, und dem Gruppenzwang, unter dem sich diese moralische Instanz auflöst. Entschuldigend könnte man sagen, dass er zu schwach ist, diesen Alphamännchen Stand zu halten. Er hätte von seinem kindlichen Geist mal abgesehen aber durchaus die Möglichkeit, beim Nein zu bleiben – und tut es nicht.

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Oliver: Dass er als erster dran glauben muss, ist daher auch nicht bloß einer dramaturgischen Erwägung Zarchis oder der Strategie Jennifers geschuldet, sich zuerst den vermeintlich schwächsten Gegner zu suchen. Sie bestraft ihn als ersten, weil er sich quasi doppelt an ihr vergangen hat: Er hat sie erst körperlich verletzt und damit auch verraten, schließlich hatte sie ihm zuvor ja ihre Freundschaft angeboten. Es ist auffällig, dass Jennifers Rache das komplette Gegenteil zum ihr widerfahrenen Gewaltakt darstellt. Die Gewalt der Männer ist ungeplant, spontan, „heiß“ sozusagen, sie folgt nach der Initialzündung einer eigenen Dramaturgie, über die die Männer nur noch bedingt Kontrolle haben. Jennifer agiert hingegen „kalt“, ihre Morde sind minutiös durchgeplant, sie hat sich für jeden die passende Strafe ausgedacht und eine Strategie zurechtgelegt. Das ist ja das Perfide an Selbstjustiz- und Rape-and-Revenge-Filmen: So sehr sie darauf aufbauen, dem Zuschauer durch die finale Rache die ersehnte Reinigung von dem zuvor Erlittenen, die Katharsis, zu ermöglichen, gleichen sich die beiden Gewaltakte nur selten aus. Es muss – und das liegt nicht nur im filmischen Spannungsbogen begründet – immer eine Schippe draufgelegt werden. Jennifer hat emotional das Recht, ihre Peiniger zu bestrafen, aber faktisch wird sie zur kaltblütigen Mörderin. Die bereits mehrfach angesprochene intellektuelle Kluft, die zwischen ihr und den Männern besteht, wird ja in ihrer Rache noch einmal sehr offenkundig. Die Männer sind ihr geistig einfach nicht gewachsen, tappen bemitleidenswert hilflos in die ausgelegten Fallen. Es scheint kein geeignetes Schlachtfeld zu geben, auf dem sich Männer und Frauen als gleichwertige Gegner gegenübertreten können. Einer ist immer unterlegen. Das ist, finde ich, das eigentlich Beängstigende an „I Spit On Your Grave“: Wie er die beiden Geschlechter als Antagonistenpaar aufbaut, das sich nur gegenseitig verletzen kann. Da wird die Geschichte eines individuellen Schicksals zur universellen Dystopie.

Leena: Die Frage ist ja aber eigentlich, warum sie sich überhaupt auf einem Schlachtfeld begegnen müssen. So sehr Selbstjustiz zu verurteilen ist, Jennifer handelt nicht ohne Anlass, während die Männer sich – scheinbar aus ganz eigenen Minderwertigkeitskomplexen – mit ihrer angeblichen selektiven Promiskuität ein Alibi herbeireden. Sie verhält sich ja freundlich, offen, unvoreingenommen, und dementsprechend unerwartet überfällt sie die Gewalt. Jennifers Rache hat dahingegen ja eine extrinsische Motivation. Übrigens: Die Rache an Matthew verläuft zwar kühl geplant. Im Falle des Tankwarts habe ich jedoch den Eindruck, dass sie ihren Plan, ihn „einfach“ zu erschießen, spontan revidiert, als er seinen entfesselten Unfug von der Provokation redet. Da beschließt sie erst, dass ein schneller Tod zu gut für ihn ist. Insofern, dass Jennifer ein gewisses Gleichgewicht wiederherstellt, muss ich auch gestehen, dass sich die Katharsis für mich durchaus einstellte. Schließlich ist sie auch nur deshalb noch am Leben, weil Matthew dann doch nicht „Manns genug“ ist; sie lebt, but not for lack of trying. Ich gebe zu, dass sich die wirkliche Welt mit ihren vielen ungestraften Vergewaltigungen für mich dystopischer darstellt als der Film, in dem die misshandelte Frau selbst (nicht durch die Hand eines Mannes) ihre Unterdrückung abwirft und sich zurück auf die Stufe ihrer Peiniger erhebt. Vom humanitären Standpunkt mag das ungünstig sein, vom ganz weiblich-menschlichen Standpunkt ist das sehr befriedigend. Das Schlussbild ist dann fast wie ein Aufruf an die Frauen: Lasst Euch nichts gefallen, akzeptiert nicht den Status quo. Ihr habt ein Recht auf Unversehrtheit, nehmt es Euch.

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Oliver: Natürlich müssen sich Männer und Frauen nicht auf einem Schlachtfeld begegnen. Aber der Film ist ja nicht direkt auf Versöhnung und Dialog aus. Er spitzt alles extrem zu, indem er jeden gesellschaftlichen Kontext völlig außen vor lässt. Es gibt keine Polizei, keine Zeugen, niemand, der von außen eingreifen würde oder das auch nur könnte. Die „Vertierung“, die wir schon erwähnt haben, macht da doppelt Sinn. Vielsagend finde ich in dieser Hinsicht auch den ursprünglichen – und von Zarchi bevorzugten – Titel des Films: „Day of the Woman“. Der unterstreicht den umstürzlerischen, dystopischen Charakter des Films, geht außerdem einher mit dem Fragment von Jennifers Roman, das wir zu hören bekommen. Sie erzählt von einer Frau, die wie sie ihr Zuhause und ihren Alltag hinter sich lässt und fernab ihrer Gewohnheiten zu einem ganz neuen Selbstgefühl gelangt. Diese Worte auf ihre Erfahrung zu übertragen, liegt nahe und das verleiht dem Film eine immens bittere, auch zynische Note. Die Vergewaltigung ist das traumatische Erlebnis, das Jennifer „braucht“, um sich gegen ihre Unterdrücker zu erheben, sich zu befreien und zu einem neuen Verständnis von sich als Frau zu gelangen. Sie hatte das sicherlich anders gemeint, als sie es niederschrieb, aber tatsächlich scheint sie am Ende mehr „bei sich“ als noch zu Beginn des Films. Letztlich funktioniert der Film als ultimative Männer-Mahnfabel: Lasst die Hände von der Frau, sonst schneidet sie euch den Schniepel ab! Und wenn sie das tut, geschieht euch das nicht nur Recht, es ist auch Beleg für die Überlegenheit der Frau. Um noch einmal auf deinen Katharsis-Einwand einzugehen: Ja, man gönnt ihr die Rache. Aber da bleibt eben etwas, das man nicht so einfach abnicken kann. Zarchis Film ist eine offene Kampfansage. Der Tag der Frau ist auch der letzte des Mannes.

Leena: Ich würde das etwas versöhnlicher sagen, wenn das auch nach diesem Film merkwürdig erscheint. Der Tag der Frau ist der letzte des traditionellen Mannes, der alles in Besitz nehmen muss. Ein friedliches Miteinander ist möglich, wenn der Mann aufhören kann, die emanzipierte Frau als Beleidigung seiner Hoheit zu betrachten.

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7 Kommentare zu "I Spit On Your Grave (1978)"

  1. Jules 8. Juni 2013 um 13:03 · Antworten

    Ich habe zwar nichts zur Diskussion beizutragen, möchte mich aber dennoch bei euch beiden für die wirklich fantastische Analyse und den äußerst spannend zu lesenden „Dialog“ bedanken. Weiter so!

  2. Leena May Peters 2. Juni 2013 um 00:33 · Antworten

    erstens: nach allem, was ich so vom sex in der tierwelt weiß, gibt es wesentlich mehr verhaltensweisen darin, die „tierfreunde“ so gerne als rein menschlich „diskreditieren“, als man sich das vorstellen mag. dazu gehört durchaus vergewaltigung: http://en.wikipedia.org/wiki/Animal_sexual_behaviour#Rape

    zweitens: wer schon mal einen hund am bein hatte, der dem mensch am bein treuherzig in die augen schaute und mit den lenden unkontrolliert kopulierte, der wird eine gewisse ähnlichkeit mit den entfesselten leistenstößen entdecken, die in I Spit On Your Grave so brutal gezeigt werden.

    drittens: wenn es nur das eine wort ist, dass dich an dem text stört, dann darf ich dich trösten. die bedeutung des wortes „vertieren“ als „roh, brutal, unmenschlich werden“ haben wir uns nicht extra ausgedacht, um tierfreunde zu ärgern: http://www.enzyklo.de/Begriff/Vertieren

    jegliche zivilisatorische hemmung zu verlieren und den trieben freien lauf zu geben, ist sicher ein „menschlicher“ zug insofern, dass es uns bei tieren nicht verwundert, wenn sie keine psychologischen hemmschwellen besitzen. wenn ein mensch aus einer gesellschafltich geregelten situation ausbricht und sich auf einmal benimmt wie eine offene hose bzw. der bock im schafstall, ist das wort „vertieren“ so ziemlich das treffendste was mir einfällt. das macht mir weniger ein schlechtes gewissen gegenüber der tierwelt als das vorzügliche stück schwein, das ich vorhin auf dem teller hatte.

  3. Oliver 2. Juni 2013 um 00:09 · Antworten

    Mit Vertierung meinte ich weniger den Akt selbst, als die Darstellung Jennifers unmittelbar nach dem Akt. Wie sie verdreckt und nackt, nur vom Überlebenstrieb „gezogen“ durch den Wald wankt.

    Ansonsten kann ich dir hiermit hoch und heilig bezeugen, dass es keinesfalls unsere Absicht war, Tiere der Massenvergewaltigung zu bezichtigen. Ich entschuldige mich hiermit aufrichtig bei dir und allen Tieren, die wir verletzt haben könnten.

  4. Matt 1. Juni 2013 um 21:32 · Antworten

    Ihr mit Eurer allgemeinen Kategorie „Vertierung“ – gibt es im Tierreich Gruppenvergewaltigungen? Schätze nicht. Der Mensch/Mann ist da eher ganz speziell; sollte auch durch entsprechende ausdifferenzierte Begrifflichkeiten problemlos „gewürdigt“ werden können.

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