Filmtagebuch einer 13-Jährigen #8

Jungfrau unter Kannibalen Titelbild

Nürnberg, 9.-12. Mai 2013, B-Film Basterds und anderes… das sind eigenartig intensive Tage, diese Kino-Zusammenkünfte, als wäre der Innenraum des Kinos ein Körper, hat Michael Schleeh (nicht über dieses Treffen) geschrieben. Es prägt sich ein wie Schlüssel in den Schlüsselkitt.

Das Geständnis eines Mädchens (Jürgen Büchmann, 1967)

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Im schönsten Film dieser vier Tage wurde der Schlüssel eines Juwelierlädchens von einem Kleinganoven in ein Kästchen Kitt gedrückt, während das muntere Mädchen Angeela (immer wieder wird sie nach ihrem Namen gefragt, immer wieder sagt sie bereitwillig und fröhlich: Angeela!) den netten Besitzer ablenkt, indem sie Kaufwillen und dann einen Schwächeanfall mimt. Sie befindet sich in einem der vielen Sechzigerjahreläden dieses lebendig rollenden, feucht perlenden Filmwunderwerks, in dem ihr Herz sich freut und manchmal atemlos stillsteht.

Angela ist ein junges, in ihrer unbedarften Fröhlichkeit manchmal unfreiwillig komisches Ding mit einer lieben Mutter, die ihr was zu essen macht. Sie wohnen in einer Arbeiterwohnung mit einer Tapete, auf der Vignetten italienischer Landschaften wie kleine Wolken verteilt sind.
Ich dachte an Will Tremper und Ernst Hofbauer, aber dieser Film ist beatiger. Seine Menschentypen sind untypischer und ungeschliffener, als hätte der Regisseur seine Freunde in den Film getan. Ich stelle ihn mir jung vor, in-crowdig und musikkundig, der Beat kommt von den britischen „Shamrocks“ und der Be-Bop anscheinend von einer mir unbekannten Band namens „The Ones“.

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Einmal bringt Dave Allen von den „Shamrocks“ Angela und ihrem Kleinganoven eine Serenade auf dem Hinterhof, „Still waters run deep“, während sie sich oben in der Wohnung küssen und – „Mitten am Tag!“, wundert sich Angela verzaubert – mit einander schlafen, ein schön geschnittenes, sinnliches Chaos.

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Indessen schafft die Kamera es, auch dem Schwanz einer misstrauischen Katze zu folgen, der hinter einer Tür verschwindet, ein ungestyltes Kind in seiner trüben Welt zu überraschen und die älteren Leute zu bemerken, die den Musikern und Filmern aus den Fenstern oben zusehen und eigene Leben haben hinter ihren Rücken.

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Der Film nimmt beiläufig so vieles wahr: die hocherregte Warenwelt der 60er Jahre, Omo-Stapel, Zeitungsständer, Busse und Klamotten. Wir gehen mit dem jungen Gangster auf den Fischmarkt, wo er sich bei einer Marktfrau ein rohes Ei kauft, das er gleich ausschlürft – sie mag das und sagt: Sie können das aber auch vertragen! – die Kamera schweift über die ausgelegte Ware und das frische, rohe Fischfleisch, wie vibrierend, ganz leicht zitternd, ihr Lover schickt Angela „Antibabytabletten“ kaufen… so viele aufgeschnappte Dinge fügen sich in den Rhythmus, die echte Welt schwappt rein, von allen Rändern klatscht sie an die Bordwände.

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Angela ist Näherin in einer Großraumschneiderwerkstatt mit allerhand Kolleginnen und schweren Nähmaschinen, und sie ist Gelegenheitsmannequin in einem großen Kleidergeschäft. Einige der heutigen Jungs im Kino lachten drüber, wie die Frauen sich in diesen ausgefeilten Seltsamkeiten auf den Laufsteg wagten, aber elegante Mode musste in den 60er Jahren absurd aussehen, man experimentierte mit immer neusten „Schreien“.

Geständnis eines Mädchens dSchneidereien machten mich als Kind schüchtern. Ich hatte Angst, vor der schwarzbefilzten Frauenpuppe, vor den spitzen, x-förmigen Scheren, und vor den Nadeln, die die Schneiderinnen zwischen die Lippen nahmen, wenn sie sich zum Feststecken vor einen knieten. Schneiderinnen waren halbe Gespenster, auch weil eine Tante „Schneider“ hieß, und ein Insekt, vor dem mir graute. Die dünnen, hurtigen Fadenbeine… wie das Garn, mit dem sie einem auch den Hals vernähten, wenn einem ein Erwachsener die Mandeln raus nahm.

Auch die Läden waren nicht so hell und tot wie heute, sondern schattiger und muffiger. Die massiven, eng und schwer behängten Kleiderständer gehörten Erwachsenen, die eine große, autoritäre Distanz zur Jugend aufbauten. Man sah dieses lenkende Obrigkeit nur von unten an, während sie über unseren Köpfen über unsere Köpfe sprach, ihnen auf schweren Frisierstühlen Fassonschnitte machte und die Nacken ausrasierte.

Das Geständnis eines Mädchens aDas Geständnis eines Mädchens b

Es macht mich an, wenn ein Film mich in den Geist der damaligen, so schwer zurichtenden Zeit zurückversetzen kann. Ich will da was studieren; es ist unfassbar seltsam, damals schon gelebt zu haben. Die Standardfilme zeigen nicht, wie suggestiv und schlimm und interessant es wirklich war. Der Film hier aber wohl.

Überall kann man in ihn rein; die Bilder öffnen sich an jedem Punkt, man nimmt die Dinge wahr in vielen Dimensionen, als wäre man verliebt. Wie Angela im Laden eine der Badekappen mit den flodderig schlappen, applizierten Gummiblümchen anprobiert und damit schwimmen geht im Hallenbad. Die vielen aufgeregten Leute, man kriegt das Chlorwasser in Mund und Nase und hört den klirrenden und klatschenden, sehr lauten Lärm, die Aufregung der vielen Körper. Es ist, als würde man von diesen großen Bildern wild geküsst.
(10/10)

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In einem Trailer, den wir sahen (nicht dem in Youtube) zu Die Wahrheit über Rosemarie (Rudolf Jugert, 1959) ist Belinda Lee als Nitribitt (immer wieder ein wunderlicher Name, wie aus einem Dämonenmärchen) eine tragisch herausfordernde, fast maskulin sexy Prostituierte. Sie hat diese brütend Verruchte, auffällig und echt, ein großes, stolzes, schmutziges und schwankendes Schiff. Es gab während dieser Tage in den Filmen überhaupt ungewöhnlich viele sexuell engagierte Einzelgängerinnen in abenteuerlichen Situationen. Dazu passt es, dass ich mich, außer mit den immer vielen Jungen auf so einem Festival, diesmal auch mit zwei charismatischen Mädchen nett unterhalten habe. (9/10)

Verwegene Frauen 1: Raumschiff Terra zum Planet der Affen, Italien 1966, Regie: Pietro Francisci.

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Leonora Ruffo strahlt als Luisa, enthusiastische Tochter eines bedeutenden Wissenschaftlers, wie eine lebensfrohe, tänzerische Schwester von Amy Winehouse. Ihre unbändige Zuversicht erinnert stark an die Heldin des tollen STARCRASH von Luigi Cozzi und auch an die heftchenhafte, schlichte Naivität der Filmfiguren von Bruno Sukrow. Auch wenn ihr Kleid im Weltraum so schwerelos wird, dass man die Strapse drunter sieht, bleibt sie vorbildlich unbeirrt. Der Film ist hinreißend aufgemotzt mit einer Unzahl erfundener, kindlich wichtigtuerischer technischer Ausdrücke und futuristischer Szenarien (weißgekleidete Arbeiter trotten roboterig auf Hühnerleitern an dicken, roten Türmen hoch). Die Raumfahrer anfänglich verfeindeter Sterne freunden sich bald an, zwischen den Hauptfiguren funkt es (Schuss-Gegenschuss) sofort. Einer der zahlreichen expertenhaften Protagonisten sagt’s schön steif und richtig: „Im Übrigen glaube ich, Professor, dass Belso freiwillig mitkommen würde. Zwischen ihm und Ihrer Tochter scheint sich eine echte Beziehung anzubahnen!“ Belso, ein wie aus Metall gegossener Typ, dumpf und verdrossen vor unbeholfener Sexualität, ist nämlich eigentlich ganz lieb. Die anderen auch. Er kriegt in einer Notsituation sogar Blut gespendet von einem ehrlichen Erdling (Erdling: „Weil er ein Lebewesen ist, wie ich (plötzlich listig:) Außerdem bilden sich dadurch neue Zellen bei mir.“ – Kommandantin: „Aus welchen Motiven Sie auch immer gehandelt haben: Es war sowieso sinnlos.“). Gerade in dem Moment, als Belso und Luisa knutschen wollen, kommen die Monsteraffen. Aber so ist das ja immer. (9,5/10)

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Verwegene Frauen 2: Argoman – Der phantastische Supermann
Italien 1967, Regie: Sergio Grieco.

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Eine muntere Abenteurerin in abgefahrenen Kleidern steuert selbstbewusst ihr Hovercraft-Luftkissenboot über die Jet-Set-Weltmeere, bis Argomans telekinetische Kräfte sie zu seiner Insel, in seine Arme und in sein Zauberluxusbett bestimmen. Wenn Argoman sein Supermanntrikot trägt, stellt er sich allem lachend und überpäsent in den Weg: „Die Energieblockade muss beseitigt werden.“ Hey hey, Argoman! (8,5/10)

Verwegene Frauen 3: Mädchen zum Mitnehmen (Girl with an Itch) USA 1958, Regie: Ronnie Ashcroft.

Mädchen zum Mitnehmen 1

„Ein übers Land ziehendes Straßenmädchen, auf Autofahrer spezialisiert, bringt einen reichen Farmer um Willen und Vernunft“, schreibt der Katholische Filmdienst und schimpft: „hirnloser Schund“. Manche Kollegen unterstellen ihr auch Nymphomanie, aber für mich ist das Mädchen zum Mitnehmen (Kathy Marlowe) vor allem ein autarkes Weib, das mit der Liebe spielt. Dabei ist sie, wie auch die Männer, zwar hirnuninteressiert, aber auch die Kohlmeisen sind nicht schlau in diesem Frühling. Es ist Paarungszeit; das Mädchen streunt und trägt ein geiles Kleid und einen traumhaft zugespitzten Büstenhalter, wie etwas von Russ Meyer oder Armando Bo. Sie gerät in ein Nest am Rande der staubigen Straße, wo sie sich bei einem Farmer einnistet und ihn, seinen Sohn und alle mit Öl und Lehm verschmierten Mechaniker und Landarbeiter verrückt macht. Es ist ein großes, unverhohlenes Sleazen und Schleimen um sie; beide Seiten taxieren einander mit jener Mischung aus Herausforderung und Abschätzung, die ehrbare Menschen „schundig!“ stöhnen lässt. Ein vorlauter Zuschauer beschwerte sich hingegen, dass zu wenig passiere und Marlowe zu alt für dieses Rolle sei, aber die sie belagernden Typen sehen das völlig anders. Kathy sät Zwietracht zwischen Sohn und Vater, kämpft vor johlenden Kerls im Fluss mit einer Rivalin und triezt deren haarigen, kompakten Mann in der Duschkabine, aber am Ende ist der Film sehr sanft, im Grunde; es passiert nichts Schlimmeres als ein Erdbeben, bei dem ein Stapel leerer Kisten umfällt, und ein Kampf zwischen dem jamesdeanig betrunkenen Sohn und seinem Vater, der dabei eine Beule kriegt. (9/10)

Verwegene Männer:

Masturbation notice

Löblicherweise wurde der sich bärig und rau das Brusthaar einseifende Mann in der Dusche in „Mädchen zum Mitnehmen“ durchaus als Sexobjekt in Szene gesetzt. Ich hoffe nur, er hat nicht später noch gewichst. Ein Freund erzählte nämlich auf dem Filmtreffen, er habe gehört, dass das den Abfluss verstopfe; in einer amerikanischen Uni hängt deswegen auch ein Schild in der Gemeinschaftsdusche. Wir überlegten, ob das stimmen könne, ich glaube, ja. Aus meiner Jugend erinnere ich mich vage, dass Sperma im Wasser flockt und klumpt, ähnlich wie Eiweiß, wenn beim Kochen die Eierschale platzt. Heute, da viel mehr geduscht wird als gebadet, weiß man das nicht mehr, und der Schaden geht in die Zehntausende. Der Freund erzählte dann noch, er selber habe am Morgen in seinem Hotelzimmer in eine Plastiktüte gewichst, sie dann zusammengeknotet eingesteckt, um sie unterwegs in einen Mülleimer zu werfen, sie aber dann vergessen und den ganzen Tag mit sich herumgetragen. So ist es Recht. (8,5/10)

Megaforce (Hal Needham, 1982)
Megaforce 1

Auch hier gibt es eine verwegene Abenteurerin, Freundin des Helden, die aber nach der Hälfte verabschiedet wird und nicht wieder auftaucht. Ein Freund vermutete, sie sei während der Dreharbeiten krank geworden; der Film rechtfertigte ihr Wegschicken aber damit, dass eine Frau in der Mannschaft Unfrieden stifte. Normalerweise interessiert mich eine so deutliche Macho-Handlung menschenkundlich, es war auch schön viel dran – besondere Waffen, prahlerische Spezialeinheiten auf unklarer Mission, beste Kämpfer aller Nationen und Scheiß. Aber ich war müde und erlaubte es mir, mich ebenfalls zu verabschieden. Ich fühlte mich wohl und geborgen mit den Leuten in meiner Sitzreihe, die ich kannte und mochte. Als ich aufwachte, sah ich eine ganze Frontlinie von Motorrädern mit gewaltigen Dampfschweifen offensiv und einig durch die Wüste brettern. Dann schwebte der Held auf einem Spezialmotorrad auf das rettende Flugzeug mit den Kameraden zu, wie in einer amüsant unbeholfene Trickaufnahme aus dem Mohammed-B-Film, um den es zuletzt so einen Wirbel gab. (6/10)

Auf einer Restaurantterrasse gab es unter meinen Freunden eines der langen Fachgespräche um die Details des Sammelns und zu sehen Kriegens rarer Filme. Es geht immer sehr engagiert um Digitalisierung, Restauration, Projektion usw., sowie begeistert um Filme, die man unbedingt sehen muss. Für mich ist das zu viel, zu schnell, zu wechselhaft. Manchmal sagte ich etwas, aber sie nahmen es nicht wahr, es arbeitete zu stark in ihnen, sie waren in Fahrt, und ich war der Versuchsgorilla, der nicht bemerkt wird, weil man nicht mit ihm rechnet. Ich merkte, wie ich leider wieder anfing, meine Mitmenschen leise zu verfluchen; die verwegenen Mädchen und telekinetischen Supermänner hatten mich inspiriert. Wenigstens versuchte ich, meine engeren Freunde auszunehmen und die Flüche harmlos und drollig zu gestalten. (3/10)

Die Arbeit war getan, ich hatte alles ausgiebig verwünscht. Ich schaute an der Fassade des gegenüberliegenden Hauses hoch. Zwei Fenster unterm Dach gefielen mir, und ich wünschte, jemand käme und sagte: „Geh mal hoch in diese Wohnung, da liegt ein Typ, der hätte nichts dagegen, wenn du ihm einen bläst.“ Ich würde kurz da rauf gehen, den Typ vorfinden und es ihm „beibiegen“, falls das die korrekte Verwendung dieses Wortes ist, das man manchmal in alten Filmen hört. Und dann würde ich wieder runter gehen, mich wieder zu meinen Freunden setzen und mir insgeheim den Rest von seinem Samen von den Zähnen lecken. (6/10)

Betrübte Mädchen 1: LOVE LETTER (Seijun Suzuki, 1959)

Love Letters Seijun Suzuki

Live-Screenshot: Danke, Glimm „Stefan Mlakar“ Stengel!

Ein Film wie alte Träume. Mit vielen fotografischen Feinheiten, grafisch schönen Untertiteln und einem Kleid mit einem zierlichen Relief-Bordürenmuster, das dreidimensional deutlich in den Raum und in die Netzhaut schwebte. Birken im Schneegebirge, die Umrisse der Zweige, die fetten Strickmaschen seines Winterpullovers, die dunklen Straßen in der Stadt, die Tapeten im Nightclub „Family Club“ mit einzelnen, immer anders gemalten Schneekristallen: Alles ist sehr zart und filigran und von bestechender optischer Unmittelbarkeit. Ein Nightclubcrooner schmachtet stilvoll; die Männer und Frauen singen und sprechen emphatisch von ihren zarten, schmelzenden Gefühlen. Besonders das Mädchen kann nicht aufhören damit, obwohl sie es verspricht; alles tiriliert von Zuneigung und edlem Verzicht. Sie umarmen sich vor einem Meer von schönen Rosen. (8,5/10)

Auf der Kinodachterrasse für die Raucher blühte ein weißer Flieder mit einem übertriebenen Geruch als hätte man Duftbäumchen in ihn gehängt. Es war kalt in diesem Mai, vielleicht macht das seine Duftmoleküle so stechend, sie können sich nicht richtig entfalten.

Betrübte Mädchen 2: Großstadtschmetterling (Richard Eichberg, 1929)

Ein Bild aus dem Großstadtschmetterling habe ich nicht gefunden. Aber das ist Anna May Wong.

Ein Bild aus dem Großstadtschmetterling habe ich nicht gefunden. Aber das ist Anna May Wong.

Ich fand ihn zuerst nicht auffällig, denke aber gern an ihn zurück. Ein sehr nettes Mädchen (Anna May Wong) hat großes Pech, ein bisschen Glück, dann wieder großes Pech, zieht sich eine schlimme Schwermut zu und geht von allen, die es liebte, weg. Anfangs ist sie der zögernd-schüchterne Star eines Varietés, dann die Geliebte eines armen Bohemiens. Der verstößt sie, und sie lässt sich trösten von dem reichen Mann, der ihrem geliebten Maler das Bild abgekauft hat, auf dem man sie so sieht, wie sie einst war, so fröhlich, süß und keck. Sehr traurig kniet sie vor ihrem Bild und schmiegt die Wange an die Signatur. Ihr Maler ist jetzt in Italien, mit seiner neuen Freundin, der selbstbewusst in ihn vernarrten Tochter eines reichen Gönners. Tochter und Vater sind sehr treffend gezeichnet. Ohne ihnen das vorzuwerfen, sind ihre Gesten, ihre Lebensfreude, ihr Verhalten, ihre Sympathien für einander die von exklusiven Mitgliedern der High Society; ohne das eigentlich zu beabsichtigen, schließen sie diejenigen aus, die nicht mithalten können. Das betrübte Mädchen verliert den, den sie liebt, an diese Welt, in die er wollte. Ich gehöre nicht zu euch, sagt sie am Schluss zu ihm und auch zu ihrem reichen Freund, der sie als glitzernden Schmetterling gern behalten hätte. Anna May Wong kannte ich noch nicht, obwohl sie hinreichend berühmt ist. Sie ist wirklich besonders – eins mit sich und weich, puppenhaft und menschlich, liebreizend und fürsorgliche Zärtlichkeit weckend. Ich habe keinen Ausschnitt aus diesem Film, aber ein Freund gab mir diesen Link wo man sie tanzen sehen kann. (8/10)

Sexuelles Chaos 1: Die Vergnügungsspalte (Heinz Gerhard Schier, 1971)

Die Vergnügungsspalte 1

Jemand hat hier den Sexfilm eines anderen zerschnibbelt und ihm neue, mit anderen Darstellern nachgedrehte Szenen eingesetzt. Weil das putzige Gehirn sich die so zustande kommenden Sprünge selbst ankreidet, kommt man sich dumm vor und betrunken, und das ist sehr angenehm. Eine große Schere schneidet beherzt, ungeschickt und begeistert wie ein Kleinkind rein in alles – hirnlos, aber inspiriert. Mein Herz ging besonders auf, als ich den Kleinbus voller zufälliger Jungen sah, in dem sich das davongelaufene Mädchen kurz versteckte… Sie gerät auch in einen Kuhstall und in eine Ritterburg, wo sie aus Versehen beinah Sex mit einem in einer Rüstung konservierten Greis macht. Dann plötzlich eine Ehe mit einem bornierten, bleichen Trübjüngling, der sich im Bett maulend von ihr wegdreht und sie anpatzt, sie sei doch frigid und nymphoman und gehöre nach Marokko ins Bordell. In Marokko dann heiratet sie einen Marquis, der, wie viele Adlige in Filmen, impotent ist. Er erlaubt ihr missmutig, mit anderen zu schlafen, das freute mich für sie. An Konkreteres aus der großen, sinnlosen Vielfalt kann ich mich nicht erinnern, niemand konnte das, doch jeder fand es groß und wollte es sofort noch einmal sehen. (9,5/10)

Sexuelles Chaos 2: Jungfrau unter Kannibalen (Jess Franco, 1980)

Jungfrau unter Kannibalen 1

Al Cliver

Eine träge köchelnde Suppe, in der die Leute langsam umgerührt werden und versinken, umgeben von den Geräuschen eines Dschungels, zu denen wie selbstverständlich die Tierschreie gequälter Frauen gehören. Werner Pochath, der böse Vergewaltiger aus MARIA – NUR DIE NACHT WAR IHR ZEUGE ist auch dort, wieder grausam lachend. Und Al Cliver, dieser lässige Filmmann, der mir anscheinend immer auffällt. Er hat diese Schönheit, die um sich nicht viel Trara macht, eine müde einwilligende Zugänglichkeit, eine Würde, die keinen großen Wert auf sich legt und sich preisgibt. Seit Bill Harrison in Wakefield Poole’s BIJOU achte ich auf solche Männer. Ich mochte auch seine deutsche Synchronstimme. Schön auch das besessen tanzende, dunkelhäutige, schlanke Mädchen und der beim Kampf ganz nackte Zombiemann, der nicht drauf achten musste, ob man seinen Penis sehen konnte oder nicht. – Ach, ich weiß nicht. Klar, ich verstehe, warum manche Leute an Jess Franco Filmen gar nichts finden, je nachdem, wie man sie betrachtet… wenig Erzählung, nur halbherzig gestylte, nackte Leute, manche auch nicht richtig attraktiv oder sympathisch, der Stil weicht auf, stattdessen wabert alles, es ist brennend heiß, man schwitzt, die Tiere und die Pflanzen stechen, der Sex lässt sich viel Zeit und kommt nicht auf den Punkt, sondern umkreist die Punkte, alles kommt nur halb in Fahrt, es hört nicht auf, dieses erotisches Gequäle ohne Höhepunkt, das einen erbittern oder wahnsinnig machen kann. Das ist Jess Francos Filmsex, scheint es (ich habe allerdings erst vier oder fünf Filme von ihm gesehen). Es ist nicht völlig meins, glaubte ich anfangs, aber das hat sich geändert, es schmiert und ölt einen so ein, und dann lässt man es zu, von Filmen wird man ja nicht schwanger oder krank, und schließlich träumt man selber auch oft seltsam. (9/10)

Sexuelles Chaos 3: Naked Age (Seijun Suzuki, 1959)

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Suzuki ist ein optischer Meister, keine Frage. Seine ganze Energie und Leidenschaft scheint in die Ästhetik seiner Bilder zu gehen. Naked Age ging um sehr junge, teils kindliche Gangster, die in einer Art Blechhütte auf einem öden Grundstück mit einander lebten, ein zerlumpter, gespenstisch gütiger Märchen-Tattergreis haust am Rande des Geländes und wird manchmal von den Kindern konsultiert. Ich fand das nicht schlecht, aber die Schauspieler überagierten aus Gründen der Komik auf eine Weise, die mir nicht richtig gefiel, und ich begann wieder, mich zu langweilen. Es war heiß im Kino, ich zog meine Lederjacke aus und legte sie auf meinen Schoß. Wenn sie auf dem Schoß eines Nebenmannes läge, könnte ich darunter was machen, dachte ich, aber ich saß allein in meiner Reihe. Wenn ich ein Mann wäre, würde ich mir jetzt einen runterholen. Ich dachte an den Film GISELA von Isabelle Stever, den ich vor kurzem sah, wo ein Mädchen, das mir vorkam wie ich, auf einer Party einem Jungen einen runter holte, verstohlen, aber ohne Zweifel, nur wegen sich, weil sie das so gerne machte und aufregend fand. Ich schob meine Hand zwischen meine Beine und probierte, wie weit ich das treiben könnte. Ich achtete darauf, dass man nichts sah oder hörte. Der Atem geht dann anders; wenn der Film leise wurde, hörte ich deshalb kurz auf. Es ging; ich musste mich nur ganz zum Schluss beherrschen, nicht meine Beine um den Nacken des Typ vor mir zu schlingen und ihm heiße Sachen zuzuflüstern. Mein Gesicht glühte, und ich freute mich. (8,5/10)

Vielen Dank an Florian Bülow für die vielen Live-Screenshots, die ich verwenden durfte.

Über die Filme rund ums B-Film Basterds Festival haben außerdem geschrieben:
Robert in seinem sehr empfehlenswerten Sehtagebuch bei Eskalierende Träume
Popesick bei wissenstattglauben
Torsten Dewi bei Wortvogel
Kongulas Pranke bei „affengigant“

Und hier noch einmal in einer frischeren Version, aus dem GESTÄNDNIS EINES MÄDCHENS: The Shamrocks aus England mit „Still water run deep“!

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Über den Autor

Silvia Szymanski, geb. 1958 in Merkstein, war Sängerin/Songwriterin der Band "The Me-Janes" und veröffentlichte 1997 ihren Debutroman "Chemische Reinigung". Weitere Romane, Storys und Artikel folgten.

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