Mad Foxes

Mad Foxes Titelbild

Die 8. Filmbesprechung in unserer Reihe “Forced Entry – Vergewaltigung im Film”. Unser Einleitungstext zur Reihe findet sich hier.

Maria: Vergewaltigung in MAD FOXES geht weit über den eigentlichen Akt, der hier kurz, unspektakulär und nur ein Detail in einer langen Reihe von Racheakten ist, hinaus: Die Titelfiguren, völlig außer Rand und Band geratene Rocker, schänden eine ganze heile, saubere Welt, durch die sie sich wie die Wildschweine wälzen – ja, sogar der Film selbst drückt uns in seinen verstörenden ästhetischen Wechseln gewissermaßen ohne Unterlass seine pochenden Eier ins Gesicht.

Hal, eine Mischung aus Sascha Hehn und David Hasselhoff, ist Teil einer Welt, in der alle – natürlich im Rahmen der Möglichkeiten, die die 80er Jahre so boten – elegant, adrett und vor allem cool sind, weiße Turnschuhe tragen, die nie schmutzig werden, lahme Tanzschulchoreographien durchexerzieren und sich für den bevorstehenden Sex, der von langer Hand geplant zu sein scheint und ganz abgeklärt besprochen wird, mit Champagner in Stimmung bringen müssen. Diese sterilen Zustände lösten beim Anschauen in mir eine ungeheure Sehnsucht nach einer Kraft aus, die das mal gehörig aufmischt, eine Sehnsucht nach dem saftigen Strich durch die gähnende Rechnung.

Und diese Kraft kommt in Form der Mad Foxes, sechs dreckigen Schweinen, die aussehen wie Kreuzungen aus Mad Max, Hero Turtles, Pippi Langstrumpf, und ach ja, der SA. Schmierig, fluchend, voll von kindlichem Spaß an der eigenen Grausamkeit, im Einklang mit sich selbst und miteinander, brechen sie gnadenlos in das weißgetünchte Yuppieidyll ein, um es fröhlich lachend kurz und klein zu schlagen und seine Bewohner – so sie überhaupt überleben dürfen – in tiefer Demütigung zurückzulassen.

Silvia: Sie sind ein großspurig ins Nichts protzender Haufen wilder Männer, die sich noch mal breit machen, bevor sie untergehen und sich in ihre haarsträubend einfallsreichen Gewaltakte so lustvoll geben wie andere in Vergewaltigungen.

Die eine, eigentliche Vergewaltigung ist kurz, aber sexy – obwohl oder auch weil Eric Falks Beine dabei zittern wie die eines Kaninchens. Der Film lehnt gern blutende Leute dekorativ an Mauern, und auch Hal schaut aus dieser Haltung wie entmannt dabei zu, als das Mitglied der Mad Foxes Rocker sein Discogirl entjungfert. Eigentlich hat Hal das noch in dieser Nacht ja selber machen wollen. Er hat sich und sie zu diesem Zweck mit dem Inhalt seines Privattresors in seiner Stammdisco wirklich sehr betrunken gemacht (unter uns gesagt: in Verkennung weiblicher Triebhaftigkeit, die so was – glaub ich jedenfalls – oft gar nicht nötig hat.) Aber Hal hält weißgefilterte Fassaden für das Eigentliche; der leere Anschein des exklusiven Savoir Vivre blendet ihn, leider auch beim Sex. Einer der Gründe, weshalb ich Vergewaltigungen in Filmen gern sehe, ist, dass sie manchmal wirklich aussehen wie Sex. Sie sind schon ihrer Natur nach triebhaft, zielgerichtet, ohne Vorwarnung und Mätzchen, und die Männer bewegen sich, als sei tatsächlich ein Begehren in sie gefahren, und wenn es das eines Kaninchens ist. Hal hingegen ergeht sich in einem, in Erotikfilmen leider üblichen, zerdehnten, als „zärtlich“ verkauften, ahnungslosen Umkreisen vermeintlich erogener Zonen. Klar, „vergewaltigt“ will man auch im Liebesspiel nicht immer werden, aber ich hoffe, diesen Chiffonsex macht keiner nach zuhause. Es ist übrigens auch schade, dass im Film Mädchen so selten zeigen, wie sie sich verhalten, wenn es sie wirklich packt! Es würde das Gewohnte sprengen, das wäre bitter nötig. Stattdessen: schlechte Imitation medialer Vorbilder. Seufz.

Wir wissen nicht, was aus dem scheuen Discomädchen wird; es verschwindet nach der Szene und wird abgelöst durch andere. Hal aber nimmt mit seinen weißgewandeten Kampfsportfreunden profimäßig organisierte Rache. Sie überraschen die Rocker nachts im Amphitheater von Barcelona, als sie in jämmerlich gespielter Trauer um ihr totes Bandenmitglied stehen, wie Fliegen, die noch mal nach ihrem Kumpel schauen, den jemand auf der Tischplatte erschlagen hat.

Maria: Hal macht sich die Hände nicht schmutzig, sondern läßt den Anführer der Mad Foxes kastrieren. Damit leitet er natürlich zwingend die nächste Racherunde ein, in der die Foxes mit Handgranaten und Maschinengewehren ein Blutbad unter den Kampfsportlern anrichten, um dann die Eltern Hals in einer wahren Splatterorgie niederzumetzeln – Stubenmädchen und Gärtner inklusive.

Doch zunächst müssen Hal und eine seiner wechselnden Gespielinnen im heimatlichen Idyll des elterlichen Wohnsitzes gezeigt werden. Der hier vorherrschende weichgezeichnete „Chiffonsex“, wie Du so schön schreibst, die unglaublich unerotischen Knutschszenen, blödsinnige Harfenmusik und grenzdebile Dialoge machen das Zuschauen fast unerträglich. Die Eltern sind nicht nur „sehr, sehr lieb“, die Mutter muss auch noch querschnittsgelähmt – und dabei sehr zufrieden! – sein. Hal, Mamas und Papas Augenstern, füßelt mit der Gespielin unter dem elterlichen Tisch mit schmutzigen Tennissocken – gibt es keine Regieassistenz, die sowas sieht? Oder die was daran macht, dass das Badewasser aussieht wie eine Mischung aus Urin und Dreck? Bei gemeinsamen Reitausflügen auf tänzelnden Pferdchen, im Hintergrund Dudelmusik wie in diesen DDR-Märchenfilmen, kommt es zu einer Sexszene, die nur glaubwürdig wäre, wenn das über den Bauchnabel der Frau laufen würde. „Ich schenke Dir die schönste Rose aus Mamas Garten“-Momente runden die – gewollte oder ungewollte – Parodie eines Rosamunde-Pilcher-Albtraums ab.

Ja, das tut weh, aber wie bei überfahrenen Tieren auf der Straße kann man die Augen nicht abwenden. Das Entsetzen angesichts dieses sentimentalen, verkitschten Unfugs wird erst im denkbar krassesten Kontrast aufgelöst, nämlich wieder in Gestalt der Foxes, die die sakrosankte Umgebung einnehmen, Köpfe mit Heckenscheren durchbohren, Eingeweide ausweiden und viel Porzellan zerschlagen. Der Schockeffekt dieser Szenen lebt vom Kontrast zu den vorhergehenden Einstellungen, ebenso wie – vice versa – die Lächerlichkeit der überzeichnet heilen Welt umso größer erscheint, je mehr man schon von der Dreckigkeit der Mad Foxes gesehen hat. Diesen brachialen Wechsel meinte ich, als ich oben sagte, der Film drücke einem ohne Unterlass seine Eier ins Gesicht – irgendwie wird einem ständig irgendwas aufgezwungen, was man in dem Moment nicht erwartet hat.

Silvia: Der Film ist wirklich selbst ein Vergewaltiger. Und ein Säufer. Ich habe lange nicht mehr so viele Getränkemarken in einem Film gesehen. Auch der gute Vater verfügt über eine repräsentative Alkoholsammlung, aus der er der dankbaren Mutter großzügig einschenkt („Gut für den Kreislauf!“ – Sie: „Das regt den Appetit an. Du verwöhnst mich, Darling!“) Und wenn die Foxes den Gärtner über die staubende Hecke zerren, den Vater auf die Anrichte setzen, das Mädchen auf den Tisch werfen und der Köchin durch die Durchreiche entgegenfliegen, schwingt immer etwas Sexuelles mit, so als müsste es hier gleich zur Sache gehen.

Ich mag auch gerade das Schmutzige und „schlecht“ Gemachte an dem Film. Da sind so schön viele unnötige Szenen, wie als Hal einen Tankwart ausführlich nach dem Weg fragt und dann in seinem Stingray sinnlos lange durch grau gealterte Straßen fährt. Dieses achtlose Gefilme, die trüben Statisten, denen Eigenleben und Präsenz erlaubt wird… oft hängt mein Interesse eher fest an so was als an den Hauptfiguren und der Handlung. Ich glaube zwar nicht, dass der Film das alles ironisch und absichtlich macht, aber sehr ernst nimmt er sich auch nicht. Ich denke, es ist so ein halb zynisches, halb lustvolles Spaß-Abenteuertum, das ihn beseelt, so ein anarchisches Austesten, was geht. Zum Beispiel morgens den nackten, hünenhaften Eric Falk aus seinem Stall kommen zu lassen, laut verkündend, dass er „in Ruhe seinen Strahl in die Ecken stellen will.“ Die anderen Foxes necken ihn, Falk tritt nach ihnen mit seinen ausgestreckten, langen Raubeinen, sein Pimmel baumelt dabei achtlos rum… auch schön, dass man sehen kann, wie ihm, in einer anderen Szene, der Urin noch aus dem Schwanz tropft, bevor Hal ihn leider… ach, ich erzähl das lieber nicht. :-(

Maria: Ich fand den Film auch extrem unterhaltsam und kurzweilig – und überdem fand ich sehr sympathisch, dass Hal am Ende nicht der triumphale Held bleiben darf, der im Schritttempo in seinem Stingray durch die Straßen paradiert, im Hintergrund „Celebration“ von „Krokus“ (welch ein Brechmittel!). Doch das Ende möchte ich hier nicht verraten. Man muss ihn sich einfach anschauen.

Spanien/Schweiz 1981. Regie: Paul Grau

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