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Maria: Die adretten Mormonenjungs, die mit ihren sauber gezogenen Haarscheiteln und blitzenden Namensschildchen geduldig die Straßen meiner Stadt nach potentiellen Proselyten durchforsten, waren schon öfter Gegenstand meiner sexuellen Phantasien. Ich stellte mir vor, wie mich einer von ihnen mit seinem entzückenden amerikanischen Akzent und dem dazugehörigen Zahnpastalächeln anspräche, ob wir nicht mal über das Buch Mormon sprechen wollen, so etwas in der Art. Ich würde sagen, aber gerne, und das können wir doch bei mir zu Hause tun! Dort angekommen, würde ich Douglas oder Jonathan oder wie auch immer er heißt aus seinem makellosen Anzug und dem gestärkten, blütenweißen Hemd pellen und auffressen. Doch die Mormonenjungs haben einen untrüglichen Instinkt für bzw. gegen Katastrophen und haben immer zielsicher einen Bogen um mich gemacht, um dann alle Leute um mich herum anzusprechen. Seit TABLOID weiß ich, dass das vielleicht ganz gut so war, denn heißa! Kann man sich da einen Ärger einhandeln.

Der Film dokumentiert den sogenannten „Mormon Sex in Chains Case“, in dessen Verlauf die Amerikanerin Joyce McKinney 1977 wegen Entführung und Vergewaltigung des Mormonen Kirk Anderson angeklagt wurde, und die darauffolgende Schlacht um die Deutungshoheit der Vorgänge in der britischen Regenbogenpresse. Es war Liebe, ein Befreiungsschlag, sagt sie. Kidnapping, Vergewaltigung, behauptet er. Die Wahrheit, sagt ein ehemaliger Mormone, der hier als Experte für den ganzen religiösen Unfug zurate gezogen wird, liege wohl irgendwo zwischen diesen beiden Versionen.
Joyce McKinney, die man sowohl in zeitnah zum Vorfall entstanden Interviews als auch heute zu den Vorgängen befragt, inszeniert ihr Verhältnis zu Kirk Anderson, den sie in Utah kennenlernte und schließlich in England mit Hilfe eines Freundes für drei Tage entführte, als Mischung aus Märchen und klassischer 50er Jahre Beziehung. Ihre Liebe sei unsterblich gewesen, sie habe nicht gewusst, wo sie aufhört und er anfängt usw. So schön hat sie für ihn gekocht, „like I was his little wifey or something“. Ob nicht alle Männer nach ihr, der ehemaligen Miss Wyoming, verrückt waren? Ob sie aus Sicht seiner Mutter zu sexy gewesen sei? Das sind Dinge, die Joyce in diesem Kontext nicht hören will. Nein, nicht zu sexy, vielleicht zu hübsch. Auch die körperlichen Handlungen während der Entführung, Vergewaltigung oder nicht, werden über den sexuellen Horizont hinaus erhöht und als Verschmelzung zweier Seelen, als Teil eines märchenhaften Honeymoons stilisiert: „It’s not a porn story, it’s a love story“ – Joyce bemüht sich, wie später ein Journalist sagt, um eine „saubere“ Version der Geschichte. Doch von Anfang an kann man an dieser Heimchen-am-Herd-Mimikry, dieser Inszenierung als passive, unschuldige Prinzessin zweifeln, wenn man genau hinhört. „I let him choose me“, sagt sie direkt zu Beginn. Ich habe ihn mich aussuchen lassen. Und im weiteren Verlauf, liebste Silvia, haben wir es ja nach und nach immer mehr mit der Angst zu tun bekommen.

Silvia: „Ich erwarte nicht, geliebt zu werden – ich möchte lieben!“, sagt das Mädchen Clara in Franco Zeffirellis BROTHER SUN, SISTER MOON (1972) zu ihrem Schwarm, dem heiligen Franz von Assisi. Es ist Joyces Lieblingsfilm, und so, das erzählt Joyce den Doku-Filmern, sollte es werden. Das klingt entsagungsvoll. Auf der anderen Seite aber könnte wohl auch jeder Vergewaltiger Claras Worte – scheinheilig oder blind – nur unterschreiben.

Vielleicht war Kirk in Amerika wirklich der erste der beiden, der flirtete und guckte. Damals war er ja noch „Kirk 1“, wie Joyce sagt. Dann aber entzogen ihn ihr die Mormonen, wuschen sein Gehirn und versetzten ihn nach England. Joyce, ganz kindlich-kesse Abenteurerin, charterte ein Privatflugzeug und castete eine auf sie eingeschworene, rein männliche Crew, um Kirk 2 zu „befreien“ und in Kirk 1 zurückzuverwandeln. Sie entführten ihn mit Gewalt und Chloroform und banden ihn – mit gespreizten Armen und Beinen, „spread-eagled“ wie einen Wappenadler – auf ein Flitterwochenbett in Devon. Die Idee dazu hatte Joyce – so macht man nichts verkehrt – aus einem christlichen Eheratgeber. Darin stand, dass manche Menschen sich erst gehen lassen können, wenn man sie fesselt. Und wirklich, nach Joyces drittem Versuch, Kirk zu vergewaltigen, war er nicht mehr so unwillig wie am Anfang; das wird er später dem Gericht zugeben. Joyce hatte also wirklich Gutes getan.

„Three days of fun, food and sex“ (Joyce), mit einem symbolisch auf die verzierte Bettwäsche gekreuzigten Mann, den Joyce mit Zimtöl einsalbt und dessen vergewaltigten Schwanz sie mit einem imaginären Blütenkranz der „Liebe“ verniedlicht. Weder ihre noch seine Sexualität passen in diesen aufgezwungenen Puppenkram, aber nur so kriegt Joyce das, was sie tun will, hin – vor sich und vor den Richtern dieser/jener Welt. Sie kostümiert ihre dunkle Seite als „liebendes Mädchen“ und verstellt sich wie sich ein Märchenwolf. Dir fiel ja auch auf, Maria, wie Joyce McKinney beim Erzählen manchmal in ein putziges, aber auch stolzes Hexenkichern ausbricht. „Die Mormonen kontrollieren deine Sexualität, dein Essen und deinen Geist“, sagt sie zu Kirk, aber sie will nichts anderes. Beflügelt von der Mission, den aufreizend keuschen Jungen zum Sex zu bekehren, sieht sie sich als erotische Madonna. Inspiriert vom Hippiezeitgeist und gehüllt in einen himmelblauen Liebesmantel, der alles Schmutzige und Böse abweist, das böse Zungen unterstellen könnten. Der Reinen ist alles rein. Eine Frau kann einen Mann gar nicht vergewaltigen, sagt sie, „it is like trying to put a marshmallow in a parking meter”. Und die Öffentlichkeit scheint ihr Recht zu geben. Was sie getan hat und als filmreife Geschichte selbst bewundert (sie spricht von den „Kodak moments“), entspricht ja vielen männlichen Fantasien; auch die Fanpost, die sie kriegt, beweist das. Sogar Keith Moon, die Bee Gees, John Travolta sind bereit, sich mit dem hübschen, smarten, fröhlich-energischen Glamourgirl fotografieren zu lassen, das durch diesen kühnen Coup sehr prominent geworden ist.

Maria: Es ist auffallend, dass scheinbar alle Männer, die in dieser Doku auftreten oder genannt werden, Joyce verfallen oder zumindest auf die eine oder andere Art besessen von ihr sind, sie für jede Phantasie eine Projektionsfläche zu bieten scheint. Der Bodyguard nahm vor allem ihre transparente Bluse war und wollte sie, so sagt er widerlich triefend grinsend, zum Essen ausführen. Der Ex-Freund hat sie unsterblich geliebt, der beste Freund alles für sie getan, inklusive Vorbereitung des Liebesnests und Fesselung des Opfers. Die beiden Journalisten der konkurrierenden Tabloids, beide mittlerweile von Joyces Weißwascherei überzeugt, nennen sie obsessiv, beängstigend und „barking“ mad, einen Vampir, müssen aber zugeben, dass sie alle ihre „Sklaven“ waren. Alles, was er je gewollt hätte, sagt der – ebenfalls fast sabbernde – Fotograf des Daily Mirror, der ihre – auch vermeintliche –Vergangenheit als Callgirl aufgedeckt hat, sei gewesen, selbst Nacktfotos von ihr zu machen. „Some girl“ sei sie gewesen.

Silvia: Sie hat für diesen Erfolg gelebt. Seit ihrer Kindheit hat sie sich ehrgeizig bemüht, „to develop the best person I could be“, „a slim, sweet, Southern blonde“, freudig, nett, sexy, smart. Wenn sie der Öffentlichkeit sagt, für diesen Mann Kirk sei sie bereit gewesen, nackt mit einer Nelke im Mund auf Skiern den Mount Everest herunterzufahren, dann weiß sie, dass sie damit auch Bilder in den Köpfen der Männer draußen malt. Bilder, die allerdings dort gegen Joyces Willen ins Dämonisierende umschlagen und sich gegen sie wenden können; weibliche/mädchenhafte sexuelle Besessenheit fasziniert die Leute, bis sie ihnen zu viel wird. Mir kam die mormonische Boy-Group „The Osmonds“ aus meiner Teeniezeit in den Sinn, denen die jungen Mädchen naiv und triebhaft nachreisten, um bei ihrem Anblick außer sich zu geraten. Auch Joyce wird sechs Jahre nach ihrem Raubzug, 1984, Kirk wieder auflauern, als er als „doo-doo-dipper“, also Flugzeugtoilettenreiniger arbeitet. „Love ist not a changing thing. It is an eternal flame“, sagt sie. Sie ist so unbeirrbar wie viele von Leidenschaft gepeinigte Seelen vor ihr – vom Gespenst Cathy in „Wuthering Heights“ („It’s me, it’s me“) bis zur heiligen Teresa von Avila („Die Liebe ist hart und unbiegsam wie die Hölle“). Das Loslass-Prinzip hat diese Frau wahrlich nicht erfunden.

Maria: Nein, ihre Beharrlichkeit und ihr enormer Wille, die sie mühsam hinter Gottesfurcht und milder Opferpose zu verstecken sucht, zeichnen sich in ihrem gesamten Leben ab. Sie akzeptiert nicht einmal den Tod ihres geliebten Pitbulls, den sie kurzerhand klonen lässt, natürlich nicht ohne – wieder ganz in der passiven Maskerade – das als Willen Gottes darzustellen. Joyce duldet kein Nein, aber auch keine noch so subtile Benennung der dunkleren, faszinierenden Seiten ihrer Persönlichkeit, die ihren kunstvollen, christlich-keuschen Konstrukten gefährlich werden könnte. Das zeigt sich auch in ihrer heftigen Reaktion auf die Dokumentation, die sie „eine Katastrophe auf Zelluloid“ nannte – sie versuchte erfolglos, die Macher des Films zu verklagen, da sie sich als Verrückte, Nutte und Vergewaltigerin präsentiert fühlte. Doch diesen Eindruck hatte ich zu keinem Moment, und das Statement des Regisseurs Errol Morris zu dieser Angelegenheit verdeutlicht sehr anschaulich seine empathische Wahrnehmung der komplexen Joyce, die in großen Teilen von TABLOID zum Ausdruck kommt: „I see her as the princess who crosses an ocean to rescue her somewhat reluctant, pear-shaped prince. She should take pride in knowing she had that kind of guts.“

Silvia: Vielleicht hatte sie den Eindruck, dass er sich über sie lustig machen will. Aber das will er nicht, das sehe ich auch so. Das ist eine feine, kreative Doku mit liebevollen Trick-Animationen und Zwischentiteln, Ausschnitten aus alten Liebesfilmen, schön materialreich, mit Ausschnitten und Witzzeichnungen aus der Presse damals…

Joyce kommt am Ende auf ihren Narzissmus zu sprechen – natürlich wieder auf ihre romantische Weise; für sie ist Narziss jemand, der sich nach einem anderen zu Tode sehnt. Warum nach Kirk? Sie hätte viele haben können. Aber sie sagt, sie wollte einen besonderen, anständigen Mann. Nicht um ihn zu verderben (das wäre die „bösere“ narzisstische Möglichkeit), sondern um positiven Einfluss auf ihn zu nehmen, auf dass er trotz seiner Anständigkeit nicht sexuell verkümmere, „her somewhat reluctant, pear-shaped prince“ :-) . In den Augen anderer war Kirk mit seinem „shuffling way of walking“ vielleicht nur ein normaler, ausweichender Trübling, der ängstlich Stoßgebete herunterhaspelte, als sie über ihn herfiel. Sie berichtet das ziemlich entzückt; die unnormale und verwegene Frau in ihr nahm es als erregende Herausforderung. Ach, nur der Geier weiß wohl, was einen da reitet. Sie konnte offensichtlich nur ihn begehren und sah in ihm die einzige Chance auf ein Liebesleben. „The only boy who could ever reach me was the son of a preacher man“: Einer der vielen Mythen, die durch unsere Körper geistern.

USA 2010, Doku von Errol Morris

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