Herbstromanze

Von  //  18. April 2013  //  Tagged: , ,  //  1 Kommentar

"Sein oder nicht sein?" fragt die lustige Figur, während die Welpen davonstieben.
"Sein oder nicht sein?" fragt die lustige Figur, während die Welpen davonstieben.

Vielleicht ist die Welt ja ganz anders. Vielleicht finden wir uns morgens zu einem ungeheueren Ungeziefer verwandelt; vielleicht quillt das Hintergrundgurgeln auf dem Soundtrack von AFTER LAST SEASON aus unruhigen Träumen in unsere Tage. Oder wir erleben unsere Idylle auf einmal als HERBSTROMANZE von Jürgen Enz. Seit einem Jahr geistert die Kunde von diesem Film durchs Netz; Silvias bravouröse Besprechung alleine sollte schon genügen, die Ebay-Preise für alte VHS-Tapes über Goldniveau zu bringen. Und nun habe auch ich HERBSTROMANZE gesehen.

fruehstueck

Das fassungslose Staunen über das hier gebotene Puppenspiel ist durchaus berechtigt, und auch der Vergleich mit Helge Schneider – „doch draussen in der Welt sind die Menschen“, und MENDY, anyone? – leuchtet ein. Vor allem aber ist der Film herzzerreissend traurig und kann die Finsternis, die ihm aus allen Poren dringt, nur ertragen, indem er so tut, als wäre er hell.

welpen

„Der neue deutsche Heimatfilm“ soll das sein, meint der Trailer; ein seltsames Etikett, das Erinnerungen an den neuen deutschen Film weckt, während zugleich mit ländlicher Idylle und Rudolf Lenz, „berühmt als FÖRSTER VOM SILBERWALD“, geworben wird: „Eine Geschichte voll Romantik, Zärtlichkeit und Schönheit – endlich ein Film für die ganze Familie“. Doch erwarten wir in einem Heimatfilm nicht glückliche Pärchenbildung? Nun, das einzige Pärchen, das hier „zusammen“ ist, wird mit guten Gründen des Hofes verwiesen, zwei andere Pärchen sind eigentlich keine, werden eher im Vorbeigehen kurz erwähnt und abgehakt, wieder ein anderes kriegt nichts auf die Reihe und dem keuschen, pseudo-lesbischen Verhältnis zweier Mädels, das Enzens Herz am nächsten scheint, ist keine Zukunft beschieden.

porzellanpferd

Mitunter wird Jürgen Enz Naivität nachgesagt. Ich bin mir nicht sicher: Jemand, der in das schlicht-saubere Handwerk seines Films an komplett unnötiger Stelle plötzlich eine visuelle Alfred Vohrer-Hommage packt und ausgerechnet die inkarnierte Harmlosigkeit (Rudolf Lenz) einen Satz wie „Ramona ist sehr willig. Sie reagiert auf den leisesten Schenkeldruck.“ vom Pferd sagen lässt, ist gewiss nicht so naiv, wie sein Film tut. Nein, Enz weiß um die Schattenseiten des menschlichen Seins: Nur aus wehmütiger Resignation und Zartgefühl belässt er es bei Andeutungen, anstatt uns wie ein alttestamentarischer Prophet unsere Sünden um die Ohren zu hauen.

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Und dann gibt’s da noch den Schwuchtelschauspieler Leroy, der mysteriöserweise zwei Töchter hat, während er von einem Comeback träumt und mit großen Gefühlen durch die Gegend paradiert, worüber die anderen nachsichtig lachen.

haha-grosse-gefuehle

Denn die seltsamen Gewichtungen des Scripts, die Groschenheftdialoge und die Synthie-Untermalung, die der Sohn eines Stummfilmpianisten kreiert haben könnte, dienen nur einem Zweck: Dramatik zu vermeiden. Die könnte nämlich weh tun. Mehr als das. Die Figuren machen gute Miene zu einem Spiel, das so entsetzlich ist (die Volkstanzgruppe!), dass der ganze Film implodieren würde, ließen sie ihre Gefühle zu, ihre Enttäuschung, Trauer, Wut darüber, dass man ihnen ein Leben versprochen und dann doch nur eine Abofalle geliefert hat.

kommunikation

Enz empfiehlt uns, uns zurückzuhalten und so zu tun, als ob nichts wäre. Spielen wir unsere Rollen, als wären wir aus Holz, und tragen brav unser Bündel, nein: unseren blumengeschmückten Besen. Das ist – Enz weiß es – alles andere als befriedigend, doch es ist eben die Zivilisation, die uns davon abhält, uns selbst und einander zu zerfleischen. Er kann uns nur helfen, indem er HERBSTROMANZE als Lehrstück für Repression gestaltet, das auf seine Weise so beunruhigend ist wie die TWILIGHT ZONE-Episode mit dem bezeichnenden Titel „It’s a good life!“

volkstanz2

Ein grausigerer Film ließe sich höchstens noch aus dem Leid machen, dem Enz beim Drehen seiner Sexwerke ausgesetzt war, als alles in ihm schrie „Nein! Lass das! Da kommt nichts Gutes bei rum!“ und er dennoch – wer weiß, warum – weiter machte, wohl wissend, damit die Menschen noch näher an ihr Verderben zu drängen. Ich kann nicht anders als mir einen Goebbels-artigen Produzenten vorzustellen, der damit drohte, Jürgens Welpen zu ersäufen.

BRD 1980, Regie: Jürgen Enz

Über den Autor

Andreas Poletz (1185 bis 1231), aus Chorazin gebürtig, beschrieb seine Seele als »einen schrecklichen Sturm, umhüllt von ewiger Nacht«, und behauptete, dass er aus Verzweiflung begann, seine Hände und Arme zu zerfleischen und mit den Zähnen bis auf die Knochen zu zernagen (incipit manus et bracchia dilacerare et cum dentibus corrodere useque ad ossa). Ist aber nicht wahr.

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