Filmtagebuch einer 13-Jährigen #4

Filmtagebuch einer 13-Jährigen Teil 5

Der Hofbauerkongress ist ein ziemlich privates Treffen, das vom „Hofbauerkommando“ (vier Leuten aus der Keimzelle um den Filmblog „Eskalierende Träume“) seit 2010 alle paar Monate in einem Nürnberger Kino organisiert wird. Dort schaut man nächtelang seltene und seltsame, oft sleazy Filme.

Es ist ziemlich so wie in einem Rock’n’Roll Tourbus. Wir waren zehn bis manchmal vielleicht fünfzehn Leute, die vor Übernächtigung vibrierten. Wir wurden immer benommener, vertrauter, lässiger und angetörnter. Ich muss alles aus dem Gedächtnis schreiben, denn ich hab mir keine Notizen gemacht. Ich fange mit meinem persönlichen großen Highlight an. Es kam am letzten Abend, als erster Film im Programm.

SÜNDE MIT RABATT (Rudolf Lubowski, BRD 1968)

Ein Film, der tief in triviale Klischees greift – und in das kollektive Unterbewusstsein, bis in die „verborgensten Winkel“, wie Heftchenromane es gern sagen.

Ein einziger großer verborgenster Winkel ist das verrufene Rotlichthaus, in dem der Film spielt. Es steht – das sieht man bei einer Verfolgungsjagd über die Dächer – in einer tristen Großstadt, und zugleich – das sieht man, als die Kamera aufs Dach klettert, um durch ein Glasdach in die Garderobe der Mädchen zu schauen – weit ab in der Provinz, am Rande eines Feldes. „Übach-Palenberg“, flüsterte Christoph mir zu. Und das stimmt, so sieht es bei mir aus. Von da an war es aus mit mir; ich sah meinen Nachbar-Heimatort in allem. Diese neu gebauten weißen Häuser am Feldrand, die man von dem Dach aus sieht, sind richtig 1968; wenn man aber zurück in das arrestierende Etablissement hinunter geht, vergisst man 1968 und steckt tief in einem Provinzpuff der 50er Jahre.

Dort sieht man endlich, was man als Kind nicht sehen durfte vom geheimen Leben der Erwachsenen. Ihr verborgenes, verklemmt sexuelles, notgedrungenes Treiben unter Bürgerkacheln, ihren so erstaunlich verkommenen, unter den Teppich gekehrten sexuellen Geist. Ich lebe auf, wenn ich das sehe, in mir gehen dann alle Lampen an, ich weiß nicht warum. Aber Robert Wagner / Klaus-Werner Hockenbrink ging es ähnlich, und auch Lukas Förster lässt in seiner feinen Zusammenfassung des Kongresses Faszination anklingen. Was ist mit uns?

Ich hatte in den Nächten des Hofbauerkongresses nur immer ein paar Stunden schlafen können, und summte von den Filmen und Gesprächen. Ich bin sehr selten hysterisch, aber bei dem Film war ich es. Fremd und schön war das. Ich kicherte, wand mich und weinte. Zum Glück war alles dunkel um mich herum, und auch die anderen waren mit sich selbst beschäftigt unter den Berührungen der Filme.

Vor unseren Augen kuschelten sich zwei kitschige, junge Kätzchen neben einer enigmatischen Coca-Cola-Flasche aneinander, auf dem Chefin-Tisch des Rotlichtkabaretts. Diese Chefin ist eine strenge, schwere, massiv in gedeckte, dunkle Töne gewandete Matrone (ein bisschen wie eine weniger rassige und dafür mehr altfränkische Ellen Schwiers), die prachtvoll (und ostpreußisch?) das „R“ rollt und professionell ihre Geschäfte leitet, Veranstaltungen bucht, mit den Gästen spricht. Sie erinnerte mich unheimlich an Frau Kubanek, die Lehrerin meines seltsamen Cousins.

Frau Kubanek war eine rustikale, flachbeschuhte, stützbestrumpfte Gestalt mit Faltenrock und Spazierstock. Hinter ihrer Fassade war ihre Sexualität ein Sumpf. Es ist wie mit den Steinplatten, die man als Kind manchmal beim Spielen hochhebt; es herrscht überraschend viel Leben darunter. Aber man sollte sich keine Steinplatten auf die Gefühle und den Körper tun. Doch die Angst, die Angst, die Schuldgefühle. Der zwanghafte Wille, die Fassade zu wahren.

Fischer, ein altes, schmutziges, mickriges, alkoholkrankes Männchen, das Anfang der 80er Jahr öfter in unseren Jugendclub kam, offenbarte sich irgendwann prahlerisch als Frau Kubaneks Geliebter und breitete mit fiesem Genuss ihr Sexualleben vor uns aus. Dass sie nackt auf dem Teppich auf ihn wartete, wenn er betrunken nach Hause kam und ihn nötigte, für Geld mit ihr zu schlafen, bevor er in seinem Matratzenlager in ihrer Garage richtig schlafen gehen durfte. Ich hab das nicht geglaubt, aber ich erzählte es Leuten, die Kubanek früher gekannt hatten, da rückten sie raus mit all diesen Storys, die sie mir als Kind verschwiegen hatten. Dass sie auch dem mickrig-fickrigen, verheirateten Lehrer Oswald Geld „für jeden Stoß“ gegeben habe. Und auch mit unserem auf Würde bedachten, jagenden, trachtenjankertragenden Nachbarn Rektor Lugscheider geschlafen habe, dessen intensiv einwirkende, miefige Ausstrahlung ich mich seit Jahren vergeblich in Worte zu fassen abmühe.

Diese Gestalten waren damals sehr präsent und typisch, sie prägten meine Kindheit. Doch ihre Art, zu sein ist heute ausgestorben, wiewohl ungeklärt. Diese Dinge interessieren mich stark, sie sind mir auf dreckige Weise kostbar; ich möchte wissen, was mit diesen Leuten war, die mir so seltsam, alptraumhaft verdichtet, wie ein schweres Gift vorkamen.

Dass der Film so viele Knöpfe bei mir drückte, liegt auch daran, dass er kein „guter“ Film ist, sondern ein sehr seltsamer, dubioser Exploitationschinken, der das Schattenhafte, sittlich Arme und Verfallene überzeichnet. In anderen Rotlichtfilmen leuchten manche Figuren, besonders die Mädchen – mal gefährlich, mal als „Blume auf dem Abfall“. Hier nicht; es ist keine kleine Glanzebene über dem Keller eingezogen. Es geht direkt nach unten, in den finsteren Körper. Ein bisschen wie auf manchen alten Höllendarstellungen – alles ist so grotesk verwerflich, hässlich, abgründig, weil es zeigen soll, wo man hinkommt mit der Sünde. Zugleich geilt sich etwas im Künstler und Betrachter auf an diesen schlimmen Szenerien. Durch die Übertreibung bekommen sie eine mythische Dimension; man sieht eine Art dunklen, verkommenen Gott in der Ecke stehen (Lubowski allerdings würde ihn wohl anders nennen.)

Leider erinnere ich mich an zu wenige Details. Da ist der von seinem Freund verlassene Schwule, der von einer der Stripteasekünstlerinnen in einer Liebesnacht getröstet und “umgedreht” wird; am Morgen weckt er sie fröhlich mit einer Einkaufstüte mit dänischem Käse und schlägt vor, ihr was Leckeres zu essen machen. „Mit dir werde ich noch viel Arbeit haben“, seufzt sie heiter-nachsichtig angesichts seines irregeleiteten Rollenverständnisses. Und da ist das, hm, suspekt eingesetzte kleine Mädchen, das vor dem Milieu von einem der erschreckend herben Männer auf beunruhigend anzusehende Weise “beschützt” wird. Vor allem aber sehe ich in der Erinnerung die Kamera langsam und scheinbar gleichgültig über die an der Theke und im Raum aufgereihten, in lasziv trägen Zärtlichkeiten verfangenen Menschen trüben, endlos, in immer wieder minimalistisch variierten, immer tristeren Bildkompositionen, überglitzert von billig-klebrigem Lurex, gepudert, beschallt von drittklassigen Schlagern, beduftet von Tosca, vergilbt von Overstolz, bedröhnt von VAT69. Es ist wie eine alte, böse, ranzige Schlagersendung im WDR4, die bis tief in die Nacht geht, mit immer unglaublicheren Nummern, bis du glaubst, du träumst das nur, bis sie dich zwingt, dass du sie liebst.

Auf der plüschigen Bühne öffnen allzumenschliche Stripperinnen armselig gestaltete Miederwaren über unregelmäßigen Brüsten und über Blinddarmnarben. Unterhosenmänner umtanzen in überdehnter Zeitlupe eine Frau, zu Tschaikowskis Klavierkonzert. Eine ausgeleierte, weiße Männerunterhose beherrscht das Bild. Es gibt einen kümmerlichen Eintopf abgetakelter Zirkusnummern und Witze von hinreißender Schäbigkeit. Das könnte Kaurismäki sein, aber es geht unbewusst vonstatten und haut deshalb noch schlimmer rein. Die Männer im Publikum sind krumm, alt, sehr alt, faltig, abgekämpft. Der eine erinnert an den Politiker Stoltenberg, ein anderer an Günther Beckstein. Die jüngeren Männer sind von nicht in Betracht kommender, randständiger Jugend, Nachwuchsinstrumentalisten der örtlichen Feuerwehrkapelle. Es kommen unglaubliche Songs zum Vortrag, die Brecht oder die Knef sein wollen. Einer dieser umständlichen, vorwurfsvollen Lubowskitexte gipfelt nach einer mühseligen Wanderung durch pompöse Metaphern und blumig-blümeranten Satzbau erleichtert in dem prätentiösen Reim „die Sünden der Väter”; in einem anderen Lied lobt eine Tote im Jenseits schwärmerisch ihren Lustmörder und verachtet ihn nur deshalb, weil er zu seiner starken, kraftvollen Tat vor Gericht nicht steht…

Ich fass das alles nicht. Irgendwie ist dieser Film für mich kein normaler Film, sondern eine Öffnung in der „Realität“ in einen Bereich… es ist zu schwer zu sagen.

Nach dem Schreiben dieses Textes fand ich beim Herumschnüffeln diese Notiz im „Spiegel“/1974 über den Regisseur, Rudolf Lubowski… oh je. Das liest sich nicht aus. Was für ein wildes Bündel aus Schmutz, Moral, Verwirrung. Es passt ganz furchtbar zu dem Film. Das im „Spiegel“ erwähnte Hörbuch, erfuhr ich via Thomas Groh/Christian Kessler, kann man sich im Netz anhören. Lubowski, Zuckowski… das erinnerte ich mich auch an dieses Lied. Ich habe es als Babysitterin in einem Kinderzimmer gehört und konnte es nicht glauben.

Aber genug! Hier die anderen für mich schönsten Filmmomente:

Zufällig häufte sich das Motiv der bezaubernden, glücklichen, berufstätigen Frau als Exploitation-Fetisch, mit ihren Accessoires, ihrer „professionellen“ Haltung. In zwei lyrischen Schwarzweißfilmen waren die jungen Frauen in Ausübung ihres Berufs gern nackt:

MÄDCHEN IN DER SAUNA (Gunther Wolf, BRD 1967)
Eine junge „Reporterin“ macht sich auf nach Finnland, um über die Kultur der Sauna zu berichten. Sie ist voll unschuldiger Freude an ihrem investigativen Beruf; der Informationsauftrag dient ihr als heiter-aufgeräumter Vorwand, sich und andere nackt zu zeigen. Mit zarter Hand gefertigt, unter Vortäuschung professioneller Sachlichkeit – ein leichtes und graziles, lichtes Wunderwerk.

TANJA – DIE NACKTE VON DER TEUFELSINSEL (Julius Hofherr, BRD 1967)
Dazu passte sehr schön der anschließende Film, der vorgab, eine junge Biologin beim Erforschen eines alpinen Biotops zu begleiten. Gelegentlich verfiel der Off-Sprecher in miefiges Reimen, was mich sehr amüsierte, andere aber verständlicherweise aufseufzen ließ. Der Titel weckte völlig irrige Vorstellungen. Es gab überhaupt keinen Teufel, und unsere sich immer mehr frei machende, neugierige Wissenschaftlerin hatte auch keinerlei Angst vor ihm. Nein, sie beobachtete mit uns Tiere, mit ansteckender Lebensfreude. Die Vöglein, die Frischlinge, die schon kleine Hauer hatten, eine Kreuzotter, deren geschmeidiges Verschlingen eines kleinen Frosches so aussah, als machte das beiden Seiten Spaß. Es gab auch sonst sehr viele Frösche, mit diesen Quakblasen an den Mundseiten, wenn sie quaken, und Tanja flocht sich einen Bikini aus Blattwerk, den sie aber bald zu unpraktisch fand. Es kamen zwei Mädchen aus dem Dorf hinzu, sie brieten eine Forelle, und es gab ein kleines Feuer aus Versehen, doch das war rasch gelöscht.

Ein weiblicher Berufsfilm, den ich auch stark fand, war der LEHRMÄDCHENREPORT (Ernst Hofbauer, BRD 1972). Er ist verrufen, weil er mit einer kleinen Rudelvergewaltigung beginnt, in deren Verlauf das Mädchen bald selbst Lust an diesem Sex bekommt. Innerhalb eines Exploitationfilms, dem es um das gezielte Anheizen geächteter Phantasien geht, finde ich so was völlig unbedenklich. Besonders, weil ich mich nicht für ein Sexmonster halten will, wenn mich die von Realität befreite Vorstellung erregt, folgenlos von einem Haufen geiler Jungen vergewaltigt zu werden. Leider wurde die Erinnerung an die pausenlos guten Episoden und Dialoge von Satans Schweinehand in meinem Gehirn blockiert, so dass ich zunächst nichts Weiteres erzählen kann.

Genauso ging es mir mit den DREI SCHWEDINNEN AUF DER REEPERBAHN (Walter Boos, BRD 1980) – ein sehr guter Film, mit interessant alltäglichen, mitfühlbaren Jungs (und einer implantierten, exotisch-expliziten Original-Live-Show), der beim Anschauen sehr präsent war, dann aber aus der Erinnerung grußlos wegflutschte. Das alles hat sich jetzt im Unterbewusstsein schlafen gelegt. Irgendwann wird es als vermeintlicher Traum oder Erinnerung an ein früheres Leben wiederkehren.

Denn es kamen andere Filme, andere Filme, andere Filme über uns – so ein nächtliches Filmfest ist sehr promisk, eine Orgie, nach der man am Ende froh ist, wenn man sich wenigstens noch Namen und Gesicht eines besonders eindrucksvollen Films gemerkt hat.

DENN DAS WEIB IST SCHWACH (Wolfgang Glück, BRD 1961) Große, ernste, kohlegezeichnete, kleinbürgerlich triste, grenznahe, oma-finkenrathartige, gleichsam musikalische Schönheit. Langsam heranrollende Autos mit suchenden Scheinwerfern, ein ganz verstocktes, trauriges kleines Mädchen, Sonja Ziemann als moderne, berufstätige, alleinerziehende, traurig zur Vernunft verdammte und doch sexuelle Frau und der aufregende Helmut Schmid als Hobby-Jazztrompeter; sein rohes, unfertiges Gesicht, die aufgeworfenen Lippen, die Trompete als Zeichen für urtümliches sexuelles Verlangen, wie schon in Glücks DIE MÄDCHEN AUS DER MAMBO BAR. Die lebenserfahrene Mona Baptiste, Kai Fischer im kurvigen Lamédress, die getreu in ihren Chef verliebte Sekretärin Irene Mann, die später das ZDF-Fernsehballett leitete. Betörend erzählerische Tapeten, Bücher von Karl Kraus, verlorene Betrunkene im Lokal, verrutschte Tischdecken, Schock und Schuld des Krieges, ein Autoschrottplatz („Freigelände“), wo Kinder spielen und Arbeiter gedankenlos zu ackern versuchen wie Maschinen. Was ich hier schreibe, trifft es nicht.

OCULUS/DANIELA MINI-SLIP (Sergio Bergonzelli, Türkei/Italien/Spanien 1979)
Diese entgleiste Pornokomödie ist in jedem Moment so durchgedreht wie ihre Anfangssequenz (s. u.), unterbrochen nur von großen Portionen Hardcore, optisch so realistisch wie man selbst im Spiegel, wenn man übermüdet und traurig ist. Es geht um einen Liebestrank – man sieht hier, was geschehen wäre, wenn die Leute aus Jürgen Enz’ NACKT UND KESS AM KÖNIGSSEE tatsächlich ihr Liebeskraut gefunden hätten. Die herz- und geistlose Fickerei wird aber wettgemacht vom unaufhörlichen, von jeder Kleinigkeit entzückten Enthusiasmus der Figuren (besonders der unglaublichen Hauptdarstellerin mitsamt ihrer rauen, deutschen Pornostimme). Das ist aberwitzig lustig, aber nach dem Glück-Film kam ich nicht in die rechte Stimmung.

HUMONGOUS (Paul Lynch, Kanada 1982)
Ein ganz aus einer überschaubaren Gruppe ins Bild hinein- und heraustrübender junger Darsteller komponierter, flacher, langsamer Inselmysteryfilm, rund um ein Geheimnis, das gleich am Anfang verraten wird, aber nicht den Hauptfiguren. Das gibt uns eine seltene Überlegenheit über diese braven, reinen Tölpel, die wichtiguerisch und angstvoll im Dickicht und im verwunschenen Haus Mutmaßungen anstellen. Wie Kinder verfangen sie sich in eigentlich nicht schwierigen Rätseln und Verwicklungen; ihre unbeabsichtigte Dummheit und Hilflosigkeit nimmt für sie ein. Puddinggleich tropft von ihren Lippen der interessant sinnlose deutsche Synchro-Dialog.

Und dann hatten wir auf einmal einen völlig übermütigen, kindlich frohen Film mit drei enthusiastischen, muskulösen, identisch angezogenen Supermännern in Trikots auf dem Schoß, die dauernd Saltos schlugen, und von denen der hübscheste und lustigste nur immer mit begeistertem Grinsen „Klasse! Schön!“ sagen konnte, was aber immer passte, denn den Freunden gelang mit Leichtigkeit einfach alles, sie konnten sich und allen helfen, und zwar mit Bravour! Ich hatte sehr viel Spaß mit: DIE DREI SUPERMÄNNER RÄUMEN AUF/ I FANTASTICI TRE SUPERMEN (Gianfranco Parolini, Italien/BRD/Frankreich/Jugoslawien 1967)

PROVINZ OHNE GESETZ / PROVINCIA VIOLENTA (Mario Bianchi, Calogero Caruana, Italien 1978): Eine schön pseudoharte, einfache Handlung, deren Faden man trotzdem ohne Schaden verlieren kann. Ein entzückend trüber und verknüster, plakativ zynischer Ermittler (Lino Caruana). Sein schöner, blondbärtiger Gegenspieler (Al Cliver), der nur mal seine Jacke auszieht, aber nicht den Pulli. Es ist eine Schande, aber mehr blieb mir nicht von diesem Film, den ich doch so schön und belebend fand, als er noch bei mir war. (Das war aber schon um 6 Uhr morgens, nach fünf(?) anderen Filmen. Du wirst gestopft wie eine Gans beim Hofbauerkongress. Man muss sich die Mastgans aber als glückliches Tier vorstellen).

Zweimal schwemmten sich uns zwischendurch schreiend giftig farbige, handfest vollgestopfte, reichhaltige, intensive Porno-Kurzfilme des unfassbar draufgängerischen, schamlosen Hans Billian in die Netzhaut. FIRST LOVE (BRD 1979) erzählt von einem unbeholfenen Jungen, der von seinem Vater zwecks Erziehung der Gefühle zu dessen Stammfreudenmächen in den Puff geschickt wird. Er ist nach kurzer Zeit schon besser als sein Vater, von den Mädchen hoch gelobt und glücklich. Auch die Lehrer in STEIFEPRÜFUNG (BRD 1978) sind zufrieden, dass der Unterricht auf Druck ihrer jungen Schülerinnen am Ende nur noch aus Sex besteht.

IO EMMANUELLE (Cesare Canevari, Italien 1969) Eine puppenhaft in depressivem Schmerz erstarrte, von sich beinahe zu Tode gehetzte Frau (Erika Blanc) bittet verzweifelt verschiedene ihr bekannte Männer, mit ihr zu schlafen. Sie tun das, aber es erlöst sie nicht. Das macht sie böse, weil sie nun nicht mehr weiter weiß und Angst hat, ihren wilden Wunsch, sich umzubringen, bald nicht mehr beherrschen zu können. Ein erschreckender, stylisch-künstlerischer, schlanker Film, der uns verschlafene Kerle mit Sleaze im Kopf im Raumschiff Kongress überraschend besuchte und dann einsam und enttäuscht weiter seiner Wege ging. Ein bisschen beunruhigend; ich glaube, auch wir haben uns gegenüber diesem ziemlich schönen Filmwesen nicht ganz so verhalten, wie es das verdient hatte.

Meine Bewertungen der Filme finden sich in meinem Filmtagebuch.

Über den Autor

Silvia Szymanski, geb. 1958 in Merkstein, war Sängerin/Songwriterin der Band "The Me-Janes" und veröffentlichte 1997 ihren Debutroman "Chemische Reinigung". Weitere Romane, Storys und Artikel folgten.

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Ein Kommentar zu "Filmtagebuch einer 13-Jährigen #4"

  1. Christian Schulze 13. Dezember 2012 um 14:29 · Antworten

    Gerade in seiner Subjektivität ein sehr faszinierender und lesenswerter Artikel. Besonders hübsch und treffend fand ich die Vergleiche des Kongresses mit einer Orgie und einer von der Gans als glücklich empfundenen Stopfung.

    Leider überschneidet sich der Kongress bei mir regelmäßig mit dringenden Arbeiten und Terminen, weshalb ich nach meiner Erinnerung noch nie eine Nacht bis zum (mehr oder weniger) bitteren Ende erlebte. Aber ich kenne natürlich extrem lange Film-Marathons bis zum frühen Morgen aus früheren Zeiten.

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