Neue Action auf DVD

Dragon Eyes

Wer es noch nicht gemerkt hat: Das Herz des Actionfilms schlägt längst nicht mehr im Kino, sondern auf DVD. Was PM Entertainment in den Neunzigerjahren mit ihren Kickbox-, Cop- und Cyborgfilmen begannen, das setzen mittlerweile zahlreiche Produktionsfirmen fort. Doch es wird längst nicht nur Massenware für nach neuem Stoff gierende Fans gedreht, vielmehr künstlerische Experimente gewagt und eifrig an einer Weiterentwicklung der Sprache des Actionfilms gearbeitet. Drei aktuelle Vertreter des DTV-Actionfilms möchte ich kurz näher vorstellen.

Dragon Eyes (John Hyams, USA 2012)

Regisseur John Hyams ist mit zwei Filmen nicht nur zum Helden des neuen Actionfilms avanciert, sondern darf als eine der größten Hoffnungen des zeitgenössischen Kinos überhaupt gelten. Sein UNIVERSAL SOLDIER: REGENERATION lieferte atemberaubende Actionchoreografien und darüber hinaus eine tiefgreifende, bewegende Auseinandersetzung mit klassischen philosophischen Fragestellungen nach dem Wesen der Identität und des Seins. Mit dem dieses Jahr für Furore sorgenden UNIVERSAL SOLDIER: DAY OF RECKONING gelingt ihm das Kunststück, diesen Film sogar noch zu übertreffen und das Actiongenre mit dem Experimental- und Kunstfilm kurzuschließen. Nicht nur für mich, sondern auch für viele andere Schreiber einer der aufregendsten, aufwühlendsten und mutigsten Filme der letzten Jahre. DRAGON EYES – ab Ende November auf DVD erhältlich – drehte Hyams genau zwischen jenen beiden Epen. Und so mutet er auch wie ein Zwischenwerk an, wie eine kleine Fingerübung, eine Generalprobe, in der einige jener Ideen, die in UNIVERSAL SOLDIER: DAY OF RECKONING zur Vollendung gebracht werden würden, zum erstes Mal getestet wurden.

Dragon Eyes

DRAGON EYES erzählt von Hong (Cung Le), der aus der Haft entlassen wird und im von Bandenkriegen zerrissenen St. Jude für eine neue Ordnung sorgt. Wie einst Toshiro Mifune in Kurosawas YOJIMBO oder Eastwoods Namenloser in PER UN PUGNO DI DOLLARI spielt er die verfeindeten Gangs gegeneinander aus, schwingt sich zum Anführer empor und legt am Ende seine Mission offen: Er hatte einem Mitgefangenen, seinem Trainer Tiano (Jean Claude Van Damme) versprochen, in dessen Heimatstädtchen aufzuräumen. Diesen Genrestandard reduziert Hyams so weit, bis kaum noch etwas übrig ist, außer einem Ort, seinen Bewohnern und den Kämpfen zwischen diesen. So elliptisch erzählt er diese Geschichte, dass es unmöglich ist, auch nur nachzuvollziehen, in welchem Zeitraum sie eigentlich spielt. Das St. Jude des Films wird zum abstrakten Konfliktort ohne jeden geografischen oder soziokulturellen Kontext und seine Gangs sind trotz ihrer ethnischen Struktur – es gibt Hispanics, Schwarze und Russen – kaum greifbar.

So fühlt man sich als Betrachter wie in einem Stück von Samuel Beckett oder Eugene Ionesco: Alles liegt glasklar vor Augen, ist aber dennoch durch und durch rätselhaft und fremd. Das Einzige, woran man sich klammern kann, sind die Fights, die für Sekunden alle Fragen beantworten. Das Pochen des Schmerzes und der metallische Geschmack des Blutes schaffen ein Stück Heimat in der Kampfzone.

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Maximum Conviction (Keoni Waxman, USA 2012)

Regisseur Keoni Waxman hatte mit THE KEEPER und A DANGEROUS MAN einigen Anteil daran, dass in Steven Seagals Schaffen so eine Art Konsolidierung eingetreten war. Zwar blieben die Sternstunden seines Spätwerks – Don E. FauntLeRoys URBAN JUSTICE und Roel Reines PISTOL WHIPPED – unerreicht, doch schien auch die Zeit solcher durch und durch chaotischer Filme wie SUBMERGED oder ATTACK FORCE beendet; Filme, die am Schneidetisch vollständig umkonzipiert wurden und in denen Seagal über weite Strecken von Stimmen- und Körperdoubles ersetzt worden war. Zwar ist auch MAXIMUM CONVICTION ein sauberer und straighter Film, doch leider ist das hier gleichbedeutend mit „langweilig“. Die Hatz durch ein dunkles Gefängnis ist so ermüdend, dass man sich jenen dekonstruktivistischen Wahnsinn zurückwünscht, der Seagals Werk in den 2000ern so oft befallen hatte.

Maximum Conviction

Die beiden Black-Ops-Agenten Steele (Steven Seagal) und Manning (Steve Austin) haben den Auftrag, die Schließung eines Hochsicherheitsgefängnisses zu überwachen. Sechs seiner Insassen sollen zudem abgeholt und in ein anderes Gefängnis überführt werden. Die FBI-Beamten, die sich anmelden, um jene Häftlinge in ihre Obhut zu nehmen, haben aber anderes im Sinn. Sie wollen die weibliche Strafgefangene, eine unliebsame Zeugin, auslöschen und bringen das Gefängnis daher in ihre Kontrolle. Es liegt an Steele, Manning und ihren Leuten, den Plan zu vereiteln …

MAXIMUM CONVICTION lehnt sich unübersehbar an Seagals größten Erfolg UNDER SIEGE an. Hier wie dort gibt es einen reduzierten, genau abgezirkelten Schauplatz, hier wie dort bringen Schurken diesen Ort in ihre Gewalt, hier wie dort muss Seagal sich gegen eine Übermacht an Bösewichtern behaupten und sich bis in die Kommandozentrale vorkämpfen, um die Kontrolle zurückzuerlangen. Doch während UNDER SIEGE mit reichlich Krawumm aufwartete, seinen Schauplatz zudem in zahlreiche klar unterschiedbare Settings aufteilte und zwei extrem hassenswerte Schurken im Repertoire hatte, da hat MAXIMUM CONVICTION nur endloses Geschleiche durch schmucklos dunkle Gänge und müdes Geballer auf anonyme Schattenmänner zu bieten. Meine Geduld war ebenso schnell aufgebraucht wie die Hoffnung verflogen, die Paarung von Seagal und Waxman könnte erneut einen brauchbaren Actioner zeitigen. Positiv zu erwähnen sind hier nur Michael Paré, der einen erstaunlich guten Bösewicht abgibt, und der finale Dialog zwischen Steele und Manning, der dann noch einmal einen jener Seagalismen bringt, von denen dieser Film sonst viel zu wenige hat.

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Six Bullets (Ernie Barbarash, USA 2012)

Das Beste habe ich mir für den Schluss aufgespart: Ernie Barbarashs neuester Film erfüllt alle Erwartungen, die letztes Jahr von dem mit viel Vorschusslorbeeren bedachten, dann aber doch „nur“ guten ASSASSINATION GAMES noch ein wenig enttäuscht worden waren. Hier zeigt sich, was gutes Actionkino immer noch leisten kann: Eine einfache Geschichte wird mit maximalem emotionalem Impact und einem herausragenden Gespür für den großen Moment erzählt. Und Jean Claude Van Damme setzt seine beeindruckende Reihe großer Darbietungen fort. Er wird wirklich mit jedem Jahr besser.

Six Bullets

Der ehemalige Fremdenlegionär Samson Gaul (Jean Claude Van Damme), spezialisiert darauf, entführte Kinder wiederzufinden, flüchtet sich in den Suff: Bei seinem letzten Einsatz konnte er zwar ein amerikanisches Kind aus den Händen von Menschenhändlern befreien, doch dabei waren zwei andere Kinder ums Leben gekommen. Als das amerikanische Ehepaar Fayden (Joe Flanigan & Anna-Louise Plowman) ihn in seiner moldawischen Fleischerei aufsucht, weil ihnen die Polizei nur wenig Hoffnungen macht, dass sie ihre Tochter wiederfinden, lässt er sich zu einer Wiederaufnahme seiner alten Tätigkeit überreden. Doch seine Versuche, die örtlichen Gangsterbosse einzuschüchtern, haben fatale Folgen. Die Leiche des Mächens wird aufgefunden …

Man muss nicht viele Worte über SIX BULLETS verlieren: Ernie Barbarash hat einfach einen verdammt guten, verdammt spannenden, verdammt mitreißenden, verdammt harten und mit verdammt packenden Actionszenen ausgestatteten Actioner vorgelegt. Das Lokalkolorit Bukarests, das hier als Stand-in für Moldawien fungiert, bringt jene reizvolle Mischung aus dekadent-barocker Architektur, die längst vergangene kulturelle Hochzeiten in Erinnerung ruft, und antihumanistischen, brutalkapitalistischen Elends mit sich, die der Ostblock-Actioner in den vergangenen Jahren immer wieder mit Gewinn einzusetzen wusste. Auch hier geht es längst nicht nur um ein amerikanisches Mädchen: In Barbarashs Moldawien wird um nichts weniger als die Rettung des Humanismus und die Hoffnung auf eine Zukunft des Mitgefühls gerungen. Natürlich führt der Film dabei zu jenen Widersprüchen, die den Actionfilm zu einem solch faszinierenden Genre machen: Wer sich Samson Gaul, dem traurigen Helden, dabei nämlich in den Weg stellt, der wird blutig aus dem Weg geräumt. Mit SIX BULLETS ist dem Regisseur einer der besten Actionfilme des Jahres gelungen und man darf gespannt sein, was da noch kommt.

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Lebt in Düsseldorf, schaut Filme und schreibt drüber.

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6 Kommentare zu "Neue Action auf DVD"

  1. Ghijath Naddaf 3. November 2012 um 13:12 · Antworten

    Oliver,ich kann auf deiner Seite nicht mehr kommentieren.
    Meine Eingabe wird nicht mehr angenommen.
    Zum Thema.Dragon Eyes und Six Bullets habe ich mir notiert.

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