Das liebestolle Internat

Von  //  30. September 2012  //  Tagged: , , ,  //  4 Kommentare

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„Auf dein Wohl, Silvia“ (huch!), sagt der Pharmakonzernmanager Hubert zu seiner Sekretärin, die er auf sein heimisches Sofa eingeladen hat, das so aussieht wie das bei den Eltern eines Freundes von mir in den Siebziger Jahren. An der Scheibe klebt die Pappsilhouette eines Greifvogels. An der Wand ein Weihwassergefäßchen. Hubert ist nervös und eifrig; mit überschwänglicher Komödiantenstimme schwallen Wortwitze („Aber natürloch, ich meine aber natürlich“) und mit Jauchzern gespickte leere Geilheitsbehauptungen aus seinem Plappermund. Und die Umgebung, die Umgebung… doch meine Namensvetterin scheint das nicht zu stören. Ohne Zögern nimmt sie den seltsamen Kopf ihres Chefs an die Brust und streichelt ihn. Es gibt Menschen, die dem Leben viel patenter, transzendierender, nächstenliebender begegnen als ich.

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Sie werden gestört, dauernd gestört. Als erstes schellen Huberts Nichte Heidrun und ihr Freund Gerd. Heidrun klagt, man wolle sie in ein Internat stecken. Beide Besucher nehmen in der Tradition der Surrealisten Silvias Nacktheit völlig selbstverständlich hin.
Weil es „so heiß ist“, gehen Heidrun und Silvia baden, für Silvia ist es schon das zweite Mal in 5 Minuten. Unbeweibt bleiben Gerd und Hubert auf dem Sexsofa zurück. Natürlich kommen sie nicht auf die Idee, in der Wartezeit etwas miteinander zu machen. Dabei weiß ich von vielen Männern, dass sie durchaus als Junge… nein, die meisten deutsche Sexfilme wollen das nicht wissen. Der Hang von Mädchen zu einander hingegen muss/darf sich nirgendwo verstecken.
Gerd hat Hubert zur Begrüßung nicht die Hand gegeben, sondern als typischer Vertreter der flegelhaften jungen Generationeinfach „Hey!“ gesagt. „Cognac find ich immer Spitze“, sagt er mit aufgesetzt weltläufiger, peter-maffay-artiger Kernigkeit. So redet sie, die Jugend.
Inzwischen spielen die Mädchen vor einem David Hamilton Poster im Bad mit der flutschigen Seife. „Oh, das ist schön, ich bin verrückt nach dir“, sagen sie tonlos vor sich hin. – Später schneit auch Huberts bei seiner Ex lebende Tochter herein. Auch sie ist in Bedrängnis. Sie soll in das selbe Internat wie Heidrun, das „Haus zum jungen Glück“. Was für ein Zufall! Was für ein Tag! Ein „heißer Tag“. Auch Huberts Tochter zieht sich deshalb aus.

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Im „Haus zum jungen Glück“ werden die neuen Schülerinnen erwartet von der Erzieherin Frl. Steglitz, gespielt von  Christa Abel, unserer barbaravalentinesk vollschlanken Bekannten aus vielen anderen Enzfilmen („Waidmannsheil im Spitzenhöschen“, „Gaudi in der Lederhose“, „Liebesvögel“) Nachdem Steglitz enzianisch lange dem faunischen Gärtner beim Bewässern zugeschaut hat – durch eine behäbig ausgeschlachtete optische Täuschung sieht es so aus, als würde er pinkeln – kühlt sie sich unter dem Kleid mit dem vom Gärtner liegen gelassenen Gartenschlauch. Aber da kommt schon der Gärtner zur Hilfe hergehoppelt. „Wo Geist ist, ist auch Schwäche“, entschuldigt sich das Fräulein Steglitz. Manchmal ist ihr Gesicht plötzlich verträumt und schön. Wie aus einer anderen Sphäre, jenseits der Vorstellungen und Bewertungen, die man mit ihren Körperformen und ihrer Rolle assoziiert. „Eine komische Person… Aber sie scheint riesige Titten zu haben“, charakterisiert sie der Internatsleiter, süffisant zur Kamera gewandt.

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Wie öde nackte Körper aussehen können! (Ich weiß, die Bilderreihe ein Stück weiter unten mit der schelmischen Biggi Stenzhorn sieht eigentlich süß aus. Aber sie ist nicht repräsentativ. Ich suche immer irgendwie die vorteilhaften Bilder aus, weil die Darsteller mir sonst zu leid tun). Menschen sind selten schön genug für Kameras. Besonders wenn es, wie bei Enz, kein Bemühen gibt, freundliche Positionen und Beleuchtungen zu suchen. Sie kriegen rote Flecken auf der Haut, wenn sie einander anfassen, rote Ellbögen vom Schurfeln auf den Laken, sie haben blaue Flecken, schütteres Haar, Blinddarm- und Impfnarben, „Schwangerschaftsstreifen“, glasige Augen, ihre abgelegte Kleidung hinterlässt Male auf ihrer Haut, deren Abklingen abzuwarten die Regie keinen Sinn oder keine Zeit hat. Es ist auch kaum, hm, „Gefühl“ in den Film eingebaut, nur an ein paar verdorrten Resten wird einmal genagt. So in der Caféterrassenszene, einem Gespräch zweier Internatsschülerinnen…

Das liebestolle Internat - Cafeterrasse
„Ich finde das alles albern“, sagt das eine Mädchen, das, nachdem sie den Lehrer sexuell belästigt und getriezt haben, einen moralischen Kater hat. „Das musst du nicht so eng sehen“, tröstet die andere, „er ist ein Mann, und wir sind Frauen.“ – „Du hast Recht. Trotzdem meine ich, es geht nicht nur um das Eine.“ „Hm-hm“, nickt die Freundin bestätigend. Doch da wird auch schon auf Huberts Mercedes geschnitten, der sich der Bildungsanstalt nähert, um unerkannt zu prüfen, ob seine Tochter gut untergebracht ist, und sich deshalb als Doktor auszugeben, der die Mädchen untersuchen muss. Da wird es wieder sehr viel unglaubwürdig ausgelassene „Spitzheit“ geben. Besonders stöhnen in dem Film die Mädchen, wenn sie sich den Bauch reiben oder ihre Brustwarzen kitzeln und bezüngeln. Unten wird nichts wirklich angefasst, nicht einmal das Schamhaar. Und die Musik jubiliert darüber wie ein elektrischer Piepmatz.

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Es ist die schon aus anderen Filmen vertraute böse Enz-Musik. Unbeirrbar türülüt sie, flötet, pfeift im Dunkeln, mit bohrenden Sinustönen wie die ersten Computerspielautomaten.
„Da kommt ja das spaltbare Material“, versuchen die von irgendwo dahergelaufenen Jungen einen Wortwitz, während sie den Mädchen auflauern. Immer wieder, alles wiederholt sich, in kaum abweichenden Variationen. In gähnend langen, puren, ungeschnittenen Szenen sehen wir: mit Koffern beladenes Personal, das stolpert und fällt. Männer die sich, um zu spannen, vor Fenster kauern. Tuschelnd etwas ausheckende, über die „Pfeife“ des Lehrers spekulierende Mädchen in einem Klassenzimmer, das in einem Anfall von Jux und Aberwitz mit schrägen Plakaten und Skalps dekoriert wurde. Mädchen, die in billig und uneben möblierten Zimmern blasse, ordinäre Sätze austauschen. In perspektivisch auffälligen Leiter- und Treppenszenen (einer Enzschen Spezialität) steigen sie Treppen rauf und Treppen runter, Leitern rauf und Leitern runter, ziehen Kleider aus und Kleider an. Kamerablicke unter Röcke stoßen auf blickdichte Baumwollslips.

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Die Kleider eines Mädchens, die als besonders ausgefallen und gewagt gelobt werden, sehen so bieder aus wie alle anderen Textilien in dem Film. So bekleidet, sitzen sie um einen Tisch beim langwierig angekündigten und dann völlig ereignislosen Discobesuch. In ihren Getränken stecken chice Gelenk-Trinkhalme, wie schon in Enz‘ „Liebesvögel“n, es quakt die quasi automatisierte Live-Musik der betagten, von Nächten in nikotingeschwängerten Wirtschaften gezeichneten Entertainer.

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Gegen Ende wird eine große Hecke wichtig. Die Mädchen in Aufsicht von Frl. Steglitz liegen davor in Liegestühlen. Die Kamera fährt mit Besitzerstolz über die Mädchenriege. Hinter der Hecke sind Jungs. Ein Mädchen nach dem anderen verschwindet hinter der Hecke zum Sex, unter dem Vorwand, dort Kaninchen gesehen zu haben. „Es waren drei“, belügt ein Mädchen das Frl. Steglitz, als es wieder hervorkommt, „sehr schnell und elusiv.“ „Elusiv“, das sagt sie wirklich. Wie gerät dieses seltene, vergeistigte Wort in den Zusammenhang?

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Die Verfolgungsjagd nackter Mädchen auf den Fersen ihres Lehrers durch den deutschen Wald steht zu Recht als Höhepunkt am Schluss des Films. Das sieht gut aus, dieses Toben der verschieden getönten Körper. Ich sorge mich um ihre nackten Füße, aber wahrscheinlich hat der Regisseur ihnen vorher den Weg dornenfrei geräumt.

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BRD 1982, Regie: Jürgen Enz

Hier noch mehr Fotos von dem Film. Und gleich kommt auch ein Epilog.

Zunächst aber „Jungen“ mit „spaltbarem Material“:

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Eine besonders schöne Enzsche Flurszene – Mädchen mit dem Internatslehrer:

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Blicke des Lehrers in den Klassenraum:

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Der süffisante Lehrer überhaupt:

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Schwimmbad, zu Recht beliebter Drehort in den Siebziger Jahren:

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Mädchen im Mädchenzimmer:

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Und hier der EPILOG:

Der Weg zu Enz

Der Weg zu Enz (Szene aus „Nackt und kess am Königssee“)

DAS LIEBESTOLLE INTERNAT ist einer der muntereren Filme von Jürgen Enz. Nicht so auffällig seltsam wie sein tristen Werke, aber deshalb für mich noch unbegreiflicher. (Noch nassforscher kommt „NACKT UND KESS AM KÖNIGSSEE“ daher, den ich vorerst abgebrochen habe, weil ich keine Worte fand für den Elan, die gedopte Ironie, mit der sich dieser Film über seine eigene Leere hinwegsetzt und sich einem schwungvoll an den Hals wirft wie ein enthusiastischer Idiot. Was aber irgendwie auch wieder fasziniert.)

Nun ja. Die letzten Wochen waren geprägt von unserem – Hard Sensations‘ und der Eskalierenden Träume – Bemühen, mehr über den Menschen Enz herauszufinden. Ein Leser hatte uns einen Hinweis gegeben, der uns bis ins Jahr 2006 an Enz heranbrachte, zum Kino Capitol im bayrischen Unterschleißheim, das er bis zu jenem Jahr betrieb. Dann jedoch verliert sich seine Spur. Von Menschen, die ihn um 2006 herum kannten, hörten wir, er sei ein sehr gescheiter, feingeistiger, sympathischer und offener Mann. Sie haben die Begegnung mit ihm als außergewöhnlich angenehm empfunden und Enz als Ausnahmemenschen im positiven Sinne in Erinnerung behalten.

Das zu hören, hat mich ziemlich umgehauen und beschämt. Ich hatte den Fehler gemacht, mir den Autor einfach wie sein Werk vorzustellen, auf vordergründige und oberflächliche Weise. Das war dumm. Ich kann allerdings an meiner Sicht seiner Filme längst schon nichts mehr ändern. Selbst wenn ich die alten Besprechungen löschte – ich würde unweigerlich und ohne böse Absicht mit einem neuen Filmtext wieder in die alten Stapfen tappen. Eine Begegnung mit Enz würde meine Seele in eine arge Klemme bringen. Ich hoffe, dass es ihn nicht verletzen würde, wie ruppig und selbstgerecht lässig ich mit seinen Filmen umgehe. Als wären sie Flaschenpost, an meinen Strand gespült, mir nach Belieben ausgeliefert. Das ist nicht legitim. Aber das ist mein Vergnügen. Sie sind meine Geister in der Flasche. Sollten sie mich zu ihrem ursprünglichen Herrn und Besitzer führen, muss ich mich ihm stellen. Wir sind so weit gegangen. Es gibt kein Zurück.

Mistery Man Jürgen Enz in seinem letzten Werk, „Die amourösen Erlebnisse der Josefine Mutzenbacher mit Napoleon Bonaparte“. Nicht ohne gewürfelte Gardinen.



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Über den Autor

Silvia Szymanski, geb. 1958 in Merkstein, war Sängerin/Songwriterin der Band "The Me-Janes" und veröffentlichte 1997 ihren Debutroman "Chemische Reinigung". Weitere Romane, Storys und Artikel folgten.

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4 Kommentare zu "Das liebestolle Internat"

  1. Bartel 22. September 2013 um 05:12 · Antworten

    Kann mich dem Lob von Herrn oder Frau Hantel nur anschliessen.
    Wirklich sehr schön. Die letzten Tage waren wirklich hart für mich.
    In allen meinen Lieblingsblogs kommen sie nicht mehr heraus aus dem Schwärmen.
    Mensch, was müssen das wieder für berauschende und hochemotionale Kongress-Nächte gewesen sein. Selbst der Herr Selig ist durch die Nürnberger Gassen geschlichen, so sagt man…und ich hatte nichts Besseres zu tun als mich von schnöden grippalen Effekten dahinraffen zu lassen. Schluchz.
    Weiß man über den Herrn Enz wirklich so wenig? Habe mich da jetzt dank euch auch ein wenig schlauer gemacht und mußte feststellen das wir es hier ja fast mit einem kleinen Mysterium zu tun haben. Seine derzeitigen Wege scheinen stets „schnell und elusiv“ zu verlaufen. :D

    • Silvia Szymanski 2. Oktober 2013 um 16:15 ·

      Ja, da hast du Recht, Bartel, hochemotional sind diese Nächte und wirklich etwas Besonderes. Diesmal waren extraviele Leute dabei, und dieses Kennenlernen und die Gespräche waren sehr interessant. Tatsächlich war auch der sehr nette und gütige Herr Selig da. Und Frau Unselig. :-( Nein, Quatsch, Letzteres ist wirklich kokett von mir – ich bin in Wirklichkeit sehr glücklich über diese Zusammenkünfte und bedanke mich beim Leben, dass es das alles erlaubt. Sogar Katja Bienert blieb noch einen Extraabend und guckte mit uns Filme in Fürth. Und du lagst krank darnieder, quasi um die Ecke. Bestimmt hat sich aber dein Geist im Fieber oft, ohne dass du es bemerktest, von deinem Körper gelöst und ist über uns herumgeflogen.

      Herr Enz ist wirklich elusiv. Außerdem scheint jeder, der sich anbietet, ihm nachzuforschen, schon nach kurzer Zeit von einer seltsamen Lähmung befallen zu werden und nichts mehr in der Sache tun zu können. Es ist wie in einem Zaubermärchen.

  2. Silvia Szymanski 4. Oktober 2012 um 19:12 · Antworten

    Vielen Dank für das Lob! Es freut mich sehr!

  3. Hantel 4. Oktober 2012 um 06:51 · Antworten

    Was für ein wunderschöner, poetischer, fairer, menschlicher und genau beschreibender Filmtext. Absolut buchreif und zum Besten zählend, was ich jemals über diese Variante des deutschen Genrefilms lesen konnte. Danke!

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