Il Demonio / The Demon

Von  //  24. Juli 2012  //  Tagged: , ,  //  6 Kommentare

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Im Augenblick fällt mir das Schreiben über Filme schwer. Ich suche, aber vieles verschwindet wieder aus meinem Kopf. Trotzdem, was für Filme es gibt!

In diesem sieht man die ganze Zeit einen großen, schwarzen menschlichen Vogel aufgescheucht herumflattern und Unruhe stiften, bis ihn jemand tot macht. Die Hauptfigur Purí (Daliah Lavi) ist ein hysterisch lebendiges Mädchen mit strähnigem Rabenhaar; ihre Heimat ist ein großes Dorf in einer kargen Wildnis in Italien. Purí wächst dort wie eine schöne, dunkle Distel, ein Klettenstrauch am Feld. Oder etwas Unruhigeres, eine Steppenhexe.

Sie wohnt bei ihren Eltern und ist verliebt in einen Mann, Antonio, mit dem mal kurz was war, bevor er sich gegen sie für eine normale Frau entschied. Wie Dietrich in „Rosen blühen auf dem Heidegrab“, den ich vor ein paar Wochen besprochen und immer noch sehnsüchtig im Kopf habe, ist Purí unfähig, zu verzichten. Unter Antonios Ablehnung spürt sie eine von ihm verleugnete, feine, gegenläufige Zuneigung und Strömung zu ihr hin, in die sie sich verbeißt. Blindwütig versucht sie, ihn mit den in ihrer Gegend volkstümlichen Zauberritualen und ihrer eigenen dunklen, hageren Allgegenwart zu verhexen. Die Nonnen wollen, dass sie ihre inneren Stimmen fürchtet, die den Frieden des Dorfes und ihrer Psyche zu zerstören drohen. Doch stattdessen überlässt sie sich ihnen hemmungslos; sie erinnert sowieso an eine jener schönen Wahnsinnigen aus der Frühzeit der Psychoanalyse. Dieses Mädchen, das durch die Stacheldrahtzäune zu den Bäumen klettert, um ihre wundkrustenartige Rinde zu streicheln, hat eine nicht zu rettende, manisch-sexuelle Aufgewecktheit, während alle anderen gedämpft sein wollen.

Sie macht den Dorfbewohnern Angst. Sie glauben, dass Purí den Teufel hat und schuld sein könnte, wenn ein Unwetter heraufzieht oder ein kleiner Junge stirbt. Eben hat sie sich noch nett mit ihm am Fluss unterhalten, während er in Wirklichkeit schon tot in seinem Bettchen lag – für das Dorf ein weiterer Beweis für Purís Hexentum. Purí glaubt bald selbst daran. Das heißt, halb glaubt sie es auch nicht. Gehorsam geht sie mit ihren Eltern in die Kirche, damit der Priester ihr den Dämon austreibt. Doch dann wehrt sie sich, krümmt sich nach hinten zu einem Bogen – auch in Friedkins`s späterem „The Exorcist“ kommt dieser „Spinnengang“, der lange typisch für Hysterikerinnen war, vor. Schließlich, nach einer Liebesnacht, wird Purí von Antonio getötet, um sie und sich von ihrer Existenz als Bündel Unheil und Verlangen zu erlösen. Purí verschwindet, wie dieser schöne Film verschwindet, wie eins der intensiven, überwirklichen Spiele, die Kinder manchmal über Tage oder Wochen spielen.

Italien/Frankreich 1963, Regie: Brunello Rondi

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Über den Autor

Silvia Szymanski, geb. 1958 in Merkstein, war Sängerin/Songwriterin der Band "The Me-Janes" und veröffentlichte 1997 ihren Debutroman "Chemische Reinigung". Weitere Romane, Storys und Artikel folgten.

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6 Kommentare zu "Il Demonio / The Demon"

  1. Whoknows 26. Juli 2012 um 21:43 · Antworten

    Was Daliah so alles an Filmen zu bieten hatte! Ich kannte sie nur als Sängerin und sah mal eine „Zehn kleine Negerlein“-Variation in den Bergen. Da besteht Nachholbedarf.

    Falls es dich tröstet: Mir fällt das Schreiben in dieser Hitze auch schwer. Stattdessen bestelle ich Filme, die mein Budget übersteigen und später nur in meiner Hütte verstauben. Zum Glück verfüge ich noch über zwei weitere Autoren, die hitzeresistent erzogen wurden und hoffentlich meine Schulden bezahlen.

    • Silvia Szymanski 31. Juli 2012 um 16:41 ·

      Es lag vielleicht wirklich an der Hitze, Whoknows; jedenfalls geht es jetzt tatsächlich wieder weiter. Wenn auch mit schlimmen Vorhaben. Die Sexfilme DER TEUFEL IN MISS JONAS und vor allem das sehr schlimme GAUDI IN DER LEDERHOSE habe ich mir vorgenommen. – Ich kannte Daliah Lavi auch nur als Sängerin. Da ist sie ein ganz anderer Mensch als die Schauspielerin und Figur in IL DEMONIO. So offiziell und gesammelt, eine Vorzeigefrau, mit einer klaren, angesehenen Rolle in der Welt. – Interessant, wie du lebst! :-) Und schön, dass einer deiner Sklaven, Manfred Polak, wie ich erst heute endlich sah, LA NOIRE DE von Sembène besprochen hat. Endlich kenne ich mal was! HS-Kollege Marco (unser Sklavenverhältnis ist noch ungeklärt) hat mir den mal zu gucken gegeben. Guter Film.

    • Manfred Polak 31. Juli 2012 um 22:41 ·

      Wenn das so weitergeht, werde ich noch einen Sklavenaufstand anzetteln müssen. In 2000 Jahren wird dann jemand einen Monumentalfilm mit dem Titel MANFREDICUS darüber drehen.

      Zu der Sache mit der Hitze hat man auch schon andere Aussagen gehört. Erst neulich schrieb Whoknows, er werde durch die Hitze zum Schreiben angetörnt. Um herauszufinden, was nun stimmt, werde ich meinen alten Kumpel Blofeld bitten, seine neue weltraumgestützte Hitzestrahlenkanone auf eine gewisse Gegend in der nördlichen Schweiz zu richten.

      Dass ich oft eher unbekannte Filme bespreche, gehört ja fast schon zum Konzept. Ich freue mich mich immer, wenn ich in anderen Blogs auf mir bisher unbekannte Entdeckungen stoße, wie jetzt auch bei IL DEMONIO. Brunello Rondi kannte ich auch noch nicht, dabei war er zumindest als Drehbuchautor eine gewisse Größe, wie man der IMDb entnehmen kann (Arbeiten u.a. für Rossellini und Fellini). Daliah Lavi dagegen ist mir schon öfters begegnet, aber meist in eher flachen Rollen (IM STAHLNETZ DES DR. MABUSE, OLD SHATTERHAND etc.). – Bei GAUDI IN DER LEDERHOSE geht es gewiss um den katalanischen Architekten, wir dürfen uns also auf einen distinguierten Kulturgenuss freuen! :-Þ

    • Silvia Szymanski 4. August 2012 um 20:47 ·

      @ Manfred: Whoknows ist vielleicht gespalten. Er wird von Hitze zum Schreiben angeregt, kann dann aber wegen der Hitze nichts zu Papier bringen? Ich finde, das ist eine gute Erklärung. Wenn ich er wär, würde ich sagen: Ja, so ist es ;-)

      Brunello Rondi kenne ich auch nur durch IL DEMONIO. Auf den mich Christoph/Eskalierende Träume hingewiesen hat. Er hat dort Rondis Film VELLUTO NERO/SCHWARZER SAMT einen großen Text gewidmet: http://www.eskalierende-traeume.de/schwarzer-samt-1976/. Und es gibt im Netz zwei Ausschnitte von Rondis Film INGRID SULLA STRADA, die mich sehr anziehen. Mal sehen, vielleicht werde ich dem Film ja irgendwann begegnen. Er ist geheimnisvoll und lässt sich selten irgendwo sehen. Und spricht nur italienisch.

      Ja, „distinguiert“, so kann man`s sagen. Er unterscheidet sich sehr deutlich, dieser GAUDI-Film. :-)

      Erstaunlich, wie Sklaverei auch über eine große Distanz zu funktionieren scheint. Eigentlich machte es mir Spaß, mir vorzustellen, dass ihr alle zusammen in der von Whoknows erwähnten Hütte mit den staubigen DVDs wohnt :-) Aber über Hard Sensations denken die Leute ja bestimmt auch oft etwas Falsches. So machen wir z. B. seltsamerweise überhaupt keinen Sex untereinander, obwohl wir so uns so sehr mit dem Thema beschäftigen. Dabei, was heißt hier „wir“. Eigentlich ja fast nur ich. Oh je.

    • Manfred Polak 5. August 2012 um 22:15 ·

      Ah ja, dieser Text von Christoph war das. Ich hab ihn nicht gelesen (was ich vielleicht nachholen sollte), aber ich erinnere mich daran, dass die Kommentare, die sich daran anschlossen, zum Zerwürfnis zwischen Whoknows und dem Hofbauer-Kommando beigetragen haben. (Außerdem erfährt man aus den Kommentaren, dass man sich in der Nähe von Reclams Filmlexikon befindet, wenn man IL DEMONIO in wohlgesetzten Worten bespricht. Ob einem das peinlich sein muss, weiß ich aber nicht.)

  2. Alex Klotz 25. Juli 2012 um 00:23 · Antworten

    Der Vergleich mit der Distel gefällt mir sehr. Toller Text, tolle Screenshots, toller Film!

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