ABC Africa

Von  //  30. April 2012  //  Tagged: , , ,  //  1 Kommentar

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Der Internationale Fonds für landwirtschaftliche Entwicklung (IFAD) hat Abbas Kiarostami gebeten, einen Dokumentarfilm über das AIDS-Problem in Uganda zu drehen. Kiarostami ist ein vielgerühmter Filmemacher (1997 Goldene Palme für Der Geschmack der Kirsche), geschätzt von unzähligen Regisseuren und Filmkritikern. Nur hat er (laut eigener Aussage) keinen blassen Schimmer von Afrika im Allgemeinen und Uganda im Besonderen:
„To tell the truth, I had no experience of Africa, just what I’d seen in the press and on TV. I must confess those preconceptions were completely demolished by what I saw. You have to bear in mind that I only visited Uganda and, even then, only a part of the country. Talking about a whole continent when you have seen so little of it would be to underestimate all the different aspects of a continent as rich and multicultural as Africa. But the experience of Uganda showed me that I knew next to nothing about this part of the world. It’s a beautiful country in terms of nature and people, who, despite terrible poverty, possess enormous inner wealth.“

Dass ein solches Projekt für den Iraner eine nur schwer zu lösende Aufgabe war, wird überaus deutlich, wenn er das Schreiben der Organisation, die zu den Vereinten Nationen gehört und seit den Siebzigerjahren humanitäre Entwicklungshilfe leistet, unkommentiert abfilmt. Diese Szene ist an den Anfang des Films geheftet. Herausgekommen ist schließlich ein autodiegetischer Filmessay, der auf elaborierte Weise dokumentarische Stragegien offenlegt und zer-legt. Statt einem fein entwickelten Prestige-Produkt, dass ein wichtiges Thema kunstfertig verpackt und als sicherer Kandidat für den Oscar als bester Dokumentarfilm ins Rennen gegangen wäre, macht der Regisseur keinen Hehl aus seiner Ratlosigkeit, aus seiner Ohnmacht einem solch komplexen und von unzähligen Dokus und Reportagen durchexerzierten Themenkomplex gegenüber, der im Prinzip ausführliche sozialpolitische, historische und wirtschaftliche Exkurse benötigen würde, um seiner Sache einigermaßen gerecht zu werden.

Kiarostami dagegen filmt sich als Tourist, filmt sich beim sehen und staunen, filmt sich beim filmen. Erstmals arbeitet er hier mit kleinen Digi-Cams, deren handgeführte Bildersuppe einen unfertigen, beliebigen Eindruck macht. Der gesamte Film mutet an wie Stock Footage, welches in anderen Fällen – wenn überhaupt – als Bonusmaterial auf DVDs verheizt wird. Eindrücke sind hier wichtiger als Fakten.

Die Lage in Uganda ist verheerend. Über eine Million Menschen sind HIV-Positiv, was einem Bevölkerungsanteil von über 10 Prozent entspricht. Eckdaten und Hintergrundinformationen wie diese werden nur selten eingestreut, beiläufig mit auf den Weg gegeben. In der wohl eindringlichsten Sequenz muss sich das Filmteam den Weg zum Hotelzimmer durch völlige Dunkelheit bahnen – die Kamera bleibt in Echtzeit dabei, das Tiefschwarz des Filmbilds wird hier nur durchschnitten von grellen Blitzen, die die stockfinstere Nacht zerteilen und die Umgebung erahnbar machen. Strom gibt es nur vor Mitternacht.

Kiarostami filmt seit Jahrzehnten Kindergesichter. Seine Aufnahmen aus ärmlichen Wohnsiedlungen und medizinischen Einrichtungen verkommen vielleicht deshalb nie zum plakativen Spendenaufruf. Unprätentiös lässt er die Bilder für sich sprechen, hat selbstverständlich weder einen Off-Kommentar noch einen gefühlsduseligen Score oder anderen Schnickschnack nötig, um der Lage einer Nation ein Gesicht zu geben, in der die Lebenserwartung gerade etwas über fünfzig Jahre entspricht. Ein österreichisches Ehepaar adoptiert ein verwaistes Mädchen, nimmt es mit ins gelobte Land, nach Europa. ABC Africa bildet all das nur ab, hält sich zurück mit kritischer Hinterfragung oder Bekräftigungen. Seine vielen Fragen – denn Antworten hat der Film eigentlich keine bei der Hand – stellt er irgendwo zwischen den Bildern und Zeilen. Und diese Fragen betreffen (ganz besonders in ethischer Hinscht) vor allem das Kino und seine Möglichkeiten, seine Verpflichtungen, seine Limitierungen.

Iran 2001 / R: Abbas Kiarostami


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Über den Autor

Aufgewachsen inmitten der pulsierenden Film-Metropole Merkstein/Rheinland mit ihren schillernden Kino-Palästen, umgeben von hochkarätigen Stars, Regisseuren und Filmkritikern blieb Marco Siedelmann nicht viel anderes übrig, als selbst Filmjournalist zu werden. Er schreibt u. a. für critic.de, deadline und negativ.

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Ein Kommentar zu "ABC Africa"

  1. Silvia Szymanski 1. Mai 2012 um 16:53 · Antworten

    Starkes Bild auch.

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