Do me evil

Von  //  14. Juli 2011  //  Tagged: ,  //  6 Kommentare

Wrangler?
Wrangler?

Diesen wie von weit her gewehten Film beherrscht etwas Entrücktes, Bedrücktes, Stummes, das mich an die Bilder des Surrealisten Balthus erinnert. Alle wollen Sex, sind traurig und ein bisschen giftig oder böse, eingeschlossen in einen inzestuösen, psychologischen Bann.

Zwei Kinder in einem bildungsbürgerlichen Wohnzimmer sehen einem nackten Mann am Klavier zu, der „Für Elise“ spielt. Ist das ihr Papa? Wahrscheinlich, und die beiden Jungen merken sich dieses Lied ihr Leben lang und werden später dazu ihren eigenen, autobiographischen Text singen: „Mummy said Daddy`s gone“. Ihre weich-erotische, junge Mama mit den Kulleraugen schenkt ihnen auch eine Spieldose, die „Für Elise“ spielt. Als sie einmal verreist, passen zwei männliche, jugendliche Babysitter auf die Kinder auf. Dabei beobachtet das eine Brüderchen heimlich, wie die Babysitter es miteinander machen.

Vielleicht 12 oder 15 Jahre später leben die beiden Brüder – der eine lebhaft und böse, der andere passiv und traurig – immer noch in diesem Wohnzimmer und haben mittlerweile auch Sex miteinander. Der Ältere, Rodney, disst und dominiert den Jüngeren und macht ihn zu seinem persönlichen Sklaven; er glaubt, die Mutter habe diesen „Behinderten“ immer lieber gehabt. Wir sehen, wie Rodney, der von der Prostitution lebt, sich in ihrem Haus von einem älteren, beamtenhaft korrekt gekleideten Kunden beim Wichsen in der Badewanne beobachten lässt, zu einer klassischen Musik von stumpfsinnig-mechanischem Schwung. Er hat ein streng blickendes, eher ungewöhnliches als hübsches Gesicht und feine, gazellenhaft schmale Hüften. Als er einmal heim kommt, findet er den Abschiedsbrief seines Bruders; er hat Selbstmord begangen, weil er sich als Rodney`s Last empfindet.

Rodney wirft das aus der eh fragilen Bahn. Er hängt nun auf der Straße mit Obdachlosen herum, geht aber weiter seinem Job nach – fleißig, professionell und emotional regungslos beschäftigt mit steifen Schwänzen knabenhafter Männer. Zwischendurch verkauft er seine Kindheitserinnerungsstücke einem Pfandleiher, für den sie nur Pröll sind. Trotzdem, auch das „Für Elise“-Döschen wird dran glauben müssen.

Das ist alles wie durch staubige Augen gesehen. Los Angeles, wo die Drehorte gefunden wurden, wirkt, als hätte es dort ewig nicht geregnet, als filtere eine Smogglocke das heiße, sandgelbe Sonnenlicht und bürde den Akteuren eine diffuse, das Denken sehr erschwerende Last auf. Ich habe gelesen, dass Toby Ross, der Regisseur, mit Stummfilmen anfing, und atmosphärisch gehört auch dieser Film dazu, mit seiner besonderen, u. a. Jazz-Fusion-Musik. Es geht um die ursprüngliche und dann zu Schanden gekommene Kostbarkeit des Lebens, der familiären Beziehungen und der Körper, also was man platt den Verlust der „Unschuld“ nennt. Die Pornoszenen sind sexy, aber der Film sagt: Man wird nicht glücklich. Und wenn man hundertmal kommt und spritzt, so dass wir`s sehen können, man wird zum Frecken einfach nicht glücklich.

USA 1975, Regie: Toby Ross

Über den Autor

Silvia Szymanski, geb. 1958 in Merkstein, war Sängerin/Songwriterin der Band "The Me-Janes" und veröffentlichte 1997 ihren Debutroman "Chemische Reinigung". Weitere Romane, Storys und Artikel folgten.

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6 Kommentare zu "Do me evil"

  1. A. M. 22. Juli 2011 um 01:41 · Antworten

    Ach verdammt. Aber na ja, dann wird es halt eine Billig-DVD tun müssen, sofern ich sie auftreiben kann. Aber danke. :-)

  2. Christoph 18. Juli 2011 um 08:54 · Antworten

    Beim amerikanischen Pornolabel Bijou gibt es ihn auf DVD, allerdings zum sagenhaften Preis von 35 Dollar und wahrscheinlich (allerdings nicht notwendigerweise) als VHS-Überspielung. Das Problem bei all diesen Filmen (die sonst leider nur selten so cineastisch betrachtet werden wie hier bei den Hardheads) – ihre Verleiher investieren nur sehr selten Geld in eine Neuabtastung oder gar Bonusmaterial u. ä.

  3. A. M. 17. Juli 2011 um 14:55 · Antworten

    Sehr ansprechend, würde den Film gerne sehen – gibt es ein offizielles DVD- oder VHS-Release? In der OFDb ist nichts weiter eingetragen.

  4. Christoph 17. Juli 2011 um 06:51 · Antworten

    Was für ein großartiger Text! Wie der erste und der letzte Absatz den Film einzufassen scheinen! Fantastisch!
    Als ich Marco den Film (den ich selbst leider noch gar nicht gesehen habe) schickte, hattte ich insgeheim schon gehofft, dass er vielleicht unter deine talentierten Hände geraten würde und et voila – ein wunderbar gelöster, assoziativer Appetitanreger, nachdem sofort einen echten Heißhunger nach dem Film verspürte. Ich habe bisher nur ein wenig „hineingesehen“ und die diffusen, traumatischen Bild- und Tonfetzen haben mich sofort hoffen lassen, dass es sich hierbei um einen der offenbar zahlenmäßig eher seltenen, wirklich ambitionierten und kompromisslos filmischen Schwulenpornos handelt. Und dann sind diese wenigen oft noch ungeheuer schwer aufzutreiben. DO ME EVIL war vor zwei Jahren mein erster Fund dieser Art und ich war überglücklich, ihn in die Finger bekommen zu haben.

    Als schwuler Cineast habe ich es schon oft bedauert, dass es ganz offensichtlich keine homosexuellen Gerard Damianos und Radley Metzgers gab. Aber deine, bzw. eure (ich will Bianca natürlich nicht ausschließen, ich lese eure Texte schon seit Beginn der Porno-Reihe mit Genuss!) Texte wecken schon enorme Lustgefühle auf all diese Filme, die hier schon seit geraumer Zeit ungesehen herumliegen (bisher kenne ich selbst an Schwulenpornos aus dem „golden age“ nur THE BOYS IN THE SAND (den ich nicht sonderlich mochte) und A GHOST OF A CHANCE (den ich sehr mochte, allerdings eher als Porno an sich denn als Film).

    In diesem Sinne: Immer weiter so! Was ihr hier in letzter Zeit macht, gehört mit zum Spannendsten, was sich derzeit im filmbezogenen deutschen Netz tut und, um es mal so profan auszudrücken: Wo sonst schreiben schon Autorinnen ohne verwissenschaftlichte Scham über Pornos? Ihr seid wunderbar, ich bin schon längst Fan!

    • Silvia Szymanski 26. Juli 2011 um 19:54 ·

      Lieber Christoph, ich freue mich sehr über dein Lob. Ich habe besonders an dem Anfang viel rumgefummelt, bis ich merkte, besser krieg ich`s erstmal nicht hin, ich muss das jetzt einfach für fertig erklären. Na. Uff. Das macht mich jetzt hier natürlich verkrampft, aber da muss ich durch :-)

  5. Michael Schleeh 15. Juli 2011 um 14:06 · Antworten

    Die ungewöhnliche Machart des Films und das Setting mit dem staubig-gelben Licht von Los Angeles hört sich sehr ansprechend an. Ich glaube, ich will das sehen.

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