The Story of Joanna

Von  //  1. Juni 2011  //  Tagged: , ,  //  3 Kommentare

Es ist erst der 2. Film, den ich von ihm gesehen habe (nach The Devil in Miss Jones) – und schon freue ich mich, diesen interessanten Regisseur und Mann Gerard Damiano selber an der Bar im eigenen Film sitzen zu sehen, während seine Story ihren Beginn nimmt, und möchte ihn am liebsten anlächeln und grüßen.

The Story of Joanna ist eine belgische Praline – etwas für Tanten wie meine verstorbene, für die üppige, opulente Romantik und handfester, leidenschaftlicher Sex Hand in Hand gingen. Tante las schwülstige, tiefschürfende Kitschromane, deren Covers mit Reliefornamenten und Gold gestaltet waren wie Konfektschachteln. Sex wurde darin blumig-plüschig verbrämt, aber eine erwachsene Frau wusste, was gemeint war, und ihre Nichte ahnte es als Kind zumindest.

So ist auch Joannas Story – allerdings unverbrämt und mit einer unerwartet giftigen Schlusswendung, die ich nicht erzählen will, um ihr nicht den Effekt zu nehmen.

Alter Adel also, Herrenhaus, ein rätselhafter Schlossherr, dekadent und hochnäsig, mit einer Dornenhecke um sein Herz, sadistischen Gelüsten, emotionaler Impotenz. Er ist vermurkst, verflucht und krank, und einverstanden mit dem nahen Tod, den er aber Fliegender-Holländer-mäßig durch die Hand einer liebenden Frau erfahren möchte.

Ein unschuldiges, schönes, schwermütiges Ding (im Leben vor dem Film war Terri Hall, die die Joanna spielt, Tänzerin am Theater Stuttgart) fällt ihm auf, er macht sich an sie heran, und sie verliebt sich, wird ihm hörig, er inszeniert das Lehrer-Schülerinnen-Ding mit ihr. Nötigt sie zum Sex mit eigens bei ihm eingeladenen, geschäftsfreundartigen Typen. Sie gehorcht, verzehrt sich aber dabei nach ihm, er ignoriert das und schickt ihr schließlich gar den Butler statt seiner selbst aufs Zimmer. Ein dicker Fehler. Denn dieser Butler… nun, so was hat man selten. Nicht nur, weil gutes Personal heute nur schwer zu kriegen ist, sondern er ist auch ein ungeheuer langsamer Liebhaber. Und die Kamera rückt den beiden geduldig auf den Pelz und macht die größten Großaufnahmen, die ich je von Sex gesehen habe. Regelrecht biologische Studien; unendlich behutsam gleitet eine armdicke Fleischraupe über tellergroße, weiche Lippen. Man sieht den Schweiß langsam perlen, sieht die Speichelfäden, die dunklen Füllungen der Zähne und kann den Blick nicht davon wenden. Der Butler-Darsteller Zebedy Colt, Theaterschauspieler und selbst Pornoregisseur, erinnert sich, wirklich geweint zu haben, als er Joanna auf Geheiß des bösen Schlossherren ihr volles, langes Haar abschneiden muss (Schließlich war Gerard Damiano selber mal Friseur gewesen; meine Insiderinformationen entnehme ich dem schönen Buch „Die läufige Leinwand“ von Christian Keßler). Der vielseitige Butler massiert auch später sexuell den Schlossherren. Das sieht ungewöhnlich aus; sie sind schon gestandene ältere Knaben und gehen so entschleunigt vor… in Sachen Casting hatte Damiano definitiv was weg.

All das ist tief eingebettet und getragen von einer praktisch pausenlosen Easy-Listening-Klassikradiomusik, Musik zum Träumen, WDR4; irgendwann wird dazu auch ein zur Geschichte passender Damiano-Text gesungen. Ein kleines Wunderwerk.

*

Hach, so wie Silvia hätte ich den Film auch gerne gesehen. Aber bei mir verursacht der Streifen ein paar Widerstände. Auch mir gefällt es außerordentlich gut, wieviel Zeit der Film sich lässt. Es gibt neben der Nahaufnahmenorgie zwischen Terri Hall und Zebedy Colt (ich war beim Zuschauen dankbar, dass es 1975 noch kein HD gab) auch eine wunderbare ellenlange Fastnackttanzszene. Dass Terri Hall Tänzerin war, erklärt hier so manches (ich habe den Keßler nicht gelesen und hinke deshalb in Sachen Insider-Informationen hinterher). Das einzige, was bei der Szene stört, ist der voyeuristische Jason, der hartherzige (aber selten -schwänzige) Hausherr – gespielt wird er übrigens von Jamie Gillis, der in Through the Looking Glass den Dämon mimt. Wie so oft guckt er bloß zu, während Joanna mit einem anderen zugange ist, nur um ihm, Jason, zu gefallen. Diesmal muss sie allerdings nur tanzen mit dem anderen. Ich wünschte mir, sie würde einfach mit dem einfühl- und biegsamen Tänzer abhauen und glücklich werden bis dass der Cutter sie schneidet. Macht sie aber nicht, stattdessen beschläft sie weiterhin unter Jasons strengem Kennerblick die Freunde des Hauses.

Mir geht es inzwischen gehörig auf den Keks, dass männliche Pornoprotagonisten ständig zu glauben scheinen, Frauen bräuchten eine Zwangssexausbildung. Irgendwann merken die – also die Frauen – dann schon, dass das bisschen Nachdruck beim Sex gar nicht so schlimm ist und die Befriedigung der Frau überbewertet (ja, ihr dürft mich Emma nennen). Ein ähnliches Strickmuster findet sich in The Defiance of Good von 1974. Hier besteht der Stoff aus dem die Sadomaso-Träume sind allerdings aus Sackleinen, Leder und Ketten und nicht – wie bei The Story of Joanna – aus Seidenbändern und Chiffon. Im Gegensatz zum Filmschicksal der jugendlichen Cathy nimmt Joannas Geschichte allerdings am Ende eine Wendung, die mich äußerst versöhnlich stimmt. Jason leistet nämlich bei der Erziehung seiner Joanna bessere Arbeit, als er selbst vermutet hätte. Und der nette Butler – es stimmt schadenfroh, dass seine Raupe größer ist, als des Hausherrn Würmchen – tut wie immer seinen Job und räumt den Herrschaften hinterher. Wie Silvia schon sagte, gutes Personal ist schwer zu kriegen.

USA 1975, Regie: Gerard Damiano

The golden Age of Porn : Zurück zum Einleitungsartikel

Über den Autor

Silvia Szymanski & Bianca Sukrow | Silvia Szymanski, geb. 1958 in Merkstein, war Sängerin/Songwriterin der Band "The Me-Janes" und veröffentlichte 1997 ihren Debutroman "Chemische Reinigung". Weitere Romane, Storys und Artikel folgten. Bianca Sukrow, geb. in Aachen, ist Literaturwissenschaftlerin, Heilpraktikerin für Psychotherapie und Mitgründerin des Leerzeichen e.V. Das alles hält sie nicht davon ab, über Sachen zu schreiben, von denen sie keine Ahnung hat (Filme z. B.)

Alle Artikel von

3 Kommentare zu "The Story of Joanna"

  1. Silvia Szymanski 11. Juni 2011 um 11:11 Uhr · Antworten

    Ja, da sagst du was, Bianca, der “Kennerblick”. Ich hab ihn vielleicht zum ersten Mal in den Werbepots der Sixties gesehen, als zwei Freunde, einer davon gern väterlich, ihre Cognacgläser in der Hand drehten und miteinander den Tropfen beurteilten, als wäre das sehr wichtig. Sean Connery als James Bond hat diesen Blick, wenn er mit hochgezogener Augenbraue eine auftauchende Frau als würdige Sexualpartnerin anerkennt. Aber Marlene Dietrich hatte ihn auch – und gefiel damit auch Männern. Wenn er spielerisch daherkommt, stört mich diese Allüre nicht; ich stelle mir vor, irgendwann lassen sie `s sein; sie dient wohl der Angstüberwindung. Wenn aber ihr Inhaber sie zur rechtmäßigen Einstellung sanktioniert, wird `s bitter. So bei Joannas „Lehrer“. Ich hab den Film deswegen anfangs nicht gucken wollen, weil ich gleich beim ersten Reinzappen an ihn geriet. Nur nicht überwältigt werden – so lässt sich Sex natürlich nicht gut selber machen; man guckt und dirigiert, belehrt und kontrolliert dann lieber. Uff, wieder mal ein weites Feld. (Ich denke auch an Eckis Bemerkungen über Hitchcock`s „Marnie“ und die Dressur der Frau darin. Dachte, es gäbe sogar eine Besprechung des Films bei uns, finde sie aber nicht).

    • Eckhard Heck 14. Juni 2011 um 18:07 Uhr ·

      Ne, „Marnie“ hab ich noch nicht besprochen. Und das lange drüber Nachdenken ist auch irgendwie ein Showstopper für meine ganze Hitchcock Retro. Wie sagt Woodrow Parfrey so treffend in „Stay Hungry“ zu Jeff Bridges: „Shit or get off the pot“. Das sollte ich wohl mal langsam beherzigen.

    • Silvia Szymanski 14. Juni 2011 um 19:44 Uhr ·

      Hihi, der Spruch für`s ganze Leben:-) Werd ich`s auch jetzt mit versuchen. Was Marnie betrifft: Wär schade, wenn du unverrichteter Dinge vom Hard Sensations Töpfchen gehst, ohne da was fallen zu lassen – fand deine Perspektive wirklich interessant.

Schreibe einen Kommentar

comm comm comm