Café Flesh

Von  //  27. Juni 2011  //  Tagged: ,  //  Keine Kommentare

In den 80ern hängten sich alle das Bild „Nighthawks“ von Edward Hopper an die Wände und machten einen Kult aus dem urbanen Nachtleben; man stand auf die Endzeit-Partystimmung der 20er Jahre. Die hatte mit dem Weltkrieg I zu tun, den großen Wirtschaftskrisen. Dass man in den Eighties Parallelen dazu sah, war vielleicht übertrieben, aber man hatte zu Recht große Angst vor AIDS und atomarer Aufrüstung, es war das Ende des gesellschaftlichen Träumens von Love and Peace. Ich weiß nicht, warum man dem Hippietum damals tschüss sagte, es für dumm und loser-mäßig erklärte. Jetzt wollte man schlau sein, modern, gewitzt, wollte ironisch das Vorgefundene bejahen, auf den sozialen Wellen, „dem Vulkan tanzen“. Die Yuppies sahen sich als Avantgarde und zelebrierten ihre Integration ins System als Rollenspiel. Mit pseudo-abgebrühter Coolness versuchten sie, ihre Seelen so teuer wie möglich zu verkaufen. Erregung und Emotion wurden nun eher affektiert, unter der Maske der Parodie, zur Schau gestellt. Ihre Antagonisten waren die No-Future-Punks; irritierenderweise flossen Punk und Yuppietum aber zusammen im artschoolmäßigen Stil „New Wave“.

Uff, man verzeihe mir den kleinen Vortrag. Ich will mir manchmal selbst erklären, was geschehen ist. Aus dem kühl-heißen Herzen der geschilderten, bizarren New-Wave-Atmosphäre kommt dieser sehr gut aussehende Kultfilm von 1982. Nicht mehr im Stream und Groove des Golden Age, aber auch keineswegs Teil der großen Wurstfabrik im Plastic Age of Porn.

Die Story: Nach dem 3. Weltkrieg hat die atomare Strahlung die Menschen in 99% Sex-Negative und 1% Sex-Positive gespalten. Die Negativen haben zwar eine starke Sehnsucht nach Sex, doch Sex verursacht ihnen Krankheiten und unerträgliche Schmerzen. So gehen sie ins Café Flesh, um den Sex-Positiven, wiewohl leidend, dabei zuzusehen. Die müssen dort auftreten. Niemand tut das gern, sagt eine der Bühnenkünstlerinnen, aber es ist ihre Pflicht, sonst gibt es soziales Chaos; die Negativen brauchen die Positiven als Ventil. Ein archetypisch dämonischer Showmaster moderiert das Ganze. Im Publikum sitzt Lana (Michelle Bauer), sex-positiv, die ihrem sex-negativen Mann (Paul McGibboney) zuliebe abstinent lebt…

Es wird viel geleckt. Die Cunnilingus-Szenen sind fleischig, lustvoll, ästhetisch ausgeleuchtet, wir sehen säuberlich schöne Frauen und prachtvolle Männer, die auch opulent ficken. Schade, dass sie immer außerhalb der Frauen kommen müssen; Pornos wollen das so, um uns zu zeigen, dass in ihnen alles echt ist. Müsst ihr doch gar nicht, will man ihnen sagen, aber Filme haben keine Ohren.

Die Mädchen: stark geschminkte Schönheiten mit sehr gepflegten Händen und Fingernägeln, elegant zurechtgemacht wie Stewardessen, abgehobene Chefsekretärinnen auf den Roxy-Music-Plattencovers oder die Chorsängerinnen von Human League. Die Jungs erinnern an nervöse Musiker,  hungrige Künstler aus den 20er Jahren: hohle Wangen, Schatten um die Augen. Viele kommen mir bekannt vor; ich denke an Marc Almond, Prince, Lyle Lovett, Basquiat, Papst Pest, Andy Fisher, überhaupt so einige Leute aus dem autonomen Zentrum Aachen… ich wünschte, ich hätte diesen Film zu seiner Zeit gesehen, als ich mich nach Jungen dieser Stilrichtung verzehrte.

Eingebettet sind die Nummern der Bühnenrevue im Café Flesh in burlesk-skurrile, gekünstelt-comichafte, hysterisch-wahnsinnige Szenerien, u. a. mit verrückten Babys, einem vielseitig eingesetzten Mann mit langnasiger Tiermaske und langem (Rückgrat-)Schwanz; die optischen Ideen der New Wave Band „The Residents“ u. ä. standen Pate; die Filmmusik stammt von Mitchell Froom, der Größen von Elvis Costello bis Crowded House produzierte…

Frau Suk, ich hoffe, ich habe noch genügend Fleisch für Sie an diesem Film gelassen!

*

Liebe Frau Szy, tun Sie sich ruhig am Fleisch gütlich, ich habe ohnehin mehr Lust, an den Knochen zu nagen. Café Flesh besitzt nämlich ein übersichtliches aber vollständiges Gerüst, das keine Brüche aufweist. Die Struktur des Films ist einfach und gradlinig, es gibt keine Parallelhandlungen, so gut wie keine logischen Widersprüche, aber auch keine Überraschungen. Ich hätte mir zuweilen mehr Widergespinst und Unübersicht gewünscht, um stärker im dystopischen Sumpf des Postapokalypseszenarios versinken zu können. Mit mehr Handlung und einem komplexeren Gefüge hätte Café Flesh durchaus an herausragende Genrevertreter wie Through the Looking Glass heranreichen können, so bleibt er eine optisch gelungene aber inhaltlich nicht ausgereizte Dystopie. Café Flesh ist ein – wenn auch simpler – Gegenentwurf zu Brave New World (wieso ist eigentlich noch niemand auf die Idee gekommen, diese Steilvorlage unter Verwendung von Hardcore-Szenen zu verfilmen?!) Sex ist hier allerdings kein Glücklichmacher für das Volk, sondern unerfüllbares Begehr.

Ähnlich wie in Margaret Atwoods bitterbösem Roman A Handmaids Tale, in dem die Fruchtbarkeit nur bei einem Bruchteil der Bevölkerung erhalten ist, werden die Sex-Positiven dazu gezwungen, ihre Potenz in den Dienst des Kollektivs zu stellen. Vor diesem Hintergrund betrachtet hätten die Regisseure (Steven Sayadian alias Rinse Dream und der nicht im Abspann erwähnte Mark S. Esposito) mehr Brenzliges und Beklemmendes aus dem Stoff herausholen können – auch wenn am Beispiel der jungen Angel (Marie Sharp) ansatzweise demonstriert wird, wie das staatliche Überwachungssystem funktioniert. Obwohl man dem zwangsabstinenten Publikum durchaus den im wahrsten Sinne des Wortes unstillbaren Hunger nach Sex abkauft, wirkt die Atmosphäre im Kellerclub familiärer und behüteter, als man es sich in einer Dystopie wünscht. Wenngleich ich überhaupt nicht auf Initiationssequenzen in Pornos stehe (siehe dazu auch The Story of Joanna), wird etwa die Zwangseinführung der noch jungfräulichen Angel in die Welt der Sex-Positiven für meinen Geschmack recht beiläufig abgehandelt. Angel wird von Positivenschnüfflern enttarnt, gegen ihren Willen mitgenommen und – zack – präsentiert sie sich auf der Bühne als sexbegeisterte Rampensau.

Die Sexszenen sind tatsächlich cunnilinguslastig, aber auch recht hölzern. Allerdings legt die Café-Flesh-Crew im Vergleich zu vielen anderen Porno-Produktionen viel Wert auf ordentliche schauspielerische Arbeit; mechanische Gesten finde sich fast nur in den Sequenzen, in denen die einstudierte Bühnenshow gezeigt wird, und hier passen sie auch hin. Spaß am Sex vermittelt sich dadurch nicht so richtig (auch wenn keinesfalls von mangelndem Steifheitsgrad die Rede sein kann), aber gerade durch die Schematisierung und die Anpassung an musikalische Rhythmen gliedern sich die Bewegungsabläufe hervorragend in die Gesamtästhetik des Films ein.

Was die optische Gestaltung angeht, borgt sich Café Flesh die Düsternis eines 1984 und das schräge Figureninventar der Rocky Horror Picture Show. Auch wenn er etwas bulliger daher kommt, erinnert Conférencier Max Melodramatic (Andrew Nichols) mit seiner überdrehten Art stark an Tim Curry als Frank N. Furter, und die Ähnlichkeit des hageren, leicht gebeugten und Türstehers Mr. Joy (Paul Berthell) mit seiner polypengequälten Stimme und Richard O’Brien als Riff Raff ist unverkennbar. Der Vergleich der beiden Filme ließe sich weiter treiben (die quietschig-verspielten Bühnenoutfits, die seltsam abgehakten Choreographien und das Verhalten der Gäste böten sich z. B. an), würde aber sicherlich den hier vorgesehenen Rahmen für Rocky-Horror-Picture-Show-Lobhudeleien sprengen. Die Verwandtschaft der beiden Filme macht mir jedenfalls Café Flesh ungeheuer sympathisch.

USA 1982, Regie: Steven Sayadian, Buch: Jerry Stahl

Über den Autor

Silvia Szymanski & Bianca Sukrow | Silvia Szymanski, geb. 1958 in Merkstein, war Sängerin/Songwriterin der Band "The Me-Janes" und veröffentlichte 1997 ihren Debutroman "Chemische Reinigung". Weitere Romane, Storys und Artikel folgten. Bianca Sukrow, geb. in Aachen, ist Literaturwissenschaftlerin, Heilpraktikerin für Psychotherapie und Mitgründerin des Leerzeichen e.V. Das alles hält sie nicht davon ab, über Sachen zu schreiben, von denen sie keine Ahnung hat (Filme z. B.)

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