Girl’s Night Out

Von  //  8. Juli 2017  //   //  Keine Kommentare

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Das Ende der Pinkelpausen. “Girls’ Night Out” spielt mit einem weiblichen Vergnügen am männlichen Versagen.

Ihre Verwegenheit gipfelt in der Verkostung eines eiskalt servierten Allegrini Amarone della Valpolicella Classico aus dem Jahr Zweitausendund… Die Jahreszahl ist mir entgangen. Jedenfalls führen Freunde auf einem Junggesellenabschied die Sau aus, indem sie ihrer Fantasie in Geschmacks- und Farbschilderungen freien Lauf lassen. Sie erscheinen als blasierte Deppen. Sie stoßen auf einen Bräutigam an, dessen Braut die letzten ledigen Stunden mit ihren Collegefreundinnen in Miami Beach anders verbringt. Sie hat die Nase voll vom Kokain, als die Dinge anfangen, schief zu laufen. Davon bekommt der künftige Gatte Peter (Paul W. Downs) telefonisch genug mit, um alarmiert bis zum Anschlag den schnellsten Weg nach Florida einzuschlagen. Es handelt sich um die zu Autobahnen ausgebauten Spuren der einst gen Westen getrekkten Planwagenpioniere. Peter tritt als Anti-Easyrider an. Seine Performance dekonstruiert und demontiert jene Bilder, mit denen auch Barry Newman als Kowalski in “Fluchtpunkt San Francisco” eine On-the-road-Ikonografie schuf. Regisseurin Lucia Aniello wirft das Genre dem Hohn zum Frass vor, wenn sie Peter die Reise in Windeln und ohne Hosen absolvieren lässt. Er muss immerhin noch Tankstopps einlegen und sich der Polizei erklären. Ihm als Vorbild dient Astronautin Lisa Nowak, die 2007 von Houston, Texas fünfzehnhundert Kilometer (angeblich) in Windeln nach Orlando, Florida beinah haltlos heizte, um einer Nebenbuhlerin mit Pfefferspray überfallartig die Sicht zu nehmen. Nowak trieb Eifersucht, Peter treibt zudem Sorge an. Er vergisst sich in seinem Aufzug. Scarlett Johansson spielt die Verlobte Jess am Vorabend ihrer Ehe als politisches Biest im Karriererausch. Die Freundschaften sind seit dem gemeinsamen Collegeabgang vor zehn Jahren erodiert. Jess distanzierte die Freundinnen, sie vergröberte den Abstand mit Ausreden. Ich frage mich, weshalb sie überhaupt noch an etwas anknüpft, dass für sie so sehr Schnee von gestern ist wie diese zunehmend unpassenderen Beziehungen. Der Film nimmt die Gespenster aus der Vergangenheit und ihre Reigen ernst. Aniello zeigt die Leerstellen nachlassender Verbindungen und die Kränkungen aus Zurückweisungen und Missverständnissen. Besonders anfällig ist das Verhältnis zu Alice, die sich mit Jess ein Zimmer im College geteilt hat und von daher unrealistische Ansprüche ableitet. Jillian Bell spielt einen grundtraurigen Trotzkopf, wie er in einer Trommel unerfüllter Wünsche durchdreht. Als Fleisch gewordener Fußfetischistentraum übernimmt sie Nebenrollen im Leben von Männern. Nachts isst sie Frühstücksflocken. Fressanfälle sind zentral im Alltag der Lehrerin. Sie wird endlich doch noch froh, als Alice im Wunderland der Zerealien. Die in Scheidung lebende Edeldame Blair (Zoë Kravitz) und die vegane Aktivistin Frankie (Ilana Glazer) waren als Studentinnen ein Paar, dass vor der Liebe durch Hintertüren floh. Sie stehen sich immer noch näher als den anderen. Bleibt die Australierin Pippa (Kate McKinnon), die als Außenseiterin Anerkennung gewinnt. Der Film ist eine Turbulenz (mit geringer Handlungsdichte), in der Diamantendiebe in das von Jess klargemachte Glashaus am Strand eindringen. Nicht nur für sie wird die Partybleibe zum Schauplatz finaler Niederlagen. “Girls’ Night Out” spielt mit den Sujets von Diamonds are a girl’s best friend und falschen Erwartungen auf allen Seiten. Die Bacheloretten nehmen erst einmal jeden Mann, der auftaucht für den bestellten Stripper. Die Bestellung wird als frauenpolitische Notwendigkeit deklariert. Es geht darum, einem Mann sagen zu können, wie er hampeln soll.

USA 2017, Regie: Lucia Aniello, mit Scarlett Johansson, Jillian Bell, Kate McKinnon, Zoe Kravitz

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