Die Verführten

Von  //  4. Juli 2017  //  Tagged:  //  Keine Kommentare

Die Verfuehrten

Die Sache des Südens ist verloren, der Sezessionskrieg (1861 – 1865) aber noch nicht vorbei, als im konföderierten Virginia ein in die Pilze gegangenes Mädchen den verletzten Unteroffizier John McBurney im blauen Rock der Union findet. Amy (Oona Laurence) begegnet dem Wehrlosen mit Ablehnung und Nächstenliebe. Sie beweist southern gentility. Der zunächst wie ein Versprengter erscheinende Deserteur ergibt sich dem Mädchen. Wounded and near death, a young Union Army corporal is found in the woods and brought to Miss Martha Farnsworth Seminary for Young Ladies. So steht es geschrieben im Klappentext zu Thomas P. Cullinans 1966 veröffentlichten Roman „A Painted Devil“, der bereits 1971 von Don Siegel adaptiert wurde. Siegel fasste den Kern der Southern Gothic Novel und sein Interesse daran in die Worte: „Es geht um das weibliche Grundbedürfnis, Männer zu kastrieren – the basic desire of women to castrate men.” Davon erzählt auch Sofia Coppolas verwehtes, die Softpornoästhetik der Siebziger wiederbelebendes Kammerspiel. Tücher schweben, Blätter fallen. Nebel steigen. Lichtwalzen überrollen Lichtungen. Abendrot und Morgendämmerung spielen mit, während eine Sklavenhaltergesellschaft den Geist aufgibt. Die Plantagenbarone sind im Film genauso abwesend wie ihre Leibeigenen. Die Elevinnen in Miss Marthas marodem Palast sticken, musizieren und konjugieren, auch unter der Anleitung von Edwina Dabney (Kirsten Dunst), die ihren Bräutigam verloren – und, wie manche ungeküsste Witwe, das Unglück zur Kunst- und Daseinsform erhoben hat. Ungeübt, widerwillig und erstaunt verrichten die Frauen und Mädchen niedrige Dienste. Sie machen im Gemüsegarten den Rücken krumm und pflegen den Feind im Haus. Sie putzen sich für den Mann heraus. Sie wirken wie Schiffsbrüchige auf einer halbwegs komfortablen Insel. Sie vereint, eine andauernde Trennung von ihren Familien ertragen zu müssen. Sie sind Zurück- und Sitzengebliebene. Am Horizont der Abgesonderten hält die Nord-Virginia-Armee unter Robert E. Lee noch stand. Man hört den Donner der Kanonen und sieht Rauch aufsteigen. Der General wird bald in Miss Marthas Nachbarschaft, namentlich bei Appomattox Court House kapitulieren.
Die Mädchen stürzen zu den Fenstern, wenn eine konföderierte Patrouille vorüber zieht. Martha (Nicole Kidman) findet Gründe, den Yank McBurney nicht anzuzeigen und auszuliefern. Colin Farrell spielt den Hahn im Korb als Fuchs im Hühnerstall. Er zeigt einen vom Lebensmut blind gesteuerten Einwanderer, der für dreihundert Dollar das Soldatenlos eines anderen gekauft hat und leichten Herzens von der Fahne ging. Das ist nicht sein Krieg, aber sehr wohl der Krieg seiner Gastgeberin und ihrer Schützlinge, diese verblassenden Southern Belles. So vieles bedroht sie am Ende eines Zeitalters. McBurney bemüht sich bei jeder um das passende Kompliment. Mehr als ein bisschen Geklingel braucht es in keinem Fall, um ein Begehren groß werden zu lassen. Auf dem Siedepunkt der Erregung erwartet man den Schmierlappen gleichzeitig in drei Kammern. McBurney begeht einen Riesenfehler, indem er sich zu der Schülerin Alicia (Elle Fanning) legt und nicht zu Edwina, die sich als seine Braut betrachtet. Die Geprellte setzt das Werk einer Vernichtung in Gang. Martha nimmt im zweiten Schritt McBurney ein Bein ab. Dann geht Amy wieder in die Pilze. Ihre Solidarität bewahrt die Frauen. Das ist eine Lektion, die Martha den Mädchen erteilt. Die Hausherrin stellt die Ordnung wieder her. Sie verbindet Grausamkeit mit vollendeten Umgangsformen und zeigt sich so ihren Aufgaben gewachsen. Das ist sehr sehenswert.

USA 2017. Regie: Sofia Coppola. Mit Nicole Kidman, Kirsten Dunst, Elle Fanning, Colin Farrell


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