Silence

Von  //  3. März 2017  //  Tagged: ,  //  Keine Kommentare

silence-martin-scorsese-andrew-garfield-adam-driver-liam-neeson-1-22-at-10.34.40-PMa

Pleitegeier über dem Passionsweg
Martin Scorseses „Silence” ist christliches Kino

1633 schloss Tokugawa Iemitsu Japan von der Welt ab. Sein Shogunat beschränkte den Kontakt zu Europäern auf Vertreter der „Verenigden Oostindischen Compagnie”, die ab 1640 als Expatriierte auf einer stinkenden, aus dem Meerbusen vor Nagasaki ragenden, mühsamer Landgewinnung abgetrotzten Erhebung konzentriert wurden. So unbequem die Verhältnisse auch lagen, sie boten sich doch einer Monopolstellung zur Nachsicht an. Dass die Niederlande Portugal ausstachen, hatte jedenfalls auch diesen Grund: die Protestanten missionierten nicht. Anders als jene katholischen Imperialisten, die Japan am Ende der Magellanstraße „entdeckt” hatten und ihre koloniale Doppelstrategie (Rettung der Seelen, Plünderung der Ressourcen) nach Schema F repetierten. Tokugawa Iemitsu unterschied bei Ausländern lediglich zwischen westlichen und östlichen Barbaren. Unter seinen Leuten betrieb er Christenverfolgung im römischen Stil. In einer systematischen Betrachtung gehörte das zum Reichseinigungskampf. Japan hatte das deutsche Problem. Es zerfiel in Fürstentümer.

In diesen historischen Rahmen setzt Martin Scorsese einen Holzschnitt. Die Allegorie zeigt Jesuiten, die Jesus im Leid nachzufolgen bestrebt sind. Auf der Suche nach ihrem Ausbilder Ferreira (Liam Neeson), der als Missionar nach Japan ging und da, einem Gerücht zufolge, dem die portugiesischen Padres keinen Glauben schenken möchten, abtrünnig wurde, landen Rodrigues (Andrew Garfield) und Garupe (Adam Driver) 1636 im Schutz von Nacht und Nebel auf der verbotenen Insel. Ihr Führer ist ein durchtriebener, Gott bei Gelegenheit anrufender, dann wieder verleugnender Judas-Säufer. Zuflucht finden die Seelsorger in einer versprengten und verlausten Gemeinde. Zuerst erscheinen sie wie Helden einer Subkultur. Ihre Verhaftung stutzt sie bald auf ein klägliches Maß zurück. Eine Schlüsselszene deckt die Hybris auf. Rodrigues begreift seine Anmaßung, angesichts des von seiner Gegenwart verursachten Martyriums der Gläubigen und der beiläufigen Ermordung des glaubensfesteren Weggefährten. Alle sterben für seinen Ruhm – das ist die japanische Perspektive. Der Missionar bringt Leid nach Japan, indem er Bauern den Glaubensfloh ins Ohr setzt. Als Rodrigues endlich abschwört, erklärt der von Heiterkeit angehobene Provinzgouverneur und „Großinquisitor” Inoue (Issei Ogata): „Nicht ich habe Euch bezwungen, sondern Japan hat Euch belehrt.” Die Aussage kommt aus keinem mythischen Vorstellungskreis. Solange er kann, hält Rodrigues mit einer universalistischen Auffassung von Wahrheit und Göttlichkeit dagegen. Die Ansichten zerschellen an der normativen Kraft des Faktischen in dramatischen Szenen, die wie eine Schau musealer Meisterwerke wirken. Der Film sieht oft aus wie gemalt. Sogar die Folter soll mehr nicht sein als ein realpolitisches Instrument. Gefangene Christen behalten stets die Wahl. Sie dürfen vom Glauben abfallen, um einer Kreuzigung, dem Tod auf dem Scheiterhaufen oder im Wasser zu entgehen. Sie können ihr Leben mit einer Formalität retten. Ein Beamter des Inquisitors stellt das fest: Der Staat strebt keine Umerziehung an; Läuterung ist egal. Ihm reicht eine Geste. Verweigerer der (von hinten durch die Faust ins Auge buddhistischen) Entleerung werden mitunter mit dem Kopf nach unten aufgehängt. Den massiven Blutandrang leitet ein Halsschnitt nach außen. Scorseses in allzu großer Westbindung erstarrende Erzählung wechselt von – ewige Fragen zu Schuld und Verhängnis bebildernder – Epik zur kleinen Form des Tagebuchs. Ein Mann der Dutch East India Company tritt als Erzähler an. Seine Firma hat keinen hoheitlichen Status. Japan unterhält diplomatische Beziehungen zu einem Handelshaus. Die niederländische Regierung erwartet von den jährlich wechselnden Faktoreivorstehern, dass sie über den Betrieb hinausreichende Interessen wahrnehmen und die Vorteile abfischen, die sich aus dem Alleinvertretungsanspruch ergeben. Die japanische Verwaltung achtet streng darauf, dass mit dem erwünschten Transfer keine religiöse Konterbande die Konzentration verlässt. Rodrigues sorgt dafür im Verein mit Ferreira, der vor ihm tatsächlich abgeschworen hat, und die differenzierteste Figur eines Europäers im Film abgibt. Das liegt natürlich daran, dass Liam Neeson jederzeit freiwillig auf die Seite der Japaner wechseln würde. Für den erzählenden Kaufmann ist die Filzerei Frevel. Seine Wahrnehmung demontiert Rodrigues weiter Richtung seelischer Bankrotteur. Die Geschichte scheint dem gescheiterten Jesuiten alles zu nehmen. Weder mit Stolz noch mit Demut vermag Rodrigues etwas von seinem christlichen Erbe und der Großspurigkeit des Anfangs sichtbar zu bewahren. Die entscheidende Fragen lautet: Wie vordergründig ist die Verwandlung in einen integrierten Migranten? Darum geht es: Was kann ein aufs Äußerste herausgeforderter Mensch für sich behalten? Scorsese beantwortet die Frage nicht zuletzt mit der Widmung des Films. Seht.

Regie: Martin Scorsese, USA 2016. Mit Yosuke Kubozuka, Issei Ogata, Andrew Garfield, Adam Driver, Liam Neeson

Über den Autor

Alle Artikel von

Schreibe einen Kommentar

comm comm comm