Aalglatt über Leichen

Von  //  12. März 2017  //  Tagged: , , , , ,  //  Keine Kommentare

aalglatt

Wenn ein hartgesottener Polizist einen Mord an einem Friseurcoiffeur aufklären soll, dann sind die Türen offen für allerlei männerbündischen Schabernack. Wenn dem Haarkünstler dann auch noch das Maul mit einem Aal gestopft wurde, dann weiß man: hier regiert die Anarchie. Mittendrin in Christian Kesslers Debütroman wird dann aber spätestens klar: der Autor, der hier alles hätte versaubeuteln können mit einer Story, in der alles und immer viel zu viel möglich gewesen wäre, weiß die Pferde zu zügeln und sie wenigstens halbwegs auf Spur zu halten. Reiten ist schwierig, ich weiß, einen Roman schreiben auch. Es ist ein feiner Grat, auf dem Kessler hätte ausrutschen können: mit all dem überkochenden Irrsinn, den er hier hinein gepackt hat wie in einen großen Gulaschtopf – aber er hat das richtige Maß gefunden. Und damit einen ziemlich tollen, abwechslungsreichen und unterhaltsamen Roman abgeliefert. Und auch sprachlich ist der auf den ersten Blick so salopp daherkommende Krimi ziemlich genau und präzise gearbeitet. Die Pointen sitzen alle. Und oft sind die Pointen eben auch sprachliche Kleinigkeiten, wie man es von den Füllwortanhäufungen von Rainald Goetz kennt, oder von der schrägen crudeness eines Stilisten wie Wolf Haas.

Aalglatt über Leichen (was soll das eigentlich genau heißen?) ist ein unterhaltsames Husarenstück des bremer / gelsenkirchener Filmgelehrten und Autors der berliner Underground-Filmzeitschrift für Undergroundfilme Splatting Image, der hier mit seinem ersten Roman eine Mischung aus Kolportagenreisser und Hard Boiled-Krimi vorlegt. Thematisch bewegt sich das immer wieder an den (sicherlich einigen Lesern bekannten) kesslerschen Interesselinien entlang: wiederkehrende Verweise auf Film- und Pornospezifisches weisen den Weg durch das Dickicht eines bremer Kriminalfalls, der sich gewaschen hat. Die etwas erratischen und episodischen Vorgänge vor allem durchs „Millieu“ hätten insgesamt für meinen Geschmack etwas mehr Zug vertragen können, gleichwohl ist es eigentlich sowieso der – wie oben bereits angemerkte – markante Einsatz einer eigenen, kesslerspezifischen Sprache, der immer der Schalk im Nacken sitzt, die den Roman zum Lesegenuß werden lässt.

Heimlicher Höhepunkt des Romans ist ein erzählperspektivischer Purzelbaum, eine Meta-Episode, in welcher der Kommissar den Filmgelehrten Keßler höchstselbst (oder eine seiner literarischen Inkarnationen) in einer räudigen Kellerwohnung aufsucht, um einem Pornoring auf die Spur zu kommen. Und Kessler, der Pornonerd (für künstlerische Filme von ’70 – ’85) kann ihm freilich weiterhelfen. Kessler kann auch einen Computer bedienen, super – ganz im Gegensatz zu Kommissar Ernst, der eher so der Typ „klassischer Haudrauf“ ist. Verschmitzte Selbstironie kommt also ebenso zum Zuge – aber das dürfte niemanden verwundern, der das Schaffen des „Filmgelehrten“ in den letzten, ja, Jahrzehnten eigentlich auch nur halbwegs verfolgt hat. Man darf gespannt sein, wohin der Weg dieses Autors führen wird. Dieser Roman ist vielversprechend.

Aalglatt über Leichen; von Christian Keßler, Martin Schmitz Verlag 2013.

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Über den Autor

Michael Schleeh schaut vor allem asiatische Filme. Seit ein paar Jahren betreibt er das Blog SCHNEELAND und schreibt Reviews für verschiedene Webseiten. Indisches Regionalkino ist sein aktuellstes Ding. ~~ Michaels Filmtagebuch: http://letterboxd.com/schneeland/ ~ Michaels Twitter: @mono_micha

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