Legend of Tarzan

Von  //  5. August 2016  //  Tagged:  //  Keine Kommentare

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Antikoloniales Märchen. In “Legend of Tarzan” bleibt der Kongo schwarz.

Im späten 19. Jahrhundert suchten Zukurzgekommene ihren “Platz an der Sonne” in Konkurrenz zu den imperialen Großmächten wie etwa dem Osmanischen Reich. Kriterien für die völkerrechtliche Anerkennung von Kolonialbesitz wurden auf der Berliner Konferenz aka Kongo-Konferenz vom 15. November 1884 bis zum 26. Februar 1885 festgelegt. Man verhandelte ohne Beteiligung der Geschädigten in Otto von Bismarcks Reichskanzlerpalais. Das vereinte Deutschland zählte zu den Zukurzgekommenen in einer fast vollständig aufgeteilten Welt. In seinen kolonialen Defiziten glich es Belgien. Das Königreich Belgien sollte bald am Kongo neue Maßstäbe für Ausbeutung und Grausamkeit setzen. Auf dieser Folie isolierten Regisseur David Yates und die Drebuchautoren Adam Cozad und Craig Brewer eine Groschengeschichte von ihrem literaturgeschichtlichen Kern. Nur an einer Stelle ist alles wie gehabt. Der Sohn eines Lord verliert seine ausgebooteten Eltern im Kampf ums afrikanische Dschungeldasein. Besser angepasste Primaten übernehmen Führungsrollen im Leben des Waisen. Mit Liebe überschwemmt ihn die Alphapersönlichkeit Kala.
In der jüngsten Tarzanverfilmung erscheinen die Affen wie von einem anderen Stern. Sie wirken olympisch. Doch erst einmal entbehrt der Aristokrat die Gesellschaft der Freunde in London. Alexander Skarsgård spielt den Affenmann Greystoke als Übermenschen. Er erscheint staatsmännisch im Putinstil. Skarsgårds berühmtester Vorgänger, Johnny Weissmuller, der Tarzan meiner Kindheit (ein Schrei geht um die Welt) nimmt sich neben ihm wie ein einfältiges Kraftei aus. Dabei war Weissmuller eine Instanz. Unerschrocken machte er den Zuschauer zum Zeugen fehlenden Talents. Als erster Mensch hatte er die hundert Meter Freistil unter einer Minute geschwommen und war so zum Idol meiner Oma geworden. Außerdem war Weissmuller in den Augen meiner Oma und ihrer Tanten Deutscher wie im Grunde alle fähigen Amerikaner, siehe Wernher von Braun.
Skarsgård-Greystoke lebt ehelich zwar, aber kinderlos mit Jane (Margot Robbie). Gezeigt wird eine glühende Verbindung mit gelegentlich durchbrochener Entsagungsbereitschaft auf beiden Seiten. Man strebt auf die Bäume und in einen idealen Urzustand. Den Paradiesgeruch hat man noch in der Nase, die Zivilisation kam zu spät. Andere Kräfte sind stärker verankert. Intimität entsteht, wenn das Paar sich triebhaft in der Natur begegnet. Das viktorianische Zeitalter macht dann einen Bogen um es.
Sogar die Natur bleibt in England kühl. Das wäre gewiss kurioser, hätte es jemand darauf angelegt, die märchenhafte Vorlage von Edgar Rice Burroughs aufzuwerten. Ganze Regalreihen guter Bücher unterlagen Tarzan. Das Unbehagen in der Kultur endete in Afrika. Genau wie die Berliner Konferenz findet dieser Eskapismus im Film eine treffende Erwähnung. Die Welt feiert den unehelichen Sohn eines Hausmädchens. Mit fünf kam er ins Arbeitshaus, mit siebzehn brachte er den Atlantik zwischen sich und das Elend. In Amerika erfand sich das walisische Heimkind als Draufgänger neu. Er gab sich den Namen Henry Morton Stanley. Henry Morton Stanley fand den sagenhaften Afrikaforscher David Livingstone am Ostufer des Tanganyikasees – 1871 die Sensation!
Greystoke erreicht die Schauplätze seiner Kindheit in der Gesellschaft der Gattin und des Amerikaners George Washington Williams (Samuel Leroy Jackson), der eine moralisch angehobene Version von Stanley liefert. Wie nach ihm Malraux vertritt Williams den Standpunkt, dass kein Unglück weiterreichen müsse als der Lauf einer Schusswaffe. Er erwähnt Stanley als Überlegenen im Vergleich mit stammbaumgeschädigten Potentaten, die allenfalls höflich Applaus bekämen, wo der Afrikareisende stehende Ovationen kriegt.
Williams: “Die Menschen lieben gute Geschichten.”
Tarzan eilt Williams voran durch eine Galerie gibsonaler Apocalypto-Bilder. Man hilft sich, vollbringt Großes und stellt die Kolonialgeschichte auf den Kopf. Die eingesessene Bevölkerung stemmt sich (ermutigt von Williams, der sich als Genozidveteran zu erkennen gibt) geschlossen gegen das weiße Regime.
In einer Stunde der Überwindung größter Widerstände und Gegensätze, kurz vor der vereinigenden Mobilmachung von Mensch und Tier, erinnert sich Williams laut an die Indianerkriege, die zur restlosen Ausrottung ganzer Gesellschaften führte. Der abgeklärte Weltmann warnt: “Das hielten die vorher auch nicht für möglich.”

Greystokes Gegenspieler ist ein Vertrauter des belgischen Königs Leopold. Léon Rom lockt den Lord in eine Falle, er träumt von einem Vizekönigreich mit ihm als Spitzenfunktionär. Christoph Waltz nervt als Rom genauso wie als Kopfgeldjäger in Django Unchained. Er variiert kaum die hier wie da zum Besten gegebene Rolle des Mörders mit Manieren oder des manierierten Mörders mit Macke. Roms pathologischer Abgrund verfehlt das Anziehende. Er bringt Jane in seine Gewalt. Auf einem Raddampfer bemüht er sich um eine Liebende, die ihren Blick nicht vom Uferrelief abwenden kann. Lady Greystoke weiß, dass Tarzan hinter ihr her hechelt und dabei immer mehr zu dem Zwischenwesen wird, auf den sie als Tochter eines Wissenschaftlers im Urwald abfuhr. Ihr Wesen kreuzt Dian Fossey mit Jane Goodall. Da ist viel Verständnis für die Kreatur. Der afrikanische Fruchtbarkeitsexzess schließt sie schließlich ein. Einer triefenden, mit Kitschsucht nicht mehr zu entschuldigenden Szene dient der nächste Lord Greystoke als Schlusspunkt.

USA 2016, Regie: David Yates, mit Alexander Skarsgård, Margot Robbie, Christoph Waltz



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