The Lobster

Von  //  31. Juli 2016  //  Tagged:  //  Keine Kommentare

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Erotischer Frost in der Liebesverbotszone. Im Wald kann die Liebe tödlich sein – Yorgos Lanthimos erzählt in einer traumatisierenden Sprache von einem Mann, der beinah zum Hummer geworden wäre.

Bob hat es nicht geschafft. Jetzt läuft er an der Leine. Als Hund existiert er in Abhängigkeit von seinem Bruder, den ein ähnliches Schicksal erwartet. David ist fast normal verkorkst, ein Würgeengel der Verwirrung hat ihn zum Halbautomaten gemacht. Bevor der Zuschauer die Chance kriegt, sich an David festzuhalten, schleudert seine Wahrnehmung in Kurven einer Anderswelt, die aber in unserer Realität verankert ist. Yorgos Lanthimos erzählt “The Lobster” in einer traumatisierenden Sprache. Die Suggestionen sind so stark, dass man von ihnen aus der Zuschauersouveränität gesaugt wird.
Der Film schlägt seinen Betrachter und trifft dessen “Wirklichkeitssinn” (Robert Musil). Wer weiß, ob man aus dem Tunnel der Anspannung nicht direkt in den Raum der Verwandlung gelangt.
Colin Farrell spielt den Hüter eines Hundebruders. Das Tier seiner Wahl ist der Hummer. Eine hohe Lebenserwartung macht David die Kruste schmackhaft. Seine Macken sind mittelständisch und überragen kaum die bekannten Margen. Da will einer einfach nur funktionieren in einem totalitären System. Nach einer gescheiterten Beziehung führt ihn ein vorgeschriebener Weg zu einem Waldhotel wie es auch für die Nationalmannschaft eines eher unbedeutenden Landes für gemeinschaftlich begangene innere Einkehr in Betracht käme. Ein paar Sachen sind hochmodern, andere verbreiten den obsoleten Charme von Pensionen an der Schwelle zu Jugendherbergen.
Vor Ort verknüpft sich Davids Aufgabe mit einer Frist. Ein Zeitkredit von fünfundvierzig Tagen trennt ihn von der Entmenschlichung. David zweifelt nicht an der Rechtmäßigkeit der künstlichen Verknappung. Willfährig trabt er über einen Parcours von Verboten, Einschränkungen und Gewährleistungen mit dem Ziel, rechtzeitig eine Frau zu finden, die auf der Grundlage von Liebe und Treue seine Gattin zu werden verspricht.
Die Spielanordnung leuchtet ein. Eine Gesellschaft, die keine Alleinstehenden duldet, konzentriert ihre Außenseiter und bietet ihnen auf dem Campus der Konzentration eine letzte Chance. Die näheren Umstände verkarsten zwischen Kommunion, Regression und erotischem Frost. Ein Hausmädchen trainiert Davids Erektionsfähigkeit wie von Chabrol in Szene gesetzt. Alle Freiheitsversprechen und Individualitätsformate verraten ihre Konfektionsgrößen. Ist alles nur von der Stange und wäre als Maßarbeit die größte Lüge. Mit Jagderfolgen lässt sich die solistische Spanne verlängern. Gejagt werden Einzelgänger, die sich den staatlichen Regelungen im Wald entzogen haben und sich da genauso despotisch organisieren wie ihre Verfolger. (Liebe ist verboten. Enttarnte Verliebte erleben dramatische, burlesk bezeichnete Bestrafungen.)
David wehrt sich nicht gegen Entmündigung. In seiner Not findet er zurück zu den Artigkeiten des Wohlerzogenen in den Stadien natürlicher Abhängigkeit. Er akzeptiert die Schergen der Macht als brutalisierte Stellvertreter der Eltern, sein Opportunismus erscheint sinnlos getrennt vom Überlebenswillen in einer sadistisch den Menschen zur Ölsardine verkürzenden Ordnung.
Er täuscht eine Gefühllose mit lauen Kältedarstellungen, bis sie eine Probeehe akzeptiert. Doch durchschaut sie den Betrug nach einem tödlichen Experiment mit Bob. David platzt der Kragen, bald bleibt ihm nichts als den Gejagten sich anzuschließen. Ausgerechnet in der Liebesverbotszone gehen ihm die Augen über beim Anblick einer Kurzsichtigen. Rachel Weisz spielt das Objekt der Begierde als unbedingt urbanes Subjekt. Ihre Verhältnisse im Herrschaftsgebiet von Stock und Stein lassen sie noch lange nicht wie eine Dauercamperin aussehen. Der Zuschauer erholt sich kaum in ihrer Gegenwart. Die furchtbare Filmfahrt erreicht ein freundliches Ufer dann doch nicht.
Das verbotene Paar entwickelt eine Zeichensprache, es lernt Zweisamkeit im Verborgenen. Es steht unter der jungfräulichen Aufsicht einer Führerin, die zu ihrem Vergnügen drakonisch wird.

P.S.
Man kann den Film ganz anders sehen, eben las ich, es haben sich welche den Arsch abgelacht. Ich zitiere William Lee: “Laughed my ass off. This movie does nothing but poke fun at the patriarchal stereotypes of being in a relationship or being single. But I can also understand the type of needy people who may not find this movie funny or even understand it. Enough said, back to my electronic music.”
Auch die SZ nennt “The Lobster” eine Satire.

Irland/Großbritannien/Griechenland/Frankreich/Niederlande 2015, Regie: Yorgos Lanthimos, mit Colin Farrell, Rachel Weisz, Jessica Barden, Léa Seydoux


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