High-Rise

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Man braucht nur mit der Hand sanft über die weite Fläche des Sichtbetons streichen und weiß eigentlich sofort, dass man hier drin leben will. Das Dach ist weit und flach, ragt dabei unbefangen bis ganz hoch in den Himmel. Die Öffnungen sind nach allen Seiten so geschnitten, dass ein frischer Wind den Kopf gleichsam freibläst wie Dich sanft betäubt. Bei der Einweihungsparty (die nun schon drei Jahre währt) sitzen Stanley Kubrick und Tyler Brûlé tief versunken im weichen Orange der Möbel ganz nah beieinander. Edwige Fenech trabt nackt auf einem weißen Schimmel entrückt an einem vorbei und pflückt dabei die Discokugeln von der Decke, während draußen auf dem Parkplatz ein Rudel weißer Wölfe die Béton-Brut Architektur anheult. Zwischen brennenden Autowracks. England im Kaleidoskop. Im Sturzflug. Jetzt und mit großer Vergangenheit. Und ich trage ja wenig Bücher so nah am Herzen, wie JG Ballards HIGH-RISE (dessen wundervolle Suhrkamp-Taschenbuchausgabe HOCHHAUS von 1995, so erfuhr ich heute morgen erst, aktuell nun völlig zu Recht bei antiquarischen 50,86 EUR liegt). Ben Wheatleys in die Wolken ballernde Festtagsverfilmung nimmt sich diesem Grundstein gegenüber zum Glück alle Freiheiten. Zu meiner großen Freude nicht in dem Sinne, alles nun soviel fröhlicher zu machen. Fröhlich ist dieser tatsächlich verdammt lässig meisterhaft inszenierte Kinofilm wohl nur in dem Sinne, wie Kubricks A CLOCKWORK ORANGE eben auch ganz eigenwillig fröhlich war. Bitter & hemmungslos und dazu von einer ähnlich feinen Kälte durchzogen. Selbst jetzt, im Hochsommer, wenn die Luft über dem weiten Flachdach zu flirren beginnt, wenn das Hallenbad im 35. Stock dampft wie ein Gewächshaus, wenn die gelbe Plastikbespannung der Sonnenliege mit der Haut verschmilzt, benötigt es Dank der mondänen Kühle in dieser Kinoarchitektur ganz sicher keiner Klimaanlage. Palasthafter Feinfrost. Kein Problem, hier bei 35 Grad im Drumherum Anzug zu tragen. Slim-Fit. Eng-anliegend. Scharf geschnitten. Geil.

High-Rise, England 2015, Regie: Ben Wheatley



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Über den Autor

SEBASTIAN SELIG lebt im Kino und schreibt darüber in so bunten Magazinen wie Hard Sensations, NEGATIV oder der Deadline. Im vergangenen Jahr hat ihn seine unermüdliche Begeisterung für das Kino dazu getrieben, einen Kinostart von "Under the Skin" im deutschen Sprachraum durchzukämpfen.

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