Frauen

Von  //  5. Mai 2016  //  Tagged: , ,  //  Keine Kommentare

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Soll ich mir den Sack rasieren oder lieber nicht? Dreißig Jahre nach Doris Dörries Komödie “Männer” spielt Heiner Lauterbach in “Frauen” wieder einen Mann, der (fast) alles kann.

K.O. Schotts Reichtum schweift ins Sagenhafte aus. Seine Scheidungen sind so teuer, dass man mit den Abfindungen Staatshaushalte sanieren könnte. Zudem liefert Schott eine mehr als passable Erscheinung ab. Er setzt einen Maßstab für greise Eleganz. Der Film startet mit einer Landung beinah. Der Landung voraus eilt eine Absturzszene an den Zuschauererwartungen vorbei. Der freie Fall erscheint bis zur Katastrophenunterbrechung unvermeidlich. In einer rasanten Rückblende kommt dann alles wie gehabt ganz anders. Der narrative Anfang zeigt Schott schneidig in einem Schock himmlischer Flugbegleiterinnen. Die Szene zitiert Leonardo DiCaprios von Stewardessen flankierten Durchmarsch als falscher Kapitän Frank Abagnale auf einem Flughafen in “Catch me if you can”. Anders als Abagnale ist Schott kein Hochstapler. Infolge einer Verwechslung gerät der Industrielle an den ungeschickten Rüdiger Kneppke. Martin Brambach spielt Kutscher Kneppke mit offenem Mund vorsätzlich tumb. In seiner Rolle sieht Brambach dem Gladbecker Geiselnehmer Dieter Degowski bis zum fettfeuchten Schwundhaar erschreckend ähnlich. Kneppke reißt Witze, bis Schott das Lachen vergeht. Zu den beiden gesellt sich Lis Tucha (Blerim Destani), der von seiner Hochzeit abgehauen und nun auf der Flucht vor den Brüdern der Braut ist. Tucha bringt sich als Kidnapper rührend ins Spiel. Der Mazedonier verwahrt sich gegen falsche ethnische Zuordnungen, “ich bin gar kein Türke”, und verteidigt die Rechte der Frauen gegen zwei Chauvinisten aus Verzweiflung.
Ja, Verzweiflung. Schott kann alles außer Frauen. Er geht mit Kneppke dem Defizit auf den Grund. Seine Einsichten sondert Schott mit äußerster Distinktion ab, das ist komisch.
Tucha tritt wie ein Pädagogikstudent zu der Zeit auf, als “Männer” Fernsehspielfurore machte. Der Flüchtling wird als Entführer zum guten Geist der Notgemeinschaft.
Dem Trio geht der Sprit aus. Gejagd von Wochendrockern, die unter der Woche extrem bürgerlichen Beschäftigungen nachgehen, bringen die Drei fern jeder Tankstelle einen Keiler zur Strecke. Nun schlägt die Stunde von Waidmann Schott. Auf der Wildbahn triumphieren seine maskulinen Vorsprünge, er reüssiert mit einem Kräutersalat, den er zu gepfähltem Schwein reicht.
Schotts Reise in die tiefe Provinz wird zum Trip der erzwungenen Entschleunigung. Dies zu einem Mission Impossible beerbenden Soundtrack. Gelegentlich beten die Trapper wider Willen “Eure Mütter” nach: “Soll ich mir den Sack rasieren oder besser nicht? Vermutlich muss ich einsehn, so etwas wird langsam Pflicht. Und wenn ich schon dabei bin, rasier ich bis hoch zum Bauch. Und komm was solls, Mensch dann rasier ich mir das Arschloch auch.”
Plötzlich steht die versetzte Braut mit einem Stoßtrupp außer Rand und Band geratener Virilitätsperformer im Wald. Der Rest ist eine Geschichte, die man sich nicht entgehen lassen sollte.

Deutschland 2016. Regie: Nikolai Müllerschön, mit Heiner Lauterbach, Martin Brambach, Blerim Destani, Victoria Mirovaya, Mark Keller, André Hennicke


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