Wild

Von  //  13. April 2016  //  Tagged: , , , , ,  //  Keine Kommentare

Bildschirmfoto 2016-03-25 um 19.36.00

Auf dem Weg von der engen, verträumten Wohnwabe in das weite Industriegebiet mit dem Büro kreuzt man den schmucklosen Stadtpark. Hinter der kaputt-domestizierten Grün- (man will lieber schreiben Grau-)Fläche, ragt dort noch etwas Wald auf. Gestrüpp und Dickicht, durchzogen von einer ungerührten Bahntrasse. Dort begegnet Ania (Lilith Stangenberg) ein Wolf. Und das ist dann so ein Moment, als würde man in dem kleinen, stickigen Büro, durch den engen Fensterspalt mit dem vertrockneten Farn davor, plötzlich einen Luftzug über das Gesicht streichen spüren. Was ganz Großes. Was Gewaltiges.

Keine Ahnung, warum wir irgendwann vielleicht geglaubt haben, der eine vertrocknete Farn da oben, würde genügen. Warum wir nicht schon früher im deutschen Kino unserem Gefühl gefolgt sind. Gespürt haben, da gibt es doch noch unendlich mehr zu umarmen, wie immer wieder nur Text und kleine Fernsehfilm-Bilder. Da draußen floss so lange schon ein ungezähmter Fluss an unserer streng linearen Plattenbausiedlung vorbei. In den muss man sich nur trauen reinzuspringen und schon ist es dann eben doch ganz nah und für jeden zu spüren: richtiges Kino, kein Fernsehen. Ein Film, den man in jedem Moment fühlt, schmeckt, riecht – voller ganz unmittelbarer Berührung.

Kino, wie es sinnlicher nicht sein kann. Atmosphärisch und dicht, als wäre das hier nicht WILD, der Förderfilm, bei dem jemand umsichtig das Jackett über den Stuhl gehängt hat, statt es, wie nach dem Liebespiel von sich geworfen, auf dem rauen Polyesterteppich einfach mal genau so liegen zu lassen, sondern eben WILD, aufregendes, freies Kino mit ganz großen, unaufhörlich ineinandergreifenden Bildern und so in jedem Moment reiner cinephiler Kinosex. Und ja, das kommt als gute Nachricht noch dazu: trotzdem gefördert. Die Film- & Medienstiftung NRW, wie auch Mitteldeutsche Medienförderung, DFFF und FFA (Drehbuchentwicklung) haben mitgeholfen hier einen echten Leuchtturm entstehen zu lassen.

Ein geradezu richtungsweisendes Geschenk, wie es dem deutschen Kino, in den vergangen rund 30 Jahren, in dieser Intensität, wohl nicht noch ein zweites Mal gemacht wurde. Nicolette Krebitz ist mit WILD wirklich etwas ganz gewaltiges gelungen. Sie hat den Steinbruch Deutsches Kino, einfach mit ganz viel Liebe und Leidenschaft hemmungslos aufgerissen und plötzlich wächst da ein Schilfwald heraus, dessen Ähren einem klebrig geil über das Gesicht streichen und dessen präzis scharfen Blätter durchaus ein tiefes Einschneiden nach sich ziehen. Modernes, unmittelbares Spür-Kino auf höchstem internationalen Niveau. Zurecht in Sundance & Rotterdam gefeiert. In einem Atemzug mit Meisterwerken wie UNDER THE SKIN von Jonathan Glazer oder ICH SEH ICH SEH von Veronika Franz und Severin Fiala zu nennen.

Mit einer furchtlos intimen Power-Performance von Lilith Stangenberg im Zentrum. Ein unbekümmert zartfühlend die ganz wilde Berührung schenkendes Spiel mit dem Feuer. Die deutsche Filmgeschichte mit einem Rutsch über 20 Stockwerke hinweg ungehemmt überflügelnd. Sehr toll auch Georg Friedrich, als hier irrlichternd zwischen Telefon und Landstraße aufstampfender Selbstzerstörer. Überhaupt, was für ein durchweg untheatralisch toll durchgespielter Film. Hach…die Vietnamesinnen… und dann sitzt da im Büro sogar noch Pit (DER SAMURAI/DER BUNKER) Bukowski, der wie kein zweiter Schauspieler in Deutschland wohl gerade den richtigen Blick für tolle Projekte zu haben scheint.

Ich glaube, das war es jetzt mit dem verklemmten Leinenzwang. Ab jetzt gilt, wildes Kino ist eben doch möglich. Auch bei uns.

Wild, Deutschland 2016, Regie: Nicolette Krebitz



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Über den Autor

SEBASTIAN SELIG lebt im Kino und schreibt darüber in so bunten Magazinen wie Hard Sensations, NEGATIV oder der Deadline. Im vergangenen Jahr hat ihn seine unermüdliche Begeisterung für das Kino dazu getrieben, einen Kinostart von "Under the Skin" im deutschen Sprachraum durchzukämpfen.

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