Das Ei als Ei wieder entdecken – Ein Gespräch über den Film DER BUNKER

Von  //  14. Januar 2016  //  Tagged: ,  //  Keine Kommentare

Der Bunker

Haben Sie den „Bunker“ gesehen?
Ja, das war schon ein außergewöhnlicher Film, also einer, den man nicht gewohnt ist. Ungewohnt. Man hat keine geistige Bleibe, keine Schubkästen, in denen man das Gesehene unterbringen kann.
Und um was ging es denn?
Um einen Studenten, der bei einer Familie in einem Bunker im Wald lebt und den Sohn unterrichtet.
Ist denn Krieg?
Krieg?
Weil die im Bunker leben.
Das weiß man gar nicht so genau. Vermutlich nicht, aber man sieht von der Welt nichts. Alles beginnt im Wald. Dort stapft der Student zum Bunker.
Wie heißt der Student denn?
Student halt. Und der Vater ist der Vater. Und die Mutter ist die Mutter. Und der Sohn heißt Klaus.
Der Sohn hat also einen Namen?
So ein Kind braucht einen Namen. Aber leicht hat er es nicht. Der Student soll ihn unterrichten, um seine Schulden abzuarbeiten.
Schulden?
Kloßschulden. Er hat mit den Leuten gegessen und schon hat er Schulden.
Und er unterrichtet den Sohn?
Was nicht einfach ist. Der Klaus will oder kann nicht, aber dank des Rohrstocks lernt er schließlich doch.
Es ist also ein Film über Erziehung?
Die krankhafte Form davon. Sie kennen doch diese Eltern, die ihr Kind trimmen, die es bürsten und striegeln und fordern, damit es einmal Karriere macht. Und so ist das mit dem Klaus und seinen Eltern auch.
Oh, das ist ja schrecklich.
Schon schrecklich. Und der Student spürt es und lädt den Klaus zum Spielen ein, beziehungsweise er muss es ihm erst beibringen.
Das Spielen einem Kind?
Ja, weil der Klaus nie gespielt hat. Vermutlich weil die Eltern Angst hatten, dass er sich als Kind entdeckt. Aber als Kind muss man spielen.
Und wie geht es mit dem Klaus aus?
Alles kann ich nicht erzählen, dann müsste man ihn sich ja nicht mehr ansehen.
Und Ihr Fazit?
Fazit, hm. Am Ende dachte ich, es ist ein Film, der wild und verrückt ist, einer, der nicht ganz richtig im Kopf ist. Als der Student sein Zimmer besichtig, sagt er zum Vater: Hier kann ja kein Licht hinein. Und der Vater antwortet: Aber auch keines hinaus. Logisch und surreal zugleich. Eine Antwort, die von Dali stammen könnte, der mal, als er gefragt wurde, was er aus dem brennenden Louvre retten würde, geantwortet hat: Das Feuer!
Das kann man aber nicht ganz vergleichen.
Na, vielleicht, aber der Bunker ist schon sehr surreal, wie der Klaus, der kein Kind ist, sondern von einem Erwachsenen gespielt wird. Der Vater ist ein schmieriger Typ, die Mutter eine, die von einem außerirdischen Wesen heimgesucht wird, das in sie fährt und durch sie spricht. Unheimlich ist das, wie im Exorzist. Kennen Sie den?
Oh ja. Ist es also ein Horrorfilm?
Alles in einem: Groteske, Komödie, Horrorfilm. Am Ende bekommt man ihn nicht zu fassen. Man denkt wieder und wieder über ihn nach. Aber es könnte auch sein, dass man da bereits auf den Film hereingefallen ist. Am Anfang des Films spricht der Vater über ein Spiegelei. ‚Ein fantastisches Ei, das Äußere mit einer Tendenz ins Gegrillte. Wobei das Innere Lebensbejahung ausstrahlt.‘ Aha, denkt man. Am Ende ist es aber nur ein Ei, verstehen Sie mich. Und vielleicht spricht der Film darüber, über unsere Bildungswütigkeit, unsere Interpretationssucht. Und vielleicht fallen wir eben an der Stelle, wo wir ihn deuten wollen, schon auf ihn herein. Hinsehen. Das kann manchmal ausreichen. Es so nehmen, wie es erzählt wird. Das Ei als Ei wieder entdecken, wenn Sie verstehen, was ich meine.

Der Bunker, Deutschland 2015, Regie: Nikias Chryssos

Der Film startet am 21. Januar in den Kinos und wird Mitte nächsten Jahres bei Bildstörung auch auf DVD & Blu-ray erscheinen. Ganz aktuell hat er es bereits in die Vorasuwahl für den Deutschen Filmpreis 2016 geschafft.


Über den Autor

Er kam, sah und schrieb. Der Schriftsteller Guido Rohm , geboren 1970, lebt und raucht in Fulda. Romane von ihm tragen sensible Titel wie „Blut ist ein Fluss“ und „Blutschneise“.

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