Es ist schwer, ein Gott zu sein

Von  //  23. Dezember 2015  //  Tagged: , , , , ,  //  1 Kommentar

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In „Kentucky Fried Movie“, dem ersten Sketchfilm aus der Feder des späteren Erfolgstrios Zucker/Abrahams/Zucker, gibt es das Segment „Gefühlsaktives Kino“. Es basiert auf der Idee, dass eine eigens für jeden Kinozuschauer abgestellte Person die Ereignisse des Films für diesen simultan „fühlbar“ macht: Parfüm wird ihm in die Nase gesprüht, er bekommt eine Ohrfeige oder auch einen Kuss. Es ist eine besonders strenge und wortwörtliche Umsetzung der Idee von Immersion, die Kinovisionäre seit Jahrzehnten beschäftigt und die unter anderem dazu führt, dass uns ungefähr im 30-Jahres-Zyklus die 3D-Technologie als logischer „nächster Schritt“ auf der Evolutionsleiter verkauft wird. Schaut man sich Aleksey Germans Schwanengesang „Es ist schwer, ein Gott zu sein“ an, bemerkt man zum einen, dass es keiner technischen Hilfsmittel bedarf, um das Publikum tief in eine fremde Welt zu ziehen, zum anderen wie gut es ist, dass da immer ein Rest allein unserer Vorstellungskraft überlassen bleibt: Wenn man Germans Film tatsächlich riechen, schmecken, fühlen könnte, man würde nach kürzester Zeit schreiend den Saal verlassen – oder beherzt auf die Sitze kotzen.

Die Verfilmung des Romans der Brüder Strugatzki – ein Klassiker der anspruchsvollen Science-Fiction-Literatur – entführt den Zuschauer gleich in doppelter Hinsicht in eine fremde Welt: in die eines auf einem anderen, der Erde ähnlichen, aber in der geschichtlichen Entwicklung ca. 800 Jahre hinterher hinkenden Planeten angesiedelten, finsteren Mittelalters voller Schlamm, Blut und Fäkalien, aber auch in eine, in der Film sich von sämtlichen gängigen Regeln von Narration, Dramaturgie, Struktur und Perspektive völlig befreit hat. In einer – so fühlt es sich zumindest an – dreistündigen Plansequenz folgt er dem „Protagonisten“ Don Rumata (Leonid Yarmolnik), einem irdischen Wissenschaftler, der die Mission hat, die Entwicklung auf dem Planeten zu dokumentieren und passiv zu beobachten, wandert mit ihm – anscheinend ziellos – durch diese Welt, hängt ihm eng am Rockzipfel oder nimmt auch mal seine oder eine andere Perspektive ein, watet mit ihm durch den Morast, kämpft sich durch schlammige Gassen voller Unrat, durch die labyrinthischen Festungen verfetteter, vulgärer Despoten und ihrer körperlich oder seelisch verkrüppelten Diener. Außer in einem kurzen, per Voice-over eingeschalteten Kommentar zu Beginn erfährt der Betrachter fast nichts über diese Welt oder die Umstände von Rumatas Mission, wird mit kryptisch hingemurmelten Dialogzeilen und einem unüberschaubaren Heer handelnder Figuren alleingelassen, muss mit Rumata immer weiter, immer tiefer in den Wahnsinn mitgehen, darauf hoffend, dass der den Überblick noch nicht verloren hat. Es stellt sich bald eine beinahe körperlich fühlbare Erschöpfung, Atemlosigkeit und Deorientierung ein, ständig wird man bedrängt von unbekannten Menschen, die sich ins Bild schieben, oft direkt in die Kamera glotzen, von Requisiten, deren Funktion ungewiss bleibt, von Wänden, die immer näher kommen, schnappt Wortfetzen auf, deren Sinn man nicht versteht. Als die Kamera sich nach gefühlten Stunden endlich wieder einmal in eine ruhende Totale niederlässt, fühlt man sich wie der lebendig Begrabene, wenn nach stundenlanger Ungewissheit und Dunkelheit endlich der Sargdeckel geöffnet wird, freundliches Sonnenlicht und frische Luft hereinströmen. Manchmal meint man, in diesem nicht enden wollenden Gewimmel zu versinken, spürt schon den schwarzen Schlamm an der Unterlippe, doch dann bekommt man soeben noch einen dünnen, hlabmorschen Ast zu greifen, an dem man sich aus dem Morast herausziehen kann. Die 180 Minuten durchzustehen, zu durchleiden, hat durchaus auch etwas von Arbeit. Aber sie lohnt sich.

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Statt großer, folgenschwerer oder gar heldenhafter Taten ist „Es ist schwer, ein Gott zu sein“ vor allem ein Film der reflexhaften- oder gewohnheitsmäßigen Bewegungen: Rumata greift ständig in Unrat, muss sich Finger und Hände abwischen, Getier und Gewürm von Gegenständen puhlen, sich Wasser ins Gesicht schütten. Figuren beschweren sich über Gestank, riechen an den Dingen, die sie festhalten oder aufheben, um zu prüfen, wo er herkommen mag. Es wird viel ausgespuckt, Körperausdünstungen, Kot, Kotze, Blut, Pisse, Rotz und Schleim spielen eine ebenso wichtige Rolle wie körperliche Gebrechen, Behinderungen und Missbildungen, Verstümmelungen, Leichen und abgetrennte Gliedmaßen. Eine Szene beginnt mit der Großaufnahme eines Eselspenis, und wenn das Tier sich dann in Bewegung setzt, gibt es den Blcik frei auf einen Mann, der auf dem Abort sitzt und dort sein Geschäft verrichtet. Er steht auf, macht den Verschlag für die schon bereitstehende nächste Person frei und greift sofort einer nach vorn gebeugten Frau an den Arsch. Es entsteht das Bild einer in ihrer Körperlichkeit unerträglich übergriffigen, nahezu geistlosen Welt, die unaufhaltsam verrottet und verwest. Noch nicht einmal die Luft gibt sich nicht mit ihrem gasförmigen Aggregatzustand zufrieden: Entweder schüttet es aus Eimern, mit der Folge unerträglicher Schwüle, oder dicker Nebel vermischt sich mit dem Rauch von glimmenden Feuern.

„Es ist schwer, ein Gott zu sein“ erzählt von einer Odyssee in Tod und Wahnsinn: Der Wissenschaftler, der doch nur passiv beobachten, in die Entwicklung nicht eingreifen soll, gerät immer mehr an seine moralischen Grenzen und muss sich die Frage stellen, ob er sich als solch untätiger Beobachter nicht mitschuldig macht an dem Horror, der sich vor seinen Augen abspielt. Was kann man ertragen, wann muss man eingreifen? Und ist geschichtlicher Fortschritt ohne Terror und Blutvergießen überhaupt möglich? Der Mensch ist in Germans Vision unrettbar verloren, gefangen in einem Netz politischer wie ethischer Verstrickungen und Widersprüche. Man macht sich immer die Hände schmutzig, ganz egal, wie man sich verhält. Es ist angesichts dieser bitteren Erkenntnis kein Wunder, dass Aleksey German fast ein halbes Leben an diesem Film gearbeitet hat. Schon kurz nach Erscheinen des zugrundeliegenden Romans im Jahr 1964 machte sich der Regisseur an ein Drehbuch, doch erst rund 35 Jahre später, im Jahr 2000 konnte er mit den Dreharbeiten beginnen, die sich über sechs Jahre hinzogen. Schauspieler und Crewmitglieder verstarben, nach der letzten Klappe begann die aufwändige Postproduktion, die Aleksey German nicht mehr vollenden konnte: Er verstarb 74-jährig im Jahr 2013 und übergab die Fertigstellung seiner Gattin und seinem Sohn. Es ist ein kleines Wunder, dass uns dieser torfige Bastard von einem Film heute vorliegt. Als habe man ihm durch einen Akt des nackten Willens dem gefräßigen Moor entrissen.

Russland 2013, Regie: Aleksey German.


 

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Lebt in Düsseldorf, schaut Filme und schreibt drüber.

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