VoD: Alléluia – Ein mörderisches Paar

Von  //  17. Oktober 2015  //  Tagged: , , , ,  //  2 Kommentare

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Fabrice du Welz, ein aus Belgien stammender, begnadeter Regisseur, der mit seinen Genre-Filmen CALVAIRE (2004) und dem -stark verstrahlten-  VINYAN (2008) einige Achtungserfolge einfahren konnte, mit Filmen, die so viel innere Power hatten, dass man mit ihnen den deutschen Genrefilm alleine hätte retten können, legt hier nun seinen neuesten Film vor. Und man muss es in aller Deutlichkeit sagen: es ist jammerschade, dass der Film nicht im Kino zu sehen war (außer in Belgien, Frankreich und den Niederlanden lief er ausschließlich auf Festivals). Denn auch ALLÉLUIA überzeugt wieder mit einer großartigen Kameraarbeit und einem suggestiven Soundtrack, der neue, ungewohnte Bilder des Horrors und der Verstörung auferstehen lässt und dennoch durch seine völlig geradlinige Story den Zuschauer zu fesseln vermag. Du Welz ist im übrigen einer der ganz wenigen Regisseure, die völlig ohne jump scares auskommen – ein weiterer Beleg für dessen großes Können. ALLÉLUIA ist eine äußerst gelungene Verknüpfung von visuellen Überraschungen, tristen Landschaften, furchtbarer Brutalität und einem Sehnen nach Nähe und Liebe, die eine konsequente Spannung über den gesamten Film aufbaut. Eine, die selbst am Ende des Films, wenn die Credits schon auf der Leinwand erscheinen, nicht aufhören will und zum Immer-Weiter drängt wie über den Film hinaus.

Der Film beginnt früh mit einem großartigen Moment: es ist ein Lächeln. Die Leichenwäscherin Glória (Lola Dueñas) führt ein tristes Leben und bringt sich und ihre Tochter gerade so über die Runden. Da lernt sie über eine Webseite Michel (Laurent Lucas) kennen, und schon beim ersten Treffen sind ihre gegenseitig empfundenen Sympathien unübersehbar. Michels Drängen hinterlässt zwar ein ungutes Gefühl im Magen, aber das Lächeln, das sich nach der ersten Nacht auf Glórias Gesicht abzeichnet, ist wunderschön. Nach ein paar Tagen leuchten auch ihre Augen, und da ist sie wirklich ein anderer Mensch. Michel hat sich bereits bei ihr eingerichtet und braucht Geld. Ja, sie wird abgezockt, man riecht es meilenweit, aber sie will ihm unbedingt vertrauen, diesem fremden Mann, der sie so glücklich macht. Es ist ungemein berührend, dieser Beginn. Und umso schrecklicher, als sich der Verdacht des Betrugs schließlich bestätigt. Michel ist ein Heiratsschwindler. Nun aber der erste Twist des Films: Glória lässt sich nicht abschütteln. Sie spürt den Flüchtigen auf und ihre bedingungslose Liebe kann selbst ihn erschüttern. Der Vorschlag, gemeinsame Sache zu machen, lässt schließlich ein äußerst gefährliches Gangsterpärchen entstehen – und wie sich herausstellt, ist Glória in ihrer Verlustangst schon bald bereit noch sehr viel weiter zu gehen, als der sonst schon sehr dominante Michel. Vor allem dann, wenn sie eifersüchtig wird.

Die reale Geschichte der Lonely Hearts Killer sei die Vorlage zu diesem Film, was ihn weder besser noch schlechter macht. Die Intensität kommt schließlich nicht (nur) durch das Morden der unschuldigen Opfer, sondern durch die faszinierende Inszenierung der zwischenmenschlichen Dynamiken (und lenkt damit subtil die Sympathiebewegungen des Zuschauers), die du Welz den gesamten Film über auf dem gleichen hohen Niveau zu halten vermag. Auch zwei gemeinhin als faux pas gewertete Stellen können die suggestive Kraft nicht zerstören, ganz im Gegenteil, sie tragen zur Verstörung eher noch bei: einmal, gleich zu Beginn, ein direkter Blick Glórias in die Kamera, einmal später dann ein gesungenes Lied, das sie zu zeitgleich extradiegetisch laufender Musik anstimmt. Diese Verfremdungseffekte sind äußerst beeindruckend eingesetzt und creepig effektiv. Ansonsten finden sich etwa ungewöhnliche Perspektiven in Schuß-Gegenschuß-Dialog-Szenen, Bild-Ton-Scheren, extreme close-ups, die den Blick des Zuschauers gefangen nehmen, Panoramen von Waldwegen, die überhaupt keine Panoramen sein können, Neonlichtexzesse wie von Gaspar Noé oder Claire Denis. Mit einem 80er-Jahre Trendelektrosound geht es dann Richtung Finale, aber freilich, du Welz wirft den Verzerrer an, und im rauschenden Noise findet der Film dann einen Schluß, der kein Ende ist. Unbedingte Sehempfehlung!

Zur Veröffentlichung:

 ALLÉLUIA – Ein möderisches Paar ist am 16. Oktober 2015 beim Label Pierrot le Fou als DVD und Blu-ray (Video on Demand: angekündigt) erschienen. Der Ton liegt auf Französisch (mit deutschen Untertiteln) als auch in deutscher Synchro vor. Als Bonus sind laut Homepage des Labels Wendecover, Trailershow und die üblichen Outtakes vorhanden. Zur Bildqualität kann ich leider nichts sagen, da mir nur das Streaming zur Ansicht angeboten wurde, das sich durch eine stark schwankende Qualität auszeichnete (mal scharf, mal zerstört bis hin zur groben Klötzchenbildung (trotz einer eigentlich sehr guten Leitungs- & Verbindungsqualität)). Dies könnte aber freilich (wie auch das störende Wasserzeichen) aus einem Bemühen um Raubkopier-Schutzmaßnahmen herrühren, da man sich hier eventuell zusätzlich absichern wollte. Der Film arbeitet aber recht häufig mit Unschärfen und Unreinheiten, sodaß eine fundierte Aussage zur Bildqualität von mir leider nicht zu treffen ist.

ALLÉLUIA – Ein möderisches Paar, Belgien 2014; Regie: Fabrice du Welz.

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Über den Autor

Michael Schleeh schaut vor allem asiatische Filme. Seit ein paar Jahren betreibt er das Blog SCHNEELAND und schreibt Reviews für verschiedene Webseiten. Indisches Regionalkino ist sein aktuellstes Ding. ~~ Michaels Filmtagebuch: http://letterboxd.com/schneeland/ ~ Michaels Twitter: @mono_micha

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2 Kommentare zu "VoD: Alléluia – Ein mörderisches Paar"

  1. Bartel 18. Oktober 2015 um 23:23 · Antworten

    Großartiger Film. CALVAIRE ist ein Klassiker. Fabrice de Welz ein Großer. Bartel loves Gloria forever.

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