Btooom!

Von  //  27. Februar 2015  //  Tagged:  //  Keine Kommentare

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Die Bombe ist eine heimtückische Waffe. Wer sie einsetzt, nimmt sich Zeit. Die Planung eines Attentates bedarf einer gewissen Vorbereitung. Die Gewohnheiten des Opfers müssen erkannt und beurteilt werden. Dabei ist das eigene Leben vom Tathergang zeitlich und räumlich getrennt. Die Bombe tötet abstrakt und hinterlässt ungerechterweise Gewissheit. Sie ist das Symbol einer Menschheit, die im Nächsten nur den Rivalen sieht. Ein Ungeheuer, mit allen Fähigkeiten ausgestattet, die man selber nicht hat und die man gerne hätte. Kein Egoshooter wurde umgesetzt, der statt Schusswaffen Bomben in den Mittelpunkt der Handlung rückt. Das ändert sich jetzt.

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Der Arbeitslose Ryōta Sakamoto ist ein passionierter Computerspieler. Im Universum von „Btooom!“ ist er unter den Top-10 Gamern der Welt. Wir schauen in sein weiches Gesicht. Wir wissen sofort, dass die Bombe hier noch eine ganz andere Bedeutung hat. Sie symbolisiert die Konfliktvermeidung und -unfähigkeit im realen Leben. Gerade als der letzte Gegner in Stücke gesprengt wurde, erhält Ryōta eine Anfrage für eine weitere Partie. Als er zusagt, fällt er in Ohnmacht und wacht auf einer tropischen Insel auf. „Btooom!“ ist Wirklichkeit geworden. Ryōta Sakamoto  und etwa ein Dutzend anderer befinden sich im Nirgendwo. Sie befinden sich dort um sich gegenseitig umzubringen. So viel ist klar, aber erst nach einer Weile begreifen alle, dass sie Teil einer Show sind. Die „Kandidaten“ sind Langzeitarbeitslose, Berufsverbrecher, Staatsanwälte, Söldner, Prügelknaben, Vergewaltigungsopfer und Pädophile. Der kamerafähige Tod wird eingefordert und ist eine Art Rückzahlung an die Gesellschaft, die sie so lange aushalten musste. „Btooom!“ gibt sich nicht allzu große Mühe einen überraschenden Charakter aufzubauen. Der Pädophile (Mitsuo Akechi) ist natürlich adipös und stinkend. Die coole Drecksau (Nobutaka Oda) ist eine coole heiße Drecksau. Das Vergewaltigungsopfer (Himiko/Emilia) ist ganz anständig kawaii. Allerdings vermag es „Btooom!“ Ryōta durch Entwicklungsstadien zu hetzen. Ja, es bleibt ungeklärt wie ein schlaffer Heimchenhocker von Null auf Gleich zur Sportkanone mutiert und es vermag die Taktiken des Onlinespiels eins zu eins im realen Leben umzusetzen. Allerdings bemerkt Ryōta zum ersten Mal, dass er wirklich etwas kann. Er ist in der Lage Verantwortung zu übernehmen. Er ist in der Lage zu planen und will nun endlich Widerstand leisten.

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Aber diese Selbstzweifel…Die Spieler monologisieren und sie monologisieren gerne. Andauernd wird mit Konditionalen, Konjunktiven und Fragezeichen gearbeitet. Dieses sich selbst erklärende Narrativ erhöht den Spannungsbogen während der Duelle. Leider belässt man es nicht dabei.  Überdeutlich sollen die Egoisten von den Altruisten getrennt werden. Ryōta tötet widerwillig, Nobutaka dagegen gleichgültig.  Kiyoshi bereichert sich mit den Chips der Getöteten. Masahito bringt sogar seine eigenen Verbündeten um. „Btooom!“ ist kein nihilistisches Set um seiner Selbst willen. Vielleicht ist es sogar zu sehr moralisches Lehrstück. Der brutale Game Theory-Rationalismus grenzt sich gegen die zärtliche Bande von Ryōta und Himiko ab. Am Ende verteidigen die Beiden den jeweils anderen vor Rotor-betriebenen Anti-Personen-Minen. Das ist rebellisch genug um die Dreharbeiten einzustellen.

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Auffallend wenig muss den Handelnden der eigentliche Spielablauf erklärt werden. Obwohl sich unter den „Teilnehmern“ sowohl Computerspieler als auch Nicht-Computerspieler befinden. Ja, der Tagesablauf auf der Insel scheint eine Verlängerung des eigenen Alltags zu sein. Man schließt temporäre Allianzen und versucht auf dem Markt nach vorne zu kommen. Dafür entdeckt Ryōta recht schnell in sich das soziale Wesen. Bereits zu 24/7-Player-Zeiten ging er mit einer Mitspielerin eine Online-Romanze ein. Sie heirateten dort. Es ist keine Fantasie nötig, um zu erraten, wer diese Mitspielerin wohl war – Himiko. Die Welt ist klein und kitschig. Insgesamt scheinen Ryōta und Himiko noch im psychotischen Normalbereich zu verweilen. Ganz im Gegensatz zu Kōsuke Kira. Bei ihm ging wirklich alles schief. „Btooom!“ ist bei ihm kein Ausweg, es ist das Leben als solches. Die einzige Realität, die er kennt, ist die des Rattenrennens. Die einzige Realität, wo er zu den Fleischfressern zählt. Das Duell zwischen ihm und Ryōta ist auch die erste Climax des Plots. Ryōta will entkommen. Kōsuke will siegen. Er muss siegen. 10 Minuten vor dem Duell brachte er den eigenen, quälenden Vater mit einer Implosionsbombe um. Kōsuke ist wirklich verloren. Er besitzt und versteht nur die Technik seiner eigenen Unterdrückung. Somit sind die banalsten Selbstverständlichkeiten über das Leben unergründbar. Ein so jemand kann und will keine Seilschaften eingehen. Er hatte bis jetzt nicht viel von sozialen Kontakten. Warum soll sich das jetzt ändern ? Ebenso wie Ryōta ist er auffallend weich gezeichnet. Bei ihm braucht es 1-2 Einstellungen, um eindeutig das Geschlecht bestimmen zu können. Alles ist weit weg. Alles ist egal.

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Die Tragik altruistischer Weltvorstellungen liegt heute darin, dass sie sich in den Fängen eines Akademismus befinden, der das Denken an ein Miteinander als Alternative genau jenen versperrt, die es am dringendsten brauchen. Bevor eine altruistische Position sich gerechtfertigt und positioniert hat, ist sie so unverständlich und linkisch geworden, dass man sie auch gleich hätte ungedacht  lassen können. Gamer wird man aus dem Stand heraus. Zumindestens Ryōta und Himiko nehmen den Kampf auf. Sie pochen auf ihr Recht das Subjekt ihrer eigenen Geschichte zu sein. Dafür muss der Zuschauer den zweifelhaften Intro-Track von „Nano“ ertragen.  Aber die Zielgruppe ist ja auch gottseidank U25. Mit Pro-Seminar-Wichtigtuern ist der Markt bereits gedeckt.

Japan 2012. Regie:Kotono Watanabe 

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