Adua – Ein Afrikanischer Sieg

Von  //  7. Januar 2015  //  Tagged: , ,  //  Keine Kommentare

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Die Nibelungen auf afrikanisch

Was verbindet Charles Burnett, Larry Clark, Julie Dash, Jamaa Fanaka, Haile Gerima und Billy Woodberry? fragt Enoka Ayemba in seiner Eigenschaft als Kurator der Reihe „Beyond the maps“. Die siebte Lektion steht an. Nun erkennt man sich schon wieder, ein paar Gesichter sehe ich jede Woche. Die Fragen aus dem Publikum verraten vor allem akademische Interessen. Jeden Sonntag verwandelt sich das Kreuzberger fsk-Kino in eine Uni-Außenstelle.

Die Liste zählt Protagonisten der L.A. Rebellion film movement aka Los Angeles School of Black Filmmakers auf. Die Bewegung sieht sich in Opposition zur Hollywood-Industrie, die klandestine rassistische Kodes und tiefgespurte Denkweisen perpetuiert.

Heute geht es um einen Film von Haile Gerima. Der äthiopische Regisseur „will eine Realität zeigen”, die der weiße Diskurs marginalisiert. Europa könnte nicht mehr weitermachen, verstünde der Kontinent sein Verbrechen an Afrika. In „Adua – Ein Afrikanischer Sieg” dokumentiert Gerima ein historisch singuläres Ereignis. 1896 besiegten äthiopische Truppen ein italienisches Expeditionsheer. Das Ereignis entfaltete Signalwirkung bis in die Karibik. „Adua” beginnt mit Gebirgsszenen, der Himmel ist wie ein Sonnensegel gespannt. Ein biblisches Sprechen setzt ein, eine Saga wird erzählt. Klingt wie die Nibelungen auf afrikanisch.

„Die Geister der Toten dienen den Lebenden als Ratgeber.” Man sieht Wurzeln, die eine Mauer auseinandernehmen. Immer wieder erscheint der Heilige Georg als Schutzpatron der Verteidiger.

Wiederholt wird das kaiserliche Gelöbnis, eine Kirche zu bauen und sie Georg zu widmen im Fall des Sieges.

Eine Musik, die von fern nach Blues klingt, mischt sich unter die Leute im Film. Gerima befragt die Erinnerungen alter Männer an einen Kampf mit Speeren und Schwertern gegen Kanonen. Das ist ein Mythos, der auf Fresken und bemalten Kirchenfenstern widerlegt wird. Die Italiener selbst hatten den Äthiopiern Schusswaffen geliefert, begriff man Äthiopien doch als Reservoir der Hilfsbereitschaft im Kampf gegen alle möglichen Strömungen. Das Land bot ein festgefügtes, christlich-orthodox grundiertes Staatswesen. Ein europäischer Irrtuum des 19. Jahrhunderts bestand eben darin, zu glauben, Jesus mit Afrika bekannt gemacht zu haben. Während er da längst angekommen war. Von Äthiopien gingen befreiungstheologische Impulse um die Welt. Die Schlacht von Adua führte Kaiser Menelik II. Mit einer landesweit mobilisierten Miliz, die sich selbst versorgte, soweit sie nicht von ihren Anführern ausgestattet wurde. Mitunter kamen komplette Familien, die Frauen richteten Feldküchen ein und sangen Kampflieder. Sie trieben ihre Männer an, indem sie deren Tapferkeit rühmten. Freiwillige erschienen unbewaffnet auf dem Schlachtfeld, dabei sein war alles. Auf der anderen Seite gab der Tiroler Oreste Baratieri die Befehle. Das Scheitern der Invasion garantierte die äthiopische Unabhängigkeit als eine Sonderform der Regierung im kolonisierten Afrika.

Freiheitsbewegungen schöpften von daher Mut. Die Sache hatte einen Haken, der Haken hieß Eritrea. Die vormals äthiopische Provinz wurde zur Kolonie der gescheiterten Invasoren. Es bieten sich verschiedene Lesarten der Preisgabe Eritreas an, jedenfalls erlebte Italien die Niederlage von Adua als „nationale Schande”. Der afrikanische Sieg war ein Schock für Europa. Illustrationen in französischen Magazinen zeigen Kaiser Menelik als Weißen im Strahlenkranz. Die Tatsache, dass Schwarze Weiße schlagen, schien so abwegig, dass man sie in Darstellungen ignorierte.

Regie: Haile Gerima, Äthiopien 1999. 96 Minuten. Essay-/Dokumentarfilm. OmdU

Das Ballhaus Naunynstraße zeigt im Rahmen von „We are tomorrow“ und unter dem Titel „Beyond the maps“ bis zum 26. Februar jeden Sonntag um 15 Uhr Filme zum Thema Berliner Konferenz bzw. Kolonialgeschichte. http://www.ballhausnaunynstrasse.de/

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