Mr. May und das Flüstern der Ewigkeit

Von  //  16. Oktober 2014  //  Tagged: , ,  //  Keine Kommentare

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May’s letzter Fall. „Mr. May und das Flüstern der Ewigkeit“ ist beinah ein guter Film.

Plötzlich bricht das Leben ab, die Jahre, die einem noch bleiben, bieten nur noch Zeugen der Vereinsamung auf. John May ist Spezialist für die Bestimmung solcher Zäsuren. Er sichtet Nachlässe isoliert Gestorbener. Im Auftrag der Londoner Stadtverwaltung veranlasst er Haushaltsauflösungen und fahndet nach Angehörigen. Er sichert Fotobeweise jeder Existenz, die für ihn zum Fall wird. Auf den ersten Blick wirkt May wie ein Tropf und die Aneignung privater Alben wie eine halblegale Marotte. May nimmt die Krawatte nicht ab, wenn er sich auf dem Altar seiner eigenen Einsamkeit eine Scheibe Kastenweißbrot und etwas, das wie Katzenfutter aussieht, serviert – in einer vom Bügeleisen überstrahlten Küchenszene. May erscheint auch zuhause so professionell betrübt wie ein Leichenbestatter. Er blättert in einem Album, das letzte Bild zeigt eine Herauswachsende. Es folgen die vielen leeren Seiten einer gescheiterten Ehe und Vaterschaft. Der Fundort war ein Habitat der Verwahrlosung, ja, plötzlich brach das Leben ab und die Jahre, die Big Billy Stoke noch blieben, waren leer. Eddie Marsan spielt den Angestellten May als seien ihm zur Vorbereitung Romane von Wilhelm Genazino nahegelegt worden. Seine Züge verwandeln sich unter dem Druck ständiger Großaufnahme in ein Gebiet, durch das rücksichtslos die Kamera fährt. Das Gesicht gleicht einer zu Beerdigungen in Abwesenheit von Angehörigen ungemein passenden Landschaft. Der Mann May erfüllt seine Aufgaben von der hohen Warte einer Prädestination. Er ist ein Berufener mit ausgezeichneter Allgemeinbildung. So hilft er einem Leichenwäscher beim Kreuzworträtsel. So wählt er die Trauermusik aus dem Bestand des Verstorbenen. So folgt er solistisch Särgen. So beweist er Diskretion, wenn Armut einem Plattenspieler zum Beispiel Beine fürs Pfandhaus gemacht hat. So löst May seinen letzten Fall. So übergeht er besonders herabsetzende Aspekte seiner Kündigung. Mays Akribie ist dem Amt zu teuer geworden. Man lobt seine Gründlichkeit, doch schimpft man ihn zu langsam. Bis zur Kündigung ist „Mr. May und das Flüstern der Ewigkeit“ ein aufsaugender Film. May folgt den verwitterten Spuren, die Stoke hinterlassen hat. Unterwegs verliert „Mr. May“ seine dramaturgische Stille. Das Flüstern der Ewigkeit endet und eine Batterie von Spielautomaten schwört leuchtenden Lärm. Mir ist, als habe einer umgeschaltet auf Britannia rule the waves. Stoke war Veteran des Falklandkriegs. Er führte ein kraftvolles Leben, bis es abbrach mit dem letzten Bild von Tochter Kelly in einem halbleeren Album. May entdeckt in Stokes Tochter die schiere Liebenswürdigkeit. Eine schicksalhafte Begegnung bahnt sich an, ich finde, das geht jetzt gar nicht.

GB/I 2013, Regie: Uberto Pasolini

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