Stromberg – Der Film

Von  //  11. September 2014  //  Tagged: ,  //  Keine Kommentare

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The revolt against reason began as a revolt against reasoning“ – Bertrand Russell

Die deutsche Serienlandschaft ist arm. Arm an Ideen. Arm an Talent. Mut bedeutet hier Plagiat und selbst das wird sehr gerne verbaselt.

„Stromberg“, die „the Office“-Kopie, reizt Folge für Folge das bundesdeutsche Fremdschämpotential bis an seine Grenzen aus. Während „the Office“, zumindestens aus heimischer Perspektive, noch gewohnt britisch schwarzhumorig daherkommt, so ist „Stromberg“ ekelhaft. Seine Abteilung ist eine Vorhölle, wie sie deutscher nicht sein könnte.

Nach fünf Staffeln soll dieser Abort nun geschlossen werden. Darum fährt der „Papa“ mit der gesamten Belegschaft zum Jahrestreffen der „Capitol“. Dort trifft er alte Bekannte wieder – Frau Berkel und Herr Turçulu. Es ist schon verblüffend, dass die alleinige Ankunft dieser Glücklosen die Mehr-Sterne-Unterkunft in ein Ballermann-Klosett verwandelt.

Das Hotel war stets auch Bühne. Es gibt hervorragende englische und amerikanische Komödien, die die Diskrepanz zwischen Schein und Sein an diesem Ort verhandeln. Der Herr im Dreiteiler könnte ein erfolgreicher Geschäftsmann oder ein Heiratsschwindler sein. Oder beides zusammen. Oder nichts von Beidem. Die Frau in eleganter Abendgarderobe ist aufwendiger codiert. Frau eines Geschäftsmanns oder selbst Geschäftsfrau, erfolgreich oder erfolglos, federleicht oder tot unglücklich. Und und und… Man hat dort Affären, lässt sich bedienen. Man stellt sich da, knüpft Kontakte. Man frühstückt kräftig, möglichst dem Alltag fern. Im profansten aller Fälle übernachtet man dort. Sein Gegenüber nimmt der gute Gast als selbstverständlich. Vielleicht denkt er sich seinen Teil.

Während Frau Berkel und Herr Turçulu noch versuchen dem festlichen Rahmen etwas festliches zu verleihen und sich dabei freilich kräftig verheben, so weiß Bernd Stromberg genau was der Mob will: Titten, Saufen und schlechte Witze. Den Personalchef lässt so viel „Feingefühl“ nicht unbeeindruckt. „Lurchi“ wird zu einer privaten Feier des Firmenvorstandes geladen. Als Stromberg endlich erkennt, dass es sich um eine Orgie handelt, flieht er und bekommt am nächsten Tag die Kündigung zugestellt. Nun transformiert der Bernd zum Wutbürger und seiner Wut folgen nicht nur die Belegschaft, sondern Tausende.

Bertrand Russell umschrieb Faschismus mit dem Satz: „Fascism is not an ordered set of beliefs, it is essentially an emotional protest, partly of those members of the middle class who suffer from modern economic developments.“ Der Wutbürger ist der Wiedergänger des uniformierten SA-Schlägers ohne Weltkriegserfahrung. Auf „richtige Männer“ wartet keine „richtige Arbeit“ mehr. Stromberg landet in der Führungsebene der SPD und Frank Walter Steinmeier schüttelt ihm zum Abschluss die Hand.

Bertrand Russell beschreibt Faschismus weiter als „irrational, in the sense that it cannot achieve what its supporters desire, there is no philosophy of Fascism, but only a psycho-analysis.“ Der Wutbürger möchte die Welt zu Tode protestieren, da er sie nicht versteht und diese Welt ohne ihn auskommt. Die Pointe ist schäbig, aber nur der Wutbürger hat die Welt nie verstanden und seinen Platz in ihr stets überschätzt. So schlägt er besinnungslos um sich, in der Hoffnung das der Traum aus dem er aufgewacht ist, nun Wirklichkeit werde.

Den Hass vieler Menschen schließt Bertrand Russell aus dem Vergleich: „Comparing the world of 1920 with that of 1820, we find that there had been an increase of power on the part of: wage-earners, women, heretics and jews.“ Vergleichen wir nun die Welt von 2014 und 1914, so können wir uns Bertrand Russell anschließen. Frau Berkel ist unsympathisch, aber kompetent. Herr Turçulu ist sympathisch und kompetent. Der nahe Osten spielt bei „Stromberg“ keine Rolle. Sicher hätte er aber auch dazu eine „fundierte“ Meinung. Wenn das kein Fortschritt ist.

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